Das deutsch-tschechische Verhältnis lag nach dem Zweiten Weltkrieg am Boden, erinnert die deutsch-tschechische Publizistin Alena Wagnerová in der NZZ. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sich die beiden Nationen, bedingt durch die Gräuel des Krieges und gegenseitige Vertreibung, unversöhnlich gegenüber. "Die Zeit der Versöhnung nach 1989 aber hat diese Wunde geheilt. Heute überrascht die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit der sich Sudetendeutsche und Tschechen begegnen. Ihre seit 1938 real existierende Trennung zu überwinden, war eine Arbeit von fünfzig Jahren. (...). Zum Wendepunkt wurde das Jahr 1997, in dem Ministerpräsident Václav Klaus und Bundeskanzler Helmut Kohl die deutsch-tschechische Erklärung unterzeichneten, in der endlich klipp und klar das Wesentliche stand... Im selben Jahr wurde der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds gegründet, ein wegweisendes Projekt für den Aufbau freundschaftlicher Beziehungen."
Man sollte "die Sympathie für den jüdischen Staat nicht auf historische Wahrheiten bauen, die allzu oft nur halbe sind", meint in der NZZ der Arabist Hartmut Fähndrich: "Einige Beispiele seien hier herausgegriffen: Die Balfour-Erklärung vom November 1917 wird immer wieder gern, aber eben nur halb genannt. Man muss sie in Gänze betrachten, damit beide Seiten zur Geltung kommen. Sie beinhaltet nämlich nicht nur das Versprechen, dass die britische Regierung (der das Land Palästina nicht gehörte) sich für 'die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina' ins Zeug legen werde. Sie umfasst auch die Mahnung, 'dass dabei nichts geschieht, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der in Palästina bestehenden nichtjüdischen Gemeinden . . . beeinträchtigen könnte'. Hier schon - es ist die Zeit gegen Ende des Ersten Weltkriegs - werden die Palästinenser bemerkenswerterweise wie eine Minorität als 'nichtjüdische Gemeinden' bezeichnet, also als eine Art Quantité négligeable."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Frieden ist eine komplexe Angelegenheit, schreibt der Historiker Jörn Leonhard, Autor des Buchs "Über Kriege und wie man sie beendet", in der Zeit, und liefert eher einen historischen Rundblick, statt auf aktuelle Kriege zu blicken. Aber eins ist klar: "Auch im Frieden kann der Krieg sich fortsetzen: Der unmittelbare Weg aus kriegerischer Gewalt - von temporären Feuerpausen über einen stabilen Waffenstillstand bis zu einem formalen Friedensschluss und zur langfristigen Durchsetzung seiner Bestimmungen vor Ort - sagt nichts über die mögliche Fortsetzung des Krieges in den Köpfen von Zeitgenossen weit über das Ende von Verhandlungen hinaus, über die Chancen mentaler Deeskalation in Nachkriegsgesellschaften, die Bewältigung individueller Traumata von Soldaten, die generationelle Aufarbeitung von Erinnerungen."
Um die Verbindung zwischen antirassistischem Aktivismus und Antisemitismus nicht nur an amerikanischen Universitäten zu verstehen, blickt der Kulturwissenschaftler Christian Voller auf den "Forschung und Lehre"-Seiten der FAZ zurück ins Brooklyn der Sechziger, ein "Stadtteil New Yorks, der ausgesprochen jüdisch geprägt war, zugleich aber einen hohen afroamerikanischen Bevölkerungsanteil hatte, der seit den Fünfzigerjahren stark anstieg. Das Zusammenleben auf engem Raum in den zusehends verwahrlosten Vierteln zeitigte früh schon Spannungen, und es etablierte sich ein spezifischer, von Teilen der Black-Power-Bewegung dann vehement befeuerter Antisemitismus, der die Juden vor Ort als Weiße adressierte oder zumindest als potentiell Weiße. Denn die Juden, so das Argument, könnten doch jederzeit in der Mehrheitsbevölkerung aufgehen, ein Privileg, das den Schwarzen aufgrund ihrer Hautfarbe verwehrt sei. Dieser milieuspezifische Antisemitismus, der sich mit bestimmten, nicht verallgemeinerbaren Erfahrungen verband, ist gut verbrieft. Wir finden ihn etwa in den Werken James Baldwins, und er zieht sich auch durch das Schrifttum der Black-Power-Gruppen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ebenfalls in der FAZ schaut Heinrich August Winkler, der ein Buch zur Geschichte der deutschen Revolutionen geschrieben hat, zurück auf das Jubiläumsjahr zur 175. Wiederkehr der Revolution von 1848: "Immer wieder wurde im Jubiläumsjahr 2023 die Klage laut, dass sich 1848 nicht die Demokraten, sondern die gemäßigten, zur Verständigung mit den alten Gewalten bereiten Liberalen durchgesetzt hätten. Besonders ausgeprägt geschah und geschieht dies in populärwissenschaftlichen Darstellungen des 'tollen Jahres' und besonders da, wo von radikalen Demokraten wie Friedrich Hecker und Gustav (von) Struve, den Führern des ersten badischen Aufstands vom April 1848, die Rede ist. Hinter ihrer Forderung nach einer deutschen Republik stand nur eine Minderheit der damaligen Deutschen und nicht einmal die Mehrheit derer, die sich als Demokraten verstanden. Wäre der Versuch gelungen, diese Staatsform gegen den Willen der Mehrheit zu erzwingen, wäre das Ergebnis eine Erziehungsdiktatur, aber keine Demokratie gewesen. Bis hinein in die Geschichtswissenschaft war das Bedauern zu hören, die Demokraten seien in der Paulskirche unzureichend vertreten, die Nationalversammlung also falsch zusammengesetzt gewesen. Da die Konstituante im Mai 1848 aus freien und annähernd gleichen Wahlen hervorgegangen war, mutet diese Beschwerde merkwürdig und nicht eben demokratisch an."
Die juristische Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen von Medizinern im Nationalsozialismus war ein "Trauerspiel", sagt der Medizinhistoriker Volker Roelcke, der zum Thema geforscht hat, im FR-Gespräch. Auch heute werde noch gegen Menschenrechte in der Medizin verstoßen: "Auch nach 1945 gibt es viele Beispiele dafür, dass Forscher ihre Tätigkeit dort durchgeführt haben, wo sich Menschen nicht wehren können, weil sie in Notlagen sind oder keine Stimme haben, weil sie nicht gehört werden, zum Beispiel in Waisenhäusern. Das Gleiche gilt für klinische Studien in Ländern des globalen Südens - die Probanden nehmen dort zum Teil an Studien teil, weil sie sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Um etwa überhaupt an ihre Tuberkulose-Medikamente dranzukommen, sind Menschen in solchen Kontexten oft bereit, Risiken einzugehen, die sie sonst nicht akzeptieren würden. Es ist leider dokumentiert, dass so etwas heute in großem Stile stattfindet. Dabei ist den Verantwortlichen klar, dass manche Staaten im globalen Süden nicht in der Lage sind, die eigentlich international geltenden ethischen Regeln zur Forschung durchzusetzen."
Anders als Frankreich oder Deutschland entschuldigt sich Großbritannien nicht für seine koloniale Vergangenheit, schreibt Thomas Kielinger in der Welt: "In Großbritannien … gehört das Empire zum DNA der heutigen Briten, doch ein rundes 'Mea culpa' wird auf lange Zeit nicht zu hören sein, zu komplex und verwoben ist die Geschichte der Insel mit ihren überseeischen 'Ablegern'. Mit gutem Grund. Seit den Anfängen der Kolonisierung im 16. Jahrhundert hat sich in England im Gegensatz zu seinen europäischen Nachbarn (und Konkurrenten) eine stetig steigende Zahl der Gesellschaft bereitgefunden, den jeweils wachsenden Horizonten zu folgen. Während es in Spanien oder Frankreich in der Hauptsache Beamte der Kolonialverwaltung waren, die das Mutterland repräsentierten, waren unter den Briten von Anfang an viele willens, in die neuen Territorien auszuwandern und dort ihr Glück zu suchen."
In der NZZerinnertUlrich M. Schmid an den Zionisten Wladimir Schabotinski, der zeitlebens für einen jüdischen Staat eintrat. "Schabotinski lobbyierte unermüdlich für das zionistische Projekt - als Impresario oder als Kolumnist. Schabotinskis politische Tätigkeit rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Er wurde als jüdischer Garibaldi bejubelt und als jüdischer Mussolini kritisiert. David Ben-Gurion nannte ihn sogar 'Wladimir Hitler'. In der Tat war Schabotinski eine widersprüchliche Person. Einerseits faszinierten ihn die autoritären Alternativen zu den 'weimarisierten' Demokratien im Europa der Zwischenkriegszeit. Andererseits stand er in der Tradition des westlichen Liberalismus. Pikanterweise war der zukünftige Staat Israel für Schabotinski keine persönliche Herzensangelegenheit. (...) Schabotinski fragte sich, ob die europäischen jüdischen Intellektuellen nicht doch Wiesbaden Jerusalem vorziehen würden, wenn sie die Wahl zwischen dem deutschen Kurort und der heiligen Stadt hätten. Die Auswanderung in das 'Gelobte Land' war eine Heilsvorstellung, die er für sein Volk, aber nicht für sich selbst ins Auge fasste."
Die Historikerin Benedetta Tobagi hat den Frauen der Resistenza ein (bislang leider nur auf Italienisch vorliegendes) Buch gewidmet. Im taz-Gespräch erinnert sie an deren viel zu lange unterschätzte Bedeutung: "Nach dem Waffenstillstand im September 1943 wurde ein großer Teil des Landes - insbesondere der Norden, wo der Faschistenführer Mussolini die Republik von Salò ausgerufen hatte - von den deutschen Nazi-Truppen besetzt. Während die Männer hier gejagt und an die Front geschickt wurden, konnten sich die Frauen weiter frei bewegen, da sie keine militärische Verpflichtung hatten. In diesem Kontext wurden viele zu Partisaninnen. Frauen halfen, den Männern sich zu verstecken, dem Krieg zu entkommen und somit den Widerstandskampf überhaupt zu beginnen. Danach begannen die Frauen mit dem Aufbau eines logistischen Netzwerks, wie es für jeden Widerstand unerlässlich ist. Frauen schmuggelten Waffen, transportierten Mitteilungen und Nachrichten und trugen mit anderen Arten von Unterstützung dazu bei, dass ein Widerstandskampf überhaupt erst möglich wurde. Das Innovative ist aber, dass Frauen immer mehr Fähigkeiten erwarben und Verantwortung übernahmen. Viele von ihnen - laut Schätzungen 35.000 - wurden zu Partisanen-Kämpferinnen. Und mindestens 500 Frauen wurden Kommandantinnen einer Partisanenformation."
Im Aufmacher des FR-Feuilletons erinnert Michael Hesse an den 22. November 1983, als der Bundestag die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland bewilligte: "Für viele steht fest, dass sogar die Sowjetunion noch heute existieren würde, wenn es den Beschluss nicht gegeben hätte. Aber das ist umstritten. Genauso wie die Entscheidung selbst, die der Bundestag am 22. November 1983 gebilligt hat. (…) Wer heute von hitzigen Debatten spricht, von einseitigen Positionierungen, hat die damalige Zeit vielleicht nicht mehr richtig in Erinnerung. Man befürchtete, dass Deutschland nun zum Schlachtfeld für einen Atomkrieg werden könnte. Anhänger der Friedensbewegung sprachen bereits von 'Euroshima' in Anlehnung an den Abwurf der Atombome auf Hiroshima."
Außerdem: In der tazschreibt die Historikerin Karina Urbach einen Nachruf auf den im Alter von 85 Jahren gestorbenen britischen Historiker John Röhl, der vor allem für seine dreibändige Biografie Kaiser Wilhelms II. berühmt wurde: "Johns Großzügigkeit gegenüber seinen vielen Studenten war legendär. Obwohl schon schwer krebskrank, half er Kollegen, die sich mit den Unterlassungsklagen der Hohenzollern herumschlagen mussten." In der FAZ schreibt Christopher Clark: "John Röhls Kaiserbiographie ist nicht nur ein Monument ihres launenhaften Gegenstands, sondern auch das Denkmal einer singulären deutsch-britischen akademischen Laufbahn. Er hat den Schmerz und die Ambivalenz des britisch-deutschen Verhältnisses im zwanzigsten Jahrhundert nicht nur historisch untersucht, er hat sie verkörpert. Wir alle, die wir uns auf das historiographische Terrain des Kaiserreichs begeben, stehen tief in seiner Schuld."
Bestellen Sie bei eichendorff21.deIm taz-Gespräch mit Doris Akrap erzählt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore, was ihn dazu bewogen hat, eine "Familiengeschichte der Menschheit" zu schreiben: "Alle Menschen auf allen Kontinenten, in allen Zeiten, aller Herkünfte und aller Religionen haben Eltern. Natürlich ist Familie ein Konstrukt, eine gesellschaftliche Erfindung. Aber ob es nun zwei Väter gibt oder nur einen Samenspender, von zwei Menschen stammt man immer ab. Jeder ist also Teil einer Familie. …Familie kann repräsentiert werden durch Clans, Stämme, Staaten, Reiche, Religionen, Ideen und Ideologien. Familien repräsentieren immer das, was gesellschaftlich grade so los ist: Geschlechterverhältnisse, Ökonomie und Arbeit. Sie können auch ein Finanzunternehmen repräsentieren wie in Deutschland die Industriefamilie der Krupps. Bis heute sind viele deutsche Firmen in Familienhänden, was auch eine politische Bedeutung hat. Familie nutze ich als Werkzeug, um die großen Entwicklungen zu erzählen, seien sie technologisch, kulturell, medizinisch oder was Migration betrifft."
Im FR-Gespräch mit Michael Hesse erklärt die IslamwissenschaftlerinGudrun Krämer, weshalb die Staatsgründung Israels so massiv auf die umliegenden arabischen Staaten wirkte: "Weil sie sich verknüpfte mit dem anti-kolonialen Kampf und der Wahrnehmung, ich betone das Wort Wahrnehmung, dass Israel gezielt von den ehemaligen Kolonialmächten bzw. 'dem' Westen in Palästina als arabischem Land eingepflanzt wurde, um die arabische Nation zu schwächen. Eine weit verbreitete Wahrnehmung, die Sie noch heute hören und lesen können. Man muss sich vor Augen führen, dass die arabischen Nachbarstaaten 1948/49 selbst gerade erst unabhängig geworden waren, dass sie bis vor kurzem unter kolonialer Herrschaft gestanden hatten, die rechtlich in unterschiedlicher Weise 'verkleidet' war, und dass diese koloniale Erfahrung viel unmittelbarer wirkte, als uns dies im Rückblick erscheinen mag, zumal wir, die deutsche Mehrheitsgesellschaft, diese koloniale Erfahrung nie gehabt haben. Die Wahrnehmung, dass 'der' Westen, 'der' Kolonialismus hinter Israel stünden, um die Araber zu schwächen, war und ist sicherlich ein Teil des Problems."
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