Sollte Deutschland
Palästina als Staat anerkennen? Jörg Lau und Jan Roß wägen bei
Zeit Online das Pro und Contra ab. Die deutsche Haltung, einen Staat erst dann anerkennen zu wollen, wenn alle Kriterien dafür erfüllt sind ("ein Staatsvolk, ein Staatsgebiet und eine effektive Staatsgewalt") ist angesichts der aktuellen Lage
realitätsfern, meint Jörg Lau: "Frankreich, Saudi-Arabien, Großbritannien, Kanada, Australien und ein Dutzend weiterer Staaten wollen die
Logik der Nahostdiplomatie nämlich vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht durch Verhandlung zur Anerkennung - sondern durch Anerkennung zur Verhandlung. Dass es einen palästinensischen Staat gibt, wird schlichtweg gesetzt. Palästinensische Souveränität soll nicht als Belohnung am Ende eines Prozesses stehen, sondern als
unverhandelbare Voraussetzung am Beginn von Verhandlungen. Diese Staaten stellen sich gegen die israelische Regierung, die keinen Hehl mehr daraus macht, einen palästinensischen Staat um jeden Preis verhindern zu wollen."
Wer soll denn einen palästinensischen Staat regieren? Die Anerkennung
nützt am Ende nur der Hamas, meint dagegen Jan Roß: "Ihr Ansehen wird wachsen, weil ihre Gewaltpolitik die Weltgemeinschaft und zumal große Teile des Westens zu einer propalästinensischen Positionierung und zu einem
Bruch mit Israel bewegen konnte, die jahrzehntelang unvorstellbar gewesen wären. ... Der islamische Radikalismus genießt in der Gesellschaft
beträchtliche Unterstützung. Mahmoud Abbas' offizielle Palästinenserbehörde ist nicht nur schwach und von Korruption belastet; sie grenzt sich auch keineswegs klar genug vom Terror als Mittel des 'Widerstands' gegen Israel ab. Die Sorge der allermeisten Israelis, dass ein palästinensischer Staat eine Brutstätte von Chaos und Gewalt wäre, ist durchaus nicht unbegründet."
Auch wenn die Politik der Netanjahu-Regierung abzulehnen ist, sollte Deutschland gerade jetzt
an der Seite Israels stehen, findet Daniel Brössler in der
SZ: "Wenn die Schwüre auf Israels Sicherheit als Teil deutscher Staatsräson einen Sinn haben sollen, dann bitte auch den, Israel gerade jetzt und
gerade mit dieser Regierung nicht alleinzulassen. Auch wenn in New York viel von Frieden und Gerechtigkeit die Rede war, so ging es im Kern doch darum, Israel zu verurteilen. Niemand hat jedenfalls erklärt, auf welche Weise die Anerkennungen den notwendigen
Verhandlungsprozess in Gang setzen sollen. Die Konferenz war auch gar nicht auf den praktischen Erfolg ausgerichtet. Zu offenkundig war, dass auf palästinensischer Seite wichtige Voraussetzungen fehlen. Zu absehbar war, dass sich die Haltung auf israelischer Seite nur noch weiter verhärten würde."
Längst nicht alle Genozidforscher sehen
Israel einen Genozid begehen, wie es die International Association of Genocide Scholars (IAGS) tut (
unsere Resümees), stellt Thomas Thiel in der
FAZ klar. Tatsächlich sind die Forscher in dieser Frage gespalten.
Hauptvorwurf der "Scholars for Truth About Genocide" gegen die Anhänger der Genozidthese sei, dass die
Hamas in ihrer Argumentation gar nicht vorkomme: "Für die 'Scholars' ist die
Hamas der wahre Völkermörder. Sie könne den Krieg, den sie angefangen habe, jederzeit beenden, wenn sie die Geiseln freilasse und die Waffen niederlege. Daran zweifelt die Gegenseite: Für sie ist die Hamas längst besiegt. ... Daran lassen wiederum Medienberichte über den massenhaften Zustrom junger Menschen zu der Terrorgruppe zweifeln. Und warum gibt es keinen
zivilen Aufstand gegen die geschwächten Terroristen?" Beweisen lässt sich ein Genozid derzeit nicht, meint Thiel nach Abwägung der Argumente. Das bedeute jedoch nicht, nichts zu tun, meint Thiel, denn immerhin bestehe ein
Risiko eines Völkermords.
Trump hat die
Antifa-Bewegung per Dekret zur "inländischen Terrororganisation" erklärt. Andrian Kreye erklärt in der
SZ, was das bedeutet. Wer genau zu Antifa gehören soll, ist nicht klar, der Wortlaut des Dekrets bleibt schwammig, was Absicht ist: "Die
Diffusion des Feindbegriffes gibt Trump und seinen Staatsorganen so etwas wie einen Freibrief, die Opposition zu verfolgen." Antifa "bilde seine Mitglieder in der Gewalt gegen die Aktivitäten des Staatsapparates aus. Dazu gehören demnach 'bewaffnete Auseinandersetzungen mit Strafverfolgungsbehörden, organisierte Ausschreitungen, gewalttätige Angriffe auf Beamte der Einwanderungs- und Zollbehörde und andere Strafverfolgungsbeamte'. Das macht theoretisch schon aus einer Nachbarschaft, die sich gegen die Razzien der Greifertruppen von ICE stellt, wie es in den vergangenen Monaten immer wieder vorkam,
eine terroristische Zelle. Jede Demo, bei der ein Fenster zu Bruch geht oder ein Streifenwagen beschädigt wird, ist dann eine Ausschreitung. Und jede Bürgerinitiative oder NGO, die bei solchen Ereignissen dabei ist, und sei es nur als Beobachter, macht sich mitschuldig."
In der
NZZ beleuchtet Thomas Ribi das Denken
Peter Thiels, das "Endzeitvisionen auf seltsame Weise mit
kritischer Philosophie" verbindet. Thiel studierte in Stanford Philosophie, erinnert Ribi, gleichzeitig ist sein Denken geprägt von diffuser, christlicher Ideologie: "Armageddon, den endzeitlichen Kampf zwischen Gut und Böse, hält Thiel für weniger gefährlich als den
Antichrist. Der Antichrist, das sind für Thiel die Kräfte, die das Böse leugnen, den Menschen vorgaukeln, es werde alles gut, und damit den Ernst der Lage verschleiern. Vor allem die Linke, die immer behaupte, es sei nicht so schlimm, und die Warnung der Rechten vor den Staatszerstörern als Verschwörungstheorie bezeichne. Gegen sie müsse man kämpfen, sagt Thiel. Er erklärt auch, wie. In San Francisco hält er diesen Monat eine vierteilige Vortragsreihe über den Antichrist. Für eine begrenzte Zahl von Gästen, auf Anmeldung und ausdrücklich 'off the record'. Zu den Lügen, mit denen der Antichrist lockt, gehört für Thiel ein
allmächtiger linker Weltstaat, der eine von Krieg befreite Zukunft verspricht. Thiel spricht von einer 'Wohlfahrtsdiktatur mit allmächtiger Überwachungstechnologie' und benennt konkret Institutionen, die er als Vorstufe dazu sieht: die Uno, die WHO, die WTO und die EU."