9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2021 - Religion

Kurz vorm höchsten christlichen Feiertag erinnert der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn im Gespräch mit  Claudius Prößer von der taz daran, dass Antisemitismus von Anfang an Teil des Christentums ist. Es sei "kein Zufall, dass die erste große Studie über Antisemitismus, Sigmund Freuds 'Der Mann Moses und die monotheistische Religion' genau diese Frage in den Mittelpunkt rückt. Freud weist darauf hin, dass in das Christentum eine Neiddimension eingeschrieben ist, dass es um ein Ressentiment geht, das sich gegen bestimmte Elemente des religiösen Judentums richtet - wie den abstrakten Gesetzescharakter und die Auferlegung, selbst nicht Gott sein zu können, von Gott klar unterschieden zu sein, was die Psychoanalyse als narzisstische Kränkung für christliche Glaubensvorstellungen interpretiert. Solche Strukturelemente sind quasi festgeschrieben. Aber es ist nicht festgeschrieben, wie man sich damit auseinandersetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2021 - Religion

In der FAZ fordert der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig im Blick auf Diskussionen über das Verhältnis von Staat und Religion für Deutschland "eine Fortschreibung der bisherigen Ordnungsmuster unter veränderten Vorzeichen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2021 - Religion

Jan Feddersen schreibt in der taz den Nachruf auf die linke Theologin und Friedensbewegte Uta Ranke-Heinemann, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist: "Alles, was an Misere in puncto Katholizismus heutzutage offenliegt, die Kameraderie, das Bigotte, das Bedürftige an Herzlichkeit, die fehlende Barmherzigkeit im Hinblick auf echte Nöte - das hatte Uta Ranke-Heinemann in ihren agilsten Jahren im Blick, das machte sie öffentlich populär und durchaus streitbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2021 - Religion

Der tansanische Präsident John Magufuli ist wohl an Corona gestorben wie auch einige Minister seiner Regierung, schreibt Ilona Eveleens in der taz: "Der 61-jährige Magufuli hat die Pandemie wiederholt heruntergespielt. Der Präsident, ein gläubiger Katholik, bestand darauf, dass nach Mai 2020, als in Tansania mit rund 60 Millionen Einwohnern 509 Infektionen festgestellt worden waren, das Virus im Land nicht mehr vorgekommen sei. 'Gott hat Corona bezwungen', sagte er. Trotz Anfragen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Tansania seitdem die Veröffentlichung von Statistiken eingestellt."

Mit dem Weihbischof Dominik Schwaderlapp und dem Chef des Bistums-Gerichts hat Kardinal Rainer Maria Woelki nach dem belastenden Gutachten zwei Kirchenmänner ihres Amtes enthoben - aber er selbst müsste auch "seinen Kardinalshut" nehmen, fordert Tobias Schwab in der FR: "Zur Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche braucht es darüber hinaus viel mehr als ein juristisches Gutachten. Der Staat darf es der Kirche nicht allein überlassen und muss eine unabhängige Kommission einrichten, damit endlich alles ans Licht kommt."

"Wann endlich lässt sich die Kirche auf die ganze Wahrheit ein, öffnet alle ihre Archive und reißt die Mauern des Beschweigens, des Verschweigens ein?", fragt indes Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel und geht noch einen Schritt weiter: "Besser wäre, wenn sich der gesamte Episkopat bereit fände, Rom seine Demission anzubieten: um einen kompletten Neuanfang zu ermöglichen und den Gottgläubigen die Chance zu geben, an die Wandlungsfähigkeit ihrer Kirche zu glauben." Und in der SZ fordert Matthias Dobrinski einen Perspektivwechsel: "Weg von den Bedürfnissen der Institution hin zur Sichtweise der Betroffenen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2021 - Religion

Zunehmend verliert der Kölner Erzbischof Woelki, der ein Gutachten über sexuellen Missbrauch von Kirchenoberen zurückgehalten hat (Unser Resümee), auch den Rückhalt seines Umfeldes, schreibt Alan Posener auf Zeit Online: "Was aber auch immer mit Woelki passiert, die katholische Kirche steht in Deutschland vor einem Dilemma, das der Kardinal geradezu verkörpert. Entweder sie reformiert und modernisiert sich - Stichworte: Frauenordination, Priesterheirat, Laienmitsprache, dogmatische Öffnung, Ökumene - und riskiert dabei, das Eigene zu verlieren und zu einem bloßen Abklatsch der evangelischen Kirche zu werden. Oder sie zieht sich, wie Benedikt XVI. es wohl wollte, in eine Art inneres Exil zurück, pflegt das Eigene und riskiert, zur Sekte zu werden, in der, wie in jeder Sekte, sexuelle Gewalt und geistiger Terror unvermeidlich sind."

Durch die Affäre Woelki steht die katholische Kirche bereits einen Schritt hinter dem Abgrund, schreibt in der Welt auch Lucas Wiegelmann, der der Katholischen Kirche in Deutschland unter anderem rät, erfolglose Debatten zu vermeiden: Es gebe nun mal "Themen, bei denen ist und bleibt eine Veränderung der derzeitigen Regeln für die Kirche unrealistisch, weil der Vatikan als höchste Instanz unmissverständlich Nein gesagt hat: Eine Priesterweihe für Frauen etwa wird es demnach ebenso wenig geben wie einen deutschen Alleingang beim Pflichtzölibat. Den Bischöfen steht es frei, das zu bedauern. Aber sie sollten es zumindest klar benennen. Alles andere ist nicht aufrichtig gegenüber denen, die mit Herzblut den 'Synodalen Weg' zum Erfolg führen wollen, und wird früher oder später zu neuen Enttäuschungen und Abwanderungsbewegungen führen, dann gerade auch unter den Aktiven und Engagierten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2021 - Religion

In der Schweiz hat ein Gericht die Äußerungen einer Sektenexpertin über die Zeugen Jehovas als richtig anerkannt. Sie hatte Praktiken wie die "Ächtung", Todesfälle aufgrund der Verweigerungen von Bluttransfusionen und die sogenannte "Zwei-Zeugen-Regel" bei Vorwürfen sexuellen Missbrauchs angeprangert, erläutert Julius Rupprecht bei hpd.de: "Ächtung bezeichnet eine religiöse Vorschrift, nach der getaufte Mitglieder der Zeugen Jehovas, die sich vom Glauben abwenden oder gegen Vorschriften verstoßen, aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden. Andere Zeugen Jehovas dürfen mit ihnen keinen Kontakt mehr pflegen, sie nicht einmal mehr grüßen. Das gilt auch für engste Angehörige wie Eltern, Kinder, Geschwister, Partner:innen und Großeltern." Für Rupprecht stellt sich die Frage, ob die Zeugen Jehovas in Deutschland weiterhin als "Körperschaft des öffentlichen Rechts" anerkannt werden sollten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2021 - Religion

In Europa haben sich nicht zuletzt nach den Erfahrungen des dreißigjährigen Krieges und kräftigem Schubs durch die Aufklärung Interpretationen der Bibel durchgesetzt, die dem friedlichen Zusammenleben dienen, erinnert in der NZZ Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur. Auch der Islam muss nicht am Buchstaben kleben, sondern kann seine Heiligen Schriften interpretieren, ermuntert er: "Denn die Interpretation des Heiligen ist, wie Tareq Oubrou, der reformerisch gesinnte Imam von Bordeaux, treffend gesagt hat, selbst nicht heilig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2021 - Religion

Auch in Religionsgemeinschaften, die von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen werden, gibt es sexzuellen Missbrauch. Der Betroffenenverband "JW Opfer Hilfe" hat in den letzten zwei Jahren fünfzig Hinweise auf Missbrauch bei den Zeugen Jehovas bekommen. Rechtlich lassen sie sich schwer verfolgen, schreibt Gisa Bodenstein bei hpd.de: "Die Grundlage dafür sieht die aus der Sekte ausgeschlossene Barbara Kohout, die von der Aufarbeitungskommission eingeladen worden war, im Selbstverwaltungsrecht der Religionsgemeinschaften, wie es in Artikel 140 des Grundgesetzes in Verbindung mit dem aus der Weimarer Reichsverfassung übernommenen Artikel 137 festgelegt ist. Innerorganisatorische Disziplinarverfahren führten dazu, dass Verdachtsfälle nicht öffentlich gemacht und nicht öffentlich aufgeklärt würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2021 - Religion

Emmanuel Macron möchte den politischen Islam in Frankreich stärker kontrollieren. Aber das entsprechende Gesetz soll für alle Religionen gelten. Und darum protestiert der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Eric de Moulins Beaufort laut Michaela Wiegel in der FAZ: "Besonders kritisch sieht er die geplante Regelung, dass die Präfekten als Gesandte des Zentralstaates künftig in regelmäßigen Abständen Kirchen und andere Religionsstätten 'überprüfen' und zulassen müssen. Der Staat greife mit der vorgesehenen Kontrolle der Buchhaltung zudem in das Selbstverwaltungsrecht der Kirchen ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2021 - Religion

Von der kürzlich erhobenen Forderung Kacem El Ghazzalis, Religion in die Privatsphäre zu verbannen (Unser Resümee), halten die Theologen Ulrich Körtner und Jan-Heiner Türck in der NZZ natürlich nichts. Zugleich warnen sie vor den Bedrohungen durch den politischen Islam: "Sie versuchen die Spielräume des demokratischen Rechtsstaats auszunutzen, um gezielt ihr Ideengut zu verbreiten. Die Muslimbruderschaft und andere Organisationen, die oft auf finanzielle Ressourcen aus islamischen Staaten zurückgreifen, streben ganz offen an, eine Scharia-konforme Gesellschaftsordnung zu etablieren. Wer das als Übertreibung abwiegelt, möge folgende Äusserung von Yusuf al-Qaradawi, einem Vordenker der Muslimbruderschaft, zur Kenntnis nehmen: 'Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen - mittels Dawa ['Ruf zum Islam', Mission] und durch die Ideologie.'"