Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 16.05.2017 - Magyar Narancs

Spätestens seit der Verabschiedung des sg. Lex-CEU und des Gesetzes über die Kennzeichnung der NGOs durch das ungarische Parlament ist der Verbleib von Fidesz, der Partei des ungarischen Ministerpräsidenten, in der Europäischen Volkspartei (EVP) erneut ein Gesprächsthema. Der luxemburgische EP-Abgeordnete aus der Fraktion der EVP, Frank Engel, spricht sich in der Wochenzeitschrift Magyar Narancs für einen Ausschluss der Fidesz aus der EVP aus - vorausgesetzt, die deutschen Parlamentarier in der EVP-Fraktion ziehen ihre "schützende Hand" von Orbán und seiner Fidesz zurück: "Ich denke dass immer mehr Abgeordnete nunmehr sich selbst eingestehen: Orbáns Absichten wurden falsch eingeschätzt und es kann ihm nicht mehr geglaubt werden. Dieser Mensch hielt uns lange für dumm und jetzt reicht es. (...) Lassen Sie mich es so formulieren: wenn die deutschen Kollegen nicht mehr bereit sind, ihn weiterhin zu verteidigen, dann muss Orbán gehen."

Magazinrundschau vom 06.06.2017 - Magyar Narancs

Fünfzig Jahre nach dem Tod des Komponisten Zoltán Kodály erfolgt eine Neuvermessung und vielleicht auch Neubewertung des Lebenswerks. Über die Verschiebung von Linien im Kodály-Kanon sowohl in ungarischer als auch internationaler Dimension sprach Ferenc László mit Sándor Kovács von der Franz-Liszt-Akademie in Budapest. "Mit dem Tod von Kodály verblasste sein Kult ziemlich schnell. Und es wird wohl auch nicht mehr erstrahlen. Anders ist es mit der sogenannten Kodály-Konzeption. Auch die ist nicht mehr so populär wie früher, doch bis heute eine marktfähige Exportware. Übrigens ist die schulische Musikausbildung tragisch verkommen. Als hätte Kodály nie gelebt. Es gibt kaum noch gute Chöre - ausgenommen in Nyíregyháza, Pécs, Kecskemét... doch lange könnte ich die Liste nicht fortsetzen. Was das Spielen von Kodály-Werken anbelangt sind die 'Tänze aus Galanta' weltweit populär, der 'Psalmus Hungaricus' ist es eher in Ungarn und hier wird er auch oft aufgeführt. Auch das 'Te Deum' hat nichts an Glanz eingebüßt. Die großen Chorwerke sind dagegen heutzutage seltener zu hören, was wirklich schade ist. 'Háry' wird nie ein Welterfolg werden, obwohl die Musik ohne Text als Suite ziemlich gut ist - siehe die jüngere Aufnahme von Ádám Fischer. Die 'Szekler Spinnstube' ist trotz ihrer Schönheit ein hoffnungsloser Fall ... Die frühen Kammerstücke sind dagegen wirkliche Schätze, und es scheint als würden die Musikkünstler dies begreifen."

Magazinrundschau vom 02.05.2017 - Magyar Narancs

Nach fünfzehn Jahren Stille erschien zur ungarischen Buchmesse der neue Gedichtsband von Krisztián Peer (42). Peer galt einst als talentierter, vielversprechender Dichter, bis Alkoholismus, Spielsucht und schließlich der Tod seiner Lebensgefährtin die Einlösung jenes Versprechens verhinderten. Und er selbst natürlich auch, wie er im Gespräch mit Máté Pálos erklärt: "Auf dem Gymnasium war ich ein talentierter Ornithologe, (...) das wollte ich werden, und ich wusste, wenn ich nicht fünfundzwanzig Vogellexika, ein Fernglas, ein professionelles Photoapparat und Sammelgläser bei mir habe, dann will ich auch nicht in den Wald gehen. Ich bin ja kein Amateur. Ich blieb stattdessen in den Budapester Biergärten. Dasselbe galt für das Schreiben: Wenn ich nicht Rilke werden kann, dann will ich lieber gar nichts werden. Über das nicht geschriebene Gedicht kann einfacher perfekt nachgedacht werden und es ist einfacher die Rolle des talentierten Dichters zu spielen, wenn das Papier dich nie mit der eigenen Talentlosigkeit konfrontiert. (...) Leicht wird daraus eine Ideologie, denn Wittgenstein strengte sich auch nicht besonders an. Oder Jesus, der wirklich gar nichts schrieb, sondern zuließ, dass die Apostel seine Story erzählten. (...) Staatliche Preise gibt es nicht mehr, genauer gesagt würde ich so etwas nie annehmen, denn mit Schleim will ich nicht in Berührung kommen. Ein solides Einkommen kann ich mit dem wöchentlichen Pokerspiel erzielen. Ich habe kein Ensemble, kein Kind. Ich werde schreiben, das kann ich. Wenn überhaupt."

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - Magyar Narancs

Gergely Nagy berichtet über die schier aussichtslose Situation von Nachwuchskuratoren für zeitgenössische Kunst und zeichnet die einschneidenden Veränderungen bei den ungarischen Institutionen seit 2010 nach: "Die 'Sichtbarkeit' der zeitgenössischen Kunst verschlechterte sich seit 2010 und an den meisten Orten birgt das Zeigen von kritisch-subversiver Kunst ein zu hohes Risiko. So gibt es auch kaum noch Institutionen, mit denen sich die jüngere Generation (von Kuratoren) identifizieren könnte. (...) Es wird ebenfalls deutlich, dass als Ergebnis der nationalistisch-kulturpolitischen Wende seit 2010 die ungarischen Trägerinstitutionen nicht mehr in der Lage sind, ernsthafte Partner der internationalen Sphäre zu sein. Als bestes Beispiel gilt hier die Kunsthalle: die durch die MMA (Ungarischen Kunstakademie) beherrschte Institution ist unfähig, sich mit der Welt zu unterhalten, und will das auch nicht mehr. Es ist kein Zufall, dass Direktoren größerer ausländischer zeitgenössischer Institutionen Budapest meiden, denn es gibt niemanden, mit dem sie sich vernetzen könnten."

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - Magyar Narancs

In Budapest soll das Denkmal für Georg Lukács abgerissen werden, es steht in einem Park am Ufer der Donau (mehr dazu hier). Engstirnig findet das der Philosoph Sándor Radnóti, der neben Ágnes Heller einer der letzten lebenden Schüler von Lukács ist: "In jener alternativen Wirklichkeit, in der die Budapester Stadtversammlung über den Abriss der Statue von Georg Lukacs entschied, wurde der marxistische Philosoph zu stalinistischen Zeiten nicht in der Lubjanka gefoltert, in der Rákosi-Ära wurde er nicht denunziert, er war nicht Minister der revolutionären Imre-Nagy-Regierung (also während der Revolution von 1956 - Anm. d. Red.) und er wurde nach der Niederschlagung der Revolution nicht nach Rumänien deportiert. In der Kádár-Ära war er nicht marginalisiert und veröffentlichte kein Buch über Solschenizyn im Westen... Lukács braucht die Statue nicht. Seine Weltberühmtheit, das Lesen, Interpretieren und Wirken der vor und nach seiner marxistischen Wende verfassten Werke werden von nichts bedroht. Lediglich wurde in der nationalen Erinnerungspolitik erneut ein Loch gerissen, das mit nichts gestopft werden kann."

Magazinrundschau vom 14.02.2017 - Magyar Narancs

Ende vergangenen Jahres verkündete die ungarische Regierung die Gründung des Imre Kertész Instituts, das den Nachlass des verstorbenen Literarturnobelpreisträgers pflegen soll. Die mit der Gründung beauftragte Stiftung wird von der umstrittenen Direktorin des Museums "Haus des Terrors", Mária Schmidt, geleitet. Für Verwirrung sorgte die Verkündung, weil sich der Nachlass von Kertész, von ihm selbst im Jahre 2002 übertragen, in der Berliner Akademie der Künste befindet und dort für die Forschung offen steht (mehr hier). Die Rechte zur Veröffentlichung des Lebenswerks von Kertész liegen in Ungarn beim renommierten Verlag Magvető. In Magyar Narancs rekonstruiert Máté Pálos die geplante Gründung des Instituts, dessen Grundlage wohl ein Vertrag mit der Witwe von Kertész kurz vor ihrem Ableben bildet, und fragt sich, welche Absichten die Regierung hier hat: "Niemand zweifelt daran, dass die Pflege des Nachlasses von Imre Kertész staatliche Zuwendungen verdient. Doch es ist auch eindeutig, dass diese fachliche Arbeit von mehreren, bereits existierenden Institution effektiv hätte erledigt werden können, darum werden sie ja vom Staat betrieben: vor allem das Petőfi Literaturmuseum, aber auch die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA) oder die Széchenyi Landesbibliothek hätten diese Aufgabe stemmen können. Und weil die Regierung nicht diese, sondern eine auf einem anderen Wissenschaftsfeld tätigen Stiftung mit der Pflege des Nachlasses beauftragte, ist es schwierig, hinter dem Schritt keine ideologischen oder kulturpolitischen Überlegungen zu vermuten. Die Kertész-Interpretation von Mária Schmidt fügt sich reibungslos in jenen antikommunistischen Kanon und die Geschichtsauffassung ein, die auch die Kampagne des 56er Erinnerungsjahres prägten. (...) Das Lebenswerk von Kertész soll hier die Beschimpfung der aktuellen Gegner der Regierung - das politisch Korrekte, die Einwanderer, die Liberalen und die "Zivilen" - legitimieren."

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Magyar Narancs

Nachdem Ministerpräsident Orbán in einer seiner vor kurzem gehaltenen Reden 2017 als das globale Jahr des Aufbegehrens, vor allem gegen den Einfluss von George Soros bezeichnete, verkündete ein Regierungssprecher, dass die in Ungarn tätigen NGOs grundätzlich überprüft und zweifelhafte Organisationen "aus dem Land gefegt" werden sollen. Damit steht er in einer Reihe mit Putin, bemerkt Magyar Narncs, unter dem die Duma 2012 ein Gesetz verabschiedet hatte, wonach sich NGOs, die Gelder aus dem Ausland bekommen, selbst als "ausländische Agenten" registrierten lassen müssen: "Heute ist dies ein wichtiges Instrument zur absoluten Kontrolle der Gesellschaft. Dass Orbán dasselbe Ziel verfolgt, ist ersichtlich - als erste sind die 'falschen Zivilisten des Soros-Imperium' an der Reihe (...). Es ist schon absurd, dass die Regierung, die Ungarn gerade an Putin verkauft, ihre Kritiker als ausländische Agenten stigmatisieren will. Wir müssen uns mit der Zerschlagung der NGOs nicht abfinden. Orbán, wie auch Putin haben davor Angst, dass eine Minderheit, die heute marginal erscheint, morgen bereits die Mehrheit sein kann. Und da liegen sie gar nicht so falsch."
Stichwörter: Ungarn, NGOs, Soros, George, Ngo, Duma

Magazinrundschau vom 29.11.2016 - Magyar Narancs

War es vor 1989 doch besser? Angesichts der ernüchternden gesellschaftlichen Zustände in West und Ost wägt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás ab: "Wir müssen uns eingestehen, dass die politische Führung in Osteuropa vor 1989 - die wir damals verspottet und gehasst haben - in ihrer Intellektualität und ihrer Haltung fortschrittlicher war als die jetzige 'frei gewählte' Clique. Ich erröte, wenn ich daran denke. In Ungarn war die späte Kádár-Ära sozial, wirtschaftlich und kulturell auf einer höheren Ebene angesiedelt als die heutige, nicht jedoch politisch und freiheitlich. Damals wuchsen Lebensstandard und Freiheit, heute nehmen sie ab. Das bedeutet nicht, dass wir freier waren - wir waren es nicht - doch die Zeit des Aufstiegs ist eine andere, als die des Niedergangs. Die westlichen Mächte befinden sich in einer Flaute wie in der Breschnew-Tschernenko-Zeit und die einzige sichtbare politische Alternative scheint die extreme Rechte zu sein."
Stichwörter: Tamas, Gaspar Miklos

Magazinrundschau vom 08.11.2016 - Magyar Narancs

Der Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer von 1956, Imre Mécs, spricht mit Tibor Legát über die Motive, auch heutzutage an Protestaktionen teilzunehmen, sowie über den Charakter der Erinnerungsveranstaltungen zum sechzigsten Jahrestag der Revolution: "Die gegenwärtige Entwicklung empört mich, sei es die Geschichtsverfälschung am Freiheitsplatz, oder die Entwicklung im Stadtgarten. Andererseits empfinden viele jüngere Menschen Ermutigung und Bestätigung, wenn sie uns mit meiner Frau dort sehen, auch bei körperlichen Insultationen. Es herrscht großer Mangel an selbstbewussten Staatsbürgern, für mich ist es wichtig, sie zu unterstützen. (...) Der Ministerpräsident und seine Partner hatten vor zehn Jahren die Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag sabotiert, als sie aus selbstsüchtigen Machtinteressen die Ausschreitungen unterstützten, obwohl damals mehr als fünfzig Staats- und Regierungschefs nach Budapest reisten, um der Revolution die Ehre zu erweisen. Jetzt versuchen sie vergeblich einen gefälschten sechzigsten Jahrestag zu kreieren, der kaum internationales Echo auslöst. Es ist auch nicht zu vergessen, dass der Großteil der '56er nicht mehr lebt. Ich gehöre zu der jüngeren Generation, doch auch ich bin bereits 83 Jahre alt."

Magazinrundschau vom 25.10.2016 - Magyar Narancs

Der Regisseur (und ehemaliger Direktor des Budapester Nationaltheaters) Róbert Alföldi spricht im Interview mit Szilárd Teczár und Péter Urfi u.a. über die Theaterlandschaft sowie über die Schwierigkeiten des Dialogs zwischen politischen Gegner: "Ich grübele in letzter Zeit viel darüber, dass die Mehrheit der Menschen über diverse Themen wie die Flüchtlingsfrage anders denkt als ich. Es tut sehr weh, aber ich muss es akzeptieren. Es ist ungeheuerlich schwierig darüber so zu sprechen, dass ich diejenigen, die darüber anders denken nicht gleich bewerte. Wir unterhalten uns nicht über etwas, wir analysieren nicht und streben nicht nach gegenseitigem Verständnis, sondern sagen sofort, dass der eine Standpunkt richtig und der andere falsch ist, wobei was ich denke, ist in diesem Land wohl in der Minderheit."