Magazinrundschau - Archiv

The Paris Review

24 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 3

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - Paris Review

In aller Ausführlichkeit spricht Jesse Baron mit dem Schriftsteller Karl Ove Knausgaard über dessen sehr akribische, Proust'sche Art und Weise, sein persönliches Umfeld und seine Erinnerungen zu literarisieren. Sehr schön sind seine Überlegungen über den Zusammenhang von Welt und Sprache, die er bei einer konzentrierten Lektüre des Alten Testaments entdeckte: "Alles darin ist gegenständlich, nichts abstrakt. Gott ist gegenständlich, auch die Engel und alles andere hat mit Körpern in Bewegung zu tun, was sie sagen und tun, nie, was sie denken. ... Im sechsten Band von 'Min Kamp' schreibe ich auf vierhundert Seiten über Hitlers 'Mein Kampf'. Hitler verbrachte ein Jahr ohne einen anderen Menschen zu sehen, er saß nur in seinem Zimmer und las. Wenn er das Zimmer verließ, ließ er keinen an sich heran und so blieb er, ungebrochen, für den Rest seines Lebens. Bezeichnenderweise gibt es in seinem Buch ein 'Ich', ein 'Wir', aber kein 'Du'. Und während ich über Hitler schrieb, massakrierte ein junger Norweger, der zwei Jahre ganz für sich alleine war und ein Manifest mit einem starken 'Ich', aber ebenso ohne ein 'Du, geschrieben hat, auf einer Insel 69 Kinder. ... Die Lücke zwischen der Sprache und der Welt, die Betonung der materiellen Aspekte der Welt und wie Hitler 'Mein Kampf' schrieb, brachten mich zu Paul Celan, weil die Sprache, in der er schrieb, von den Nazis zerstört wurde. ... Mit einem Mal repräsentierte keines dieser Wörter mehr etwas Allgemeines, das ein 'Wir' implizieren würde, da das 'Wir' in dieser Sprache nicht mehr sein 'Wir' war. Deshalb ist sein letztes Poem über die Shoah ein Gedicht, in dem jedes Wort zum ersten Mal geschaffen zu sein scheint, komplett einzigartig, da das 'Wir' verloren ist, aus einem Abgrund geschöpft, einer Nichtsheit. Und darin wird etwas anderes als die Geschichte sichtbar, namentlich das Äußere der Sprache, das sich tatsächlich nicht denken lässt, denn Gedanken sind Sprache, und doch ist es gegenwärtig, noch immer da. Es handelt sich um die Welt, jenseits unseres Zugriffs, und um den Tod." Außerdem weist Baron auf diesen Essay über Knausgaards Werk hin.

Pedro Almodóvar bietet in einem Text über Komik Einblick in die Inszenierung seiner eigenen Komödien und stellt außerdem die von ihm bewunderte "Mediterrane Schule" des Schauspiels vor: "Was in der Mediterranen Schule dominiert ist die Leidenschaft der Figuren, ihre Sinnlichkeit und Offenheit, als ob die Figuren sich selbst oder die anderen nicht respektieren. Diese Qualität passt sehr gut zu Komödien. Die Frauen und Männer sind aus Fleich und Blut, sie haben sich nicht die Haare extra richten lassen, sie rufen viel und laut und verlieren die Kontrolle. Es wirkt so, als würden sie einander verschlingen, auch wenn im Nachhinein alles so aufgelöst wird, wie es sich gehört - im Bett. Sie sind weniger elegant als die Engländer, aber dafür sexier. Diese Bodenständigkeit und Realitätsverhaftung ermöglicht es der Mediterranen Schule die sozialen Probleme mit viel Humor anzusprechen und sich über die Begrenztheiten des Lebens - oder dessen Tragödien, je nachdem, in welcher Zeit wir sind - zu amüsieren, um damit Licht und Gelächter durch die Schwärze scheinen zu lassen. Ein Meister, nicht festlegbar und einzigartig, der mit den größten lokalen Exponenten dieser Art des Schauspiels gearbeitet hat, war Luis García Berlanga."

Magazinrundschau vom 24.07.2012 - Paris Review

Der amerikanische Musiker und Journalist Brian Cullman erzählt, wie er in jungen Jahren zufällig London-Korrespondent des New Yorker Musikmagazins Crawdaddy wurde. Seine prägendste Erinnerung hat er im Haus des befreundeten Musikers John Martyn, wo er 1970 dem damals 21-jährigen Nick Drake begegnete, vier Jahre vor dessen Tod: "Ein Vorhang von ungekämmten dunklen Haaren hing ihm ums Gesicht und verdeckte alles außer seinen Augen. Er sah als, als wäre er stoned. Er sah aus, als schliefe er. Er sah aus, als sei er die wachste Person in der Geschichte der Menschheit. Alles davon. Jedes Mal, wenn ich diese Szene im Kopf durchspiele, ist sie anders. Und jedes Mal ist sie wahr. Er trug ein ausgefranstes weißes Hemd und Jeans und Stiefel und eine schwarze Cordjacke, die eine Nummer zu groß war. Normalerweise achte ich nicht besonders auf Kleidung, aber mein erster Gedanke war: Wo kriege ich eine schwarze Cordjacke her?"

Hier eine Demo-Aufnahme von Nick Drakes Song "Hazey Jane", der am Ende des Artikels zitiert wird:


Magazinrundschau vom 02.11.2010 - Paris Review

In einem dieser großartigen ellenlangen Interviews der Paris Review spricht Michel Houellebecq mit Susannah Hunnewell über seine literarischen Vorbilder, das Desaster der liberalisierten Werte und den skandalösen Sex in seinen Romanen: "Ich bin nicht sicher, dass es in meinen Romanen so ungewöhnlich viele Sexszenen gibt. Ich glaube auch nicht, dass dies die Leute schockiert hat, sondern dass ich sexuelles Versagen zeige. Ich schreibe über Sexualität in einer nicht-glorifizierenden Art. Vor allem beschreibe ich eine grundlegende Realität: die eines Menschen mit sexuellem Verlangen, das er nicht befriedigen kann. Das wollen die Leute nicht hören. Sex soll etwas Positives sein. Frustriertes sexuelles Verlangen zu zeigen, ist obszön. Aber es ist auch die Wahrheit. Die Frage ist: Wer darf Sex haben? Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie all die Lehrer überleben, mit diesen entsetzlich jungen Mädchen. Frauen als Sextouristinnen sind noch noch viel verstohlener, beschämter und tabuisierter als Männer. Oder wenn eine Professorin einem Studenten die Hand auf den Schenkel legt, das ist noch viel schlimmer, viel unsagbarer."

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - Paris Review

In seinem Artikel im Guardian zitiert Alex Clark Robert Gottlieb, Lektor von John Cheever, Salman Rushdie, V. S. Naipaul, Edna O?Brien u.a.. Der erklärte 1994 in der Paris Review die Aufgabe eines Lektors so: "Ein Lektor muss herausfinden, was ein Buch braucht, aber der Autor muss es liefern. Man kann als Lektor nicht sagen: Schick ihn nach Hongkong, lass ihn eine Liebesaffäre mit einem Cockerspaniel haben. Man sagt eher: Dieses Buch braucht etwas an diesem Punkt - es muss sich öffnen, ihm fehlt eine Richtung, ihm fehlt Aufregung." Im konkreten Fall sah das dann so aus: "Als ich das erste Mal Chaim Potoks 'The Chosen' las, erkannte ich, dass das Buch zu Ende war, Chaim aber danach noch dreihundert Seiten geschrieben hatte. ... Also rief ich Chaims Agenten an und sagte ihm, ich liebe das Buch und würde gern mit ihm darüber reden. Aber erkläre ihm bitte, dass ich es nur veröffentlichen werde, wenn er die letzten dreihundert Seiten weglässt; wenn er es lassen will, wie es ist, ist es ein anderes Buch. Chaim hat das sofort eingesehen und so war es kein Problem."

Im Archiv der Paris Review findet man übrigens eine Fülle von Interviews mit Autoren aus den letzten Jahren. Kann man wunderbar drin rumstöbern. Hier ein schmutziger kleiner Intelligenztest, den Bertrand Russell einst mit Gustaw Herling gemacht hat: "He said, I?m going to test your intelligence. There is a colony of nudists outside London. A man arrives, nude. His friends point out a beautiful girl and tell him that she likes to do it, but for money. Not much, though, just sixpence. So the man goes to her to agree on terms. But she spoke in a way he couldn?t understand, as if she had a speech defect. Question: Why does she have this speech defect?
INTERVIEWER: Beats me.
HERLING: I thought about it for about ten minutes and finally said, I?m terribly sorry, but I don?t know. Russell said, So this is your intelligence . . . Her mouth was full of sixpence!"