9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2022 - Religion

In Deutschland gibt es eine herzliches Einvernehmen zwischen Staat und Kirchen. In einem Text der Juristin Isabelle Ley in der FAZ erfährt man, dass dieses Verhältnis auch als "kooperatives Trennungsmodell" bezeichnet wird. Dieses Modell muss aber im Angesicht der Tatsache, dass demnächst nur noch eine Minderheit der Deutschen kirchlich gebunden ist, überdacht werden, so Ley: "Lange Zeit wurde dieses Konstrukt damit gerechtfertigt, dass die Kirchen in besonderer Weise zum Gemeinwohl beitrugen - und durch die Trägerschaft sozialer Einrichtungen, die Mobilisierung von Ehrenamt und ein Seelsorgeangebot auch in Gefängnissen, Krankenhäusern und bei der Bundeswehr den sozialen Zusammenhalt stärken. Aber diese Logik stammt aus einer Zeit, zu der 97 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche waren. Wird Religiosität zum Minderheitenphänomen, kann die Sonderstellung der korporierten Religionsgemeinschaften nicht mehr als Dienst an der Allgemeinheit begründet werden." Dummerweise möchte Ley das Problem damit beheben, dass auch andere Religionsgemeinschaften einen Sonderstatus bekommen, und sie würde sich freuen, "das Tuch auf den Köpfen hoch qualifizierter Lehrerinnen und Juristinnen" zu sehen.
Stichwörter: Gemeinwohl, Bundeswehr

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2022 - Religion

Walter Homolka war einer der einflussreichsten Reformrabbiner Deutschlands (katholischen Ursprungs) und regierte eine kleine Galaxie meist selbst geschaffener Institutionen, die im Zusammenspiel mit Unis Rabbiner ausbildeten - bis er wegen seiner Amtsführung, aber auch wegen sexueller Belästigung, die seinem Ehemann vorgeworfen wurde, in die Kritik geriet (unsere Resümees). In der Welt kann Alan Posener nur den Kopf darüber schütteln, dass Homolka seine Lehrarbeit am Potsdamer Kolleg für liberale Rabbiner jetzt wieder aufnehmen kann. Dabei hatte der Bericht der vom Präsidenten der Universität Potsdam zur Untersuchung gegen Homolka eingesetzten Kommission die Vorwürfe teilweise "unmissverständlich" bestätigt, so Posener. "Der Bericht der sechsköpfigen Kommission ist trotz der Beschränkung auf den universitären Bereich und trotz der relativ geringen Zahl der geführten Gespräche in Teilen vernichtend. 'Viele der Befragten gaben zu Protokoll, dass Herr Homolka ein 'Klima der Angst' geschaffen habe', so der Bericht. Die Ämterhäufung Homolkas sei 'seitens Studierender und Mitarbeiter der Jüdischen Theologie als einschüchternd empfunden' worden. Die 'Furcht, Herrn Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonst wie (sic) zu erregen', sei 'so oft und konsistent dargestellt' worden, dass man sie 'als tatsächlich vorhanden' annehmen könne."

In der Zeit verteidigt sich Homolka im Gespräch mit Evelyn Finger: "Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht schon Machtmissbrauch. Und über Karrieren habe niemals ich allein entschieden, das waren stets Gremien. Deren Strukturen waren vielleicht nicht ideal und sind nun zu erneuern. Doch mich wundert, dass sich jahrzehntelang niemand daran störte, dass ich viele, meist arbeitsintensive Ämter bekleidete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2022 - Religion

In einem interessanten Hintergrund erzählt Christoph Schulte in der FAZ, wie sich der Rabbiner Walter Homolka mit seinem Potsdamer Abraham Geiger Kolleg (AGK) eine nicht legitimierte Machtposition innerhalb des deutschen Judentums aufgebaut hatte. Ins Gerede kam das AKG zunächst wegen Vorwürfen sexueller Belästigung gegen Homolkas Ehemann. Schulte zeigt auf, dass das AKG rechtlich keine Hochschule oder Ähnliches ist, sondern schlicht eine gemeinnützige GmbH, die allein Homolka gehört. Dennoch wurde das AKG in Zusammenarbeit mit der Uni Potsdam zu einem maßgeblichen Institut liberaler Rabbiner-Ausbildung. Nur dass niemand außer Homolka Homolka kontrollierte: "Das AGK war von 1999 bis 2022 seine Firma. Er muss sich für die Personalentscheidungen, die er im AGK trifft, vor niemandem verantworten. Umgekehrt heißt das: Der Geschäftsführer und 'Rektor' des AGK hatte und hat qua Amt keine jüdisch-institutionelle Legitimation, gegenüber Universität und Ministerium für die jüdische Religionsgemeinschaft oder das liberale Judentum zu sprechen. 'Rektor' Homolka repräsentiert nur seine Firma. Darüber haben sich Politik, Ministerien und Universität zwei Jahrzehnte lang getäuscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2022 - Religion

Empört wendet sich Necla Kelek bei Cicero (leider nicht online) gegen die Behauptung von Politikerinnen wie Annalena Baerbock oder Lamya Kaddor, die Gewalt gegen Frauen im Iran habe "nichts mit Religion" zu tun. Damit nehmen die Politikerinnen die Religion in Schutz, nicht die Frauen, so Kelek, und gibt eine historische Nachhilfestunde: "Nach der Machtübernahme machte Ayatollah Khomeini am 8. März 1979, dem Internationalen Frauentag, die Verhüllung der Frauen unter dem Tschador zum Gesetz. Die Scharia wird in der islamischen Theologie als vollkommene Ordnung Gottes verstanden, die Frieden und Gerechtigkeit schafft. Die Scharia ist die Gesamtheit des islamischen Gesetzes, wie es im Koran, in der islamischen Überlieferung und in den Auslegungen maßgeblicher Theologen und Juristen vor allem der frühislamischen Zeit niedergelegt wurde. Das Ehe- und Familienrecht gilt als Kern der islamischen Gesetze, der Scharia, und ist mit wenigen Ausnahmen heute in allen islamischen Ländern eine wesentliche, teilweise auch einzige Grundlage des Personenstandsrechts und damit der Rechtsprechung in Zivilprozessen." Auf deutsche Politikerinnen werden sich Feministinnen aus muslimischen Ländern nicht stützen können, so Keleks bitteres Resümee nach Jahren des Engagements.

Der Hidschab ist weit mehr als ein Stück Stoff, das die Haare bedeckt, versichert im Interview mit Zeit online Reza Sharifi, Professor im Iran. "Viele verstehen nicht, wie fundamental wichtig der Hidschab für die islamische Republik ist. Ich habe beispielsweise noch nie die Haare meiner Großmutter gesehen. Wenn die Frauen also jetzt ihren Hidschab herunterreißen und ihn verbrennen, geht es um nicht weniger als die islamische Republik selbst. Es geht den Demonstrierenden darum, das theokratische Regime zu stürzen." Er gibt auch zu, dass viele Demonstranten, die meisten sehr jung, die Unterstützung der Älteren vermissen. "Ich habe schon öfter gehört: Wo sind unsere Väter? Wo sind unsere Professoren? Sie fühlen sich alleine gelassen. Ich schäme mich dafür, dass ich nicht mit ihnen auf der Straße stehe, aber ich traue mich nicht. Ich habe Angst um mein Leben, um das Leben meiner Familie und meinen Job. Aber ich versuche zu tun, was ich kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Religion

Der Fernsehprediger und einflussreiche islamische Geistliche Yusuf al-Qaradawi ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Hassan Hassan zeichnet bei newlinesmag.com seine Karriere nach. In gesellschaftspolitischen Fragen erließ der Muslimbruder Edikte, die im muslimischen Kontext als modern gelten. Er sprach sich gegen Genitalverstümmelung bei Frauen und für Koedukation aus. Das machte ihn populär. "Das Gleiche gilt jedoch für seine Rechtfertigung von Selbstmordattentaten. Es wäre unfair, Qaradawi allein für die Selbstmordattentate verantwortlich zu machen, da diese Taktik bereits von militanten palästinensischen Hauptakteuren akzeptiert und von scheinbar säkularen Regimen wie den Baathisten in Damaskus unterstützt wurde, bevor der Geistliche seine Unterstützung dafür zum Ausdruck brachte. Aber die Tatsache, dass er und andere vermeintlich gemäßigte Kleriker sie befürworteten, trug zweifellos dazu bei, dass sie in den Mainstream gelangte. Die Gefahr von Fatwas, die von ansonsten gemäßigten Geistlichen herausgegeben werden, besteht darin, dass sie Selbstmordattentate normalisieren, die lange Zeit als randständig und extremistisch angesehen wurden, mehr als jede radikale Rhetorik." Besonders gegen Israel hielt al-Qaradawi Selbstmordattentate für gerechtfertigt.

Außerdem: Gisa Bodenstein berichtet bei hpd.de, dass der Evangelische Kirchentag in Nürnberg nächstes Jahr vom Land Bayern mit 5,5 Millionen Euro subventioniert wird, die höchste Subvention jemals für ein solches Fest. Hinzukommen 4 Millionen Euro von der hoch verschuldeten Stadt Nürnberg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2022 - Religion

Die kubanische Regierung will das Familienrecht liberalisieren und unter anderem die Homoehe zulassen, berichtet Eileen Sosin Martínez in der taz. Dagegen wehren sich evangelikale Gruppen, die auch auf Kuba erstarken. Ihre Proteste haben für den Soziologen Pedro Álvarez Sifontes, mit dem Martínez gesprochen hat, eine neue Qualität: Aber "die Merkmale und Ursprünge des kubanischen christlichen Fundamentalismus sind ähnlich wie andernorts in Lateinamerika. Gemeinsam ist ihnen laut Álvarez Sifontes der Einsatz von Informationstechnologien, das dogmatische Lesen heiliger Texte, die sogenannte Theologie des Wohlstands und die Heilung, die spirituelle Gaben als den einzigen Weg zur Erlangung körperlicher Gesundheit preist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2022 - Religion

Die Queer-Aktivistinnen Zahra Sedighi-Hamadani (31) und Elham Chubdar (24) sind im Iran wegen "Korruption auf Erden durch die Beförderung von Homosexualität" zum Tode verurteilt worden, berichtet Hella Camargo bei hpd.de. Im Iran sollen in diesem Jahr schon 250 Menschen hingerichtet worden sein, internationale Proteste seien darum dringend vonnöten. Aktivistinnen, die in Deutschland protestierten, seien überdies von Bütteln des Teheraner Regimes bedroht worden: "Nach Bekanntwerden des Urteils hatten Mina Ahadi, Maryam Namazie, Rana Ahmad und weitere Menschenrechtsaktivist*innen mit Protesten reagiert, die unter anderem von Deutsche Welle Persian begleitet wurden. In Köln kam es dabei zu Übergriffen. Während die Tatsache, dass zwei Frauen der Tod droht, die Störer kaum zu interessieren schien, nahmen diese jedoch Anstoß an einem Schild mit der Aufschrift 'Allah is a woman' (Allah ist eine Frau), das Namazie hochhielt. Mit 'Allahu Akbar'-Rufen versuchten sie, die Proteste zu unterbrechen und ein Bedrohungsszenario aufzubauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2022 - Religion

Immer mehr Menschen verlassen die Kirchen, "doch wer wird das von ihnen hinterlassene moralphilosophische Vakuum füllen", fragt Adrian Beck bei hpd.de: "Der Säkularismus darf nicht den Fehler machen, anzunehmen, dass ihm diese Rolle zufliegen wird. Und er darf schon gar nicht den Fehler machen, diese 30 Prozent zu ignorieren, die die Kirche auch deshalb verlassen, weil sie sich nach ihrem Empfinden zu sehr dem Zeitgeist anbiedert. Dort tummelt sich eine Menge latentes radikales Potential. Aus etwas, was als 'Linksruck der CDU' empfunden wurde, ging die AfD hervor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2022 - Religion

Die Bundesländer verweigern trotz der Beteuerungen, ihre Verwaltungen digitalisieren zu wollen, Online-Kirchenaustritte, berichtet hpd.de unter Verweis auf eine Recherche der Zeitschrift c't: "Da immer mehr Menschen aus der Kirche austreten wollen, jedoch nur eine begrenzte Anzahl an Terminen zur Verfügung steht, kommt es teilweise zu Wartezeiten von mehreren Monaten, bis ein Kirchenaustritt vollzogen werden kann. Die einfachste Lösung wäre, diese Amtshandlung - wie viele andere auch - online verfügbar zu machen." Offenbar, so Christian Wölbert in c't, machen Länder in dieser Frage Besonderheiten von Landesrecht geltend. "Das Ergebnis: Nicht nur in NRW, sondern fast überall ist ein Onlinedienst aktuell nicht möglich, weil Landesrecht die persönliche Vorsprache oder eine schriftliche Erklärung 'in öffentlich beglaubigter Form' verlangt. In letzterem Fall muss man in Gegenwart eines Notars unterschreiben. Zu den Gebühren für den Austritt selbst (NRW: 30 Euro) kommen dann gut und gerne noch 25 Euro hinzu. Fast alle Länder wollen ihre entsprechenden Gesetze auch nicht ändern." Die Kirchen sind sicher dankbar, trotz der Hürden traten 2021 640.000 Menschen aus.
Stichwörter: Kirchenaustritte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2022 - Religion

Hamburg feierte gerade zehn Jahre Staatsvertrag mit Islamverbänden wie Ditib, eine echte Evaluierung des Vertrags findet nicht statt. Aber Necla Kelek und Peter Mathews berichten im Perlentaucher von einer Wohlfühlveranstaltung, die der Senat mit Vertretern der Verbände, die zum Teil ausländischen Staaten gehorchen, abgehalten hat. Ihr Resümee: "Der Hamburger Weg ist für die Stadt wie für alle säkularen und demokratischen Hamburgerinnen und Hamburger muslimischen Glaubens oder Herkunft, eine Sackgasse, die vor einer Moschee endet. Richtig wäre, die Sinnhaftigkeit von Staatsverträgen mit Religionsgemeinschaften grundsätzlich zu überprüfen. Unsere Gesellschaft ist zunehmend nicht religiös orientiert, warum dann Sonderrechte, die über den reinen Schutz der Religionsübung hinausgehen?"