Gibt es einen
Genozid an Christen in Nigeria, wie Trump neulich behauptete? Carlota Brandis stellt in der
FAZ jedenfalls fest: "Wer in Nigeria zum
Adventsgottesdienst geht, ist extrem mutig." Sie zählt eine Menge von Verbrechen an der christlichen Bevölkerung in den
nördlichen Regionen Nigerias auf, die auch dadurch zu erklären sind, dass sich der Staat hier offenbar nicht ausreichend blicken lässt: "Das
Sicherheitsvakuum, das die Islamisten im Norden offenbart haben, nutzen auch
bewaffnete kriminelle Gruppen für sich. Sie entführen Menschen aus Dörfern und fordern Lösegeld. Auch wird vermutet, dass sie Geiseln an Terrororganisationen weiterverkaufen. Lösegeldzahlungen sind 2022 in Nigeria eigentlich verboten worden, um das Geschäft unattraktiv zu machen. Allerdings glauben einige Beobachter, dass die unter Druck stehende Regierung immer noch gegen Geld Geiseln freikauft." Auch ethnische Aspekte und die Austrockung des Tschad-Sees durch den
Klimawandel bei wachsender Bevölkerung spielen eine Rolle, so Brandis.
Anfang Oktober gab es in
Marokko heftige Proteste,
erinnert der Maghreb-Experte Beat Stauffer in der
NZZ. Mit "harter Hand" unterdrückte der Staat die Protestbewegung Gen Z 212, viele Demonstranten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Einerseits hat sich die wirtschaftliche Lage in Marokko in den letzten Jahren stetig gebessert, erklärt Stauffer, "gleichzeitig steht außer Frage, dass Marokko schwere Altlasten mit sich schleppt, für die nicht der heutige König verantwortlich ist. Doch hat er genügend unternommen, um die
großen Missstände im Bereich der öffentlichen Gesundheit, der Bildung, der Justizreform engagiert anzugehen? Hat er mit neuen Mitteln versucht, den enormen Graben zwischen den prosperierenden und den armen, abgehängten, in vielerlei Hinsicht unterentwickelten Regionen zu verkleinern? Zweifel sind angebracht. Insgesamt bleibt das Bild eher düster, und auch bezüglich
Menschenrechten und Medienfreiheit waren in den letzten Jahren Rückschritte zu verzeichnen."
Im
SZ-Interview mit Jan Heidtmann ist die Filmemacherin
Petra Costa, die mehrere Dokumentationen über die politische Situation in
Brasilien gedreht hat (
unser Resümee), eher hoffnungsvoll, was den Zustand der Demokratie in ihrem Land angeht: "Seit Bolsonaro zu 27 Jahren Haft verurteilt worden ist, bin ich ganz optimistisch. In einem Land, in dem bislang niemand für die ständigen Versuche, den Staat zu stürzen, verurteilt worden ist, in dem auch kein Militärangehöriger für seine Taten während der Diktatur bestraft worden ist, da ist dieser Richterspruch
ein historisches Ereignis. Brasilien ist gerade gelungen, woran die USA gescheitert sind: Die Anführer einer Attacke auf die Demokratie vor Gericht zu bringen und sie auch zu verurteilen." Aber "die extreme Rechte darf man nicht unterschätzen. Da sind politisch Verantwortliche wie der Gouverneur von Rio de Janeiro, der es feiert, wenn fast 120 Menschen bei einem Polizeieinsatz in den Armenvierteln Rios erschossen werden." Im Netflix-Film "Apokalypse in den Tropen" erforscht Costa beispielsweise den Einfluss
evangelikaler Prediger auf die Politik Brasiliens.
Die lang erwartete
Veröffentlichung der
Epstein Files hat keiner Seite den
teils ersehnten Skandal gebracht, konstatiert Majid Sattar in der
FAZ: "Klar war, dass die schiere Menge an Dokumenten und Fotos Medienleute und andere interessierte Beobachter überfordern würde. Eine erste Sichtung machte aber schnell klar:
Große neue Enthüllungen würde es wohl nicht geben. Dass man solche nicht erwarten sollte, hatte Todd Blanche, der stellvertretende Justizminister, kurz vor der Veröffentlichung schon deutlich gemacht."
Schwierig werden neue Erkenntnisse wohl auch sein, weil große Teile der veröffentlichten Dokumente
geschwärzt wurden, berichten Celine Schäfer und Johanna Sethe bei
Zeit Online: "Demokraten kritisieren die bisherige Veröffentlichungspraxis. Der Kongressabgeordnete Ro Khanna warf dem US-Justizministerium vor, zentrale Informationen zurückzuhalten; ein
119-seitiges Dokument mit Zeugenaussagen sei vollständig geschwärzt worden. Der Republikaner
Thomas Massie, Mitinitiator des Transparenzgesetzes, schloss sich dem an. Auch der demokratische Minderheitsführer im Senat,
Chuck Schumer, sprach auf X von einem 'Bruchteil der gesamten Beweismittel', die offengelegt worden. Der Abgeordnete Robert Garcia warf Trump und Justizministerin Pam Bondi Vertuschung vor."