Magazinrundschau

In der Mitte der Nahrungskette

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.02.2017. Der Merkur erklärt, warum es gut es, dass wir jetzt im Anthropozän leben. Die LRB fragt allerdings, ob wir nicht eher im Kapitalozän leben. Der New Yorker untersucht Putins Rolle in Trumps Amerika. Magyar Narancs beklagt, dass Budapests Stadtobere nicht einmal Georg Lukács stehen lassen können. Die New York Times blickt in eine Zukunft, in der uns Roboter die Arbeit nicht wegnehmen, sondern erleichtern. Und der Guardian besucht eine Klonfabrik.

Merkur (Deutschland), 01.03.2017

Wir leben jetzt im Anthropozän. Klimawandel, Verschmutzung der Meere und Verlust der Artenvielfalt summieren sich nicht nur zu einer ökologischen Megakrise, sondern zu einem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter. Eva Horn findet das gut. Nur wenn wir Epochenumbruch anerkennen, können wir Mensch und Zukunft neu denken: "Das kann einerseits bedeuten, sich - wie Biologen, Klimawissenschaftler oder auch Paläontologen - noch einmal völlig neu Gedanken über den Menschen als Spezies zu machen, eine Spezies, die ihre ursprünglichen Existenzbedingungen 'in der Mitte der Nahrungskette' zwischen Großraubtieren und Kleinsäugern innerhalb kürzester Zeit so umfassend verändert hat, dass sie nun die Lebensbedingungen fast aller anderen Lebewesen beeinflusst und nicht selten bedroht. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung würde erklären, warum weder der Mensch selbst noch die Ökosysteme sich dem neuen Status des Homo sapiens als dominanter Spezies evolutionär haben anpassen können. Es kann andererseits auch bedeuten, den Menschen nicht mehr als Krone der Schöpfung zu verstehen, sondern als Teilnehmer an Netzwerken sehr unterschiedlicher Handlungsträger, die Pflanzen, Tiere, Landschaften, Ressourcen, Atmosphären und Dinge umfassen."
Archiv: Merkur

London Review of Books (UK), 02.03.2017

Die interessantesten Beiträge zum Anthropozän kommen von Autoren, die den Begriff ablehnen, meint dagegen Benjamin Kunkel in seinem kilometerlangen Essay zum Thema: Für Ökomarxisten wie Jason Moore ("Capitalism in the Web of Life") und Andreas Malm ("Fossil Capital") sei die menschliche Spezies kein handelndes Subjekt, und anthropologische Konstanten wie Werkzeuge, Städte oder Schrift können den Klimawandel beschleunigen, aber sie sind nicht die Ursache. "Für Moore liegt der Fehler darin, dass die Rede vom Anthropozän die Menschheit als eine homogene Handlungseinheit darstellt, wo Menschen doch niemals in einem ursprünglichen Zustand auftreten. Es gibt sie nur in spezifischen historischen Gesellschaftsformen, die durch ihre jeweiligen gesellschaftlichen Besitzverhältnisse definiert sind und ganz unterschiedlich über die 'nicht-menschliche Natur' verfügen. Theorien, denen zufolge das Anthropozän vor zehntausend Jahren begonnen hat, sagen nichts über die ökologische Dynamik der letzten Jahrhunderte; Theorien dagegen, die das Anthropozän auf die Zeit des merkantilen, industriellen oder Nachkriegskapitalismus datieren, ignorieren entweder die spezifischen Ursprünge dieser Periode oder erkennen sie, analysieren sie aber nicht. Der Begriff vom Anthropozän ist nur vordergründig von Reiz, weil er zwar periodisiert, aber über den entscheidenden historischen Gehalt hinwegtäuscht. Moore schlägt vor, das Anthropozän in Kapitalozän umzubenennen, denn der Aufstieg des Kapitalismus nach 1450 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Verhältnis zum Rest der Natur, der einschlägiger ist als alle anderen historischen Wasserscheiden seit dem Beginn der Landwirtschaft."

Sehr dankbar liest Barbara Newman Leonora Nevilles Biografie der byzantinischen Kaisertochter Anna Komnene, die neben Roswitha von Gandersheim und Christine de Pizan eine der wenigen Historikerinnen des Mittelalters war. Allerdings wurde sie lange Zeit von ihren männlichen Kollegen diskrediert, die ihr seit dem Chronisten Niketas Choniates und ohne jeden Beleg vorwarfen, sich gegen ihren Bruder verschworen zu haben: "In Annas Fall war nicht das Problem, dass Edward Gibbon, Charles Diehl und andere versäumten, die Voreingenommenheit des Choniates' zu bemerken, sondern dass sie sie teilten. Eine Frau, die unerschrocken genug war, sich an die Geschichtsschreibung zu wagen, an die männlichste aller Gattungen, muss auch so machthungrig gewesen sein, dass sie sogar wünschte, wie Choniates behauptete, 'Glied und Hoden' zu haben."

Außerdem: Tony Wood beleuchtet das verkorkste Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Gavin Francis schreibt über das britische Gesundheitssystem in der Krise.

New Yorker (USA), 06.03.2017

Evan Osnos, David Remnick und Joshua Yaffa untersuchen, was hinter Putins Eingriffen in die Präsidentschaftswahlen steckt: "Kein ernstzunehmender Beobachter glaubt, dass Russlands Aktivitäten in den USA und Europa wesentlich für Trumps Aufstieg und den nationalistischer Politiker in Euopa verantwortlich ist. Ressentiments gegen die Globalisierung und die Deindustrialisierung sind die gewichtigeren Faktoren. Doch viele Westeuropäer fürchten, dass der Westen und seine Nachkriegs-Allianzen und -Institutionen gefährdet sind und Trump, der die Nato anzweifelt und den Brexit sowie andere antieuropäische Bewegungen befürwortet, kein verlässlicher Partner ist. Trump verhält sich Putin gegenüber völlig unkritisch. 'Die Schwächung der Nato und die Entkopplung der USA von der europäischen Sicherheit ist das Schreckbild', erklärt der britische Offizier General Sir Alexander Richard David Shirreff. 'Wenn das geschieht, eröffnet das Putin alle Möglichkeiten. Er muss gar nicht die Invasion baltischer Staaten erwägen, er kann sie auch so dominieren. Was wir sehen, ist der Kollaps unserer Sicherheitsarchitektur. Ihr Ende bedeutet die Renationalisierung Europas.'"

Außerdem: Kathryn Schulz erklärt das amerikanische Bürgerrecht, den Kongress anzurufen, und warum derzeit alle Leitungen belegt sind. Sheelah Kolhatkar berichtet über die Pleite eines Hedgefonds, der gegen die Praktiken des Diätproduktehersteller Herbalife vorgehen wollte. Alexis Okeowo stellt die Musikvideoregisseurin Melina Matsoukas vor, die Stars wie Beyoncé ein neues Image verpasst. Und Zadie Smith liefert eine Kurzgeschichte.
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Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 27.02.2017

Ungarn zieht seine Olympia-Bewerbung für 2024 zurück.  Ein Grund ist, dass die kritische Initiative Momentum ausreichend Unterschriften für ein Referendum sammeln konnte, das Viktor Orbán durch hätte gefährlich werden können. Gut so, findet Zoltán Kovács, und wahrscheinlich wird Orban selbst bald denen dankbar sein, die er heute noch als unpatriotisch beschimpfen lässt: "Die plötzlich verwirrte Sprache des Regierungschefs verstärkt noch das Gefühl, dass bei dieser Bewerbung nicht nur 'die nationale Einheit' und die erforderliche Kalkulation fehlten, sondern dass auch der Regierungschef selbst nicht an die Bewerbung glaubte. Wie alles betrachtete er auch diese Angelegenheit als Programm zur nationalen Einigung und spürte erst, wie groß das Übel ist, als eine Kandidatenstadt nach der anderen ausstieg. Als nur noch drei übrig waren, ahnte Orbán, was jene riesige dunkle Wolke, die sich näherte, bringen könnte. Er sah genau, dass unter der Organisation sowohl das schwache Kontrollsystem, als auch die ganze öffentliche Verwaltung zusammenbrechen würde. Er wusste dies, weil diese eben durch sein Regieren geschwächt wurden. Er müsste sich bei jenen bedanken, die die Pferde im letzten Augenblick stoppten."

Magyar Narancs (Ungarn), 23.02.2017

In Budapest soll das Denkmal für Georg Lukács abgerissen werden, es steht in einem Park am Ufer der Donau (mehr dazu hier). Engstirnig findet das der Philosoph Sándor Radnóti, der neben Ágnes Heller einer der letzten lebenden Schüler von Lukács ist: "In jener alternativen Wirklichkeit, in der die Budapester Stadtversammlung über den Abriss der Statue von Georg Lukacs entschied, wurde der marxistische Philosoph zu stalinistischen Zeiten nicht in der Lubjanka gefoltert, in der Rákosi-Ära wurde er nicht denunziert, er war nicht Minister der revolutionären Imre-Nagy-Regierung (also während der Revolution von 1956 - Anm. d. Red.) und er wurde nach der Niederschlagung der Revolution nicht nach Rumänien deportiert. In der Kádár-Ära war er nicht marginalisiert und veröffentlichte kein Buch über Solschenizyn im Westen... Lukács braucht die Statue nicht. Seine Weltberühmtheit, das Lesen, Interpretieren und Wirken der vor und nach seiner marxistischen Wende verfassten Werke werden von nichts bedroht. Lediglich wurde in der nationalen Erinnerungspolitik erneut ein Loch gerissen, das mit nichts gestopft werden kann."
Stichwörter: Georg Lukacs

New York Times (USA), 26.02.2017

Die aktuelle Ausgabe des NY Times Magazines befasst sich mit der Zukunft der Arbeit. Kim Tingley hat herausgefunden, wie die Kollaboration von Mensch und Maschine besser funktonieren kann: "Gemeinschaftlich arbeitende Roboter, flexibel, klein und leicht genug, um sich in das Umfeld von Arbeitern und anderen Maschinen zu integrieren, könnten eine differenziertere Betrachtung des sozioökonomischen Effekts ihres Einsatzes nötig machen … Eine neue McKinsey-Studie legt nahe, anstelle von ganzen Berufen individuelle Arbeitsgänge in den Blick zu nehmen: Ein Servierer muss servieren und abräumen (was ein Roboter übernehmen kann), aber er muss auch die Bedürfnisse des Gastes berücksichtigen (was der Mensch besser kann als der Roboter) … Als Verstärkung menschlicher Fähigkeiten verstanden, können Roboter die Produktivität des einzelnen erhöhen anstatt sie zu zerstören. Können wir uns darauf vorbereiten, die Maschine so zu programmieren, dass sie unsere Arbeit besser macht? Oder ist es naiv zu glauben, wenn wir mit ihnen kooperieren, werden sie uns nicht eines Tages ersetzen?"

Außerdem: Binyamin Appelbaum hat neun working class heroes nach ihrer Arbeit befragt. Annie Lowrey findet das bedingungslose Grundeinkommen ausgerechnet in einem kenianischen Dorf. Und Barbara Ehrenreich sucht nach neuen Formen der Organisation für neue Formen der Arbeit.

Guardian (UK), 23.02.2017

Wer in Britannien auf sich hält und in die Politik oder den Journalismus will, der studiert PPE in Oxford, also Philosophie, Politik und Ökonomie, weiß Andy Beckett, denn das Balliol College verlässt man strotzend vor Selbstbewusstsein, intellektuell flexibel und mit dem Potenzial zur weltweiten Führungsfigur: "Die Struktur des Studiengangs hinterlässt bei vielen Absolventen einen Hang zum Zentrismus, glaubt etwa (der Dozent und Kritiker) Stewart Wood. 'Man wird mit so viel Stoff konfrontiert, dass die meisten Studenten fälschlicherweise glauben, man könne dem nur von einer Position der Mitte heraus gerecht werden. Und sie glauben auch alle, dass man in den Examen nur gut abschneide, wenn man jedes Ausscheren vermeide. Sie denken, wenn man von allem ein bisschen weiß, kommt man am besten durch. Mark Littlewood, Direktor des marktwirtschaftlichen Institute of Economic Affairs, der zwischen 1990 und 1993 PPE in Oxford studierte, meint, dass die politische Ausrichtung des Studiengangs noch weiter gehe: PPE führt die Leute zu einer Statistenrolle. Meine Tutoren waren brillant und charmant, aber ich glaube nicht, dass ich auch nur einem einzigen Libertären, Konservativen oder klassisch Liberalem begegnet bin. Die meisten Studenten waren links.' Ein derzeitiger PPE-Student im dritten Jahr meint: 'Fast alle Dozenten, die Politik unterrichten, sind irgendwie liberal. Sie reichen von moderate Konservative bis moderater Labour. Viele sind ökonomisch rechts, aber gesellschaftlich sind alle liberal.'"
Archiv: Guardian
Stichwörter: Oxford, PPE, Britannien