In Österreich tritt demnächst ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren an Schulen in Geltung. Lisa Nimmervoll begrüßt es im Wiener Standard: Der Schritt sei "kein Angriff auf Religion oder Religionsfreiheit, sondern ein Schutzraum für Kinder. Es begrenzt die Einflusssphäre des Religiösen dort, wo junge Menschen besonders formbar und verletzlich sind. Es zieht eine wichtige Grenze: In der Schule gilt keine frühe Festlegung auf eine religiöse Geschlechterordnung, die nur den Mädchenkörper als Träger des "wahren Glaubens" markiert."
In Berlin trat erstmals Hatun Sürücüs Sohn Can öffentlich auf - in einer Veranstaltung, die an seine Mutter erinnerte, das Opfer eines berühmten Berliner Ehrenmordfalls vor 21 Jahren. Die Veranstaltung war von der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balci organisiert, berichtet Ninve Ermagan in der FAZ. Und man erfährt etwas über die Geschichte eines Sohns, der seine Mutter im Alter von sechs Jahren verlor: "Can Sürücü verschwand aus der Öffentlichkeit und erhielt eine neue Identität, einen neuen Namen, wuchs fern von Berlin bei Adoptiveltern in Reutlingen auf. Aus Sicherheitsgründen blieb sein Aufenthaltsort lange geheim, auch um ihn vor Zugriffen aus der eigenen Herkunftsfamilie zu schützen. Erst mit 14 Jahren wurde ihm erklärt, was mit seiner Mutter geschehen war."
Wir müssen einfach nur weniger essen, konsumieren, reisen, schon ist das Problem mit dem Klimawandel gelöst, schreibt der Politikwissenschaftler Udo Kords in der taz in einer Art Adresse an die Weltbevölkerung. "Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen. Kreislaufwirtschaft, CO2-Speicherung, KI: All das kann sinnvoll sein und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel. Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher."
Ralf Balke hat in Berlin ein Gespräch zwischen Freitag-Verleger Jakob Augstein und Verleger Holger Friedrich, Berliner Zeitung und Weltbühne, verfolgt. Da legte Friedrich ein recht eigenwilliges Geschichtsverständnis an den Tag, schreibt Ralf Balke in der Jüdischen Allgemeinen. Er wünsche sich sowieso nichts sehnlicher herbei als einen "Frieden zwischen Ost- und Westdeutschland". Aber der Osten hatte es so schwer. Erst die Reparationsleistungen an die (an sich von Friedrich geschätzten) Russen, und "die Jewish Claims Conference hatte dann auch noch ein paar offene Rechnungen, die durchgemanagt wurden", so Friedrich. Balke fasst es so zusammen: "Die Tatsache, dass er Reparationszahlungen und die Privatisierung der ehemaligen DDR-Wirtschaft in einem Atemzug mit den Entschädigungsansprüchen ihres Eigentums durch die Nazis beraubter Juden nennt, zeugt von einer Wahrnehmung der Ostdeutschen als Opfer, in der historische Kontexte gezielt ausgeblendet oder umgedeutet werden - und zwar in einer Art und Weise, wie man es vor allem bei Rechts- und manchmal auch Linksaußen beobachten kann."
Unfassbar findet Helena Wittlich im Tagesspiegel den Umgang der amerikanischen Behörden mit den Epstein-Akten: Gerade wurde ein ganzes Konvolut veröffentlicht, in dem die Namen der Opfer ungeschwärzt sind: "Viele der Frauen, die gegen Epstein aussagten, wollten anonym bleiben. Für den Opferschutz scheint man sich jedoch kaum Zeit genommen zu haben. Dabei sind es gerade jene, die seit Jahren für Aufklärung kämpfen, um weitere Täter, die junge Frauen und Kinder missbrauchen, zu stoppen. Jetzt zahlen die Überlebenden, die 'Survivors', wie Epsteins Opfer genannt werden, für den Kampf um Transparenz mit der öffentlichen und unfreiwilligen Bloßstellung ihrer eigenen, schmerzhaften Geschichte."
Zwar wurde inzwischen nachgebessert, aber das ändert nicht viel, ärgert sich Lena Kampf in der SZ: "Die Dokumente sind außerdem nun in der Welt, weil viele sie ja schon zuvor heruntergeladen hatten. Jeder kann sich durch unbearbeitete Nacktfotosvon minderjährigen Mädchen klicken, man findet sogar einige ihrer Geburtsdaten und Telefonnummern darin. Mit der erhofften Aufklärung hat das wenig zu tun." Auch eine der missbrauchten Frauen, Danielle Bensky, die sich dafür eingesetzt hatte, die Akten zu veröffentlichen, damit das Ausmaß des Missbrauchs öffentlich wird, ist entsetzt: "Hinter den unterlassenen Schwärzungen, den Datenschutzverstößen des DOJ, vermutet Danielle Bensky nun System: Sie sei zunächst von Nachlässigkeit, dann von Inkompetenz ausgegangen, sagte sie dem Fernsehsender NBC News. 'Jetzt fühlt es sich zielgerichtet an. Es fühlt sich an wie ein Angriff auf die Überlebenden.' Was in jedem Fall wahr ist: Es ist ein Jagdfieber ausgebrochen. Und die betroffenen Frauen sind ein weiteres Mal Opfer geworden."
Harry Nutt bekennt in einem kleinen taz-Essay, dass er angesichts von Disrupteuren wie Elon Musk die Coolness und Lässigkeit vermisst, die einst von Figuren wie Franz Beckenbauer oder Muhammed Ali ausgingen: Coolness behaupte "keine Unverwundbarkeit, sondern kokettiert mit Verletzlichkeit. Das Spiel mit der Schwäche tendiert nicht zum Aufgeben und den Verzicht aufs Gelingen. Vielmehr bereitet es Finten zum Gegenschlag vor, Lösungen aus der Erfahrung der Schwäche."
In der tazberichtet Daniel Bax über den Streit um die Einladung der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif an die Düsseldorfer Kunstadakemie (unsere Resümees). Dies war kritisiert worden, weil al-Sharif in Instagramposts das Existenzrecht Israels in Frage gestellt habe. Rektorin Donatella Fioretti hat die Veranstaltung dennoch durchgezogen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um sie möglichst "ruhig" durchführen zu können. "'Für uns sind zwei Dinge entscheidend'", sagt Fioretti zu Bax: "'Erstens: Wir wollen unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die Positionen nicht teilen.' Eine Kunstakademie sei ein Ort der Auseinandersetzung. 'Zweitens: Wir verstehen unsere Hochschule als Ort des komplexen Denkens. Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.' Das habe man auch in diesem Fall getan." Nächstes mal dann ein israelischer Künstler?
Das Internet wird derzeit von KI-generierten Holocaustbildern überflutet, berichtet Vanessa Fatho in der FAZ. Dabei werden oft entweder die Verbrechen der Nazis verharmlost oder die Situation der aufgehübschten Opfer romantisiert, um mit starker Emotionalisierung viele Klicks zu erzeugen. Die größte Gefahr dabei ist, "dass die Authentizität echter Holocaustaufnahmen angezweifelt wird", erklärt Mykola Makhortykh von der Universität Bern Fatho. Zwar müssen nach einer KI-Verordnung der EU "Plattformbetreiber vom 2. August dieses Jahres an alle KI-generierten Texte, Fotos und Videos kenntlich machen. In der Theorie klingt das einfach, in der Realität ist es das nicht. Studien zeigen, dass viele Social-Media-Plattformen nicht alle Inhalte zuverlässig kennzeichnen oder entfernen. Mitunter gingen blockierte Kanäle wieder online. Wie die Aufsichtsbehörden solche Verstöße kontrollieren und sanktionieren, wird sich zeigen."
Nach fast 56 Jahren scheint der Täter des Brandanschlags auf ein jüdisches Altenheim in München identifiziert zu sein, berichtet Dominik Baur in der taz. Bei dem Anschlag waren sieben Bewohner des Heims, Holocaustüberlebende, ums Leben gekommen. Der Täter hatte das Treppenhaus in Brand gesetzt. Auch Wolfgang Kraushaar hatte zu dem Fall recherchiert, Spuren schienen zu den Tupamaros um Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel zu weisen. Dieser Verdacht bestätigt sich nicht. "Wie der Spiegel berichtet, deutet mittlerweile alles daraufhin, dass der damals 26-jährige Bernd V., ein Münchner Krimineller und 'glühender Antisemit', hinter dem Anschlag steckt. Den Mann hatte bei früheren Ermittlungen offenbar niemand auf dem Radar. Laut Spiegel war ihm von Bekannten ein 'Hitler-Tick' attestiert worden; vor Gericht habe er einmal angegeben, er sei von einem Onkel, der eine starke Bezugsperson gewesen sei, in 'Liebe zum Führer' erzogen worden." Der Täter ist im Jahr 2020 gestorben, die Polizei hatte ältere Hinweise auf seine Tat nicht verfolgt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der religionskritische Autor Hamed Abdel-Samad hat bekanntlich zusammen mit dem Journalisten Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, ein hitziges Streitgespräch als Buch veröffentlicht. Das Buch sollte gerade in Ägypten veröffentlicht werden und wurde dann verboten. Abdel-Samad vermutet im Interview mit Nicholas Potter von der taz, dass das gar nicht an dem Buch liegt sondern an einem Video, in dem er den ägyptischen Diktator Sisi direkt kritisierte. Samad verficht die Idee, dass Israel im Gazastreifen einen Genozid begehe. Diesen Vorwurf erläutert er gegenüber Potter nochmal: "Im Buch unterscheide ich zwischen einerseits der legalistischen Dimension, was ein Genozid ist - das müssen andere beurteilen, nämlich der internationale Gerichtshof, die Vereinten Nationen und Genozidforscher. Viele sind bereits der Meinung, es handele sich hier um einen Genozid, andere bestreiten das und benötigen weitere Beweise. Und andererseits dem Begriff 'Genozid' als Warnung und Hilferuf. Man hat nicht vom Holocaust gesprochen, bis er vorbei war - und das war ein Fehler."
Friedrich Merz schießt mit seinen Wutreden gegen die Work-Life-Balance vor allem gegen Frauen, konstatiert die Schriftstellerin Lea Streisand in der SZ. "Glaubt Friedrich Merz wirklich, die Leute würden aus Faulheit zuhause bleiben? Ähnliches suggerierte er schon mit seinem Vorstoß zur telefonischen Krankschreibung. Die Leute sollten weniger blau machen auf Kosten der Wirtschaftsleistung, sich zusammenreißen und das Bruttosozialprodukt steigern, forderte er. Dem Kanzler muss doch klar sein, auf wen er da eindrischt. Wer arbeitet denn in Teilzeit in Deutschland? Und wer muss sich häufig krankschreiben lassen, weil die Kinder krank sind? Richtig: Mütter!"
Der Technikoptimismus darf nicht den Tech-Bros überlassen werden, warnt der Politikwissenschaftler und ehemalige Grünen-Politiker Reinhard Loske, der an der anthroposophisch geprägten Universität Witten-Herdecke lehrt, im FR-Interview mit Joachim Wille. "Wir haben heute eher zu wenig als zu viele Technikfreaks. Aber die Technik muss ökologisch wie gesellschaftlich eingebettet sein und darf nicht zur Demokratieerosion führen." Bei den grünen Zukunftsvisionen sei Technik immer auch mit Teilhabe und einer Stärkung der gesellschaftlichen Mitbestimmung verbunden. "Zur traurigen Gegenwart gehört aber leider auch, dass visionäres Denken in der Umweltbewegung selbst heute nicht mehr sonderlich angesagt ist. Man hat für jedes einzelne Umweltproblem fünf bis zehn hochkompetente Fachreferentinnen oder -referenten, aber kaum einladende Zukunftsideen. Stattdessen arbeitet man sich an Gesetzentwürfen aus den diversen Ministerien ab und glaubt, durch den ständigen Dialog mit Politik und Verbänden gewinne man politischen Einfluss."
Sarah Maria Sander ist Schauspielerin, aber auch Journalistin und Ko-Autorin eines Drehbuchs für einen Film, in dem sie selbst die Hauptrolle spielen sollte. Ihr Ko-Autor ist Rainer Begoihn, der ebenfalls in dem Film mitspielt. Der Film wird zur Zeit gedreht - aber Sander wurde aus der Produktion herausgeschmissen, außerdem wurde das Drehbuch verändert. Sander prozessiert. Sie vermutet, dass der Produktionsfirma ihr proisraelisches Engagement nicht behagt - denn Sander hatte im letzten Jahr in einem vielbeachteten Video einen israelkritischen deutschen Künstlerbrief kritisiert. Die Feuilletons berichten bisher nicht - nur in der Bild-Zeitung kann man die Geschichte nachlesen: "Die Filmschaffenden von Soilfilms Media weisen alle Anschuldigungen zurück. Über ihren Anwalt ließen sie erklären, die Umbesetzung habe keine politischen Gründe gehabt. Sie sei wegen Besetzungsproblemen, Risiken für Förderung und Festivals sowie Sanders mangelnder Verfügbarkeit erfolgt." Hier spricht Henryk Broder bei welt.tv über diese Geschichte.
Jannis Holl versucht in der FAS zu erklären, wer die "Antideutschen" sind. Anlass sind die Scharmützel zwischen proisraelischen und "propalästinensischen" Aktivisten in Leipzig, wo die "Antideutschen" eine lange Tradition haben. Entstanden seien sie in der Gegnerschaft zur Wiedervereinigung, als die späteren "Antideutschen" fürchteten, Deutschland werde sich zum Faschismus zurückentwickeln. Das "Der Schoß ist fruchtbar noch" wurde zu ihrem Leitgedanken (der sie, wie Holl nicht erwähnt, in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien auch vehement proserbisch machte). "Innerhalb der westlichen Linken nehmen sie so eine Sonderstellung ein: Nur in Deutschland und Österreich hat sich eine eigenständige linke Strömung herausgebildet, die Israelsolidarität ausdrücklich zum Kern ihres politischen Selbstverständnisses machte. In den meisten anderen Ländern gilt eine solche Positionierung als unvereinbar mit linker Identität."
Die Amerikanistin Heike Paul analysiert das Erscheinungsbild der Frauen in Trumps Regierung mit den Instrumenten der Gendertheorie. Mit kennerhaft taxierendem Blick auf Ministerinnen wie Kristi Noem oder Pam Bondi stellt sie im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ fest: "Diese Frauen kleiden sich in der Regel stark figurbetont, sind auffällig geschminkt und tragen ihr Haar in einem sehr spezifischen Stil." Eine weitere Botschaft dieses Erscheinungsbilds laute: "Es gibt nur 'richtige' Frauen und 'richtige' Männer, dazwischen existiert nichts. Diese Regierung ist bekannt für ihre Transfeindlichkeit. Das ungewollt Kuriose ist: Gerade diese operierten und gespritzten Frauen stellen die Künstlichkeit von Geschlecht offen zur Schau und eben nicht jene Natürlichkeit, auf die sich die entsprechenden Diskurse sonst gerne berufen. Die Auftritte der Mar-a-Lago-Gesichter muten mitunter unfreiwillig komisch an - und wurden auch schon mit Drag Shows verglichen."
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, erklärte vor Kurzem, dass viele Jüdinnen und Juden unter eine AfD-Regierung erwägen würden, auszuwandern, schreibt Richard C. Schneider in der NZZ. So wird die AfD nicht direkt den Rechtsstaat abschaffen (können), doch durch die schrittweise Verschiebung und den Abbau von Minderheitenrechten für ein immer gefährlicheres Umfeld sorgen. "Die Verunsicherung entsteht genau in diesem Dazwischen. Die AfD könnte regieren und scheitern. Sie könnte sich entzaubern, an Koalitionen, Gerichten und Verwaltung zerschellen. Objektiv betrachtet könnte 'nichts passieren'. Man könnte, scheinbar, aufatmen. Und doch wäre selbst dieses Nichts nicht nichts. Denn Macht wirkt auch symbolisch. Sie verändert den Ton. Sie entscheidet darüber, wer sich ermutigt fühlt, lauter zu werden. Und wer beginnt, sich zurückzunehmen. Antisemitismus braucht keine neuen Gesetze."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Vertrauensbereitschaft in der Bevölkerung nimmt ab, in Folge entstehen Misstrauensgemeinschaften, meint der Soziologe Aladin El Mafaalani im SZ-Gespräch. Davon profitieren populistische Parteien wie die AfD: "Denn in diesen Gemeinschaften wird ja Misstrauen prämiert, auch wenn sie es vielleicht nicht so nennen, sondern 'Kritik am Mainstream' oder am 'System', an den 'Systemparteien', den 'Medien' und den 'Zahlendrehern in der Wissenschaft'. Letztlich findet Vergemeinschaftung über Misstrauen statt, was wiederum zu Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit führt. Ein wichtiger, enorm stabilisierender Faktor. Misstrauensstrukturen haben sich übrigens längst nicht nur in der Politik gebildet, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. In der Medienwelt etablieren sich alternative Medien, in der Finanzwelt mit den Kryptowährungen alternatives Geld, bei dem ja sogar die zentrale Idee ist, bei Geldgeschäften nicht mehr vertrauen zu müssen." Er rät unter anderem dazu, "dass die Expansion der Dokumentationspflichten zurückgefahren wird."
Morgen ist Holocaust-Gedenktag. In der tazhalten Tom David Uhlig und Nikolas Lelle an einer spezifischen, auf den Holocaust bezogenen Erinnerungsarbeit fest, gegen die zwei Stränge der Kritik, die sie daran ausmachen: Da sei "erstens der Vorwurf des ritualisierten Gedenkens, also der Verdacht, Erinnerungsgesten seien vorrangig sinnentleerte nationalistische Selbstversicherungen. Und zweitens die Vorstellung, Erinnerung an die Shoah sei von Konkurrenzen gegenüber anderem Gedenken geprägt und müsse anderen, insbesondere postkolonialen Perspektiven geöffnet werden." Aber Erinnerungsarbeit ist Arbeit, so die beiden Autoren, und sie hört nie auf: "Dass die erkämpfte Erinnerung auch nach ihrer Institutionalisierung prekär bleibt, zeigt das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Seit Jahren setzen sich Menschen dagegen ein, dass das erst wenige Jahre zuvor eröffnete Denkmal durch den Bau eines S-Bahn-Tunnels gesperrt oder abgebaut wird."
Magdalena Saryusz-Wolska, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts Warschau, erinnert in der FAZ daran, dass der Holocaust verschiedene Dimensionen hatte. In die Vernichtungslager wurden Juden aus dem Ausland transportiert, aber polnische und andere osteuropäische Juden wurden oft "vor Ort" ermordet. Ein solches Massaker sah so aus, erzählt die Historikerin am Beispiel eines kleinen Orts in Polen: "Einen Tag zuvor mussten polnische Zwangsarbeiter im Wald hinter dem Priesterseminar eine Grube ausheben. Zwei Meter breit und zehn Meter lang soll sie gewesen sein. Einer der Zwangsarbeiter, die das Verbrechen beobachteten, erzählte den Seminaristen später: 'Auf der Lichtung im Wald wurden (die Opfer) vollständig entkleidet. Danach musste sich jeder, einer nach dem anderen, auf den Boden legen. Er kroch bis zum Rand der Grube auf die quer darauf liegenden Bretter, erhob sich, bis er kniete, und wurde von hinten erschossen oder erstochen. Die Kinder wurden durch einen Hieb mit der Brechstange auf den Kopf erschlagen. Die sich noch bewegenden Leichenschichten wurden mit Chlorkalk bestreut.'" Ein Drittel der Holocaust-Opfer wurden so ermordet, so Saryusz-Wolska unter Bezug auf den Historiker Stephan Lehnstaedt.
In Berlin fand am Wochenende ein Kongress israelfeindlicher Gruppen statt, die einen Boykott israelischer Hochschulen durch deutsche Institutionen forderte. Gerald Wagner berichtet für die FAZ über die nur teilweise presseöffentliche Konferenz, die zeigt, dass demokratische Parteien wohl nicht nur gegenüber der AfD, sondern auch zur Linkspartei eine "Brandmauer" werden aufbauen müssen. Zu dem Bündnis, das die Konferenz organisierte, "zählen mehr als zwanzig Organisationen, darunter das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee (VPNK), verschiedene Unterorganisationen der Linkspartei und BDS Berlin. Der Berliner Senat nennt das VPNK eine Gruppierung, die verfassungsfeindliche Bestrebungen verfolge, weil hier Anhänger der Hamas und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) eng zusammenarbeiteten. Als 'Ko-Organisatoren' des Kongresses traten hauptsächlich die 'Students for Palestine'-Gruppen zahlreicher deutscher Universitäten auf."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Natascha Strobl: Kulturkampfkunst Ein "Zuschauer*innen" in den Nachrichten, und das Internet kocht. Ein Verlag zieht zwei Winnetou-Bücher zurück, und die Angelegenheit weitet sich fast zu einer Staatsaffäre…
Colleen Hoover: Woman Down Aus dem Amerikanischen von Anja Galic und Katarina Ganslandt. Der Shitstorm um die Verfilmung ihres Romans stürzte Bestsellerautorin Petra Rose in eine Schreibkrise. Sie…
Wolfram Lotz: Träume in Europa Du sitzt im Taxi in Amsterdam, aber seltsamerweise musst du selbst fahren, während der Taxifahrer daneben sitzt. Ein Bekannter aus dem Internet umarmt dich zu Hause, du fühlst…
Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit Pascal Mercier ist nun in fünf bisher unveröffentlichten Erzählungen auch als Meister der kurzen Form zu entdecken: Kann ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Jahre noch einmal…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier