Magazinrundschau - Archiv

Ozon

10 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Ozon

Seit bekannt wurde, dass Volker Schlöndorff einen Film basierend auf der Biografie der "Solidarnosc"-Mitbegründerin Anna Walentynowicz dreht, regen sich in der polnischen Presse immer wieder Stimmen, die vor einer falschen Darstellung polnischer Geschichte im Film warnen. "Eigentlich hätte man sich nichts Besseres erträumen können - ein weltberühmter Regisseur verfilmt die Geschichte einer Ikone der polnischen Opposition, und erinnert daran, dass der Fall des Kommunismus in Danzig und nicht in Berlin begann", meint Wojciech Duda-Dudkiewicz. Aber nicht nur Walentynowicz selbst, die vom Projekt aus der Presse erfahren hat, ist vom Drehbuch enttäuscht: "Voller Klischees und Unkenntnis der damaligen Realität, behaupten einige. Schade, dass ein solcher Film nicht in Polen entstanden ist. Stattdessen haben wir Kontroversen um die Vision eines ausländischen Autors."

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Ozon

Das polnische Parlament kann nach den Wahlen am 25. September eine neue politische Lobby erleben: die konservativen Feministinnen - prophezeit Agnieszka Lesiak. "Eine neue Generation von Frauen tritt in die Politik ein. Sie wollen für die wirklichen Bedürfnisse von Frauen kämpfen, ohne sich selbst aufzugeben. Von den traditionellen Feministinnen trennen sie Welten ... Aber auch von ihren Vorgängerinnen bei den Rechten unterscheidet sie viel: sie haben wenig mit der katholischen Kirche am Hut, und sie glauben nicht, dass das Patriarchat das Ideal ist. Sie wollen eine Frauenlobby schaffen, die sich der authentischen und konkreten Probleme von Frauen in der Gesellschaft annimmt."

Ein politisch-philosophisches Interview mit einem Senatskandidaten der national-konservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit", dem Philosophie-Professor Ryszard Legutko, führt uns in eine völlig andere Dimension der polnischen Politik. "Das Absolute des modernen Europa ist die Idee der Gleichheit. Trotz seines Pragmatismus' und Relativismus' ist Europa sehr moralistisch. Der Egalitarismus ist eine grundlegende, nicht verhandelbare Idee , auf die die Europäer ihren Menschheitsbegriff stützen. Sie mögen sich über ihre politische Weltanschauung oder die Existenz Gottes streiten, aber als Ur-Idee erkennen sie an, dass alle Menschen gleich sind und noch gleicher werden sollten", meint Legutko.
Stichwörter: Patriarchat, Relativismus

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Ozon

"Es ist Krieg", schreibt der Publizist Tomasz P. Terlikowski. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg haben wir es mit einem Vierten Weltkrieg zu tun, behauptet er - wegen des Islams. Dabei sei der Islam nur die Hülle, in die der Hass gegen den Westen und seine Werte gekleidet werde, er habe mit dem traditionellen Islam so viel gemeinsam wie alte arabische Städtchen mit den Sozialghettos europäischer Metropolen. "In diesem neuen Krieg werden nicht zwei Zivilisationen miteinander konfrontiert, sondern zwei Nihilismen: ein pseudoreligiöser und ein weltlicher. Sie unterscheiden sich nur durch ihre Lebenskraft - während es den Muslimen nicht daran fehlt, erscheinen die Europäer wie geistig Impotente, denen alles egal ist. Langeweile und Gleichgültigkeit haben schon mehrmals Imperien gestürzt."

Fast wie eine kleine Sensation wirkte die Nachricht, dass das Museum der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau nicht nach den Entwürfen Daniel Libeskinds oder Peter Eisenmans gebaut wird, sondern von einem finnischen Unternehmen unter Leitung von Rainer Mahlamäki, einem Nicht-Juden. "Vielleicht haben wir gewonnen, weil wir die Erwartungen der Jury erfüllt haben: das Gebäude sollte eine ruhige Form haben, und das gegenüber liegende Mahnmal für die Helden Ghetto-Aufstandes nicht überschatten. Ein dramatisches Element ist der Bruch am Eingang, der den Gang der Juden durch das Rote Meer symbolisiert. Dass es nicht jeder versteht? Architektur darf keine offensichtlichen Symbole benutzen, sondern muss abstrakt sein. Nie würde ich ein Gebäude in Form eines gebrochenes Judensterns entwerfen", erzählt der Architekt im Interview.
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Magazinrundschau vom 26.07.2005 - Ozon

"Alles soll wieder so sein wie bei der Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft 1974 in München. Aus einem der riesigen Papierbälle sprang plötzlich eine Blondine mit einer Gitarre. Sie war so echt, sie strahlte so eine Stärke aus, dass die Leute große Augen machten. Und jetzt haben wir gesagt: lass uns wieder so ein Album machen - und sie hat zugestimmt!". Maryla Rodowicz (homepage), die "Madonna der RGW", ein großer Star der siebziger und achtziger Jahre, die in den letzten Jahren eher erfolglose Platten eingespielt hat, aber immer noch bekannt ist und bewundert wird, kehrt zurück - mit neuen Produzenten, die schon anderen Stars des Sozialismus ein gelungenes Comeback geliefert haben, berichtet das polnische Magazin..

Keiner weiß, wie viele Milliarden Dollar bisher in der irakischen Wüste versickert sind, schreibt Andrzej Lomianowski. Kein Zweifel besteht für ihn jedoch daran, dass das meiste einfach veruntreut wurde, so dass der groß angekündigte Marshall-Plan für den Irak bisher eine Fatamorgana blieb. "Verglichen damit, was die Amerikaner im Irak anstellen, sind unsere polnischen Affären Kinderspiele", tröstet Lomianowski seine politikverdrossenen Landsleute.
Stichwörter: Irak, Gitarre

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - Ozon

"Ich weiß nicht, was ich mit Tony Blair anfangen soll", gesteht im polnischen Magazin Ozon Jacek Karnowski. "Ich kann diesen Menschen nicht knacken. Wenn ich denke, ich weiß, wer er ist, geschieht etwas Unvorhergesehens, das ihn in ein neues Licht stellt. Auch die britischen Kommentatoren und seine Nation wissen nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollen. Bis vor kurzem konnte ihn keiner leiden. Dank der französischen und holländischen Wähler, dem IOC und den islamistischen Terroristen ist er wieder der Anführer der Nation."

In Polen macht eine neue Art von Kulturtouristik Furore - berichtet Cezary Polak. Statt wie früher auf den Spuren Sienkiewicz' durch das Land zu reisen, fährt der moderne Kulturfan in die Plattenbauvierteln von Wejherowo, wo Dorota Maslowskas vielgepriesenes Debüt "Schneeweiß und Russenrot" spielt.
Stichwörter: Blair, Tony

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Ozon

Stefan Chwin ist zurück. Der Schriftsteller aus Danzig veröffentlicht seinen neuen Roman "Die Frau des Präsidenten" ("Zona prezydenta"), pünktlich zu den politischen Auseinandersetzungen um eine von der Präsidentengattin Jolanta Kwasniewska geführte charitative Stiftung und ihre dubiosen Sponsoren. Allerdings erklärt Chwin im Interview: "Das hat nichts mit der gegenwärtigen First Lady zu tun. Mich interessieren wichtigere Fragen als irgendwelche Gerüchte um einen Untersuchungsausschuss. Dank eines befreundeten Arztes las ich einige Texte eines psychisch Kranken. Seine Ansichten zur gegenwärtigen Lage in Polen und der Welt haben mich beeindruckt. In meinem Buch erzählt ein solcher Patient seine Geschichte, weil ich den gegenwärtigen Seelenzustand im Prisma der Geisteskrankheit darstellen wollte. Ich wollte unsere Phobien, Obsessionen und Ängste betrachten, die wir ungern laut eingestehen."
Stichwörter: Chwin, Stefan, Danzig

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - Ozon

Andrzej Stasiuk (homepage) hat die Hölle gesehen! Der Schriftsteller war in der Slowakei unterwegs und beschreibt die Roma-Siedlungen in Rudnany: "Es gibt hier nichts Schönes. So sieht die Hölle aus, eine Hölle, die jemand bevölkert und bewohnt. Tausende Roma bauten eine Siedlung, die ein Improvisationswunder darstellt. Schuppen, Lehmhütten, Strohhütten, die aussehen, als ob jeder Windstoß oder jeder Regenfall sie wegspülen könnte. Menschen, die nichts haben, leben dort, wo es nichts gibt. Noch nie habe ich einen so verdammten Ort gesehen, in dem ein scheinbar normales Leben gelebt wird." Stasiuk ist geschockt von der Erkenntnis, dass diese Menschen an sich überflüssig sind, niemanden etwas angehen. Dabei sind es so viele, dass sie in Kürze die Bevölkerungsmehrheit in der Slowakei stellen werden. Dann wird Polen den ersten Zigeunerstaat in der Geschichte zum Nachbar haben, konstatiert Stasiuk.

Die Schriftstellerin Herta Müller spricht im Interview über ihre literarische Abrechnung mit der Provinzialität ihrer siebenbürgisch-deutschen Heimat, die die nationalsozialistische Faszination nie aufgearbeitet hat, und über ihre Erfahrungen im Kommunismus, und wie diese Thematik bis heute ihr Anderssein im Land der Vorväter bestimmt: "Ich habe mein Thema, oder eher: das Thema hat mich, und wenn es so nicht wäre, würde ich gar nicht schreiben. Was habe ich davon, dass man mir andere Themen vorschlägt - Schreiben ist wie Schuhe kaufen. Ich kann die braunen anprobieren, aber letztendlich werde ich sowieso die schwarzen kaufen."

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - Ozon

Wenn ein Ereignis als die Sternstunde Polens bezeichnet werden kann, dann die Entstehung der "Solidarnosc" und der damit eingeleitete Zusammenbruch des kommunistischen Systems. Die Protagonisten jener Zeit sind mittlerweile in drei verfeindete Lager geteilt, die unabhängig voneinander am 31. August in Danzig feiern werden. Joanna Lichocka und Tomasz P. Terlikowski finden dies zwar bedauerlich, fragen aber: "Warum sollten wir falsche Einigkeit demonstrieren, wenn keine Einigkeit da ist? Warum sollten wir so tun, als ob das Erbe der Solidarität von allen gleich interpretiert wird, besonders da die politischen Wege der Beteiligten so weit auseinander gegangen sind?"

Sind die Polen russophob? Von wegen! Aleksandra Wiecka beobachtet vor allem bei jungen Menschen eine neue Faszination für russische und ukrainische Literatur, weißrussischen Reggae und georgischen Wein. "In den letzten Jahren haben wir schon viel deutsches Bier getrunken und eine Menge Spaghetti und Hamburger gegessen. Wir kennen die politische Korrektheit und den Sex in der City. Wir haben Distanz gewonnen zu den Geschichten aus den russischen Lesebüchern, und manche wecken in uns schon sentimentale Gefühle. Wir beginnen, etwas Anderes zu entdecken: gemeinsame Wurzeln oder auch nur gemeinsame Erfahrungen."

Außerdem finden wir in dem Magazin ein Dossier zur europäischen Identität. Gibt es die wirklich? Junge Menschen aus verschiedenen Ländern werden nach ihrem Verhältnis zur EU befragt, woraus die Schlussfolgerung gezogen wird, dass Europa alles ist: die Summe der einzelnen Identitäten und der Unterschiede, der Euroenthusiasmus und Euroskeptizismus, das "Ja" und das "Nein" zur Verfassung. "Kein Fachmann für paneuropäische Propaganda wird daraus einen neuen, europäischen Menschen machen, weil die Europäer es nicht wollen. Wir alle sind tief in unserer Kultur, Sprache und Tradition verwurzelt. Und jeder kann in diesem vielstimmigen Gesang die Strophe singen, die ihm am nächsten ist."

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - Ozon

Was kann man tun, um das gestörte polnisch-russische Verhältnis auf eine neue Ebene zu heben, fragt sich Russlandkorrespondent Andrzej Lomanowski. Alles steht und fällt mit der Interpretation des Zweiten Weltkriegs, meint der Autor. Während man in den meisten europäischen Ländern, insbesondere in Polen oder im Baltikum, wenig zu feiern habe, würden in Russland alle Zweifel an der großen Befreiungstat der Roten Armee als Sakrileg gelten und antieuropäische Ressentiments wecken. Der NATO- und EU-Beitritt der mittelosteuropäischen Staaten, die Revolution in der Ukraine - alles wird im Prisma einer antirussischen Kampagne des Westens gesehen. Die Chance Polens liege aber in "einer selbstbewussten Politik gegenüber Russland, frei von Ressentiments. Dies ist nur im Rahmen der EU möglich. Denn solange die Russen nicht selbst zu einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit bereit sind, werden wir diesen Geschichtsstreit nicht gewinnen. Dazu ist aber niemand in Russland bereit - ein Volk und ein Staat in der Krise kann sich keine Selbstkritik leisten."

Weitere Artikel: Die Ruinen des Industriezeitalters, vor allem in Oberschlesien, ziehen immer mehr Freaks aus dem Ausland an, stellt Katarzyna Kalwat fest. Ob Industrietourismus, cross golf oder schicke Büroviertel - die heruntergekommenen Hütten und Zechen haben eine strahlende Zukunft vor sich. Sogar im herausgeputzten Krakau will man den realsozialistischen Vorort Nowa Huta zum Denkmal erklären. Musikalisches Recycling betreibt Wojciech Czern mit seinem Label OBUH, in einem Dorf in der Nähe von Lublin: Experimentelles und weniger bekanntes Material aus den sechziger und siebziger Jahren wird auf Vinyl herausgebracht und beschert dem Studio weltweiten Ruhm - jenseits großer Konzerne und offizieller Kulturpolitik, berichtet das Blatt.

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Ozon

Ein neues Magazin ist in Polen seit letzte Woche auf dem Markt - die Wochenzeitschrift Ozon. Weniger Tagespolitik, mehr gesellschaftliche und kulturelle Themen scheinen das Profil auszumachen. Der Schriftsteller Andrzej Stasiuk war zum Beispiel im slowenischen Ljubljana und berichtet von einem ehemaligen Gefängnis das von Künstlern umgestaltet wurde und jetzt als hippes Hostel fungiert. "Ehrlich gesagt war ich nicht begeistert. Ich konnte nicht schlafen, weil mir bewusst wurde, dass die Popkultur mit einer unreflektierten Freude sich so etwas Obszönes und Zweideutiges wie ein Gefängnis aneignet. Der Dreck, der Gestank, die Erniedrigung, die Einsamkeit und der Fluch wurden wie mit einem Zauberstab in ein 'space of freedom with the inspiration' verwandelt - für 20 Euro in einer Zweibettzelle."

Weitere Artikel: Tomasz P. Terlikowski fragt in der Titelgeschichte, ob es in Polen einen neuen Patriotismus gebe. "Der aktuelle Patriotismus ist anders als der von vor 20-30 Jahren, als wir für die Freiheit gekämpft haben. Heute geht es um die kleinen Dinge, um die Pflege der positiven Werte". Ein Porträt ist Alex Dancyg gewidmet. Der in Warschau geborene Kibbuznik schult Reiseführer von israelischen Schulgruppen, die nach Polen zum "Marsch der Lebenden" fahren. "Es ist nicht leicht, jungen Israelis die komplizierten Beziehungen beider Nationen zu erklären. Die gemeinsame Geschichte von Polen und Juden ist aber viel mehr als der Holocaust", erklärt Dancyg.