9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2024 - Wissenschaft

"Dekolonisierung im Kontext des Nahostkonflikts" ist nur "eine wissenschaftsförmige Chiffre für den Drang, die Judenfrage neu zu stellen" und Edward Said hat mit seinem Buch "The Question of Palestine" dafür den Grundstein gelegt, meint der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ. "Indem Said den Zionismus zu einem blutrünstigen Kolonialrassismus umdeutet, relativiert er die Idee der jüdischen 'Autoemancipation' (Leo Pinsker), die auf die Pogrome im Zarenreich und das Scheitern der bürgerlichen Emanzipationsversprechen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert reagierte. In seinem Palästinabuch versteigt er sich zu der Feststellung, der Zionismus habe sich selbst niemals eindeutig nur als jüdische Befreiungsbewegung verstanden, vielmehr hätten die kolonialen Siedlungsprojekte im Orient Priorität gehabt. ... Said schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er das zionistische Projekt zu einem Kolonialrassismus umdeutet. Der Zionismus kann schon allein deshalb kein Kolonialismus sein, weil die Zionisten das Land käuflich erwarben, ohne die einheimische Bevölkerung zu knechten und ohne von einem Mutterland zur Besiedlung aufgefordert worden zu sein."

Ebenfalls auf der Geisteswissenschaftenseite beklagt Markus Steinmayr in einem Text, den man sich etwas weniger akademisch, dafür deutlich länger gewünscht hätte, dass Literatur und Literaturwissenschaft "gegenwärtig beide Objekt der Zurichtung von Texten auf heteronome Zwecke" sind, während die "ästhetische Erfahrung" von Literatur überhaupt keine Rolle mehr spiele. Mehr Mut zu neuen Technologien wünscht sich Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, gesamtgesellschaftlich im Interview mit der FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 - Wissenschaft

Die "Förderaffäre" geht immer weiter. Professoren hatten nach Unibesetzungen durch israelhassende Studenten und Aktivisten bekanntlich Straffreiheit gefordert. Das stieß im Bundesbildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger (FDP) nicht auf Begeisterung. Als bekannt wurde, dass die Möglichkeit geprüft wurde, ob Förderung einstellbar ist, musste die Staatssekretärin Sabine Döring gehen - sie darf sich in der Öffentlichkeit nicht äußern. Nun zitiert Heike Schmoll in der FAZ aus Chats des internen Messengerdienstes "Wire", der zeigt, dass die Leitungesebene des Ministeriums tatsächlich stark über israelbezogenen Antisemitismus in der Professorenschaft und Konsequenzen daraus nachdachte. Die Chats wurden zuerst in der ARD veröffentlicht. "Vermutlich wurden die Wire-Chats von Whistleblowern aus der Arbeitsebene an die Öffentlichkeit gebracht, weil die Wut der Mitarbeiter steigt, dass die Leitungsebene die Verantwortung für die förderrechtliche Prüfung und die Zusammenstellung der Namenslisten Geförderter fortwährend der Arbeitsebene zuschiebt. Das sagt viel über die Schattenkommunikation in der Leitung und die Abkopplung der Arbeitsebene, die frühzeitig auf die rechtliche Unmöglichkeit förderrechtlicher Sanktionen hingewiesen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2024 - Wissenschaft

Der Hamburger Senat hat der "Forschungsstelle zur Aufarbeitung von Hamburgs kolonialem Erbe" die Förderung gestrichen, berichtet Marta Ahmedov in der taz. Die Forschungsstelle soll stattdessen in die Universität eingegliedert werden: "Bisher ist jedoch unklar, welche finanziellen Mittel die Universität genau bereitstellen kann und will, um die Forschung zu fördern. Die aktuell bestehende Finanzierungslücke von über 60 Prozent der bisherigen Summe soll wohl zum Teil über Drittmittel gedeckt werden. 'Drittmittelfinanzierung bedeutet Drittmittellotterie. So eine wichtige Aufgabe kann man nicht darüber betreiben', sagt dazu Zimmerer. 'Ich fand die Äußerungen der Universität im Wissenschaftsausschuss sehr unpräzise und habe nicht den Eindruck, dass die Universität einen konkreten Plan hat, wie sie die Arbeit zu diesem Thema weiterführen will', kritisiert auch der Bürgerschaftsabgeordnete Norbert Hackbusch, der für die Linksfraktion Mitglied im Wissenschaftsausschuss ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2024 - Wissenschaft

Zweienhalb Monate Semesterferien waren Zeit, um an Universitäten für Frieden und Sicherheit zu sorgen, aber zu Semesterbeginn setzen sich die antiisraelischen Proteste an amerikanischen Unis fort, berichtet Franziska Sittig in der FAZ, etwa mit Blick auf die Columbia University, wo die "Students for Justice in Palestine" ebenso wie die Gruppe "Jewish Voice for Peace" zwar vom Campus verbannt worden waren: "Nichtsdestotrotz konnte sich am 2. September der von beiden Gruppen gemeinsam gegründete Ableger Columbia University Apartheid Divest in die Campuszugänge stellen, die Statue der Alma Mater mit roter Farbe bewerfen und Broschüren aushändigen, in denen die al-Aqsa-Märtyrerbrigade, der bewaffnete Arm der palästinensischen Fatah-Partei, zitiert wird: 'Wir werden auftauchen, wo du es am wenigsten erwartest.' In der Broschüre werden die Prinzipien der palästinensischen Widerstandsbewegung beschrieben, zu denen auch gehört, 'Allah den Gnädigsten' zu ehren und 'Ruhm dem Gazastreifen' zu verkünden, dessen Zweck es sei, eine weltweite Armee von Muslimen aufzubauen."

Bereits zum zweiten Mal musste Bettina Stark-Watzinger vor dem Bildungsausschuss in der Fördergeldaffäre aussagen, aber Neues erfuhr man nicht, meldet Thomas Thiel in der FAZ: "Die Ministerin blieb bei ihrer Mauertaktik, und ihren Kritikern fehlten die Mittel. Die Regierungsparteien hatten die Union zuvor hängen lassen bei dem Versuch, die ehemalige Staatssekretärin Sabine Döring und einen Abteilungsleiter gegen den Willen der Ministerin ebenfalls vor den Ausschuss zu laden, was die Ministerin in Bedrängnis hätte bringen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2024 - Wissenschaft

Man möchte kaum glauben, was Ester Fuchs, Professorin an der Columbia-Universität im Zeit-Gespräch mit Kerstin Kohlenberg und Dr. Anna-Lena Scholz über antisemitische Anfeindungen berichtet, die im letzten Jahr an der Universität stattfanden. Jüdische Studierende beschrieben "Ausgrenzungen, Diffamierungen und körperliche Angriffe auf dem Campus. Eine Studentin, die an ihrer Zimmertür im Wohnheim eine kleine Mesusa befestigt hatte - eine jüdische Schriftkapsel -, erzählte etwa, sie sei jede Nacht aus dem Schlaf gerissen worden, weil Kommilitonen an die Tür schlugen. Sie sah sich gezwungen, auszuziehen. Studenten, die eine Kippa trugen, wurden auf dem Campus und der Straße angespuckt, einigen wurde der Davidstern, den sie am Hals trugen, abgerissen. Andere erzählten, sie seien gegen eine Wand gedrückt oder von AGs ausgeschlossen worden. ... Einige der Professoren forderten die jüdischen Studenten immer wieder auf, die Geschehnisse im Nahen Osten zu rechtfertigen. Aus der Universitätsverwaltung griff niemand ein, stattdessen riet man den jüdischen Studierenden, zum Psychologen zu gehen. Kein Witz!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2024 - Wissenschaft

Vor vier Jahren gründete der Hamburger Reeder Erck Rickmers mit großem Brimborium das "New Institute", dem er gleich neun Alstervillen zur Verfügung stellte. Gründungschefin war die populäre Sachbuchautorin Maja Göpel, die bald mit nicht so großem Brimborium das Institut verließ. Nun erklärt Rickmers in der Zeit im Gespräch mit Oskar Piegsa und Anna-Lena Scholz, warum er das Institut im nächsten Jahr schließen wird - durchaus selbstkritisch: "Wir waren anfangs sehr laut, auch in den sozialen Medien, und die Inhalte hatten noch zu wenig Substanz. Das hat Ressentiments geschürt. In anderen Instituten schaute man sich das an und dachte: 'Da kommt einer und meint, er kann alles besser, was fällt dem denn ein?' Dabei lautet mein Credo als Unternehmer: 'Underpromise and overdeliver'. Weniger ankündigen, mehr liefern." Damit reagiert Rickmers vielleicht auch auf eine überraschend massive Attacke in der FAZ im Januar(unser Resümee). Da auch Jan Philipp Reemtsma sein Hamburger Institut für Sozialforschung schließt (unsere Resümees), sieht es mit mäzenatischer Förderung von Geistes- und Sozialwissenschaften neuerdings recht mau aus. Die taz-Nord berichtete bereits letzte Woche.
Stichwörter: New Institute, Göpel, Maja

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2024 - Wissenschaft

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Der Verwaltungsjurist Klaus Ferdinand Gärditz ist Autor des Buchs "Hoflieferanten", das das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik untersucht. Er hat für die FAZ die jüngst veröffentlichten RKI-Protokolle zur Corona-Pandemie gelesen und winkt, anders als kürzlich die Strafrechtlerin Frauke Rostalski in der FAZ (unser Resümee), ab: Kein Skandal hier, nirgends. "Durften unter galoppierenden Unsicherheitsbedingungen nach Vorsorgeprinzip bei Abwägung von Nutzen und Risiken bestimmte Maßnahmen getroffen werden? Die Rechtsprechung hat hier den demokratisch legitimierten Gesetz- und Verordnungsgebern mit Recht weitreichende Einschätzungsspielräume zugestanden und nur die Plausibilität der zugrunde gelegten Prämissen überprüft. Was hätten Gerichte auch mehr tun können? Im Gerichtssaal lassen sich keine komplexen Diskurse hoch spezialisierter und global vernetzter Fachgemeinschaften simulieren. ... Hätten sich die Verordnungsgeber auf andere Einschätzungen gestützt, die im Entscheidungszeitpunkt nachweislich wissenschaftlich vertretbar waren, wäre dies wohl ebenfalls akzeptiert worden. Wissenschaftliche Wahrheitsfragen werden nicht im RKI oder im Bundesgesundheitsministerium verlässlich beantwortet, sondern stets vorläufig und revisibel von den Menschen, die täglich Forschung betreiben. Das ist auch gut so."

Außerdem: In "Bilder und Zeiten" der FAZ erinnert Wolfgang Krischke an den Einfluss des animalische Magnetismus auf Kultur, Wissenschaft und Politik in der Zeit der Romantik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2024 - Wissenschaft

Die Präsidentin der Columbia University Minouche Shafik ist zurückgetreten. Sie hatte vor einigen Monaten die Polizei auf den Campus gelassen, um ein propalästinensisches Protestcamp zu räumen und damit auch viele Professoren gegen sich aufgebracht. Eine seltsame Koalition feiert ihren Rücktritt, erzählt Frauke Steffens in der FAZ: "Viele Republikaner nutzen die Diskussion über Antisemitismus an Hochschulen, um insbesondere die Geisteswissenschaften zu delegitimieren. J.D. Vance, Donald Trumps Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, erklärte die vermeintlich zu linken Hochschulen schon 2021 zum 'Feind', den man 'angreifen' müsse. Der Senator aus Ohio brachte im Mai einen Gesetzesentwurf ein, der Hochschulen die staatliche Finanzierung entziehen sollte, wenn sie die Protestzeltlager gegen Israel nicht räumen ließen. Während viele Republikaner Shafiks Rückzug als ihren Erfolg ansehen, behaupten das auch manche Aktivisten. Die Organisation 'Within Our Lifetime', die schon öfter durch antisemitische Äußerungen auffiel, schrieb, Shafik sei 'mit dem Blut des palästinensischen Volkes an den Händen' zurückgetreten, und: 'Von Mörderin Kamala bis Opportunistin Shafik werden wir allen Genozid-Komplizen zeigen, dass sie gehen müssen!'" Auch Marina Klimchuk berichtet dazu in der taz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2024 - Wissenschaft

In der FAZ entnimmt Selma Schiller einer in der Ukraine durchgeführten repräsentativen Umfrage, "dass bis zum Herbst 2022 mehr als 18,5 Prozent aller ukrainischen Wissenschaftler das Land verlassen haben. Forscher mit akademischem Doktorgrad bilden mit einer um elf Prozent höheren Fluchtwahrscheinlichkeit eine signifikante Gruppe. Weitere fünfzehn Prozent der Wissenschaftler sind zwar in der Ukraine verblieben, haben dort die Forschung allerdings aufgegeben, etwa um stattdessen die militärischen Streitkräfte zu unterstützen oder weil eine Fortsetzung ihrer Arbeit unter Kriegsbedingungen unmöglich geworden ist. (…) Auch die noch im Land befindlichen und praktizierenden Forscher haben mit schweren infrastrukturellen Problemen zu kämpfen, insbesondere in den von den Kampfhandlungen besonders stark betroffenen östlichen und südlichen Regionen des Landes. (…) Die dramatische Situation besorgt auch die deutschen Wissenschaftsinstitutionen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fürchtet, das Land könne große Teile einer ganzen Generation an Akademikern verlieren. Für den Wiederaufbau des Landes sei aber eine gut ausgebildete junge Generation dringend erforderlich. Die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte hinterlässt in allen Branchen große Lücken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2024 - Wissenschaft

Um die israelischen Unis ist es einsam geworden, konstatiert Thomas Thiel in der FAZ. Immer mehr europäische Unis schicken niemand mehr nach Israel und boykottieren israelische Partnerorganisationen. (Deutschland sei da zumindest auf institutioneller Ebene zum Glück eine Ausnahme): "Es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet die Wissenschaftler als Geiseln genommen werden. Noch vor Kurzem gingen viele von ihnen gegen die geplante Justizreform auf die Straße, dann kamen das Massaker und der Krieg, und nun sollen sie als Handlanger jener Regierung bestraft werden, gegen die sie zuvor protestiert hatten." Hinzukommt, so Thiel, dass nun auch die israelische Regierung Druck auf die Unis macht. Wissenschaftlern, denen sie die Unterstützung des Terrors vorwirft, will sie feuern können - und die Entscheidung liegt allein beim Bildungsminister: "Das Gesetz ist ein klarer Versuch, die Hochschulen an die Leine zu legen. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf dem Verfassungsgericht."