9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2023 - Religion

Hamed Abdel-Samads neustes Buch verspricht eine "kritische Geschichte" des islams. Im Gespräch mit Lucien Scherrer und Ferdinand Knapp von der NZZ bezweifelt er, dass ein Impuls zur Reform aus dem Islam kommen kann, wohl aber von Muslimen: "Sie können die Religion entmachten und eine liberale Demokratie zustande bringen, wenn der Islam außen vor bleibt." Dabei sieht er etwa in den Golfstaaten mehr Hoffnung als hier: "Es ist tatsächlich so, dass in der arabischen Welt gerade ein Paradigmenwechsel stattfindet, zumindest unter Intellektuellen. Meine Islamkritik wird in der arabischen Welt mittlerweile besser aufgenommen als in Europa. Dort erkennt man, dass die Religion ihren Anteil hat an der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Misere. Im Westen dagegen verklären die hier lebenden Muslime und die Linksliberalen den Islam. Sie verherrlichen den Islam, und wenn man Mohammed kritisiert oder den Koran, dann ist man ein Rassist und islamophob. Da sehe ich tatsächlich mehr Fortschritt in der Debatte in der arabischen Welt als in Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2023 - Religion

Mit Inbrunst wird in Frankreich stets der Streit um religiöse Symbole geführt. Gerade wieder haben die kompromisslosen Freidenker von La Libre Pensée vor Gericht erstritten, dass auf der Île de Ré eine Marienstatue aus der Öffentlichkeit entfernt werden muss, berichtet Niklas Bender in der FAZ, und in Les Sables d'Olonne in der erzkatholischen Vendée muss eine Statue von Erzengel Michael abgebaut werden: "Die Fälle gleichen sich in vieler Hinsicht: Lokalpolitiker errichten ein religiöses Symbol, örtliche Sektionen der Fédération de la Libre Pensée wenden sich an die Justiz. La Libre Pensée ist selbst eine traditionsreiche Vereinigung, die Wurzeln reichen ins 19. Jahrhundert zurück. 'Für sie sind die Religionen die schlimmsten Hindernisse einer Emanzipation des Denkens', heißt es in ihrer Grundsatzerklärung - das Pochen auf Laizität ist also militant. Das verrät auch das Motto der Freidenker: 'Ni dieu, ni maître, à bas la calotte et Vive la Sociale!' (Weder Gott noch Meister, nieder mit dem Scheitelkäppchen und Es lebe der soziale Fortschritt!), das auf den antiklerikalen Bildungspolitiker Paul Bert (1833 bis 1886) zurückgeht. Gleiche Konstellationen: Die Verteidiger einer harten Laizität, die das Trennungsgebot strikt anwenden wollen, stehen gläubigen oder traditionalistischen Franzosen gegenüber, welche die christlichen Wurzeln der 'ältesten Tochter der Kirche' betonen. Dazwischen treten schüchtern Vertreter einer weichen Laizität, die, je nach Wunsch der lokalen Bevölkerung, religiöse Symbole akzeptieren wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2023 - Religion

Warum offenbart sich der eine Gott nicht, zumal er allmächtig ist, fragt Hugo Stamm in hpd.de: "Wenn es den einen wahren Gott oder die wahren Götter einer Religion gibt, wie die große Mehrheit der Menschen glaubt, wäre es ein Segen, wenn er die Ungewissheit ein für alle Mal beseitigte. Man denke nur an die freigesetzten Energien und Ressourcen, die sinnvoller eingesetzt werden könnten. Jede der Zehntausenden Glaubensgemeinschaften und Sekten baut eigene Gotteshäuser, Tempel oder Versammlungsräume. Jede braucht eine Infrastruktur, die immense Summen verschlingt. Vieles davon wäre überflüssig, wenn die Gottesfrage ein für alle Mal geklärt wäre."
Stichwörter: Religion, Sekten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2023 - Religion

Korrigiert um 9.44 Uhr. Im Staat Benin (ehemals Dahomey und nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Königreich von Benin, siehe Kommentar unten) wird die Voodoo-Religion von der Politik bewusst gefördert, auch um Touristen anzuziehen, berichtet Katrin Gänsler in der taz: "Christian Houetchenou, der Bürgermeister der Stadt, von der aus einst Sklav*innen nach Amerika verschifft wurden, lobt, dass die Regierung von Patrice Talon Ouidah zum Zentrum der indigenen Religion machen will. Jean-Michel Ambimbola, der Minister für Tourismus, Kultur und Kunst, setzt noch eins drauf: Benin müsse wie Mekka zum Pilgerziel werden, nur eben für Anhänger*innen und Neugierige der Voodooreligion. Das Interesse daran sei schon jetzt bei Filmemacher*innen, Kunstschaffenden wie Wissenschaftler*innen immens. Um noch mehr Interessierte anzulocken, lässt die Regierung ein Museum bauen und plant ein großes Voodoofestival." Im Gespräch beteuert der Muslim Radji Saïbou, der sich für den "Interreligiösen Dialog" einsetzt, das der Respekt der Religionen füreinander groß sei.

"So zerlegt sich die Kirche selbst", sagt Ulrich Wastl von der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten zu Kindesmissbrauch für die Erzdiözese München und Freising verantwortet (Unser Resümee), im großen SZ-Gespräch mit Bernd Kastner und Annette Zoch. Die Stellungnahme von Benedikt XVI. sei ein "Beratungsdesaster" gewesen, Erzbischof Georg Gänswein habe Druck auf die Auftraggeberin des Gutachtens ausgeübt, sagt er und fordert: "Die Kirche braucht die Hilfe vom Staat". "Was wäre gewesen, wenn die Kirche 2010 gesagt hätte, wir lassen den Staat eine Stiftung gründen, die wir mit ausreichend Geld ausstatten. Diese Stiftung hat die Aufgabe, Opfer zu entschädigen und den Missbrauch unabhängig aufzuarbeiten. Honorige Persönlichkeiten engagieren sich darin und garantieren, dass das umgesetzt wird. Hätte die Kirche das 2010 gemacht, stünde sie als der moralische Leuchtturm da."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2023 - Religion

Kenan Malik nimmt im Observer Stellung zur Kontroverse um die Hamline Universität. Hier distanzierte sich die Uni-Leitung von einer Dozentin, die in einem Seminar - nach Triggerwarnung! - eine Abbildung Mohammeds aus dem 14. Jahruhunderts gezeigt hatte (unsere Resümees). Diese Abbildung, so Malik, ist Dokument einer langen muslimischen Tradition, und nur in fundamentalistischen Strömungen werden selbst solche Abbildungen abgelehnt. "Das Vorgehen der Hamline-Universität bedroht nicht nur die akademische Freiheit, sondern auch die Religionsfreiheit. Sie verleugnen implizit die Vielfalt der Traditionen, die den Islam ausmachen, und verurteilen diese Traditionen in gewisser Weise als so abweichlerisch, dass sie in einem Kurs über islamische Kunstgeschichte nicht gezeigt werden können. Universitätsbürokraten positionieren sich als Nicht-Muslime in einer inner-islamischen theologischen Debatte und stellen sich auf die Seite der Extremisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2023 - Religion

Die Kirchentheorie Joseph Ratzingers war stark protestantisch geprägt, erinnert der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der Welt: "Ratzingers Kirchentheorie enthielt immer auch eine harte Kritik an einer verbürgerlichten, allzu weltlich gewordenen 'Volkskirche', einer Kirche also, in der auch 'Taufscheinchristen' und Kirchenferne ihren Ort haben. Er setzte auf die ernsthaften Überzeugungstäter. Die 'Wahrheit des Glaubens' sei nur dann gegeben, wenn sie in individueller 'Wahrhaftigkeit' gelebt werde. Walter Kasper hatte durchaus recht damit, in Ratzingers radikalem Antiprotestantismus 1968 auch viele Spurenelemente eines protestantischen Subjektivismus zu entdecken. Mehr noch: Die Art, wie Ratzinger sich auf protestantische Diskurse bezog, ließ auch sektiererische Neigungen erkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2023 - Religion

Benedikt XVI. ist gestorben. Die größte Tat Josef Ratzingers als Papst war sein Rücktritt, schreibt Philipp Gessler in der taz: "ein ungeheurer Akt, den vor ihm seit rund 720 Jahren kein Pontifex maximus gewagt hatte. Ratzinger trat als Papst zurück, weil er sah, dass er seiner Aufgabe, eine Weltkirche absolutistisch und mit einem eher frühneuzeitlichen Apparat zu führen, nicht mehr gewachsen war, wie er etwas verschlüsselt bei seiner Rücktrittserklärung auf Latein erklärte." In frommer Beschaulichkeit konnte er seine letzten Jahre allerdings nicht verbringen: "Denn die Sünden seiner Vergangenheit holten ihn ein, das lange und bewusst Verdrängte, das Ratzinger und seine konservativ-reaktionären Fans in aller Welt und in der Kirche so gern weiter unter dem Teppich gehalten hätten. Der Papa emeritus (ein Titel, den er sich selbst anmaßte - ebenso wie sein weiterhin weißer Talar) wurde verfolgt von den Meldungen des weltweiten Skandals um sexualisierte Gewalt, die in den vergangenen Jahren einfach nicht stoppen wollten, und das zu Recht."

Als Johannes Paul II. starb, erscholl unter den Trauernden der Ruf "Santo subito". Auf den Tod Benedikts XVI. gab es kaum spontane Reaktionen, notiert Daniel Deckers in der FAZ: "Selbst die Kirchen weltweit füllten sich am letzten Tag des Jahres 2022 nicht mit Betern, die Trauer um einen Großen der Geschichte vereint hätte. Und die Beisetzung am Donnerstag wird ein deutlich bescheideneres Gepräge haben als jene seines Vorgängers."

Sein größtes Verdienst war gewissermaßen sein Rücktritt, meint auch Annette Zoch in der SZ. Damit "hat er das Papstamt auf Dauer verändert; er hat es geerdet und menschlicher gemacht. Und er hat damit auch Papst Franziskus möglich gemacht, der - bei aller Kritik an seiner Zögerlichkeit - immerhin die ganze Weltkirche auf einen synodalen Prozess geschickt hat. Der die Kurie reformiert, der Frauen dort in Leitungsämter gehoben hat. Ja, es sind nur Trippelschritte, und ob sich am Ende etwas ändert, ist ungewiss. Aber es ist nicht nichts." Ebenfalls in der SZ sieht der Theologe Werner G. Jeanrond Benedikt strenger, nämlich als Verhinderer jeder Reform: "Kirche ist für ihn hierarchisch gedacht und verortet. Nicht die Gläubigen begründen die Kirche, sondern immer erst das geweihte und von Männern ausgeübte Amt."

An der Hamline University Universität wurde eine Dozentin gefeuert, weil sie in einem Seminar eine Abbildung Mohammeds aus einer persischen Universalgeschichte des Islams aus dem 14. Jahrhundert gezeigt hatte (unser Resümee). Einige muslimische Studenten hatten dagegen protestiert, und die Uni-Leitung knickte umstandslos ein. Der Iran-Historiker Michael Bonner ergänzt im Newlinesmag den historischen Kontext, und er macht klar, dass die Studenten die heute ihre von der "Islamophobie" beleidigte Seele geltend machen, selbst in einer bestimmten Tradition des Islams stehen, nämlich der fundamentalistisch-wahhabitischen: Die von Abd al-Wahhab vertretene "düstere Sicht auf das islamische Erbe setzte sich vielerorts durch. Sie war der Grund dafür, dass viele muslimische Heiligtümer und Moscheen in der ganzen Welt weiß getüncht wurden und ein großer Teil der islamischen Kunst verschwand. Vergleiche mit dem byzantinischen Ikonoklasmus (726-842) drängen sich auf, ebenso wie mit den schlimmsten Auswüchse der protestantischen Reformation im 16. und 17. Jahrhundert. Denken Sie an die Plünderung des afghanischen Nationalmuseums durch die Taliban und Al-Qaida oder an die Zerstörung muslimischer Schreine und Mausoleen durch Ansar Dine in Timbuktu in Mali."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2022 - Religion

Das Multikulti- und Politikberaterehepaar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel legt in seiner jüngsten FAZ-Kolumne seine Solidarität mit dem Iran dar. Besonders wichtig ist ihnen aber die Klärung der Kopftuchfrage: "Unbenommen, das Kopftuch wurde jahrhundertelang den muslimischen Frauen von der patriarchalischen Gesellschaft aufgezwungen. Aus unserem Familienkreis kennen wir genug solcher Geschichten von Mädchen und Frauen, die dem Druck der Eltern oder Religionsgemeinden nachgeben mussten. Doch gibt es in Europa auch Frauen, die das Tragen des Kopftuchs als emanzipatorischen Akt begreifen. Erst kürzlich trafen wir eine Bekannte, die neuerdings Kopftuch trägt. Unsere fragenden Blicke kommentierte sie damit, dass sie 'nach langer Zeit wieder einmal etwas nur für mich' mache wollte."

Mit den Kirchen geht es recht heftig bergab. Selbst zu Weihnachten waren die Gottesdienste kaum gefüllt. Der Religionssoziologe Detlef Pollack macht im Gespräch mit Hilmar Schmundt vom Spiegel auf einen Aspekt des Niedergangs aufmerksam, der auch Feministinnen interessieren könnte. Es waren die Mütter, die für die Tradierung der Religion sorgten: "Sie sind wichtiger als die oft ins Spiel gebrachten 'Peers', Freunde und Gleichaltrige. Als die Mütter noch weitgehend zu Hause waren und für die religiöse Erziehung ihrer Kinder sorgten, war Kirchenmitgliedschaft relativ stabil. Seitdem sie stärker in den Arbeitsmarkt eingebunden sind, seit den Sechzigerjahren, geht die religiöse Bindung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen massiv zurück. Viele Frauen haben vielleicht schlicht nicht mehr die Kraft und Zeit, um neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch große Energie in die religiöse Erziehung zu investieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2022 - Religion

Der Ostkirchenkundler Reinhard Flogaus untersucht in der FAZ religiöse Motive in der Kriegspropaganda Putins und des Patriarchen Kyrill. Dieser verspricht gefallenen Soldaten sozusagen automatisch das Himmelreich und die Vergebung aller Sünden: "Diese Behauptung widerspricht nicht nur der orthodoxen Lehre, sie erinnert auch fatal an jenes Ablassversprechen, das Papst Urban II. 1095 mit der Teilnahme am Ersten Kreuzzug verbunden hatte. Damals wurde den Kreuzrittern der Nachlass aller Sünden und ein 'nie verwelkender Ruhm im Himmelreich' versprochen. Heute findet sich Ähnliches in der islamistischen Lehre des Schahidismus, der zufolge ein Krieger, der im Kampf gegen Ungläubige sein Leben verliert, die Vergebung all seiner Sünden empfängt und direkt ins Paradies gelangt. Umso symptomatischer, dass sich Kyrill schon 2016 Putins Meinung anschloss, das orthodoxe Christentum sei dem Islam näher als dem Katholizismus, was er damit begründete, dass Orthodoxie und Islam, anders als der Katholizismus, an der traditionellen Moral festhalten würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2022 - Religion

Die Miniatur "Mohammed erhhält Offenbarung durch den Erzengel Gabriel" stammt aus einer frühen Geschichte des Islams des persischen Autors Rashid al-Din aus dem 14. Jahrhundert. Quelle: Wikimedia Commons. 

Viel retweetet wurde ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Newlinesmag-Artikel Christiane Grubers, einer amerikanischen Professorin für islamische Kunstgeschichte, die für eine Kollegin an der Hamline University in Minnesota eintritt. Die Kollegin hatte in einem Seminar über islamische Kunst das obige Bild gezeigt, das den Propheten Mohammed im Moment der Offenbarung durch den Erzengel Gabriel zeigt - ein weithin bekanntes, oft gezeigtes Motiv, so Gruber. Studenten der Universität kritisierten das Zeigen des Bilds als einen islamophoben Akt, woraufhin der Präsident und Gleichstellungsbeauftragte der Uni dekretierte, dass "Respekt vor den strenggläubigen muslimischen Schülern in diesem Seminarraum vor der akademischen Freiheit hätte Vorrang haben müssen". Die Dozentin wurde daraufhin entlassen. Bemerkenswert an Grubers Artikel ist, dass sie das Bild dann zwar analysiert, aber dass es im Artikel nicht gezeigt wird. Auch der Name der geschassten Dozentin wird nicht genannt. Zu dem Bild schreibt Gruber: "Es ist in der Geschichte der islamischen Kunst keineswegs einzigartig. Im Gegenteil, es gehört zu einem Korpus von Darstellungen, die vor allem in Persien, der Türkei und Indien zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert immer wieder produziert wurden. Neben anderen illustrierten Manuskripten und Gemälden haben Poster und Postkarten diese besondere ikonografische Tradition durch technologische Innovationen bis in die Neuzeit verlängert."

Ausgelöst wurde der Streit durch einen Artikel in der Studentenzeitschrift der Uni, The Oracle, hier eine Zusammenfassung des Streits aus dieser Zeitschrift.
Stichwörter: Bildverbot