9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

372 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 38

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2024 - Wissenschaft

In der FAZ berichtet Thomas Thiel von einer Frankfurter Antisemitismus-Konferenz des Tikvah Instituts zusammen mit der Frankfurt University of Applied Sciences, wo "Antisemitismusforscher, die sich wohl zumeist dem linken Spektrum zuordnen würden, aber keine Sympathie für den merkwürdigen Schulterschluss linker Kreise mit Islamisten und Judenhassern hegen", eben diesen Schulterschluss unter die Lupe nahmen. Zum Beispiel die israelische Soziologin Eva Illouz: "Illouz führte den schockierenden Mangel an Mitgefühl in einem furiosen Vortrag auf die akademische Dominanz der French Theory zurück, die mit ihrer überzogenen Aufklärungskritik und ihren labilen Begriffen einer Generation von Geisteswissenschaftlern den Realitätssinn ausgetrieben habe. Damit sei der Nährboden für eine akademische Priesterkaste entstanden, die überall unterdrückte Stimmen wittere, zu deren Anwalt sie sich aufschwingt, ohne sich in Wirklichkeit für sie zu interessieren."
Stichwörter: Antisemitismus, Illouz, Eva

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2024 - Wissenschaft

Die Ökonomin Pauline Grosjean zitiert in Le Monde eine faszinierende Studie über das Aussterben der Geier in Indien, das in den betroffenen Regionen des Landes zu einem deutlichen Anstieg der Humansterblichkeit geführt hat. Geier seien äußerst effizient darin, die Überreste der 500 Millionen heiligen Kühe zu verspeisen, die frei in Indien herumlaufen, so Grosjean. In vierzig Minuten haben sie eine Kuh verspeist. Verschwinden die Geier, kommen Ratten und wilde Hunde, die weit weniger effizient sind und Krankheiten wie Tollwut verbreiten. Der Grund für die Geiersterblichkeit ist gefunden: Sie vertragen das Medikament Diclofenac nicht, das auch Tieren verabreicht wird, die sie essen. "Durch den Vergleich von indischen Distrikten, die mehr oder weniger geierfreundliche Ökosysteme darstellen, vor und nach Ablauf des Diclofenac-Patents, schätzen die beiden Ökonomen, dass der Rückgang der Geierpopulation mit einem Anstieg der menschlichen Sterblichkeit um mehr als 4 Prozent verbunden ist. Die Autoren dokumentieren außerdem die Zunahme der Population von Ratten und wilden Hunden sowie eine Verschlechterung der Wasserqualität in den Bezirken, die am stärksten vom Aussterben der Geier betroffen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2024 - Wissenschaft

Was haben die amerikanischen Hochschulen zu befürchten, jetzt, da Trump wieder an der Macht ist? Thomas Thiel wägt in der FAZ die Möglichkeiten Trumps ab, die akademische Welt nach seinen Vorstellungen umzustrukturieren. Einfach "den Geldhahn abdrehen" kann er missliebigen Institutionen nicht, es könnte aber trotzdem zu einschneidenden Veränderungen kommen. Auch für Studierende aus dem Ausland: "Beschränkt werden dürfte nach den Erfahrungen von Trumps erster Amtszeit auch die Freiheit, in den Vereinigten Staaten zu studieren. Das gilt besonders für die geschätzt mehr als 400.000 Studenten, die sich dort illegal aufhalten, und für Akademiker aus muslimisch geprägten Ländern. Bei chinesischen Studenten und Wissenschaftlern, die den amerikanischen Hochschulen viele Gebühren und Publikationen einbringen, dürfte der ökonomischen Überlegungen prinzipiell aufgeschlossene Trump schon zweimal nachdenken. Obwohl die Universitäten sein Hauptgegner in der Kulturkampfarena sind, wird die Bildungspolitik trotzdem wohl nur eine Nebenrolle für ihn spielen. Viel wird davon abhängen, ob es ihm gelingt, die Positionen in Ministerien und Hochschulen so umzudefinieren, dass er das Führungspersonal ohne viel Aufhebens feuern kann. Das wäre dann aber schon das Extremszenario."
Stichwörter: Trump, Donald

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2024 - Wissenschaft

Nach der "Internationalen LGBT-Bewegung" hat sich das höchste Gericht der Russischen Föderation nun noch die "Antirussische Separatistische Bewegung" ausgedacht, eine fiktive Dachorganisation von 55 real existierenden unliebsamen Organisationen, die als "extremistisch" eingestuft werden, darunter fällt auch die "Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde" (DGO), schreibt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel auf den Natur-und-Wissenschaften-Seiten der FAZ (unsere Resümees hier und hier). Nun "können sich Mitglieder der DGO in Russland oder einem mit Russland befreundeten Land nicht mehr sicher fühlen. Niemand kann sagen, ob sich der repressive Charakter des Regimes weiter verschärfen wird und welche Obsessionen die russische Innenpolitik noch entwickeln mag. Die Gelegenheit, einen ausländischen Wissenschaftler zu verhaften, kann in einer solchen Atmosphäre den Behörden gerade recht kommen, zumal in Situationen, in denen ein staatlicher 'Bedarf' an inhaftierten Ausländern besteht für einen internationalen Gefangenenaustausch mit dem Westen." Aber, so Schulze Wessel: "Russland bedroht die deutsche Russlandforschung existenziell, aber die deutsche Politik hält anscheinend unbeirrt an der bestehenden Russlandverbindung fest. Konsequent wäre eine entschiedene Aufwertung der institutionellen Förderung von Ukrainestudien."

Ebenfalls auf den Natur-und-Wissenschaften-Seiten der FAZ erinnert die französische Kunsthistorikerin Benedicte Savoy an den im September im Alter von 103 Jahren verstorbenen Amadou Mahtar M'Bow, den ersten afrikanischen Generaldirektor der UNESCO und eine "Ikone der afrikanischen Bildungs- und Kulturpolitik", der sich nicht nur "im Kampf für die Unabhängigkeit der kolonisierten Länder", sondern auch "im postkolonialen Bemühen um die Rechte marginalisierter Kulturen" einen Namen machte: "M'Bow war ein leidenschaftlicher Verfechter der Idee, dass Bildung ein Menschenrecht ist und dass alle Kulturen gleichwertig sind. Er setzte sich für den Erhalt des kulturellen Erbes ein und forderte die Rückgabe von Kunstwerken, die während der Kolonialzeit oft gewaltsam aus Afrika entwendet worden waren. Eines der bedeutendsten Vermächtnisse M'Bows ist zweifellos sein leidenschaftlicher 'Aufruf zur Rückgabe unersetzlichen Kulturerbes', den er 1978 am Sitz der UNESCO in Paris vortrug."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2024 - Wissenschaft

Die FAZ publiziert auf den Geisteswissenschaften-Seiten den Vortrag, den die Philosophin und während der "Fördergeldaffäre" (unsere Resümees) geschasste FDP-Staatssekretärin für Bildung und Forschung Sabine Döring an der Universität Erlangen im Rahmen der Veranstaltung "Grenzen der Vermittlung - Vermittlung von Grenzen" anlässlich des sechzigsten Geburtstags des Theologen und Ethikers Peter Dabrock gehalten hat. Döring denkt hier über die Abhängigkeit der Politik von der Wissenschaft und über Aktivismus und "Wissenschaftsfreiheit" nach: Es gehe ihr "ausdrücklich nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von Aktivismus auf dem Campus und auch nicht darum, die mögliche epistemische Relevanz von Aktivismus infrage zu stellen, der mit seinem Nachdruck auch Erkenntnisprozesse in Gang setzen kann. Aber Aktivisten machen auch von disruptiven Protestformen Gebrauch und unterbinden so, teils durchaus robust, den Lehr- und Forschungsbetrieb und greifen selbstbewusst in die Rechte anderer ein. ... Polizeieinsätze zum Schutz vor Aktivisten grundsätzlich abzulehnen lässt die Möglichkeit unter den Tisch fallen, dass Wissenschaftsfreiheit durch Aktivisten eingeschränkt werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2024 - Wissenschaft

Physikerin Sabine Hossenfelder hat noch eine Frage an das Nobelkomitee:

Stichwörter: Hossenfelder, Sabine

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2024 - Wissenschaft

Im vergangenen Jahr hatten die Sinologen Thomas Heberer und Helwig Schmidt-Glintzer, die als führende Kapazitäten gelten, einen derart China-freundlichen Text in der NZZ veröffentlicht, dass nicht nur innerhalb des Faches Empörung laut wurde. Unter anderem wurden offizielle Formulierungen der kommunistischen Partei übernommen, zum Beispiel in Bezug auf die Uiguren (Unsere Resümees). Nun fungieren die beiden mit weiteren Autoren als Herausgeber des Bandes "Xinjiang - eine Region im Spannungsfeld von Geschichte und Moderne", der kürzlich am zum großen Teil von Peking finanzierten Konfuzius-Institut an der FU Berlin vorgestellt wurde, berichtet Hinnerk Feldwisch-Drentrup auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ. Die Autoren verteidigten auf der Veranstaltung nicht nur die Reise, sondern legten, auch im Sammelband, nach: "'Dass ein Staat Separatismus und Islamismus bekämpft, vor allem wenn die Ziele mit terroristischen Methoden realisiert werden sollen, ist nicht verwunderlich', schreibt Heberer in seinem Kapitel. Er könne es nicht nachvollziehen, wenn Terror bloß als 'Narrativ' der Regierung klassifiziert werde: 'Dahinter verbirgt sich letztlich die Auffassung, nur 'demokratische Staaten' hätten ein Recht auf Terrorbekämpfung, nicht aber 'autoritäre Staaten'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2024 - Wissenschaft

"Dekolonisierung im Kontext des Nahostkonflikts" ist nur "eine wissenschaftsförmige Chiffre für den Drang, die Judenfrage neu zu stellen" und Edward Said hat mit seinem Buch "The Question of Palestine" dafür den Grundstein gelegt, meint der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ. "Indem Said den Zionismus zu einem blutrünstigen Kolonialrassismus umdeutet, relativiert er die Idee der jüdischen 'Autoemancipation' (Leo Pinsker), die auf die Pogrome im Zarenreich und das Scheitern der bürgerlichen Emanzipationsversprechen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert reagierte. In seinem Palästinabuch versteigt er sich zu der Feststellung, der Zionismus habe sich selbst niemals eindeutig nur als jüdische Befreiungsbewegung verstanden, vielmehr hätten die kolonialen Siedlungsprojekte im Orient Priorität gehabt. ... Said schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er das zionistische Projekt zu einem Kolonialrassismus umdeutet. Der Zionismus kann schon allein deshalb kein Kolonialismus sein, weil die Zionisten das Land käuflich erwarben, ohne die einheimische Bevölkerung zu knechten und ohne von einem Mutterland zur Besiedlung aufgefordert worden zu sein."

Ebenfalls auf der Geisteswissenschaftenseite beklagt Markus Steinmayr in einem Text, den man sich etwas weniger akademisch, dafür deutlich länger gewünscht hätte, dass Literatur und Literaturwissenschaft "gegenwärtig beide Objekt der Zurichtung von Texten auf heteronome Zwecke" sind, während die "ästhetische Erfahrung" von Literatur überhaupt keine Rolle mehr spiele. Mehr Mut zu neuen Technologien wünscht sich Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, gesamtgesellschaftlich im Interview mit der FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 - Wissenschaft

Die "Förderaffäre" geht immer weiter. Professoren hatten nach Unibesetzungen durch israelhassende Studenten und Aktivisten bekanntlich Straffreiheit gefordert. Das stieß im Bundesbildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger (FDP) nicht auf Begeisterung. Als bekannt wurde, dass die Möglichkeit geprüft wurde, ob Förderung einstellbar ist, musste die Staatssekretärin Sabine Döring gehen - sie darf sich in der Öffentlichkeit nicht äußern. Nun zitiert Heike Schmoll in der FAZ aus Chats des internen Messengerdienstes "Wire", der zeigt, dass die Leitungesebene des Ministeriums tatsächlich stark über israelbezogenen Antisemitismus in der Professorenschaft und Konsequenzen daraus nachdachte. Die Chats wurden zuerst in der ARD veröffentlicht. "Vermutlich wurden die Wire-Chats von Whistleblowern aus der Arbeitsebene an die Öffentlichkeit gebracht, weil die Wut der Mitarbeiter steigt, dass die Leitungsebene die Verantwortung für die förderrechtliche Prüfung und die Zusammenstellung der Namenslisten Geförderter fortwährend der Arbeitsebene zuschiebt. Das sagt viel über die Schattenkommunikation in der Leitung und die Abkopplung der Arbeitsebene, die frühzeitig auf die rechtliche Unmöglichkeit förderrechtlicher Sanktionen hingewiesen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2024 - Wissenschaft

Der Hamburger Senat hat der "Forschungsstelle zur Aufarbeitung von Hamburgs kolonialem Erbe" die Förderung gestrichen, berichtet Marta Ahmedov in der taz. Die Forschungsstelle soll stattdessen in die Universität eingegliedert werden: "Bisher ist jedoch unklar, welche finanziellen Mittel die Universität genau bereitstellen kann und will, um die Forschung zu fördern. Die aktuell bestehende Finanzierungslücke von über 60 Prozent der bisherigen Summe soll wohl zum Teil über Drittmittel gedeckt werden. 'Drittmittelfinanzierung bedeutet Drittmittellotterie. So eine wichtige Aufgabe kann man nicht darüber betreiben', sagt dazu Zimmerer. 'Ich fand die Äußerungen der Universität im Wissenschaftsausschuss sehr unpräzise und habe nicht den Eindruck, dass die Universität einen konkreten Plan hat, wie sie die Arbeit zu diesem Thema weiterführen will', kritisiert auch der Bürgerschaftsabgeordnete Norbert Hackbusch, der für die Linksfraktion Mitglied im Wissenschaftsausschuss ist."