Magazinrundschau - Archiv

NRC Handelsblad

10 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 03.04.2007 - NRC Handelsblad

Maarten Huygen sieht einen Grund für die neue "Verbotskultur" in den Niederlanden in der verlängerten Lebensdauer wohlhabender Westeuropäer. "Warum gibt es soviele Raucher in armen Ländern? Weil Rauchen dort nicht so schädlich ist. In diesen Ländern sterben die meisten Leute nicht an den Folgen des Tabakkonsums, sondern viel früher an ansteckenden Krankheiten oder anderen Qualen. Wenn Menschen länger leben, machen sie sich mehr Sorgen über Krankheiten, die sich vor allem im Alter auswirken." Ein Zuviel des Guten sei allerdings kontraproduktiv. "Gibt es zuviele Verbote, kann das Verhalten ins Gegenteil umschlagen. Das viktorianische London war die Welthauptstadt der Prostitution. Und jetzt ist das keusche Teheran ein Top-Markt für Heroin, Prostitution und Alkohol. Du musst nur die Regeln kennen - manchmal eben auch die ungeschriebenen."
Stichwörter: Alkohol, Heroin, Prostitution

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - NRC Handelsblad

Niederländische Lehrer fordern zuwenig von schwachen Schülern, konstatiert der Soziologe Paul Jungbluth und präsentiert eine Untersuchung der Gemeinde Amsterdam. Schuld an dem Schmusekurs sei eine "Feminisierung von Schule und Ausbildung". Aus "fehlgeleitetem Mitgefühl" würden Lehrende zuwenig von Schülern und Auszubildenden fordern, wenn diese aus einfachen Verhältnissen oder Migrantenfamilien stammten - und das ungeachtet ihres Intelligenzquotienten. "Lehrkräfte überlegen: Wie kommt das Kind am leichtesten klar? Diese Empathie ist gutgemeint, jedoch unpassend. Ich nenne das gern die Feminisierung des Lehrpersonals. Lehrer sind zu bescheiden, zu lieb. Du darfst als Lehrender nicht bequem auf Deinem Hintern sitzen, denn damit verbaust Du schwächeren Lehrlingen viele Chancen."

Außerdem: Ganz Holland diskutiert eine Fernsehreportage über Second Life, die zeigt, wie Second-Life-User "mit ihrem Alter Ego sexuelle Handlungen an virtuellen Kindern vornehmen". Stellt sich die Frage: Ist Pornografie mit Kinderavataren strafbar? Strafbar vielleicht noch nicht, gefährlich allemal. Jos Buschman, Psychologe am Van-Mesdag- Zentrum für Forensische Psychiatrie in Groningen, nennt Second Life "per definitionem ein Trainingslager für Pädophile".

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - NRC Handelsblad

Ein Überraschungscoup: Bildungsminister in Premier Balkenendes neuem Kabinett wird Ronald Plasterk, Utrechter Professor für Molekulargenetik und bekannter Kolumnist der Volkskrant. Der Kritiker als Minister? Guus Valk freut sich auf heiße Debatten. "In seinen Kolumnen hat Plasterk die Bildungspolitik seiner Vorgängerin Maria van der Hoeven stets abgekanzelt. Heftigen Streit hatten der überzeugte Atheist und die Katholikin zum Beispiel über 'Intelligent Design', den Glauben an einen Schöpfer des großen Ganzen. Van der Hoeven, im neuen Kabinett übrigens Wirtschaftsministerin, fand die Theorie interessant und erntete bei Plasterk dafür Hohn und Spott: 'Bald melden sich hier ein paar indische Fakire, die behaupten, dass die Schwerkraft nicht existiert.'" Spannend auch die Frage, wie Minister Plasterk mit dem niederländischen Unikum des "bijzonder onderwijs" umgehen wird. Als Kolumnist hatte er das in Europa einzigartige Privatschulsystem noch gegeißelt als "ein System, das jeglicher Glaubensgemeinschaft auf Kosten des niederländischen Steuerzahlers eigene Schulen spendiert, damit sie den Kindern dort ihre Heilslehre predigt."

Außerdem: In Bagdads Straßen herrscht Krieg, aber die irakische Nationalbibliothek bleibt geöffnet. Floris van Straten zitiert aus dem Weblog ihres Leiters Dr. Saad Eskander (hier auch auf Englisch): "'Meine Sekretärin war bestürzt, weil zwei Bomben keine siebzig Meter neben ihrem Auto explodierten. Doch wie auch andere sprach sie nur etwa zwei Minuten über den Vorfall und fuhr danach mit ihrer täglichen Arbeit fort. Um elf Uhr kam die niederschmetternde Nachricht, dass man Ali Salih ermordet hatte, während seine jüngere Schwester neben ihm stand.' Den jungen Salih hatte Eskander erst kurz zuvor nach Florenz zum Computertraining geschickt. 'Er symbolisierte für uns die Modernisierung der Nationalbibliothek. Alle begannen zu weinen. Ich ging zutiefst deprimiert nach Hause, nahm meinen kleinen Sohn in den Arm und dachte daran, dass Ali ebenfalls zwei Söhne hinterließ.'"
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Stichwörter: Bildungspolitik, Florenz, Guut

Magazinrundschau vom 06.02.2007 - NRC Handelsblad

Eine "christliche" Schulausgabe des holländischen Dudens Van Dale wurde nach heftiger Medienschelte (auch in NRC) vom Verlag kurz vor der Veröffentlichung zunächst zurückgezogen. 2.500 strenggläubige Protestanten hatten zuvor einen "keuschen Van Dale" mit der Begründung gefordert, ihre Kinder seien zu jung für Worte wie "Sex" oder "Sperma". Sprachexperte und NRC-Kolumnist Ewoud Sanders hat die "christliche" Ausgabe durchgeblättert und konstatiert: "Van Dale hat seine Unabhängigkeit verspielt. Steht zum Beispiel in der Standardausgabe 'keusch' für 'rein, sauber, in sexuellem Sinne ehrbar', wird daraus in der christlichen Ausgabe schlicht 'rein, sauber, ehrbar'. Sollten sich also evangelisch-reformierte Schulkinder fragen, warum für bestimmte religiöse Ämter 'Keuschheit' vorgeschrieben wird, werden sie mit diesem Van Dale in der Hand nicht wissen, was das genau bedeutet. Wäre ich ein Moslem, würde ich sofort 2.500 Unterschriften sammeln, um eine 'Halal'-Edition des Van Dale beim Verlags zu bestellen."

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - NRC Handelsblad

Erinnert Euch an Spinoza! In dem Essay "Glaubensfreiheit versus Gedankenfreiheit" (englische Version) rät der britische Historiker Jonathan Israel den Niederländern im allgemeinen und Ian Buruma im besonderen, sich auf ihr philosophisches Erbe zu besinnen. Weil in Politik und Medien Begriffe wie "Aufklärung", "Werte der Aufklärung" und "Aufklärungsfundamentalisten" immer gedankenloser benutzt würden, solle man genau hinsehen. Denn: "Wir müssen heute noch strikter als bisher die Idee ablehnen, dass Glaubensführer gleich welcher Art Einfluss auf den Kurs von Gesellschaft, Gesetzgebung oder Politik nehmen können. Aus Sicherheitsgründen müssen theologische Kriterien und Dogmen auf allen Ebenen von juristischen und konstitutionellen Prozessen und Institutionen getrennt werden. Gleichgültig wie frei es Individuen auch stehen mag - und frei stehen muss - zu glauben was sie wollen, dürfen niemandes religiöse Gefühle oder theologische Kriterien eine bedeutende Rolle in der heutigen Politik und Kultur spielen. Vorstellungen nachzugeben, die in religiösen Empfindlichkeiten das höchste Gut im Zusammenleben sehen, ist der direkte Weg in eine politische und soziale Katastrophe."

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - NRC Handelsblad

Darf ein "embedded journalist" auf Taliban-Kämpfer schießen? Vik Franke hat es getan. Im Interview mit Jaus Müller erzählt der Dokumentarfilmer, der die niederländischen ISAF-Truppen in Uruzgan begleitete, wie es dazu kam, dass er seine Kamera gegen ein Gewehr tauschte: "Wir gerieten in einen Hinterhalt. Der Angriff begann mit der Explosion eines Sprengsatzes, der einen afghanischen Soldaten in Stücke riss. Ich sah seinen abgetrennten Arm in der Böschung liegen. Ein anderer wurde erschossen, während ihn schon ein Sanitäter betreute. Sieben andere afghanische Soldaten wurden verwundet. Sie waren überall um uns und beschossen uns mit Kalaschnikows und Raketengranaten. Es war unvorstellbar. Ich habe gefilmt und fotografiert und so alles dokumentiert, bis die Batterien leer waren." Als er dann im Gras ein Gewehr liegen sah, habe er zugegriffen und "sein Scherflein beigetragen". Moralische Skrupel oder Sorge um seine journalistische Unabhängigkeit habe er dabei nicht gehabt: "Ich schoss nicht um zu töten, sondern nur um zu überleben. In diesem Moment hatte ich nur einen einzigen Gedanken: Soviel Blei wie möglich in dieses Maisfeld zu schießen."

Anil Ramdas empfiehlt "Reporting Religion" auf BBC-World, die "wunderlichste Sendung, die ich kenne" (als Audiostream hier zu hören). Früh am Sonntagmorgen präsentiere dort ein "immer fröhlicher Gottesreporter" Neues aus den Weltreligionen. "Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Bischof des Sudan, der sich jetzt für den Frieden in seinem Land einsetzt, war früher Kindersoldat. Glauben Sie mir, danach können Sie nicht mehr weiterschlafen, tausend Fragen rasen Ihnen durch den Kopf. Sie sehen den kleinen Jungen eine riesige Flinte mit sich herumschleppen und Menschen erschießen, oder mit einem Messer Kehlen durchschneiden. Sie sehen ihn Drogen nehmen, plündern und brandschatzen - und dann ist er auf einmal Bischof. Vom Mörder zum Priester in einem einzigen Menschenleben, das nenne ich allemal eine Blitzkarriere. Dagegen ist die Tellerwäscher-zum-Millionär-Story nichts."
Stichwörter: Sudan, Unabhängigkeit, Riss

Magazinrundschau vom 17.10.2006 - NRC Handelsblad

"Wo bleibt die Debatte?" fragt Ian Buruma in einer Streitschrift wider die "politische Orthodoxie" der Neocons in den Niederlanden und den USA. "Selten hat eine Gruppe Intellektueller in der amerikanischen Geschichte soviel Einfluss auf die Geschicke des Landes gehabt wie heute die Neokonservativen und ihre Organisationen. Sie haben Zugang zum Weißen Haus und Präsident Bush, zum Pentagon und zum Büro von Vizepräsident Cheney. Und doch verkaufen sie sich wie eine Randgruppe, die sich unter dem Joch politischer Korrektheit des sogenannten 'Liberal Establishment' windet. Dieser eigentümliche Maquis, eng geschart um markante Persönlichkeiten, verhält sich, als werde er permanent durch Feinde belagert. Es ist auch kaum ein Zufall, dass viele der Neocons - in Amerika aber auch hier in Holland - einst selbst Teil der extremen Linken waren: Trotzkisten, Maoisten et cetera. Denn auch dort herrscht der Geist einer unterdrückten Minderheit, die sich rüsten muss, um im Ernstfall den ersten Schlag auszuteilen. Der absolute Ton dieser Frischbekehrten, die plötzlich das Licht gesehen haben, erinnert ein bisschen an den eines ehemaligen Kettenrauchers, der nun keinen Rauch mehr erträgt."

Merijn de Waal war dabei, als ein gutgelaunter Al Gore seinen Film zur Klimakrise, "An Inconvenient Truth", in Amsterdam vorstellte. Schon lang nicht mehr der "steife, ungelenke, farblose Präsidentschaftskandidat", berichtete Gore von einem unerwarteten Fan aus dem republikanischen Lager: "'Letztens rief mich Arnold Schwarzenegger an. Er sagte zu mir (Gore imitiert einen deutschen Akzent): 'Ich verkaufe jetzt meinen Hummer.' Und er hat es getan!"

Weiteres: Anila Ramdas macht sich in seiner Kolumne Gedanken über Gandhis Lendenschurz und die politische Bedeutung von Kleidung, und Marie Jose Klaver zitiert in ihrem Weblog Raymond Spanjar, 29-jähriger Gründer der Social Network-Plattform Hyves (in Holland beliebter als Youtube oder Myspace), der gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Sprout eine potentielle Übername durch Google kommentierte: "1,65 Milliarden Dollar? Dafür tun wir?s nicht."

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - NRC Handelsblad

Neu-Holländer werden ab sofort zum Einbürgerungsritual nach US-Vorbild gebeten. Der Publizist Paul Scheffer findet die Idee grundsätzlich gut, wagt allerdings ein paar "lästige Fragen". Denn: "Wie soll so eine Zeremonie aussehen? Mit jeder Auswahl sagen wir etwas über uns selbst aus. Finden wir es zum Beispiel wichtig, dass die Nationalhymne gesungen werden muss? In Amsterdam soll das so passieren - unter Anleitung durch einen echten Bariton und mit Bildschirmen, auf denen man den Text nachsingen kann. Eine Art patriotisches Karaoke."

Rob Wijnberg schimpft über die Flut neuer Modefächer an niederländischen Universitäten. Mit "schillernden Namen" sollen die Studenten geködert werden: "'Game Architecture and Design' in Breda, 'Technische Medizin' in Enschede, 'Musicology Research' in Utrecht: Insgesamt starten 98 neue Studienfächer im kommenden Semester an den Hochschulen, zusätzlich zu den 4.500 bereits existierenden. Ist das nicht ein bisschen viel? Zudem werden oft bestehende Studienfächer einfach in ein neues Gewand gesteckt, während die Inhalte praktisch gleich bleiben, wie bei 'international business administration'."

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - NRC Handelsblad

Eine Reihe holländischer Intellektueller (unter ihnen Connie Palmen, Geert Maak und Joost Zwagerman) haben im NRC Handelsblad öffentlich ihre Solidarität mit der von Ausbürgerung bedrohten Ayaan Hirsi Ali bekundet: "Vielleicht war sie ursprünglich kein echter Flüchtling nach heutiger Interpretation der Gesetze, in den vergangenen vier Jahren ist sie das jedoch sicher geworden. Die 'Zufluchtstadt Amsterdam', die verfolgten Autoren und Künstlern Asyl bietet, muss ihr Ruhe und Sicherheit gewähren. Wir finden es zutiefst beschämend für die Niederlande, dass Ayaan sich gezwungen sieht, das Land zu verlassen und damit aufs Neue auf der Flucht zu sein."
Stichwörter: Hirsi Ali, Ayaan

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - NRC Handelsblad

Im New Yorker hatte Jane Kramer Anfang April den Umgang der Niederländer mit radikalen Muslimen als "blasiert" und "unbedacht" bezeichnet (hier der Artikel) und damit bei holländischen Intellektuellen - von Arnon Grünberg bis Stephan Sanders - für viel Unmut gesorgt. Schützenhilfe leistet jetzt der von den niederländischen Antillen stammende NRC-Kolumnist Anil Ramdas: "In dem Moment, wo Fremde anfangen uns zu analysieren, oder gar zu kritisieren, verhalten wir uns kleinlich und eingeschnappt. Das ist eine äußerst kindische Reaktion auf Außenstehende, die uns den Spiegel vorhalten. Aber ich verstehe diese Reaktion. Würde ich in den Niederlanden nicht als Ausländer behandelt, würde ich vielleicht auch sagen: Jane Kramer, lass schön die Finger von den niederländischen Arschlöchern."

Außerdem: Ein neues Diskussionsforum soll bei den Niederländern knapp ein Jahr nach ihrem "Nee!" zur EU-Verfassung wieder für Europa werben. Prominente Befürworter der Online-Kampagne: Der Rotterdamer Bischof und neue Comece-Präsident Adrianus van Luyn und Geert Mak, einer der bekannntesten Publizisten des Landes. Mak erhofft sich von Online-Kampagnen wie dieser einen "kräftigen Impuls" für einen neuen Vertrag von Rom. "Europa darf auf keinen Fall mit Begriffen wie 'Globalisierung' oder 'freier Markt' gleichgesetzt werden, oder für einen Kapitalismus ohne sozialen Kontext stehen. Auch das ist ein Teil der Legitimationskrise Europas. Hier muss eine Balance gefunden werden."