Richard C. Schneider
erklärt in der
NZZ mit Blick auf die befreiten
israelischen Geiseln, dass die
Rettung von jüdischem Leben einem gesellschaftlichen und religiösen Prinzip entspricht: "Ein zentraler Begriff im Judentum ist 'Pikuach Nefesh', die Rettung eines Lebens, oder wörtlich: die 'Wachsamkeit über die Seele'. Dieses Prinzip besagt, dass das menschliche Leben oberste Priorität hat, so dass praktisch alle religiösen Gebote, soweit sie nicht zu den absoluten Verboten zählen (zum Beispiel Mord, Götzendienst, schwere sexuelle Vergehen), gebrochen werden dürfen, um ein Leben zu retten. Wenn man diese religiöse Norm auf die Situation von Geiseln überträgt, ergibt sich eine Verpflichtung: Alles,
was möglich ist,
um sie zu befreien, wird eingesetzt. Nicht nur im Rahmen militärischer oder diplomatischer Möglichkeiten, sondern als moralische Pflicht. Ein abhandengekommenes Leben ist nicht etwas, das man hinnimmt. Geiseln zu befreien, ist also kein Luxus, sondern eine
Manifestation dieser religiösen Ethik. In der Praxis hat dieses Denken konkrete Konsequenzen - selbst wenn der Preis dafür hoch ist, so wie im jetzigen Fall. Aber auch schon früher: Als im Jahr 2006 der israelische Soldat
Gilad Shalit von der Hamas entführt wurde und fünf Jahre lang im Gazastreifen gefangen gehalten wurde, entschied sich der Staat zur Freilassung von
1027 palästinensischen Gefangenen, unter ihnen verurteilte Terroristen wie
Yahya Sinwar, der Kopf hinter dem Massaker vom 7. Oktober 2023. Die Mehrheit der Israeli unterstützte die Entscheidung damals. Ein jüdisches Leben ist nicht verhandelbar."
"Plötzlich sind sie wieder da: Schwarz maskierte
Hamas-
Kämpfer stehen mit Gewehren vor der Brust an Straßenkreuzungen im Gazastreifen. Nach Eintritt der Waffenruhe zeigen sie wieder Präsenz und inszenieren sich als reguläre Polizeikräfte", die auch gleich wieder "
Verräter"
umbringen, berichten Mohannad Alkhalil Alnajjar und Dunja Ramadan im
Spiegel. Von
Entwaffnung wollen sie nichts hören. "Derzeit versucht die Hamas ein neues Wort in den Diskurs rund um die Entwaffnung zu bringen, berichtet
Sadeq Abu Amer, der die Denkfabrik Palestinian Dialogue Group leitet, eine palästinensische zivilgesellschaftliche Organisation mit Sitz in Istanbul. Formulierungen wie 'Waffen abgeben' oder 'die Waffen niederlegen' oder gar 'Entwaffnung' wären aus Sicht der Hamas ein
Gesichtsverlust, deshalb bevorzuge die Organisation einen mit den ägyptischen Vermittlern vereinbarten Wortlaut, nämlich die Waffen erst einmal '
einzufrieren'. Diesen Vorschlag der Hamas an Israel erwähnte kürzlich auch Diaa Raschwan, Chef des ägyptischen Staatsinformationsdienstes, gegenüber dem Nachrichtenkanal Al Arabiya. Für einen Zeitraum von
fünf bis zehn Jahren würde die Gruppe ihre Waffen nicht einsetzen - ein befristetes 'Einfrieren' ihres bewaffneten Arsenals. Allerdings lehnt die Organisation es ab, ihre Waffen komplett abzugeben, vor allem nicht an israelische oder nicht arabische Parteien. Stattdessen könnten die Waffen, so Raschwan, etwa einem Komitee bestehend aus Ägyptern, weiteren arabischen Vertretern oder Palästinensern
zur Verwahrung überlassen werden." Wozu sie die Waffen in fünf oder zehn Jahren wieder braucht, sagt die Hamas nicht.
Die Hamas wird ihre Waffen nicht abgeben, ist auch Ludwig Greven bei den
Ruhrbaronen überzeugt, und sie wird "weiter morden und
neue Massaker an Juden planen, wie einige ihrer Anführer sogleich stolz verkündeten. Die arabische Sicherheitstruppe unter US-Führung und die Technokraten-Regierung, die die Verwaltung des weitgehend zerstörten Küstenstreifens übernehmen soll, stehen in den Sternen. Niemand will die Hamas-Krieger aufnehmen, weil auch die arabischen Potentaten sie
als Gefahr betrachten - für sie selbst. Und keiner will sich wie Israel in Gaza die Finger schmutzig machen. So kann sich die Hamas bis auf weiteres in Gaza und der Westbank wieder breit machen."
In der
taz fordert Charlotte Wiedemann endlich eine
Neuausrichtung der deutschen Israelpolitik: Deutsche Politiker müssten sich fragen, "ob an ihren Händen das
Blut palästinensischer Kinder klebt" und jetzt auf jeden Fall einen palästinensischen Staat fördern. Auf die Israelis könne man sich dabei nicht verlassen: "Drei Viertel der jüdischen Israelis wollen laut Umfragen keinen palästinensischen Staat dulden - das bedeutet, die Mehrheitsgesellschaft ist derzeit
leider kein Partner für eine Politik, die palästinensische Selbstbestimmung respektiert. Und viele Israelis sind weiterhin davon überzeugt, dass der historische Opferstatus ihrem Land das Recht gibt, Dinge zu tun, die
keinem anderen Land erlaubt sind. Wer widerspricht, ist antisemitisch, bis hin zu den Vereinten Nationen und jenen Institutionen, die einst nach 'Nürnberg' geschaffen wurden. Dieser Wahn hat Israel an den Punkt gebracht, wo es heute ist." Dieser Wahn? Nicht das Massaker vom 7. Oktober?
Es ist seltsam still in der
pro-palästinensischen Szene seit dem Waffenstillstand, konstatiert Ahmad Mansour in der
Welt. Ging es vielleicht gar nicht um Frieden? "Protest wurde zur Pose und Pose zur Identität. In den letzten zwei Jahren gaben Demos Zugehörigkeit, moralische Selbstvergewisserung, eine Rolle im grandiosen Drama der Gegenwart. Man war, so die Selbstbeschreibung, auf der 'richtigen Seite der Geschichte'. Die Belohnung kam in Form von Reichweite, Followern, Likes - Klickökonomie als Sinnstifter. Und wie mit einem Schlag scheint die Szene, die damit Klickwerte gewann, in sich zusammenzusacken. Sie wollte Israel abstrafen, anstatt Palästinensern zu helfen, sie hat
Terrorismus romantisiert und Gewalt semantisiert. Und nun hat sie über Nacht ihr Pathos verloren. Der Frieden entlarvt die Szene, er raubt ihr mit dem Krieg den Treibstoff."