Richard C. Schneider erklärt in der NZZ mit Blick auf die befreiten israelischen Geiseln, dass die Rettung von jüdischem Leben einem gesellschaftlichen und religiösen Prinzip entspricht: "Ein zentraler Begriff im Judentum ist 'Pikuach Nefesh', die Rettung eines Lebens, oder wörtlich: die 'Wachsamkeit über die Seele'. Dieses Prinzip besagt, dass das menschliche Leben oberste Priorität hat, so dass praktisch alle religiösen Gebote, soweit sie nicht zu den absoluten Verboten zählen (zum Beispiel Mord, Götzendienst, schwere sexuelle Vergehen), gebrochen werden dürfen, um ein Leben zu retten. Wenn man diese religiöse Norm auf die Situation von Geiseln überträgt, ergibt sich eine Verpflichtung: Alles, was möglich ist, um sie zu befreien, wird eingesetzt. Nicht nur im Rahmen militärischer oder diplomatischer Möglichkeiten, sondern als moralische Pflicht. Ein abhandengekommenes Leben ist nicht etwas, das man hinnimmt. Geiseln zu befreien, ist also kein Luxus, sondern eine Manifestation dieser religiösen Ethik. In der Praxis hat dieses Denken konkrete Konsequenzen - selbst wenn der Preis dafür hoch ist, so wie im jetzigen Fall. Aber auch schon früher: Als im Jahr 2006 der israelische Soldat Gilad Shalit von der Hamas entführt wurde und fünf Jahre lang im Gazastreifen gefangen gehalten wurde, entschied sich der Staat zur Freilassung von 1027 palästinensischen Gefangenen, unter ihnen verurteilte Terroristen wie Yahya Sinwar, der Kopf hinter dem Massaker vom 7. Oktober 2023. Die Mehrheit der Israeli unterstützte die Entscheidung damals. Ein jüdisches Leben ist nicht verhandelbar."
"Plötzlich sind sie wieder da: Schwarz maskierte Hamas-Kämpfer stehen mit Gewehren vor der Brust an Straßenkreuzungen im Gazastreifen. Nach Eintritt der Waffenruhe zeigen sie wieder Präsenz und inszenieren sich als reguläre Polizeikräfte", die auch gleich wieder "Verräter" umbringen, berichten Mohannad Alkhalil Alnajjar und Dunja Ramadan im Spiegel. Von Entwaffnung wollen sie nichts hören. "Derzeit versucht die Hamas ein neues Wort in den Diskurs rund um die Entwaffnung zu bringen, berichtet Sadeq Abu Amer, der die Denkfabrik Palestinian Dialogue Group leitet, eine palästinensische zivilgesellschaftliche Organisation mit Sitz in Istanbul. Formulierungen wie 'Waffen abgeben' oder 'die Waffen niederlegen' oder gar 'Entwaffnung' wären aus Sicht der Hamas ein Gesichtsverlust, deshalb bevorzuge die Organisation einen mit den ägyptischen Vermittlern vereinbarten Wortlaut, nämlich die Waffen erst einmal 'einzufrieren'. Diesen Vorschlag der Hamas an Israel erwähnte kürzlich auch Diaa Raschwan, Chef des ägyptischen Staatsinformationsdienstes, gegenüber dem Nachrichtenkanal Al Arabiya. Für einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren würde die Gruppe ihre Waffen nicht einsetzen - ein befristetes 'Einfrieren' ihres bewaffneten Arsenals. Allerdings lehnt die Organisation es ab, ihre Waffen komplett abzugeben, vor allem nicht an israelische oder nicht arabische Parteien. Stattdessen könnten die Waffen, so Raschwan, etwa einem Komitee bestehend aus Ägyptern, weiteren arabischen Vertretern oder Palästinensern zur Verwahrung überlassen werden." Wozu sie die Waffen in fünf oder zehn Jahren wieder braucht, sagt die Hamas nicht.
Die Hamas wird ihre Waffen nicht abgeben, ist auch Ludwig Greven bei den Ruhrbaronenüberzeugt, und sie wird "weiter morden und neue Massaker an Juden planen, wie einige ihrer Anführer sogleich stolz verkündeten. Die arabische Sicherheitstruppe unter US-Führung und die Technokraten-Regierung, die die Verwaltung des weitgehend zerstörten Küstenstreifens übernehmen soll, stehen in den Sternen. Niemand will die Hamas-Krieger aufnehmen, weil auch die arabischen Potentaten sie als Gefahr betrachten - für sie selbst. Und keiner will sich wie Israel in Gaza die Finger schmutzig machen. So kann sich die Hamas bis auf weiteres in Gaza und der Westbank wieder breit machen."
In der tazfordert Charlotte Wiedemann endlich eine Neuausrichtung der deutschen Israelpolitik: Deutsche Politiker müssten sich fragen, "ob an ihren Händen das Blut palästinensischer Kinder klebt" und jetzt auf jeden Fall einen palästinensischen Staat fördern. Auf die Israelis könne man sich dabei nicht verlassen: "Drei Viertel der jüdischen Israelis wollen laut Umfragen keinen palästinensischen Staat dulden - das bedeutet, die Mehrheitsgesellschaft ist derzeit leider kein Partner für eine Politik, die palästinensische Selbstbestimmung respektiert. Und viele Israelis sind weiterhin davon überzeugt, dass der historische Opferstatus ihrem Land das Recht gibt, Dinge zu tun, die keinem anderen Land erlaubt sind. Wer widerspricht, ist antisemitisch, bis hin zu den Vereinten Nationen und jenen Institutionen, die einst nach 'Nürnberg' geschaffen wurden. Dieser Wahn hat Israel an den Punkt gebracht, wo es heute ist." Dieser Wahn? Nicht das Massaker vom 7. Oktober?
Es ist seltsam still in der pro-palästinensischen Szene seit dem Waffenstillstand, konstatiert Ahmad Mansour in der Welt. Ging es vielleicht gar nicht um Frieden? "Protest wurde zur Pose und Pose zur Identität. In den letzten zwei Jahren gaben Demos Zugehörigkeit, moralische Selbstvergewisserung, eine Rolle im grandiosen Drama der Gegenwart. Man war, so die Selbstbeschreibung, auf der 'richtigen Seite der Geschichte'. Die Belohnung kam in Form von Reichweite, Followern, Likes - Klickökonomie als Sinnstifter. Und wie mit einem Schlag scheint die Szene, die damit Klickwerte gewann, in sich zusammenzusacken. Sie wollte Israel abstrafen, anstatt Palästinensern zu helfen, sie hat Terrorismus romantisiert und Gewalt semantisiert. Und nun hat sie über Nacht ihr Pathos verloren. Der Frieden entlarvt die Szene, er raubt ihr mit dem Krieg den Treibstoff."
Zeruya Shalev wurde selbst bei einem Attentat in Bethlehem 2004 schwer verletzt (Kontext), elf Menschen waren bei diesem Attentat ums Leben gekommen (mehr hier) - in ihrem Roman "Schmerz" von 2015 (der damals bei der Kritik nicht unbedingt gut ankam) thematisierte sie dieses Attentat. Der Attentäter gehört zu den Hunderten palästinensischen Gefangenen, die im Austausch für zwanzig lebende und 28 ermordete israelische Geiseln freigelassenwerden. In der SZ schreibt sie über die Euphorie nach der Heimkehr der Geiseln aber auch über diesen Preis. "Der Gedanke daran, dass der Mann, der unschuldigen Menschen absichtlich so viel Leid zugefügt hat, von nun an auf freiem Fuß sein wird und weiteres Leid zufügen kann, lässt mich ängstlich und beklommen fühlen. Leider kehren die meisten in Abkommen freigelassenen Täter zu Terror zurück, aber noch haben wir keine andere Wahl, als sie massenhaft freizulassen, um unsere Geiseln zurückzuholen. Für einen Moment schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, und obwohl ich weiß, dass er naiv ist, kann ich ihn nicht abschütteln: Vielleicht werde ich versuchen, ihn zu treffen. Vielleicht gelingt es mir, ihn zu überzeugen, dass Terror nicht der Weg ist. Wir haben einen so hohen Preis bezahlt, beide Völker, es ist an der Zeit, Kompromisse einzugehen. 'Was ist denn mit dir los, willst du ihm die Chance geben, seinen Job zu Ende zu bringen?', spottet eine Freundin, als sie von meiner Idee hört. Ich weiß, dass das nicht realistisch ist. Aber an Tagen wie diesen, an denen ein seit zwei Jahren herbeigesehnter Traum endlich in Erfüllung geht, erlaube ich mir, weiter mit euch zu träumen."
Die Israelis umarmen einander, die Palästinenser erschießen einander. Die Hamas exekutiert jeden im Gazastreifen, der ihr nicht genehm ist. Den Trumpschen Friedensplan findet Lisa Schneider in der taz gut. Aber optimistisch ist sie nicht: "In einer besseren Welt würde das Momentum der derzeitigen Verhandlungen genutzt, um noch einen Schritt weiter zu gehen: um endlich eine Perspektive für einen neben Israel existierenden, dem Frieden verpflichteten palästinensischen Staat schaffen. Das Momentum wird wohl verstreichen - auch, weil die europäischen Staaten, wie derzeit so oft, über Worte nicht hinauskommen." Über Trumps Tag in Israel und die Friedensverhandlungen von Scharm al-Scheich, berichtet in der tazFelix Wellisch. Und Mirco Keilberth analysiert die Rolle der arabischen Staaten, die in einer ungewohnt konstruktiven Rolle auftreten.
Auf Twitter zirkulieren grauenhafte Videos, die öffentliche Hinrichtungen zeigen. Die Hamas will unterstreichen, dass sie ihre Bevölkerung nach wie vor unter der Knute hat. Diese Videos werden wir nicht einbetten. Hier ein Kommentar des kritischen palästinensischen Intellektuellen Ahmed Fouad Alkhatib, der im amerikanischen Exil lebt.
All over Telegram, Hamas channels are making it clear and repeating their slogan: "We are the flood; we are the day after." Their terrorists emerged from the tunnels, and when they're not executing or shooting Gazans, they walk around markets, steal aid & impose taxes like a… pic.twitter.com/0bRg9NVC4v
Die jahrzehntealte Partnerschaft zwischen den USA und Israel hat ihren Zenit mit Donald Trump überschritten, konstatiert der PolitikwissenschaftlerStephan Bierling in der NZZ. Das liegt daran, dass Trump sich nun Richtung Saudi-Arabien und anderen Öl-Staaten orientieren könnte und zum Anderen an einer zunehmend anti-israelischen Haltung, auch in der MAGA-Bewegung. "Eine Gallup-Umfrage ergab im Juli 2025, dass nur mehr 32 Prozent der Amerikaner Israels Militäroperation in Gaza unterstützen. Während es bei den Demokraten gerade noch 8 Prozent waren, lagen die Werte bei Unabhängigen bei 25 und bei Republikanern bei 71 Prozent. (....) Selbst junge Republikaner und Maga-Isolationisten wie die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene und der Talkshow-Host Tucker Carlson kritisieren Israel immer schärfer. Im Moment mag der jüdische Staat militärisch in der stärksten Position seiner Geschichte und der neue Hegemon im Nahen Osten sein. Doch ohne die Unterstützung der Weltmacht USA könnte alles auf Wüstensand gebaut sein."
Das Wichtigste zuerst: "Die Hamas hat die Geiseln Alon Ohel, Matan Angrest, Guy Gilboa-Dallal, Eitan Mor, Gali und Ziv Berman und Omri Miran freigelassen", meldet die Jüdische Allgemeine. "Die Ankündigung wurde auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv mit großem Jubel begrüßt. Seit fünf Uhr morgens haben sich dort Tausende versammelt, um der Freilassung der Männer entgegenzufiebern. Gegen neun Uhr soll die Hamas weitere 13 Männer, die zweite Gruppe der noch lebenden Geiseln, an das Rote Kreuz übergeben." Zugleich ist Trumps großer Friedensplan ins Stocken geraten, weil sich die Hamas weigert, ihre Waffen abzugeben, heißt es in einer zweiten Meldung. Nur unter dieser Bedingung ist die israelische Armee jedoch bereit, sich aus Gaza zurückzuziehen.
Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Johanna Haberer bei Zeit Online mit Blick auf den Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas: "Trump war nach all dem der Einzige, der Israels Regierungschef zwingen konnte, seine rechtsradikalen Minister zum Schweigen zu bringen, die mehr oder weniger geräuschvoll von der israelischen Besiedlung des Gazastreifens träumen und der Vertreibung aller Palästinenser aus dem Westjordanland. Die radikalen Parteien auf beiden Seiten, die sich mit dem Slogan 'From the River to the Sea' auf den Lippen unversöhnlich gegenüberstehen, sie sind bis auf Weiteres still. Macht das einen neuen Donald Trump? Nein, das nicht. Aber es macht uns, die Zeugen dieses politischen Wunders, klar, dass nicht immer gute Menschen Gutes tun und schlechte Menschen Schlechtes. Es zeigt uns einmal mehr, dass, wie das Sprichwort sagt, Gott auf krummen Linien gerade schreiben kann und dass die moralistische Vorstellung - der übrigens bereits Aristoteles anhing - ein guter Mensch könne nur Gutes bewirken und ein schlechter nur Schlechtes, schlicht ein gedanklicher Irrtum ist."
Dass die Radikalen still sind, würde Peder Iblher in Politico nicht unterschreiben. Donald Trump Friedensplan beruhe im wesentlich auf älteren Plänen, mit dem Unterschied, "dass er nicht versucht, einen palästinensischen Staat zu gründen oder zu definieren, welches Land zu Israel und welches zu Palästina gehören wird. Die übergeordnete Idee ist, dass sich das Leben der Bewohner Gazas mit der Zeit wirtschaftlich verbessern wird und sie ein berechtigtes Interesse an Frieden haben werden. Ebenso werden die Israelis erkennen, dass sie mit den Palästinensern als friedliche Nachbarn koexistieren können und keine Angst um ihre Sicherheit oder das Überleben ihres Staates haben müssen. ... Eine entmilitarisierte Hamas wird keine Rolle in der Regierungsführung spielen." Das sieht die Hamas jedoch ganz anders und die Regierung Netanjahu wohl auch: "Laut Gina Abercrombie-Winstanley von der Scowcroft Middle East Security Initiative enthält der Plan Elemente, die sowohl für Israel als auch für die Hamas 'ein Gräuel' sind. 'Die Hamas will nicht entwaffnen und ihre Rolle in der Zukunft Palästinas aufgeben', sagte sie. 'Und Israel will sich nicht vollständig aus dem Gazastreifen zurückziehen, die Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde zulassen oder einem späteren palästinensischen Staat zustimmen.'"
In der Côte d'Ivoire, der Elfenbeinküste, soll bald gewählt werden. Doch in der tazblickt Dominic Johnson mit wenig Optimismus auf die Zukunft der Ivorer. Der Streit um die Einwanderer aus dem ehemaligen Französisch-Westafrika, vor allem aus Burkina Faso, die Staatsgründer Felix Houphouet-Boigny in den 60ern, als die Kakaopreise hoch waren, herzlich willkommen geheißen hatte, schwelt weiter. Und die beiden Konkurrenten um das Amt des Präsidenten sind über achtzig Jahre alt: "Die Stabilität der Elfenbeinküste hängt am seidenen Faden. Schon die Wahl 2020 führte zu Unruhen mit Dutzenden Toten. 2025 dürfte kaum ruhiger werden. Zu einer 'Nacht der Hyänen', wie der ivorische Schriftsteller Venance Konan Ende 2010 in der taz Gbagbos Repression nach seiner gestohlenen Wahl nannte, dürfte es kaum kommen: niemand hat Lust auf Krieg und Ouattara ist kein Gewaltherrscher wie Gbagbo damals. Aber es hängen Schatten über der Elfenbeinküste. Die Elfenbeinküste schaffte es nie, den Traum einer offenen Gesellschaft mit Demokratie und Nachhaltigkeit zu vereinbaren. An seine Stelle rückten Alpträume, und eine unbelastete neue Ära will sich einfach nicht einstellen."
So richtig was anfangen kann tazler Bernd Pickert mit der designierten Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, die er als "Venezuelas rechte Oppositionsführerin" vorstellt, wohl nicht: Sie beziehe "Legitimität weniger aus ihren eigenen politischen Positionen als vielmehr aus der brutalen Unterdrückung der Opposition in Venezuela. Die 58-Jährige gehört zur alten venezolanischen Wirtschaftselite, vertritt durchweg neoliberale Positionen, benennt Margaret Thatcher als ihr Vorbild und gehörte 2013 bis 2015 zu jenen venezolanischen Oppositionsführer, die das verhasste Regime von Nicolás Maduro durchaus auch mit Gewalt aus dem Amt befördern wollten."
Eine "heikle Entscheidung" sei dieses Votum für die "älteste Tochter einer Industriellenfamilie, ein Kind der großbürgerlichen Elite", findet auch Thomas Fischermann von der bürgerlichen, liberalen Zeit: "Um das Maduro-Regime in ihrem Heimatland zu stürzen, kooperierte Machado eng mit den USA. Dabei rief sie auch ausdrücklich zu Sanktionen und anderen Formen von Druck auf. Zu Aktionen also, die nicht nur das Regime selbst, sondern auch viele Menschen in ihrem Heimatland hart treffen würden."
Zur Frage, ob Donald Trump nach seinem Erfolg in Nahost den Friedensnobelpreis verdient hätte, sagt Michael Wolffsohn im Gespräch mit Michael Hanfeld von der FAZ: "Trump hat jetzt einen Waffenstillstand ermöglicht, aber es ist noch kein Frieden. Insofern halte ich eine mögliche Verschiebung für sinnvoll. Dass Trump den Friedensnobelpreis vom Ansatz her verdient, ist zweifellos richtig. Der unethische, skrupellose Trump hat im Nahen Osten eine völlig neue regionale Wirklichkeit geschaffen. Vor ihm schöne Worte, nichts dahinter. Weltmeister dabei Deutschland und Europa. Alle arabischen und nahezu alle islamischen Staaten - minus Iran und Satelliten - kooperieren nun mit und erkennen Israel de facto an. Das hat nur Trump geschafft."
Es ist gut, dass das Komitee nicht Trump auszeichnete, meint Reymer Klüver in der SZ. Er erinnert daran, dass Trump nicht der erste Schurke wäre, der den Preis erhielt. Der Preis für Machado aber reiht sich für ihn in eine bessere Tradition ein: "Das Komitee hat stets auch politisch gedacht. Der deutsche Journalist Carl von Ossietzky erhielt die Auszeichnung 1936, weil er sich gegen den Faschismus stellte. Lech Walesa bekam sie 1983, weil er wider die kommunistische Unterdrückung aufstand. Aung San Suu Kyi (1991) wurde für ihren gewaltfreien Kampf gegen die Junta in Myanmar gewürdigt. In diese Riege reiht sich Machado ein."
Die Times of Israelbringt am frühen Morgen die erlösende Meldung: "Das Kabinett von Premierminister Benjamin Netanjahu stimmte am frühen Freitagmorgen für ein Waffenstillstandsabkommen für den Gazastreifen, das die Freilassung von Geiseln im Austausch gegen palästinensische Sicherheitshäftlinge und eine Einstellung der Kämpfe vorsieht, trotz lautstarker Einwände der rechtsextremen Koalitionspartner des Premierministers."
Nun werden etwa zwanzig lebende und dreißig von der Hamas ermordete Geiseln gegen 2.000 palästinensische Häftlinge ausgetauscht, schrieb Felix Wellisch in der taz noch vor der Zustimmung des israelischen Kabinetts. Auch nach der Billigung durch das Kabinett blieben noch viele Fragen: "Bis wohin genau sollen sich die israelischen Truppen zurückziehen? Wie steht die Hamas zu der Bedingung, ihre Waffen abzugeben, was sie stets abgelehnt hatte? Von wem wird der Gazastreifen in Zukunft regiert und wer wird dort für Sicherheit sorgen? Trump schrieb dazu lediglich: 'Alle Parteien werden fair behandelt'." Jetzt kommt es darauf an den Druck zu erhöhen, meint ebendort Lisa Schneider, "vor allem auf Israel, das nach der Rückkehr der Geiseln in einer noch stärkeren Position sein wird als zuvor".
"Das Gaza-Abkommen ist ein beeindruckender Erfolg für Trump und Netanjahu - vorausgesetzt, es hält", kommentiert Lazar Berman in der Times of Israel. "Wenn das Abkommen in die zweite Phase übergeht, in der die Hamas durch eine unabhängige palästinensische Regierungsbehörde ersetzt wird und glaubwürdig entwaffnet sein muss, wird dieser Feldzug als einer der größten Siege Israels in die Erinnerung eingehen - zwei Jahre nach seinem tödlichsten Debakel. ... Eine dritte Phase könnte durchaus eine Welle von Normalisierungsabkommen mit arabischen und muslimischen Staaten sein - wiederum, wenn alles nach der Vision von US-Präsident Donald Trump verläuft, was keineswegs garantiert ist."
Ein guter erster Schritt ist das Abkommen, denkt sich ein skeptischer Tomas Avenarius in der SZ, aber entscheidend für einen echten Frieden ist, wie es jetzt weitergehen soll, und dazu würde gehören, dass Israelis und Palästinenser sich der Realität stellen: Eine Zweistaatenlösung ist durch die israelische Siedlungspolitik unmöglich geworden. "Stattdessen das Modell zweier Nationen, die gemeinsam und in einem gemeinsamen Staat auf dem engen Raum des historischen Palästina leben? Undenkbar angesichts des Hasses, der demografischen Realitäten und des gelebten Irrsinns, der sich fälschlicherweise Religion schimpft: ob es die politisierte Form des Glaubens radikaler und militanter Siedler ist, oder der Irrglauben islamistisch verblendeter Muslime in Hamas-Façon. Über das politische Versagen aller Palästinenser-Regierungen seit Jassir Arafats Tagen ist auch längst alles gesagt worden - von der endemischen Korruption über das absurde Hochhalten der Idee des Widerstands bis hin zum Fehlen einer glaubwürdigen, belastbaren und dauerhaften Akzeptanz Israels. Warum die Palästinenser bis heute noch keine Führung gefunden haben, die all dies erfüllt, die Frage muss sich dieses Volk ohne Staat endlich selbst stellen."
Der israelische Historiker Amir Teicher hat seit der Bekanntgabe des Waffenstillstands ein Wechselbad der Gefühle durchlebt, erzählt er in der SZ. Aber am Ende ist er sicher: Es braucht ein Wunder, um dieses Waffenstillstandsabkommen in einen echten Frieden zu verwandeln: "Aufzuhören, aufeinander zu schießen, ist ein guter Anfang, aber ein sehr bescheidener. Wir werden viel Zeit brauchen zum Heilen und Reparieren all dessen, was zerbrochen wurde. Letztendlich jedoch - es sei denn, wir haben genug Empathie-Suchende, die bereit sind, etwas Raum zu geben - sind wir dem Untergang geweiht."
In der Zeitschreiben Colin Ivory Meyer und Jana Rogmann über die israelischen Geiseln, die noch in Gaza festgehalten werden. Insgesamt 251 Menschen hatte die Hamas verschleppt. 148 sind bislang freigegeben, mehr als vierzig wurden in Gefangenschaft ermordet, über den Verbleib von sieben bis 15 Leichen weiß die Hamas laut CNN offenbar nichts. Sie hält 48 Geiseln im Gazastreifen fest, von denen etwa zwanzig noch leben sollen. "Unter ihnen sieben Männer, die neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen: Tamir Adar, Rom Braslavski, Ziv Berman und Gali Berman, Itay Chen, Tamir Nimrodi und Alon Ohel. Die weiteren Geiseln, von deren Überleben Israel ausgeht, sind Elkana Bohbot, Ariel und David Cunio, Evyatar David, Guy Gilboa-Dalal, Maxim Herkin, Bipin Joshi, Segev Kalfon, Bar Abraham Kuperstein, Omri Miran, Eitan Abraham Mor, Yosef-Haim Ohana, Avinatan Or und Matan Zangauker. ... Welche Folgen es für den Deal haben könnte, dass einige der getöteten Geiseln möglicherweise verschollen bleiben, ist unklar."
Man kann die Kriegsführung Israels kritisieren und die palästinensischen Zivilopfer betrauern, "was aber die Hamas zum 7. Oktober von sich gibt, kann nur Ekel auslösen", empört sich Thomas Avenarius in der SZ. "Es zeigt, dass es bei aller berechtigten Kritik an Israel endlich auch darum gehen muss, mit wem eigentlich die Israelis Waffenstillstand oder gar Frieden schließen sollen auf Grundlage des Trump-Plans. Der 7. Oktober sei 'ein ruhmreicher Tag des Übergangs' gewesen, erklärten die Islamisten, ungerührt von fast 70 000 toten Palästinensern: Und damit von Menschen, die die Hamas zu regieren vorgab und für deren Interessen sie bis heute zu kämpfen behauptet."
Und doch scheint es zu geschehen: "Israel und Hamas einigen sichauf erste Phase des US-Friedensplans", meldetZeit online heute morgen. "Israel rechne damit, dass die ersten Geiseln am Samstag freikommen, teilte ein israelischer Regierungssprecher mit. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sprach von einem 'großen Tag für Israel'. Er werde am Donnerstag die Regierung einberufen, um das Abkommen genehmigen zu lassen. Der Hamas zufolge wurden auch mehr Hilfslieferungen für Gaza sowie die Entlassung von palästinensischen Gefangenen vereinbart."
Im Interview mit der Zeit denkt der Historiker und Nahostwissenschaftler Tom Khaled Würdemann darüber nach, wie angesichts der total verhärteten Fronten ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aussehen könnte: "So banal es klingt: Ändern muss sich das Zusammenleben, hin zu Friedlichkeit. Alles muss diesem Prinzip untergeordnet werden, die Selbstbestimmung der Palästinenser ebenso wie die Integrität und Unverletzlichkeit eines jüdischen Staates. Kein Ziel, kein Widerstand, keine Sicherheitsmaßnahme darf legitim sein, wenn sie dieses Zusammenleben verhindert. Wer Befreiung predigt, indem er Israel zerstören will, ist kein Partner. Und wer Sicherheit fordert, indem er Palästinenser entrechtet oder vertreibt, ebenso wenig. Der Zweck heiligt hier keine Mittel." Das gelte auch für eine Einstaatenlösung: "Wer eine gleichberechtigte Einstaatenlösung beschwört, aber zugleich Gruppen toleriert, die wahllos Israelis ermorden, meint es nicht ernst. Wer also von propalästinensischer Seite eine Einstaatenlösung bevorzugt, sollte zunächst auch gegen die Hamas vorgehen. Wer wirklich Frieden will, muss im Zweifel auf den eigenen Sieg verzichten."
Jouanna Hassoun von der Hilfsorganisation Transaidency erzählt im Interview mit der taz, wie schwierig es derzeit ist, Lebensmittel für die Ärmsten in Gaza zu organisieren. Nahrung können sich nur die Wohlhabenden leisten: "Es gibt derzeit kein funktionierendes Bankensystem. Manche Händler akzeptieren Zahlungen über Bank-Apps, doch meist sind wir auf Bargeld angewiesen - und dafür braucht es Strukturen, die sehr hohe Gebühren verlangen, teils mit mafiösen Zügen. In der schlimmsten Phase lagen diese Abzüge bei über 50 Prozent, inzwischen bei knapp 30 Prozent. Das bedeutet: Von 1.000 Euro Spendengeldern kommen oft nicht einmal 700 Euro direkt bei den Menschen an. So schwer es fällt: Im Krieg bleibt uns leider kein anderer Weg. ... Die Preise sind wirklich sehr hoch. Eine Lebensmittelausgabe - bestehend aus Reis und Kartoffeln - kostet derzeit etwa 1.600 Euro für knapp 160 Portionen. Eine Einkaufstasche mit Grundnahrungsmitteln für zwei bis drei Tage kostet etwa 52 Euro. Für Wasser haben wir in der schlimmsten Zeit etwa 500 Euro für 4.500 Liter bezahlt. Jetzt sind es etwa 350. Und es ändert sich ständig, je nachdem, ob gerade Hilfslieferungen reinkommen und wie viele."
Warum sich die meisten linken Briten (und es gilt nicht nur für sie) gegen den Vorwurf des Antisemitismus nicht wehren, fragt der Spectator-Kolumnist Nick Cohen. Ganz einfach, das geht gar nicht: "Sie können und wollen nicht, denn jede Verurteilung des Antisemitismus würde eine Verurteilung der Hamas, der Hisbollah und der iranischen Theokraten bedeuten." Nicht einmal die extrem enge "Jerusalem Declaration" können die "Propalästinenser" für sich akzeptieren, so Cohen, denn "Jede Definition von Antisemitismus, wie eng sie auch gefasst sein mag, würde das iranische Regime erfassen, das den Holocaust leugnet; die Hamas, deren Gründungsvertrag vom Antisemitismus des faschistischen Europas durchdrungen ist; sowie die Muslimbruderschaft und alle anderen islamistischen Organisationen, die sich irgendwann einmal dem Credo der Hamas angeschlossen haben." Die Frage nach der Festnahme von drei Hamas-Terroristen in Berlin an die europäische Linken wäre nach Cohen: "Können westliche Linke sagen, dass diese Verdächtigen potenzielle Antisemiten sind, oder betrachten sie, wie die Faschisten der 1930er Jahre, die Ermordung von Juden als legitime Strafe?"
Eva Illouz wiederholt im Interview mit Nicola Abé vom Spiegel ihre Kritik an der westlichen Linken: "Teile der europäischen und amerikanischen Linken sind nicht an Frieden interessiert, sondern an Hass. Sie haben zur Radikalisierung beider Seiten beigetragen. Von Anfang an haben sie den Horror des Massakers vom 7. Oktober geleugnet. Sie haben abgestritten, dass es sich bei der Hamas um einen genozidalen Gegner handelt. Sie haben verneint, dass Israel das Recht hat, zu reagieren und sich zu verteidigen. Diese Rhetorik stärkt den Hass. Statt Juden und Palästinenser zusammenzubringen, entfernt sie sie weiter voneinander."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der 7. Oktober hat dazu geführt, dass das Bündnis zwischen dem Universalismus und der jüdischen Bevölkerung in den Demokratien brüchig geworden ist, schreibt die SoziologinEva Illouz in einem wichtigen Artikel in der SZ. Der Text beinhaltet eine fulminante Kritik fast aller politischen Lager. Netanjahu macht sie schwerste Vorwürfe, er habe sich seiner Verantwortung nicht gestellt, und er paktiere mit Rechtsextremen in der ganzen Welt. Die internationale Öffentlichkeit kommt fast noch schlechter weg: Die extreme Rechte biedere sich an Israel an, weil der eigentliche Furor des Antisemitismus nach links gewandert sei und die Rechte so ein neues Terrain besetzen kann. "Der 7. Oktober hat den Zusammenbruch unserer semantischen Kategorien markiert", schließt sie. "Völkermord, Widerstand, Gewalt, Krieg, Demokratie, Links, Rechts, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus - all diese Begriffe haben ihre Bedeutung verloren. Was der 7. Oktober markiert hat, ist der Niedergang unserer öffentlichen Sphäre, deren Berufung es nun zu sein scheint, Worte ihrer Bedeutung zu berauben."
Der argentinische Regisseur Alfredo Leuco hat einen Film über das Schicksal der Bibas-Familie gedreht. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen erinnert er an einen besonders düsteren Aspekt des 7. Oktober: "Tatsächlich haben viele, die kamen, um zu morden, zu rauben und zu entführen, zuvor im Kibbuz gearbeitet. Viele der Kibbuz-Bewohner, die ihnen ihre Türen geöffnet hatten, wurden entführt und getötet von jenen, denen sie geholfen hatten. In Nir Oz erfuhr ich dann auch vom Schicksal der Familie Bibas... Die Geschichte der Familie hat mich aus vielen Gründen sehr schockiert. Innerhalb des Massakers, des größten Massenmordes an Juden seit dem Holocaust, hat mich ihr Schicksal besonders berührt, weil sechs Mitglieder der Familie Bibas Silberman aus dem Kibbuz Nir Oz entführt wurden. Von den sechs Personen überlebte nur eine - nach 580 Tagen Gefangenschaft und Leid. Von den fünf auf grausame Weise Ermordeten waren vier Argentinier. Drei Generationen wurden massakriert: Der Großvater José Luis Silberman, der in Argentinien aufgewachsen ist, und seine Frau Margit Shneider, die Peruanerin war, wurden verbrannt." Der Film hat bisher keinen internationalen Verleih.
Sehr lesenswert in der Jüdischen Allgemeinen auch der kleine Essay der Journalistin Nicole Dreyfus über die Auswirkungen des 7. Oktober auf das Leben aller Juden, auch in Deutschland. "Die Trauer und die Freude, die im Judentum ohnehin schon eng miteinander verbunden sind, sind noch ein Stück näher zusammengerückt oder vielleicht gar nicht mehr auseinanderzuhalten. Das fühlt sich für uns an wie Gewichtheben. Also müssen wir lernen, in diesem Kraftakt noch mehr geübt zu sein, besser zu lernen, beides zu ertragen, beides zu leben."
Der Ha'aretz-Journalist Amir Tibon hat ein Buch zum 7. Oktober geschrieben. Im Gespräch mit Konstantin Nowotny zählt er einige Fehler der israelischen Regierung auf, die zur Katastrophe beigetragen haben. "Erstens: Die israelischen Streitkräfte hatten einfach nicht genug Soldaten für alle Missionen, die sie sich vorgenommen hatten. Das bleibt bis heute ein Problem, weil wir in diesem Krieg Tausende Soldaten verloren haben. Zweitens: Ein großer Teil der militärischen Kräften war im Westjordanland stationiert. Im Buch zitiere ich einen hochrangigen Hamas-Funktionär, der in einem Fernsehinterview vom August 2023 sagt, dass Israel 30 Bataillone in der West Bank stationiert hat. Sie wussten, dass wir zu wenig Soldaten nahe Gaza hatten. Drittens: Der 7. Oktober 2023 war in Israel ein Feiertag (Simchat Torah), und die Geheimdienste versagten, weil sie nicht erkannten, dass an diesem Tag etwas passieren könnte. Alle drei Punkte zusammen erzeugten dieses Desaster."
Auch der israelische HistorikerTom Segevspricht im Interview mit der FR über den Schock, den der 7. Oktober für Israel bedeutet, als die Armee die Bevölkerung nicht schützen konnte. "Für viele, insbesondere eine ganze Generation, war das unvorstellbar. Gleichzeitig dominiert die Sorge um die Geiseln das öffentliche Leben: Ihr Schicksal ist zu einer nationalen Obsession geworden, die fast mit Holocaust-Gefühlen vergleichbar ist. Es ist eine tiefe, kollektive Erschütterung, die die israelische Gesellschaft vereint. Dazu hat auch die sehr professionelle, kostspielige Öffentlichkeitsarbeit der Geiseln-Familien beigetragen. Aber am Ende hat es nichts genutzt: Die Geiseln sind noch immer in der Hand der Hamas. Fotos und Namen sind überall, Medien bringen tägliche Interviews von Angehörigen."
Benjamin Netanjahu instrumentalisiert den Gaza-Krieg für seine Innenpolitik - trotzdem kommt auch den Palästinensern eine Schuld zu, konzediert Thomas Avenarius in der SZ. "Die Palästinenser müssen sich endlich fragen, ob ihre Sache nicht weiter wäre, wenn sie auf Argumente statt auf Gewalt gesetzt hätten."
Der PhilosophAsa Kasher, Mitautor des Ehrenkodex der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), beklagt im Interview mit der FR, dass es nach dem 7. Oktober zu so vielen "Kollateralschäden" im Gaza-Streifen gekommen sei. "Es bricht einem das Herz, daran zu denken - und noch mehr, es auf Bildern zu sehen. Aber es ist unvermeidbar. Und dafür muss man die Hamas beschuldigen. Sie sollten nicht von stark bewohnten Gebieten aus angreifen, von Krankenhausarealen aus. Trotzdem sollten wir den Schaden minimieren. Es gab einen israelischen General, der sagte: In Gaza gibt es keine unschuldigen Leute. Das ist entweder niederträchtig oder dumm. Das Baby, das gestern geboren wurde, ist auch schuldig oder gefährlich?" Ähnliche Erwägungen von Hamas-Führern haben wir in der heutigen Presse nicht gefunden.
Saba-Nur Cheema und Meron Mendel üben in ihrer identitätspolitischen FAZ-Kolumne "Multidirektionale Erinnerung": "Vielleicht müssten wir uns, jenseits dieser tribalistischen Logik, darauf verständigen, dass der 7. Oktober für Juden und Palästinenser eine Zäsur darstellt: für die einen, weil er den tiefsten Schock und die traumatischste Erfahrung seit dem Holocaust markiert. Für die anderen, weil er zu einer humanitären Katastrophe, zu Vertreibung und Zerstörung führte, die die Traumata der Nakba wieder aufrief."
Die propalästinensischen Aktivisten sollten besser aufpassen, dass sie nicht den "Fake News" der Hamas aufsitzen, wenn sie heute auf die Straße gehen, meint die SchriftstellerinJessica Durlacher in der Welt. "Ganze Menschenmengen, Jung und Alt, gehen hierfür auf die Straße in dem Glauben, für Gerechtigkeit einzustehen, blind für den Widerspruch: dass sie sich mit Menschen verbünden, die unsere Freiheiten, unsere Moral und Werte völlig ablehnen und von nur einer Sache verzehrt werden: ihrem Hass auf Juden. Wie können sie so blind sein? Dass auch von israelischer Seite Propaganda zu uns gelangt, nein, das leugne ich nicht. Es ist Krieg. Aber ich sehe dort auch Selbstreflexion, Kritik, Diskussion, Demonstrationen - alles undenkbar in Gaza, bei Hamas. Hamas opfert ihr eigenes Volk gnadenlos, für sie gilt: je mehr Tote, desto besser."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der HistorikerHerfried Münkler sieht in der SZ die Zeit der asymmetrischen Kriege aufziehen, deren Prototyp wir gerade im Konflikt Israel gegen die Hamas beobachten können: Sie "zeichnen sich dadurch aus, dass sie zur Waffe machen, was eigentlich keine Waffe ist. Dazu gehören als Erstes Bilder und Erzählmuster, die dazu dienen, die eine Seite ausschließlich als 'Täter' und die andere Seite ausschließlich als 'Opfer' zu präsentieren. In einer symmetrischen Konfrontation sind beide Seiten hingegen stets beides zugleich: Agierende und Erleidende. Das eine schließt das andere ein. Asymmetrierung löst diese Gleichzeitigkeit auf: Wir sehen auf der einen Seite nur Opfer und auf der anderen nur Täter. Die Instrumentalisierung von Zivilisten als Deckung und das zynische Kalkül, dass jeder Angriff auf diese Deckung ein Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht ist, werden dagegen dem Blick entzogen."
Der israelische SchriftstellerEtgar Keret betrachtet Donald Trumps 21-Punkte Plan für einen Frieden im Gazastreifen in der SZ mit bangen Gefühlen. "Jeder dieser 'Punkte' wirft nur weitere Fragen und Verhandlungspunkte auf und verstärkt damit die Sorge, dass die tödliche Routine des Krieges noch lange nicht vorbei ist. Während wir gespannt die Schlagzeilen verfolgen und auf das lang ersehnte Happy End warten, dürfen wir nicht vergessen, dass die israelischen Geiseln in unterirdischen Tunneln und die Zivilisten in den Trümmern von Gaza einen weiteren Tag erleben werden, an dem das Leiden andauert und Menschen sterben. Das Ende des Ganzen ist eine Schlagzeile, die noch nicht geschrieben ist."
Springer-Chef Mathias Döpfner listet in der Welt all die Institutionen auf, die aus seiner Sicht keine Solidarität mehr mit Israel zeigen, unter anderem: Linke, Woke, die UN, die EU, Friedrich Merz. "Als es wirklich darauf ankam, haben Europa und weite Teile der freien Welt versagt. Das alte antisemitische Propagandagift wirkt noch immer: Wieder einmal sind die Juden an allem schuld. Sogar an ihrer eigenen Ermordung."
Erinnern wir daran, dass sich die deutschen Medien am 7. Oktober 2023 nicht durchweg mit Ruhm bekleckerten: "Die Hamas hat mit ihrem überraschenden Angriff Israel kalt erwischt. Doch die Netanjahu-Regierung wird auch das für sich auszunutzen wissen", teaserte die SZ (wurde nach Kritik geändert). Die "Tagesschau" entkam am 8. ihrem Schema nicht: Die Wahlergebnisse in Hessen und Bayern waren ihr viel wichtiger als der Terroranschlag in Israel. Beim ZDF stellte der vielgefragte Experte Michael Lüders die "Schlappe des israelischen Militär-Establishments" in den Vordergrund. Und auf Twitter stritten FAZ-Redakteure, ob es in nicht in Wirklichkeit Laizisten sind, die das "Spiel der Rechten spielen". Hier unsere Presseschau vom 9. Oktober 2023.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der SZ will Natalie Amiri, die gerade eine Reportage über den "Nahost-Komplex" veröffentlicht hat, Trumps Kriegsplan nicht von vornherein für verloren erklären. Und auch auf Benjamin Netanjahu wirft sie einen differenzierten Blick (die Hamas kommt im Interview allerdings - wie so oft - praktisch nicht vor): "Wenn es Netanjahus Ziel war, dass die letzte Zeile seines Wikipedia-Eintrages einmal nicht lautet: '... und ermöglichte durch seine Ignoranz den Schlag der Hamas am 7. Oktober' - dann hat er das zweifelsohne erreicht. Der Artikel wird nun weitergehen mit einem Kapitel zu seinem grausamen Krieg in Gaza und mit einem zu der Befreiung, die sein Feldzug gegen Iran der Region gebracht hat. Ohne den hätte Assad in Syrien nicht so schnell gestürzt werden können, hätte Libanon nicht die Chance, die Hisbollah zu entwaffnen. Mein Vater und sein Stammtisch mit Exiliranern, die seit Jahrzehnten von einer Rückkehr nach Iran träumen und sich schon so oft sicher waren, dass es bald so weit ist, haben nun vielleicht eine realistischere Chance, dass ihr Traum Wirklichkeit wird."
In China werden Minderheitenimmer stärker drangsaliert, was Spiegel-Reporter Georg Fahrion am Beispiel der Mongolen deutlich macht: Klöster und Mönche werden kontrolliert, die mongolische Kultur heißt jetzt offiziell "Kultur der Nordgrenze", immer mehr Schulfächer werden nur auf Mandarin unterrichtet, überhaupt wächst der Druck, Mandarin statt Mongolisch zu sprechen. Hintergrund dieser Politik sei Xis Furcht, China könnte sich eines Tages auflösen wie die Sowjetunion, wofür er auch deren Multikulturalismus verantwortlich macht: "Der Fachbegriff dafür lautet 'Sinisierung', gemeint ist eine staatlich forcierte Assimilation. 'Die Entwicklung geht dahin, die mongolische Kultur zu verwässern, zu marginalisieren und ihr die Bedeutung zu nehmen', sagt James Leibold, Professor an der La Trobe University in Melbourne und eine Koryphäe auf dem Gebiet von Chinas Minderheitenpolitik. 'In der Inneren Mongolei existiert kaum mehr eine ausgeprägt mongolische Kultur, sondern bestenfalls eine Mischform, die immer stärker Han-chinesisch als mongolisch daherkommt.'" Auch die Europäer bekommen diesen Assimilationsdruck zu spüren: "Eine geplante Innere-Mongolei-Ausstellung in Frankreich kam 2020 nicht zustande, weil die chinesische Seite darauf beharrte, Begriffe wie 'mongolisch' sowie Bezüge zu Dschingis Khan zu tilgen, was der Museumsdirektor ablehnte."
Dinah Riese und Lisa Schneider haben für die taz mit Angehörigen von Opfern des Hamas-Massakers am 7. Oktobergesprochen, die nach Berlin gereist sind, um hier an das Schicksal der Entführten zu erinnern. "Der Terror der Hamas, er ist auch ein Krieg der Bilder. Immer wieder veröffentlicht sie Videos der Geiseln: abgemagert, verletzt, gefoltert. Von Alon Ohel gibt es zwei solche Propagandavideos, das letzte ist von Ende September. 'Es war sehr schwer für uns, diese Bilder zu sehen', sagt seine Mutter Idit Ohel. 'Gleichzeitig wissen wir so, dass er am Leben ist. Auch wenn er verletzt ist, Granatsplitter im Körper hat und auf einem Auge nicht mehr sehen kann.' Sie mache sich große Sorgen um die Gesundheit ihres Sohns. 'Sie lassen ihn hungern, ein Jahr lang waren er und die anderen an Armen und Beinen mit einer Motorradkette gefesselt. Danach konnten sie sich nicht auf den Beinen halten, nicht gehen. Die Terroristen haben sie ausgelacht.' Das hätten drei andere Geiseln nach ihrer Freilassung berichtet, die mit Ohel gefangen gehalten wurden."
In der tazfindet es Karim El-Gawhary falsch, den 7. Oktober als Ausgangspunkt für den jetzigen Krieg in Gaza zu sehen. Er sei vielmehr "Ergebnis einer langen Serie von Ungerechtigkeiten", die den Palästinensern "widerfahren sind. Sie setzen ihn in den Kontext einer brutalen israelischen Besetzung und der 16-jährigen völligen Isolierung des Gazastreifens vom Rest der Welt. Auch nach dem Abzug der Siedler und der israelischen Armee 2005 gilt der Gazastreifen als besetztes Gebiet, da Israel seitdem die Land- und Seegrenzen sowie den Luftraum kontrolliert - so urteilte im vergangenen Jahr der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Die palästinensische Akademikerin Yara Hawari sieht es so: 'Um den 7. Oktober zu verstehen, muss man zuerst Jahrzehnte israelischer Besatzung, den Siedler-Kolonialismus und die 16-jährige brutale Blockade Gazas verstehen, der den Streifen in ein Freiluftgefängnis verwandelt hat.'" Dass es auch eine Grenze zu Ägypten gibt, wird hier nicht erwähnt.
Außerdem in der taz: Im Interview vergleicht der in Südafrika aufgewachsene amerikanische Journalist Peter Beinart die Situation der Palästinenser in Israel mit dem südafrikanischen Apartheid-System. Nur wo ist der Nelson Mandela, der Juden und Palästinensern eine Vision von einem "Land für alle" anbieten kann? Der Rabbiner Walter Rothschild hätte "einen bescheidenen Vorschlag, der vermutlich fast alle glücklich machen würde. Israel sollte so schnell wie möglich eine 'provisorische Regierung des freien Palästina' ausrufen. Mit dieser Erklärung (ähnlich derjenigen von Ben-Gurion im Jahr 1948) könnte ein Appell an die Nachbarländer, friedliche Beziehungen zu pflegen, einhergehen sowie das Versprechen, Wahlen abzuhalten, das Versprechen, die Rechte der Gläubigen aller Religionen, die Menschenrechte der Einwohner aller Geschlechter und sexueller Orientierung zu respektieren und ein Mehrparteiensystem, eine unabhängige Justiz und eine freie Presse zu gewährleisten."
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