9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2021 - Religion

Die Aufklärung über sexuellen Missbrauch wird von Kirchenoberen weiter kräftig hintertrieben. Vor kurzem wollte der Kölner Erzbischof Woelki Journalisten ein bisher zurückgehaltenes Gutachten zeigen, aber nur wenn sie darüber schweigen, was sie nicht schriftlich versichern wollten. Beraten wird Woelki von einer Anwaltskanzlei, die sonst für Tayyip Erdogan ud die AfD arbeitet, berichtet Philipp Gessler in der taz: "Die Website der Kanzlei warb mit dem Versprechen: 'Mit 'Zuckerbrot und Peitsche' vermeiden wir negative Berichterstattung schon im Vorfeld. Sollten wir sie nicht ganz verhindern können, mildern wir sie zumindest ab.' Am Rhein kursiert die Einschätzung, die Beratung des Erzbistums durch angebliche PR-Profis und Anwälte habe schon Hunderttausende Euro gekostet. Eine Schande, wenn man bedenkt, mit welchen Brosamen fast alle Missbrauchsopfer abgespeist wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Religion

Neulich haben einige Theologen in der FAZ gefordert, Sterbenden Sterbehilfe nicht mehr zu verweigern (unser Resümee). Das waren progressive Theologen, und sie stoßen in der evangelischen Kirche auf starken Widerstand, schreibt Gita Neumann bei hpd.de. Die Katholiken retten sich demgegenüber in die alte Technik pragmatischer Heuchelei: "Die Richtlinien im Dokument 'Der barmherzige Samariter' zu Maßnahmen am Lebensende besagen zwar: Jeder Schwerkranke, der den 'unmoralischen Akt Sterbe- oder Suizidhilfe' für sich in Anspruch nehmen wolle und an seiner Entscheidung festhalte, dürfe keinerlei Geste des Zuspruchs erhalten. Aber 'Ausnahmen könne es geben', hat der Spiegel dazu lapidar festgestellt, 'wenn ein Priester überzeugt sei, dass die sterbende Person ihre Meinung geändert habe. Auch wenn der Patient bewusstlos sei und man Reue annehmen könne (sic), dürfe er die Sakramente erhalten'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2021 - Religion

Der unermüdliche Kirchenkritiker Helmut Ortner macht heute bei Faustkultur auf die von den Deutschen brav geschluckte Absurdität des deutschen Kirchensteuersystems aufmerksam. "Unsere Kirchensteuer: Einst wurde vom Reichsfinanzminister (im September 1933) angeordnet, dass auf der Lohnsteuerkarte ein Religionseintrag vorzunehmen sei. Das war zwar nach der Weimarer Reichsverfassung verfassungswidrig (Art. 136 Absatz 3). Dort heißt es: 'Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren...' Die Nationalsozialisten hat das jedoch nicht interessiert. 1949 wurde dieser Artikel der Weimarer Reichsverfassung in das Grundgesetz übernommen - und so steht die Religionszugehörigkeit auf der Lohnsteuerkarte deutscher Kirchenmitglieder. Bis heute."

Ebenfalls bei Faustkultur bespricht Cinzia Sciuto Mouhanad Khorchides Buch "Gottes falsche Anwälte - Der Verrat am Islam". Sciutos eigenes Buch "Die Fallen des Multikulturalismus" wird von Armin Pfahl-Traughber in hpd.de rezensiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2021 - Religion

Die Islamkonferenz und der Wunsch der Bundesregierung, Organisationen des "Politischen Islams" Geld zu geben, damit sie für Frieden sorgen, sind ein Fall für den Bundesrechnungshof, hatte Hamed Abdel-Samad auf Facebook geschrieben, als er seinen Austritt aus der Islamkonferenz erklärte. Lutz Neumann geht diesem Vorschlag auf hpd.de nach und findet: "Angesichts der von Hamed Abdel-Samad und vielen anderen festgestellten Intransparenz und Beratungsresistenz der Spitze des Innenministeriums, von weiten Teilen der Bundesregierung und Landesregierungen in Sachen Politischer Islam, gehört der Rechnungshof zu den Staatsorganen, von denen noch ein klarer Blick und verantwortungsvolles Handeln erwartet werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2021 - Religion

In der Welt schreibt Christian Meier einen Brief an Kardinal Woelki, von dem er gern wüsste, wie groß sein Interesse an der Aufklärung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche schon sein kann, wenn man über eine diesbezügliche Studie nicht sprechen darf. Und auch die Anwaltskanzlei der Kirche findet Meier fragwürdig: "Die Kanzlei hat unter anderem Mandate für den türkischen Staatspräsidenten Erdogan und die AfD übernommen und wirbt auf ihrer Website mit dem Versprechen: 'Mit 'Zuckerbrot und Peitsche' vermeiden wir negative Berichterstattung schon im Vorfeld. Sollten wir sie nicht ganz verhindern können, mildern wir sie zumindest ab.' Nun, Herr Erzbischof Woelki, lässt sich die Frage stellen, was Sie eigentlich wollen: eine schonungslose Aufklärung von Missbrauchsfällen, zu denen sich das Erzbistum bekennen und Schuldige zur Verantwortung ziehen muss? Oder eine Verhinderung oder Abmilderung negativer Berichterstattung, bei denen Sie selbst und Ihnen nahestehende Personen in einem denkbar schlechten Licht dastehen könnten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 - Religion

Wolfgang Hummes, Verfasser des Buches "Brauchen wir Gott im Grundgesetz? Plädoyer für eine religionsbefreite Verfassung" schreibt bei hpd.de sehr skeptisch über das Islamkolleg in Osnabrück, einer staatlich finanzierter Einrichtung für die Ausblidung muslimishcer Religionslehrer, von der sich die Politik einen integrationsfördernden, aber nach wie vor bekenntnisorientierten Religionsunterricht erhofft. Viel zu vielfältig sei der von Migration geprägte Islam in Deutschland, wendet Hummes ein: "Es kommt hinzu, dass sich besonders die Jugend ihre politische und religiöse Meinung und Haltung weniger in den regionalen Moscheen als vielmehr über das Internet bildet. Um die dort leicht zugänglichen Verkündigungen zu verstehen, bedarf es auch nicht der Beherrschung der deutschen Sprache. Man kann alles in der eigenen Muttersprache erfahren. Damit bleibt die religiöse Indoktrination für den Verfassungsstaat weiterhin außer Reichweite." Hummes plädiert für einen konfessionsübergreifenden Ethikunterricht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2020 - Religion

Der Islam ist nicht rerfomierbar, fürchtet Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Inna Shevchenko von Charlie Hebdo. "Es nützt nichts, die guten Passagen aus dem Koran herauszupicken und die schlechten neu zu interpretieren. Stattdessen müssen wir die Autoriät dieses Buchs verkleinern. Der Islam braucht keinen Martin Luther, er braucht Charlie Hebdo. Wir müssen diese rigide Ideologie erschüttern, diskutierbar machen, dem Lachen ausliefern, bis das normal wird. Es ist nicht nötig, den Islam zu reformieren, sondern die Haltung zu ihm zu verändern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Religion

Die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AWIG) hat eine Umfrage unter den 2.500 Studierenden islamischer Theologie gemacht, deren Berufswünsche noch ziemlich unklar zu sein scheinen. Für die taz spricht Ralf Pauli mit einigen Autoren der Studie, denen der Wunsch der Politik, dass die künftligen Islamlehrerinnen (es sind viele Frauen unter ihnen) zur Integration beitragen, als Anspruchsdenken erscheint. Der Pädagogikprofessor Constantin Wagner beklagt, dass die Politik einerseits davon ausgehe, "dass antidemokratische Tendenzen in der muslimischen Community dominieren würden, andererseits überfrachtet sie die Absolvent:innen mit einer doppelten Erwartung. Muslime, die beispielsweise als Religionslehrer:innen arbeiten, sollen nicht nur ihren Fachunterricht gestalten und (religiöses) Wissen vermitteln, sondern auch noch für die gesellschaftliche Integration zuständig sein. Geht man davon aus, dass Muslime durch den Religionsunterricht integriert werden sollen, werden sie als bisher außerhalb der Gesellschaft stehend imaginiert." Einen reibungslosen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht beobachtet Wagner nur in einigen Bundsländern und warnt: "Nur in einigen Bundesländern läuft der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht reibungslos. Die Politik sollte aufpassen, dass sie junge Muslime, die sich in die Gesellschaft einbringen möchten, nicht ausbremst."

Bremen ist eine Hochburg der Evangelikalen in Deutschland, schreibt Herbert Thomsen bei hpd.de: "Innerhalb des Kirchenparlaments stellen die Evangelikalen etwa 15 Prozent der Delegierten. In Bremen ist die größte evangelikale Schule und das größte evangelikale Sozialwerk Deutschlands angesiedelt. Die Hälfte der sonntäglichen GottesdienstbesucherInnen lauschen in den evangelikalen Gemeinden. In vielen anderen 'normalen' Gemeinden kommen neben Grauhaarigen noch einige KonfirmandInnen. Je eine Abgeordnete der SPD, der FDP und der CDU im Bremischen Landesparlament sind engagierte Evangelikale, außderdem gibt es zwei AnhängerInnen des politischen Islam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2020 - Religion

Christen und Kulturchristen merken gar nicht, wie sehr ihre Religion hier privilegiert wird, schreibt die Journalistin Melina Borčak im besten Neusprech in der taz. So wünsche man ihr, obwohl sie Muslimin sei, rücksichtslos frohe Weihnachten: ″Normativität zieht immer Privilegien mit sich, und scheint den 'Normalen' unsichtbar. Wer die Probe machen will, beantworte sich folgende Fragen: Bist du frei vom Druck, Feiertage anderer Religionen zu feiern, die deinem Glauben widersprechen? Findest du in Medien realistische Darstellungen deiner Religion und ihrer Mitglieder? Kannst du ein Arsch sein, ohne dass deine Religion als Grund herhält?″ Ach ja, das geht.

Außerdem: In der NZZ denkt der Theologe Jan-Heiner Tück über den jüdischen Gott nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2020 - Religion

In Deutschland ist Religionsunterricht immer noch bekenntnisgebunden, also weniger ein Unterricht über Religion, sondern eine Unterweisung in ihre Dogmen. Joachim Wagner, ehemals ARD-Journalist, findet das in der Zeit absurd: "Vermutlich gibt es keinen anderen Grundrechtsartikel, bei dem Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit so weit auseinandergedriftet sind wie bei der Garantie des Bekenntnisunterrichts. In einer Gesellschaft, die multireligiöser und areligiöser zugleich geworden ist, brauchen wir eine neue Form des Religionsunterrichts, einen Systemwechsel von der konfessionellen Unterweisung zur Religionskunde. England, Norwegen, Schweden und Luxemburg haben diesen Schritt in den vergangenen Jahren getan."

Außerdem: Kritisch kommentiert Ronald Bilik bei hpd.de die Entscheidung des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, der das Kopftuch für Mädchen an Grundschulen wieder zuließ.