9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2022 - Religion

Daniel Botmann, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, verspricht im Interview mit Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen, die Rabbinerausbildung in Deutschland auf neue Beine zu stellen - Anlass ist der Skandal um Walter Homolka. Das gilt für das liberale Abraham Geiger Kolleg und das konservative Zacharias Frankel College, die laut Botmann beide Homolka gehören. Über die Enthüllungen zu Homolkas Machtmissbrauch äußert sich Botmann, der die Institutionen doch gekannt haben muss, entsetzt: "Die institutionell verankerte Angst war so tiefgehend, dass sich über Jahre hinweg niemand getraut hat, über Vorkommnisse zu sprechen. Ich persönlich war ob dieser emotionalen Schilderungen schockiert. Kein Student sollte sein Studium in Angst absolvieren müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2022 - Religion

Heike Schmoll fragt in der FAZ nach der Zukunft des liberalen Judentums in Deutschland nach dem Skandal um ihren übermächtigen Rabbiner Walter Homolka. Die Juden würden dadurch auch in ihrer organisatorischen Struktur getroffen. Sie zitiert Stimmen, die bezweifeln, dass die Glaubwürdigkeit schnell wieder herzustellen ist: "Über zwanzig Jahre habe der Rabbiner aus Potsdam Zeit gehabt, ein ungeheures Machtmonopol aufzubauen, weil alle ihn gewähren ließen. Der Zentralrat wollte den Staatsvertrag nicht gefährden. Und die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft mit ihrem notorisch schlechten Gewissen war aus Angst vor Antisemitismusvorwürfen bereit, dem Vorzeigejuden alles nachzusehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2022 - Religion

Am Montag legte die vom Zentralrat der Juden in Deutschland beauftragte Kölner Rechtsanwaltskanzlei Gercke Wollschläger die Zusammenfassung ihres Untersuchungsberichts "zu etwaigem Fehlverhalten" von Walter Homolka und seinem Ehemann vor (Unsere Resümees). Am Dienstag erklärte Homolka, er werde weder für den Vorstand der Union progressiver Juden in Deutschland kandidieren noch weiter an der Leitung des von ihm gegründeten Abraham-Geiger-Kollegs beteiligt sein. Ein Zusammenhang ist natürlich nicht nachzuweisen, schreibt in der Welt Alan Posener, der sich das Gutachten genauer angeschaut hat. Homolka habe laut Kanzlei nicht nur ein "Netz von Abhängigkeiten" und eine "Kultur der Angst" geschaffen, die Kanzlei kommt "nach der Auswertung von 79 Interviews mit 73 Betroffenen außerdem zum Ergebnis, dass es bei Homolka in acht Fällen 'zumindest den Anfangsverdacht einer Straftat' gebe: einen Fall der Vorteilsannahme, 'also eines Korruptionsdelikts', drei Fälle der Nötigung, einen Fall der versuchten Nötigung, einen Fall der Verleumdung, zwei Fälle der Beleidigung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Religion

Die taz steht wie die Grüne Partei der Anthroposophie recht freundlch gegenüber und bringt ab und zu Anzeigenbeilagen mit garnierender Berichterstattung zum Thema. Wolfgang Müller, Autor des Buchs "Zumutung Anthroposophie - Rudolf Steiners Bedeutung für die Gegenwart" will zwar die "Corona-Konfusion in Teilen der Anthro-Szene" nicht verschweigen. Aber insgesamt verteidigt er heute im großen Debattenbeitrag der taz die Anthroposophie gegen kritische Sendungen im Fernsehen und beharrt, "dass Steiner die moderne Naturwissenschaft für hoch bedeutend hielt. Er war allerdings überzeugt, dass sie quasi nur die Außenseite der Wirklichkeit erfassen kann und durch eine Wissenschaft vom Geistigen zu ergänzen sei. Die werde selbstverständlich andere Methoden haben und nicht jene fingerzeigenden Nachweise bieten können, auf die man heute fixiert ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2022 - Religion

Maeve McClenaghan erzählt in einer langen Recherche für den Guardian wie die Evangelikalen der "Universal Church of the Kingdom of God" (UCKG), vor allem in den armen Städten Großbritanniens Jugendliche, die oft aus Minderheiten kommen, anheuern, finanziell ausnehmen und mit Dämonenaustreibungen terrorisieren. Diese Kirche ist in Brasilien für ihre Nähe zu Jair Bolsonaro bekannt. "Der brasilianische Gründer der Kirche, Edir Macedo, wurde in die Forbes-Liste der Milliardäre aufgenommen. Zweimal in diesem Jahr ist er mit Privatjets, die der Kirche gehören, nach Großbritannien und durch Europa geflogen. In Brasilien wurde mit den Spenden der Gemeindemitglieder ein Tempel in São Paulo gebaut, der so hoch wie ein 18-stöckiges Gebäude ist... Die Jugendorganisation VYG ist im Vereinigten Königreich sehr aktiv. Sie trifft sich zweimal pro Woche und organisiert regelmäßig Veranstaltungen, zu denen Hunderte von Jugendlichen kommen. Die 1.330 regulären Mitglieder sind überwiegend schwarze Teenager und junge Menschen." Auch in Deutschland ist die Kirche unter dem Namen "Universalkirche des Königreichs Gottes" aktiv.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2022 - Religion

Adrian Beck analysiert in einem zweiteiligen Artikel für hpd.de (hier der Link zu Teil 1) die Beziehungen zwischen rechten Republikanern in den USA und weißen Evangelikalen und "Wiedergeborenen". Vor allem den Klimawandel halten die Apokalyptiker für gottgewollt: "Eine Person von sieben in den USA hält es definitiv (sieben Prozent) oder wahrscheinlich (neun Prozent) für richtig, dass 'Gott das Klima kontrolliert, weswegen es keinen anthropogenen Klimawandel gibt'. Diese Überzeugung ist in konservativen und evangelikalen Kreisen noch weitaus verbreiteter: Unter konservativen Republikaner*innen (31 Prozent) und 'evangelikalen/wiedergeborenen" Christ*innen (30 Prozent) hängt dieser Fantasie beinahe ein Drittel an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2022 - Religion

Ob es gut ist, Theologie - also eine Dogmatik, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat - an staatlichen Hochschulen zu lehren, mag dahingestellt sein. Das Land Baden-Württemberg hat einen "Sunnitischen Rat" geschaffen, der über die Bestallung muslimischer Religionslehrer wachen soll und dadurch auffällt, dass er liberale Theologen durch komplizierte Intrigen von den Hochschulen fernhalten zu wollen scheint, berichtet Thomas Thiel in der FAZ. Bekannt war schon der Fall Abdel-Hakim Ourghi. Nun wurde auch dem Theologen Abdel-Hafiez Massud die Lehrerlaubnis verweigert. Und dann erklärte der Rat, dass diese Lehrerlaubnis gar nicht notwendig sei - dabei war er genau dafür gegründet worden. "Das Prozedere hat für Massud einen weiteren Pferdefuß: Solange er keine Lehrerlaubnis hat, darf er auch an anderen Hochschulen des Landes sein Fach nicht lehren. Sollte der Sunnitische Schulrat den entstandenen Schaden bis Ende November nicht regeln können, will sich Massud an die Gerichte wenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2022 - Religion

Die Islamisierung in Indonesien schreitet voran. Zwar gebe es in dem Land auch einen moderaten Islam, erzählt Till Fähnders, der Südostasien-Korrespondent der FAZ, aber dazu zählt er etwa auch religiöse Schulen, auf die gerade die Eliten ihres Landes ihre Töchter schicken. Eine hat Fähnders besucht: "Der Lehrer sagt, die Anforderungen seien höher als an den staatlichen Schulen, allein weil die Kinder anstatt in elf Fächern hier in 18 Fächern unterrichtet werden. Die Schüler bekommen einen Lehrplan vom Religionsministerium, unter dem sie Koranstudien, religiöse Ethik, islamische Gesetze und Geschichte sowie Arabisch lernen. Der zweite Lehrplan vom Bildungsministerium umfasse Englisch, Naturwissenschaften, Geschichte, Gesellschaft, Staatsbürgerkunde und Javanisch."

Adrian Beck analysiert bei hpd.de einen wesentlichen Erfolgsfaktor gerade für die extremeren Republikaner in den USA: die kaum kontrollierte Macht der evangelikalen Kirchen. "In den Vereinigten Staaten sind Kirchen von Bundessteuern befreit, müssen sich im Gegenzug aber an ein politisches Neutralitätsgebot halten. Das nach dem federführenden Senator benannte Johnson-Amendment wird jedoch von bestimmten evangelikalen Kirchen zunehmend provokant ignoriert, während die IRS, das US-amerikanische Finanzamt, sich aus der Verantwortung stiehlt. In einer gemeinsamen Recherche haben ProPublica und der TexasTribune zwanzig Kirchen gefunden, die das Johnson-Amendment in den vergangenen zwei Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit verletzt haben - das sind mehr, als die IRS im gesamten vergangenen Jahrzehnt wegen Beeinflussung politischer Kampagnen untersucht hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2022 - Religion

Im FR-Interview mit Martin Hesse eruiert der Philosoph Otfried Höffe ausführlich, wieviel Demokratie und wie viel absolute Gewalt in Religionen steckt. Umgekehrt sei Moral schon immer auch ohne Gottesbezug denkbar gewesen: "Schon der Dekalog verzichtet in der hierfür zuständigen zweiten Tafel auf eine Berufung auf Gott. Deutlich heißt es in dem ersten Gebot dieser Tafel und dem insgesamt vierten Gebot sehr pragmatisch: Du sollst Vater und Mutter ehren, 'auf dass es dir wohlergehe auf Erden'."
Stichwörter: Höffe, Otfried

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2022 - Religion

Walter Homolka, Gründer des Abraham Geiger Kollegs, hat für das liberale Judentum einiges geleistet. Aber wenn er dies bewahren will, sollte er sich von seinen vielen Ämtern zurückziehen, meint Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen. Der Bericht der Untersuchungskommission, gegen den sich Homolka neulich in der Zeit verteidigte (unser Resümee) lese sich in Wirklichkeit vernichtend. Dass Homolka über die sexuellen Belästigungen seines Ehemanns etwas wusste, konnte ihm nicht nachgewiesen werden, so Engel. "Hierzu sei gesagt: Der Autor dieser Zeilen erhielt vor acht Jahren als Jungredakteur von Homolkas Mann eine Nachricht mit dem Angebot, über eine Tagung des AGK zu berichten. In seinem Hotel-Doppelbett sei im Übrigen noch ein Platz frei. Im Vergleich zu den Vorwürfen einiger Studenten des AGK liest sich dies weniger schlimm. Doch war auch dies eine krasse Grenzüberschreitung - zweifellos. Persönlich gekannt habe ich Homolkas Ehemann zu diesem Zeitpunkt wohlgemerkt nicht. Wie sicher musste er sich an dem von seinem Mann geleiteten Institut gefühlt haben, um einem Fremden solch ein Angebot zu unterbreiten?"