
Vergleiche zwischen dem Regime von
Viktor Orbán und dem sozialistischen von
János Kádár vor 1989 hält der Philosoph
Gáspár Miklós Tamás zwar durchaus für fruchtbar, wenn es um ein besseres Verständnis beider Regime geht. Doch von einer Gleichstellung hält er nichts, erklärt er in einem
langen Interview mit
Magyar Narancs. "Bei der Zentralisierung werden Bereiche, die vorher privat waren, der Autorität des zentralen Staates unterstellt. Viktor Orbán und seine Gruppe entziehen dem Staat dagegen Funktionen und stellen diese unter den eigenen persönlichen Machtschirm, wo die Überreste des Verfassungsstaates keinerlei Einfluss mehr haben. Es gibt zum Beispiel
keinen Denkmalschutz, keine archäologischen Ausgrabungen, keinen Umweltschutz,
kein verlässliches Grundbuch und keine Statistikbehörde mehr. Die Kulturpolitik wurde einem als MMA (Ungarische Kunstakademie - Anm. d. Red.) bezeichneten privaten Amateurklub unterstellt ... Zahlreiche Zeitungsartikeln wiederholen, dass 'dies' das gleiche sei, wie das Kádár-System. Das stimmt nicht! Die unabhängige Presse wird nicht verstaatlicht, sondern in die Unternehmen loyaler Oligarchen
eingebettet, was effektiver ist als die parteistaatliche Presselenkung. ... Der
planende Staat kommt ohne Intellektuellen nicht aus. Statistiker, Volkswirte, Ingenieure, Soziologen, Polizeibeamte werden genauso benötigt, wie Literatur, Musik, Kultur, Volksbildung, geistige Autorität - als Saat einer neuen, transzendentalen Legitimität. Ohne die Illyéss, Kodálys, Krležas gibt es keinen 'existierenden Sozialismus'. Dies bedarf es hier nicht. Die
rechtsradikale Macht stützt sich lediglich auf Macht, Angst, Rasse und Konsum."