Quentin Tarantinos, gelinde gesagt, kritische Äußerungen über die Westernfilme von John Ford, denen er in diesem Gespräch eine üble rassistischeIndianer-Darstellung ankreidet, kann Kent Jones nicht widerspruchslos hinnehmen. Nicht nur, weil Fords Bilder der amerikanischen Ureinwohner, wie Jones kenntnisreich belegt, weit differenzierter sind als Tarantinos abwatschender Einwurf es erahnen lässt, sondern auch, weil eine rein moralische Einschätzung selbst noch Fords heikleren Filmen künstlerisch unrecht tut: "Gibt es einen anderen Filmkünstler geben, der so tief in die schmerzhaften Widersprüche zwischen Einsamkeit und der Gemeinschaft oder die Zerbrechlichkeit menschlicher Bündnisse und Arrangements vorgedrungen ist, so habe ich ihn nicht gefunden. Ich denke, wer den Blick auf 'Stagecoach', 'Rio Grande' oder 'The Searchers' legt und darin absolut nichts anderes sieht, als einen Beleg für die Propagierung angelsächsischer Überlegenheit, der wendet seinen Blick vom Kino selbst ab. In 'Stagecoach' und 'Rio Grande' entsprechen die 'Indianer' dem platonischen Ideal des Gegners - jedes Zeitalter verfügt über ein solches, dasselbe Element findet sich im gesamten Verlauf der Geschichte des Dramas wieder und in zahllosen anderen Westernfilmen."
Mit größten Freuden schwelgt Grady Hendrix in Erinnerungen ans goldene Zeitalter der "Cahiers Du CinéMAD", der herrlich albernen Comic-Filmparodien, mit denen sich das Mad Magazine einst einen Namen gemacht hatte (hier eine Übersicht aller Veröffentlichungen). "Früher musste sich das Publikum, das Lust auf Parodien hatte, mit Großbritanniens relativ zahnlosen 'Ist ja irre'-Filmen, Bob Hopes freundlichen Genre-Persiflagen oder Abbott & Costellos dümmlichen Verhohnepiepelungen zufrieden geben. MAD hingegen war blutdürstig. Völlig meta und vollbeladen mit Insiderwitzen, verschmolzen sie ständig die Figuren mit den Darstellern (...) und legten mit größter Schadenfreude ihre Finger auf Plotlöcher. Als Roy Scheider in 'Der Marathonmann' etwa tödlich verletzt wird, schafft er es noch irgendwie in das Appartement seines Bruders, das sich 60 Blocks entfernt befindet. 'Guter Gott! Was ist denn mit dir passiert?', schnappt Dustin Hoffman in der MAD-Parodie. 'Man hat mich im Lincoln Centre niedergestochen, also habe ich mich bis zum Broadway geschleppt, den Uptown-Bus bis zur 72. genommen, bin dort in den Crosstown-Bus Richtung Riverside Drive umgestiegen, wo ich den 4er Bus bis zur 116. Straße genommen habe... dann noch den Hügel rauf... und nun, hier bin ich...', antwortet Scheider."
Außerdem stellt Holly Willis den Experimentalfilmemacher David Gatten vor, dessen Filme kürzlich in einer Retrospektive zu sehen waren. Diese stellen ein Werk dar, "das sich auf fundamentale Weise mit Wörtern und Dingen befasst, mit Sprache und Bedeutung, dem Wissen und Sein. Diese Filme bieten erleuchtende Expeditionen an die Ränder des Films als Medium dar. Sie verbinden die üblicherweise getrennten Tätigkeiten des Lesens und des Filmschauens." Auf Youtubefinden wir ein Beispiel, wie man sich das vorstellen muss, sowie einen Vortrag des Filmemachers:
Ein sehr schönes Gespräch führt Scott Foundas mit Filmproduzent und -regisseur Judd Apatow, der sich in seinen Komödien schon mit diversen Lebenskrisen auseinandergesetzt hat. In seinem kommenden Film "This is 40" finden sich Figuren aus "Knocked Up", seiner Komödie über eine ungewollte Schwangerschaft (unsere Kritik), mitten in der Midlife-Crisis wieder. Warum es in seinen Filmen keine schurkischen Gegenspieler gibt, erklärt Apatow, selbst Mitte Vierzig, so: "Das Leben ist eh schon ziemlich sonderbar. Die Rahmenbedingungen ergeben für mich überhaupt keinen Sinn. Ich werde also für eine Weile leben, und ich werde für eine Weile gut aussehen, dann sehe ich sogar richtig gut aus und dann wird das alles langsam auseinanderfallen. Jahr für Jahr werde ich verfallen, und dann werden all meine Freunde wie die Fliegen sterben, und hoffentlich werde ich nicht der erste sein. Ich werde also aushalten, solange ich kann, hoffentlich ohne meinen Verstand und meine Erinnerungen zu verlieren, während sich meine Kinder um mich kümmern müssen. Es ist so tragisch und bizarr und gleichzeitig wunderbar, dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich dem begegnen soll, außer darüber zu lachen." Dazu passend: Ein Audiointerview bei Cargo, das Bert Rebhandl vor einiger Zeit mit Apatow führte.
Außerdem ist Gavin Smith ziemlich beeindruckt von Denzel Washingtons Performance im neuen Film "Flight" - Anlass für ein Porträt des Schauspielers, den Smith vor allem für seine Verkörperung integrer Persönlichkeiten schätzt. Außerdem nimmt Richard Combs die derzeitige Hitchcock-Mania in London zum Anlass, sich das Frühwerk des Meisters nochmals anzusehen.
Stefan Grissemann porträtiert den österreichischen Experimentalfilmemacher Peter Kubelka, dessen achtes Werk in insgesamt fast 60 Jahren, "Antiphon", kurz vor der Veröffentlichung steht (mehr): "Kubelkas hocheigenständige Filmkunst ist strikt handgemacht. Er benötigt weder Kamera noch Schneidetisch. In seinem Zuhause, einem geräumigen alten Appartement in Wiens Inneren Stadt, das mit tausenden ethnografischer Artefakte gefüllt ist, die seine Etymologie der Objekte illustrieren - winzige Skulpturen, primitive Musikinstrumente, Arbeitswerkzeug, das teilweise noch aus der frühen Steinzeit stammt -, erklärt er seinen künstlerischen Werdegang: ' Das Material selbst lehrte mich, Filme zu machen.' Er sitzt an seinem hölzernen Küchentisch und bearbeitet 35-Filmstreifen mit Schere und Kleber, als hätte die moderne Filmtechnologie am Ende doch all ihre Macht verloren und als wäre die Kunst des Kinos zu jener Art des Filmemachens zurückgekehrt, in der auch Georges Méliès seine wundersamen Filme schuf." Auf eine DVD- oder BluRay-Edition hofft man indes vergebens: "Kubelkas Entscheidung, seine Filme niemals in digitaler Form verfügbar zu machen, ist im übrigen in Stein geschrieben. Er hält das analoge Kino für schlicht nicht übertragbar." Dafür finden wir auf Youtube immerhin einen Vortrag des Filmemachers zum Thema "Warum gestalten?":
Weiteres: Kent Jones spricht mit Richard Peña, dem Leiter des New York Filmfestivals. Außerdem bespricht er ausführlich Paul Thomas Andersons neuen Film "The Master" (Pressespiegel), der gerade in Venedig Premiere feierte.
Geständnisse eines B- und Horror-Movie-Regisseurs: "Ich habe Bette Davis umgebracht", überschreibtLarry Cohen seine lebhaft bizarren bis tief melancholischen Erinnerungen an die Dreharbeiten zu seinem Film "Wicked Stepmother", der als letzter Film von Bette Davis (die die Dreharbeiten überdies aus gesundheitlichen Gründen nach nur einer Woche abbrechen musste) in die Filmgeschichte eingehen würde. In Cohens Erinnerungen erscheint die Schauspielerin als Hollywood-Diva mit großem Stolz, sehr zerbrechlich und voller bezaubernder Grillen: "Jedes Mal, wenn ein Flugzeug über das Haus flog, in dem wir gerade drehten, und damit die Aufnahme ruinierte, flüsterte Bette 'George Brent'. Ich fragte sie, was sie damit sagen wollte. Sie erklärte, dass Brent (der im echten Leben ihr Liebhaber und in zahlreichen Filmen ihr männliches Gegenüber war) ein eigenes Flugzeug besaß und viel Freude am Fliegen hatte. Als Jack Warner ihn eines Tages feuerte und ein Hausverbot über ihn verhängte, drehte Brent einfach mit seinem Privatflieger endlose Kreise über dem Studiogelände. Solange Brent seine Schikanen fortsetzte, war an Tonaufnahmen nicht zu denken. Bald darauf war er bei vollem Lohn wieder eingestellt. Daraufhin schrie ich fortan jedes Mal 'George Brent', wenn ein Flugzeug über unser Set flog, und Bette brach darüber in schallendes Gelächter aus." Film Comment hat auch ein Porträt der Diva aus dem Jahr 1978 online gestellt.
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