Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 26.08.2002 - Espresso

August in Italien. Pilgerzeit. Giorgio Bocca sinniert über die wie auf Kommando sich bildenden Autoschlangen und die regelmäßige, schlagartige Verwaisung der Städte. Ein Atavismus, meint Bocca, der an den "kollektiven Ritus der großen Prozessionen" erinnert. Nicht zuletzt insofern als sich eine enorme Leidensfähigkeit unter den "Pilgern ohne Gott" (dafür mit Auto) feststellen lässt: Die Geduld, die Unbilden der Straße gemeinsam zu ertragen - etwas, so Bocca, das im alltäglichen Straßenverkehr nun wirklich rar ist -, Hilfsbereitschaft, etwas Festliches, Kinder, die zwischen den sich stauenden Wagenkolonnen Fußball spielen... Und den gebenedeiten Ort als Ziel aller Mühen gibt es selbstverständlich auch. Nicht ganz so heilig wie zu Zeiten der Wallfahrer, nicht so exquisit wie bei der "grand tour" europäischer Adliger. Doch trotz überfüllter Hotels, Strände und Straßen, trotz der elterlichen Wohnung, in die man fährt (und die eigentlich viel weniger bequem ist als die eigene) - am Ende haben wir unser Mekka erreicht: "Wir sind noch immer gesund und lebendig, Teil derer, die sich bewegen."

Apropos noch am Leben. Federico Ferrazza und Emanuele Perugini befassen sich mit der Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa und setzen alle Hoffnung auf eine fußtrockene Zukunft des Menschen (die für die Beweglichkeit ja nicht unerheblich ist) in internationale Anstrengungen wie Kyoto und Johannesburg.

Magazinrundschau vom 19.08.2002 - Espresso

Im wie immer nicht freigeschalteten Kulturteil bringt das Magazin ein Special zu den kommende Woche startenden 59. Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Zu lesen ist ein Interview mit der momentan heiß begehrten Schauspielerin Laura Morante über ihre langjährige Zusammenarbeit mit Nanni Moretti und ihre Doppelpräsenz am Lido (in "Dancer Upstairs" von John Malkovich und in Michele Placidos "Un viaggio chiamato amore").

Außerdem bietet das Dossier zwei einander widersprechende Einschätzungen zur künstlerischen und politischen Orientierung dieser Biennale: Kann ein allgemein gehaltener Überblick über das Programm den befürchteten Rechtsruck nicht erkennen und kaum Unterschiede feststellen zu den vorangegangenen und wegen ihrer avantgardistischen Neigung vom konservativen Lager schon mal als Schund beschimpften Spielen, kritisiert Roberto Silvestri die mit Moritz de Hadeln an den Lido geschwemmte Berliner Realpolitik: "Was Barbera in drei Jahren mühsam wiederaufgebaut hat - ein vorzeigbares, dynamisches Venedig, ein Refugium für couragierte Filmemacher -, hat de Hadeln in nur vier Monaten zerstört." Der "Cocktail de Hadeln" - für Silvestri schmeckt er zu sehr nach Hollywood und Miramax, nach einschläferndem "Großen Kino" eben. Der Perlentaucher wird übrigens trotzdem aus Venedig berichten.

Die Binsenweisheit, dass sich mit Wut im Bauch wenig gewinnen lässt, wendet Giampaolo Pansa in einem Online-Artikel an auf Italiens zornige Linke und die anhaltenden Demonstrationen gegen Berlusconi. Und in einem anderen Artikel staunt Margherita Acierno über die Wandlungsfähigkeit des Top-Models Carolyn Murphy, die mit ihrer Maskulinität einst den Frauen-Typ der Neunziger prägte und nun, mit "explosiver Sinnlichkeit", ihre Weiblichkeit wiederentdeckt. Zeichen der Zeit oder bloß Folge des Wechsels zu Estee Lauder?

Magazinrundschau vom 12.08.2002 - Espresso

Im Espresso ruft mit dem in Pisa inhaftierten Adriano Sofri (mehr hier) eine Galionsfigur der italienischen Globalisierungsgegner das Ende der Welt aus. Nicht als Metapher jedoch, weder für die Bedrohung durch den Terrorismus noch durch das Chaos, oder gar als esoterische Vision begreift Sofri die Apokalypse, sondern als etwas, nun ja, Handfestes - als materielles Ende. Und erinnert sich an eine Begebenheit in Norwegen, als er keinen Kabeljau zum Abendessen bekam, weil der gerade "extrem bedroht" war. Dass das nichts mehr zu tun hat mit der Ambiguität politischer Endzeitvorstellungen, denen immer auch die Idee einer Wiedergeburt, einer neuen Welt innewohnt, ist klar. Entsprechend hoffnungslos lautet Sofris Ratschlag an die Menschheit: "Machen wir es wie die Frauen von Sarajevo, die in Erwartung ihres Todes ihre Häuser in reinlichem Zustand verließen."

Viel weniger apokalyptisch die Neuigkeit, die Margherita Acierno vermeldet: Die italienische Traditionsbrauerei Peroni bringt demnächst ein dunkles Bier auf den Markt und bewirbt das Getränk mit den beiden brünetten Models Alena Seredova und Moran Atias. Das ist auch schon alles

Magazinrundschau vom 05.08.2002 - Espresso

Was die großen Film-Stars so gemacht haben, bevor sie Stars wurden - Eleonora Attolico verrät's. In einem Artikel zitiert sie die wenig glamourösen Initiationsbeichten von Al Pacino, der vom Boten bis zum Hausmeister so ziemlich jeden Job gemacht hat, von Clint Eastwood, der sich in den Wäldern von Monterey als Holzsammler und Forstwart verdingte, und von den Hollywood-Schönheiten Cameron Diaz, Sharon Stone und Bo Derek. Alle drei - man möchte vom Glauben abfallen - mit richtig ekligen Gastronomie-Vergangenheiten belastet: Während sich Diaz als Verkäuferin in einer Joghurteria mit Eis und Sahne eindeckte und Stone bei McDonald's Burger zusammenpappte, brachte Derek am Strand von Long Beach Fish 'n' Chips unter die Leute. Im Gegensatz zu den anderen aber bereut Derek das heute herzlich: "Widerlich, so zwischen den Friteusen! Am Ende war man von oben bis unten mit einer Fettschicht überzogen und mit einem unerträglichen Gestank..."

Ein anderer Artikel resümiert den "schwarzen Juli des italienischen Personenverkehrs" - eine Beinahe-Kollision auf dem Mailänder Flughafen Linate, eine Havarie zweier Passagierschiffe im Hafen von Neapel und ein Zugunglück mit 8 Toten auf Sizilien - und fragt: Schicksal oder Fahrlässigkeit einer laxen Regierung? Pier Paolo Filippi schürt die Ängste westlicher Hard- und Software-Giganten - mit einem Blick nach China, wo sich der Computerhersteller "Legend" für den globalen Markt rüstet und Entwickler an Microsoft-Klonen basteln. Und der Aufmacher widmet sich - wie unschwer zu erkennen ist - dem weiblichen Raubtier.

Magazinrundschau vom 22.07.2002 - Espresso

Die Cover Story des Magazins zeigt mal wieder die Präferenzen der Italiener. Der G-Punkt: Wo liegt er? Wie funktioniert er? Oder ist er gar bloß ein "Ufo" der Medizingeschichte? Ebendies nämlich, schreibt Elisa Manacorda, behauptete noch im vergangenen Jahr der amerikanische Wissenschaftler Terrence M. Hines im "American Journal of Obstetrics and Gynecology". Dem stehen die auffallenden Gemeinsamkeiten des bereits im klassischen Hellas auftauchenden "Saspandana", oder "Punktes der Seligkeit", mit dem von dem deutschen Gynäkologen Ernst Graefenberg beschriebenen Spaßbereich gegenüber sowie die Ergebnisse einer italienischen Studie, die besagten Punkt nicht nur als tatsächlich existent ausweist, sondern seine Bedeutung für die sexuelle Befriedigung der Frau noch über diejenige der Klitoris erhebt. Na bitte. Oder doch fast. Denn, so räumen die italienischen Forscher ein, es gibt durchaus Frauen, denen der Punkt fehlt, im physiologischen Sinn. Und andere gibt's, die halten diese Sicht der Dinge für eine typisch männliche und reaktionäre: Der (italienische) Mann solle sich weniger um irgendwelche Punkte kümmern als um gescheiten Sex.

Magazinrundschau vom 15.07.2002 - Espresso

In seiner Kolumne knöpft sich Umberto Eco die "organischen" Intellektuellen vor, diejenigen unter den Schlaumeiern also, die sich umstandslos in ein größeres Ganzes einfügen und sich zu Handlangern und Sprachrohren der Politik machen lassen. Als klassischen Vertreter dieses Typs nennt Eco Odysseus, der sich von Agamemnon zur Erfindung des trojanischen Pferdes anstiften ließ, ohne sich um das Schicksal der Trojaner zu scheren, während ein aktuelles Beispiel, so Eco, die Leute bei Berlusconis TV-Kanal Mediaset seien. Selbstredend, dass sich kein "wahrer" Intellektueller für so was hergäbe. Der "wahre" oder kreative Intellektuelle sei der Politik höchstens durch sein bereits vorhandenes Werk, seine bereits entwickelten Ideen von Nutzen. Dem Politiker bleibe in diesem Fall nur, diese Ideen zu rezipieren. Zum Dank für seine Integrität aber, zu der laut Eco eben auch gehört, im Falle einer Gruppenzugehörigkeit niemals den "Feind" anzugreifen und stets das ungeliebte "kritische Gewissen" der Gruppe zu bleiben (andernfalls handelte es sich um die ganz und gar verdorbene Form des regimetreuen Schlaumeiers), muss der aufrechte Schlaukopf in Krisenzeiten auch noch den denselben hinhalten: "Der unbequeme Intellektuelle ist der erste, den man hinrichtet oder erschießt."
Stichwörter: Eco, Umberto, Trojaner, Troja, Odysseus

Magazinrundschau vom 08.07.2002 - Espresso

Seltsames Gipfeltreffen im Espresso: Der berühmteste Kolumbianer trifft die berühmteste Kolumbianerin. Er heißt Gabriel Garcia Marquez, sie Shakira (mehr hier). Und was der alte Schriftsteller über die junge Sängerin zu sagen hat, dürfte ihr die hübschen Ohren angenehm klingen lassen: Ein wahres Naturtalent sei sie, bienenfleißig und sooo lieb. Und eigentlich ein echtes Idol, wäre da nicht diese seltsame Neigung, sich im Auto einzuschließen und die Musik bis zum Anschlag aufzudrehen: "Der ideale Ort, um mit Gott und mit mir selbst zu sprechen", erklärt sie. Hoffentlich hört er sie auch noch.

In weiteren Artikeln zählt Marco Damilano die Schnitzer des italienischen Innenministers Claudio Scajola zusammen, der das Schlachtfeld von Genua zu verantworten hat und nach der Ermordung Marco Biagis dreist behauptete, Leibwächter hätten dem Juraprofessor auch nichts genützt, statt einem hätte es eben drei Tote gegeben. Wie wär's, scheint Damilano zu denken, wenn König Berlusconi auch diesen Posten noch übernimmt. Und Eleonora Attolico widmet sich den Accessoires für den Sommer: Flache Capri-Sandalen und Taschen in allen Formen und Farben (hier und hier)

Magazinrundschau vom 01.07.2002 - Espresso

In einem Artikel des Magazins ruft Enrico Pedemonte die "neue Revolution der Achtundsechziger" aus. Was tun gegen die Überalterung der Weltbevölkerung? Die Vorstellung vom Alter als einer Art Krankheit gehört geändert, zitiert Pedemonte eine Studie des CSISs (Center for Strategic and International Studies) in Washington, derzufolge die heute Fünfzigjährigen, revolutionär Erprobten das gerade in die Hand nehmen: "Das Alter als kulturelles Konstrukt. Da die Kultur aber zeitgenössisch bestimmt ist, beschließen die Zeitgenossen eben, es abzuschaffen." Mit anderen Worten: Die Alten von morgen weigern sich, von der Szene abzutreten, und leben die "ewige Jugend poduktiver Berufstätiger und eingefleischter Konsumenten". Mit der nötigen Ironie allerdings und getreu einem Motto Cesare Paveses, der schrieb, wenn es etwas gebe, das trauriger sei als das Altwerden, dann die Vorstellung, immer Kind zu bleiben.

Außerdem schildert Paolo Pontoniere die neue Terrorangst-Welle in den USA angesichts des bevorstehenden Independence Days, und Giorgio Bocca kommt noch einmal auf die mediale Abservierung von Biagi, Santoro und Luttazzi durch Berlusconi zu sprechen und erklärt sie damit, dass das Fernsehen nun einmal alles für den Cavaliere sei: "die Geld- und Machtfabrik, die Illusion, die viel stärker ist als die Wirklichkeit."

Magazinrundschau vom 24.06.2002 - Espresso

Jetzt isser heilig, Padre Pio. Giorgio Bocca lässt die Prozedur in Rom Revue passieren und erkennt einmal mehr die Insignien einer gigantischen "Kirchen Show" zu Ehren des volkstümlichen Katholizismus. Außer Veilchenduft nichts gewesen? Handfeste Gründe für das Fortbestehen einer Organisation wie der katholischen Kirche mit einem Oberhaupt, das sich nicht mehr rühren, nicht mehr sprechen und hören kann, fallen Bocca nicht ein. Der sich quälende Papst - eine Reminiszenz an den Schmerzensmann am Kreuz? Eine Mahnung an die krisengeschüttelte Welt, dass das Leid Teil unsres Schicksals ist und auch die Heiligkeit Padre Pios mehr auf seinem Leiden beruht als auf seinen Taten? Oder einfach eine Möglichkeit, die Qual der Wahl eines Nachfolgers aufzuschieben? Wie auch immer, meint Bocca, einzig die prächtige Renaissance-Kulisse Roms scheint noch imstande, die Existenz eines Gottes zu belegen. Wenigstens.

Den Glanz der Fußballnation Italien zu belegen, ist indessen allein noch Pierluigi Collina beschieden, der als Schiedsrichter womöglich das Finale pfeifen wird. Die Azzurri aber kennzeichnet Gianni Perrelli in einem wundenleckenden Artikel treffend in einem Satz: "Ein Mythos, und wenn's drauf ankommt ein Flop".
Stichwörter: ISS, Padre Pio, Katholizismus

Magazinrundschau vom 17.06.2002 - Espresso

"Auch im Fußball fallen die Götter." Nachdem Frankreich und Argentinien draußen sind, schätzt Diego Maradona im Espresso die Lage neu ein (nicht ohne die Ungerechtigkeit der Gruppenauswahl und die Unfähigkeit der Schiedsrichter zu bemängeln) und kritisiert das insgesamt eher mäßige Niveau der "mondiale", eine "Politik der Ersparnis" im Spiel. Dass Brasilien nun Weltmeister wird, glaubt er nicht: "Brasilien hat noch keinen nennenswerten Gegner gehabt. Ich denke vielmehr, wir werden eine große Überraschung erleben." Se-ne-gal, Se-ne-gal!

Außerdem probiert Giorgio Bocca Silvio Berlusconis Lieblingsmenü: "Antipasto tricolore, spaghetti tricolore, un gelato tricolore". Und Margherita Acierno stellt uns die neuen "Königinnen des Laufstegs" vor: Eugenia Volodina und Natalia Vodianova aus Russland, ein perfektes Komplementär-Pärchen, die beiden: "Verkörpert Eugenia den Prototyp der agressiven Frau, ist Natalia ganz Sanftheit: Mädchengesicht, Schmollmund, volles dunkelblondes Haar - eine natürliche Schönheit, wie sie im Buche steht, eine wahre Lolita auf dem Catwalk."