Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2024. Im Observer fragt sich Kenan Malik, was die rechtsextremen Ausschreitungen in Britannien mit Identitätspolitik zu tun haben. Tim Walz verkörpert eine heitere Männlichkeit, darum ist er so beliebt, glaubt die SZ. Die Anti-Israel-Demonstranten sind genauso naiv, wie die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg, meint Claus Leggewie in der FAZ. In der FAS erklärt Kate Crawford, warum KI-Systeme nie neutral, sondern immer politisch sind. Der Standard liest noch einmal Pierre-Héli Monots surrealistisches Revolutionspamphlet "Hundert Jahre Zärtlichkeit" und staunt: Eine so ausgefuchste Hasspredigt gegen die Mittelschichten hat er lange nicht mehr gelesen.
Viele der rechten Randalierer in Britannien rechtfertigten sich mit der Behauptung, die Verwüstungen, die sie angerichtet hätten, seien okay, weil "es ja alle tun". Und wer sich in den sozialen Medien umsah, konnte diesen Eindruck wirklich gewinnen, meint Tim Adams im Observer, der sich fragt, warum die sozialen Plattformen nicht stärker reguliert werden: "Ganze YouTube-Kanäle und X-Accounts mit Hunderttausenden von Anhängern widmen sich der Bereitstellung eines stetigen, täglichen Stroms der anschaulichsten Bandenkämpfe, Schulschlägereien und Verkehrsrowdys aus aller Welt. Eine der ersten Maßnahmen, die Elon Musk ergriff, als er Twitter kaufte - nachdem er die meisten Moderatoren entlassen hatte -, war eine Funktion, die es den Nutzern ermöglichte, durch Wischen nach oben einen automatischen Strom von Videoinhalten zu erhalten." Heute "würden Sie, wenn Sie sich für die Ereignisse der letzten Woche interessieren würden, wahrscheinlich feststellen, dass Ihre Timeline sofort mit den beunruhigendsten Ausschnitten von Gewalt gefüllt ist - einschließlich einer Machetenschlacht in Southend, die nichts mit den Ereignissen zu tun hat - und die von politischen Hetzern (nicht zuletzt von Musk selbst, der seinen 193 Millionen Anhängern die Idee eines britischen 'Bürgerkriegs' schmackhaft machen wollte) in den schärfsten Worten dargestellt werden."
Auch Kenan Malik setzt sich im Observer mit den Krawallen in Britannien auseinander. War zuviel Identitätspolitik dafür verantwortlich? "Da sich die sozialdemokratischen Parteien von ihren traditionellen Wählern aus der Arbeiterklasse entfernt haben und sich viele von ihnen im Stich gelassen und sprachlos fühlen, haben sich einige in diesen Wählerkreisen der Sprache der Identität zugewandt, um einen sozialen Anker zu finden. Die Zugehörigkeit zur 'weißen Arbeiterklasse' hat oft ebenso viel mit dem Weißsein zu tun wie mit der Klassenzugehörigkeit. Ob in weißen oder Minderheitengemeinschaften, der Identitarismus hat sektiererische Bewegungen gefestigt und die Menschen dazu gebracht, diejenigen, die über die Grenzen ihrer Identität hinausgehen, als Bedrohung zu betrachten. Er hat es der extremen Rechten auch ermöglicht, Rassismus als weiße Identität umzubenennen, eine Umbenennung, die von den konservativen Mainstream-Konservativen legitimiert wird, die jetzt beiläufig davon sprechen, dass weiße Europäer 'ihre Heimat verlieren' und 'Selbstmord begehen', dass die Briten 'ihr Territorium aufgeben' und beklagen, dass Städte wie London weniger weiß werden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der FAS wünscht sich Kate Crawford, Autorin des "Atlas der KI", mehr öffentliche Kontrolle über KI-Systeme, die schon heute "Bedrohungen für die Umwelt, Bedrohungen des Arbeitsmarktes, Bedrohungen für die Demokratie" darstellen, so Crawford. "In den Jahren, in denen ich diese Systeme erforscht habe, ist mir wirklich klar geworden, dass KI von vorn bis hinten Politik ist. Wenn man ein KI-System trainiert, kommt man nicht umhin, dass man es auch mit einer Weltanschauung trainiert. Die Entscheidungen, die Sie als Ingenieur darüber treffen, welche Datensätze Sie verwenden, welche Sprachen und welche Kulturen vertreten sind, werden die Art der Fähigkeiten Ihres KI-Modells grundlegend verändern, und es wird die Texte und Bilder verändern, die es produziert. Sie legen die Parameter einer Weltanschauung fest, und das ist eine politische Entscheidung. Es gibt kein perfektes, neutrales System, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Das bedeutet, dass wir uns große Sorgen darüber machen müssen, dass die Konzentration in der KI-Industrie so groß ist."
Die Proteste gegen Israel in den USA erinnern Claus Leggewie in der FAZ an die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Beide kommen ihm gleich kurzsichtig vor, aus zwei Gründen: "Erst aus der Distanz müsste man zum einen erkennen, wer in Vietnam und Gaza der Aggressor war, zum anderen die Naivität des Engagements für den Vietcong, der 1975 eine kommunistische Diktatur errichtete. Doch von Teilen der Protestierenden werden Hamas-Terroristen in eine 'antiimperialistische' Front des Global South gegen den Westen eingereiht, und die Selbstaufklärung über dessen schmähliche Kolonialvergangenheit mündet in eine unhistorische Konkurrenz zwischen unschuldigen Opfern des Kolonialismus und mitschuldigen Überlebenden des Holocaust, was die Genese des Staates Israel gründlich verkennt. ... Die Protestbewegung war 1968 so wenig zu stoppen wie heute und erreichte den Demokratischen Konvent mit aller Wucht", und sie führte am Ende dazu, dass die Demokraten die Wahlen 1968 verloren und mit dem Wahlsieg Richard Nixons eine zwölfjährige Machtperiode der Republikaner begann.
Tim Walz ist so eine gutmütige lustige Vaterfigur und damit ein Typus, der in den letzten Jahren verloren gegangen schien, erklärt sich in der SZ Kathleen Hildebrand die Popularität von Kamala Harris' Vize. Sie "scheint in einer amerikanischen Sehnsucht zu wurzeln, die nach fast zehn Jahren seit der Trumpifizierung der Politik gewachsen ist: nach einer Form von Männlichkeit, die heiter ist, moralisch gefestigt, kompetent. 'Tim Walz steht für die Väter, die wir an Fox News verloren haben', sagt eine Frau um die dreißig, in einem Tiktok-Video, das gerade ausgiebig geteilt wird. Viele liberale Frauen aus der Generation der Millennials hätten konservative, vernünftige, liebevolle Väter gehabt, sie aber an Propagandisten wie Rush Limbaugh, Alex Jones und an Donald Trump verloren. Sie seien wütend geworden, sagt eine andere junge Frau: frustriert, aggressiv. Und lehnten oftmals die progressiven Lebensentwürfe ihrer Töchter ab. Kurz: Sie gehen nicht mehr fröhlich mit ihnen auf den Rummelplatz."
Im Standarderinnert Ronald Pohl an Pierre-Héli Monots surrealistisches Revolutionspamphlet "Hundert Jahre Zärtlichkeit", das "zur alles entscheidenden Lockerung" anstiften sollte: "Durch energisches Zuwiderhandeln soll das Regime bourgeoiser Knechtschaft, von Heuchelei und Besitzstandswahrung aus den Angeln gehoben werden. Gut Ding braucht Weile. Der Sturm auf jede neue Bastille benötigt einigen Anlauf. Warum nicht mutwillig ins Paris der 1920er-/1930er-Jahre zurücksetzen, um dort, an einer roststarrenden Theorietankstelle, Betriebsstoff anzuzapfen? Das Verblüffendste an Monots Streitschrift ist ihr missionarischer Eifer. Man hat seit geraumer Zeit keine ausgefuchstere Hasspredigt gegen die 'neuen' Mittelschichten mehr gelesen: gegen all diejenigen, die ihren relativen Wohlstand mit der Sedierung ihres Gewissens erkaufen. Die Missstände sind mannigfach. Monot unterstellt dem Bürgertum die allseitige Einrichtung in moralisch unstatthaften Wohnverhältnissen."
Die Aufweichung angeblich starrer Geschlechtsmerkmale ist viel konservativer als man denkt, meint in der NZZ die Publizistin Sara Rukaj mit Blick auf die queere Bewegung. "Geschlecht wird gerade dort essenzialisiert, wo man es durch operative Eingriffe, Selbstbezeichnungen oder als reinen Gesinnungsmarker wieder groß machen will. Obwohl die Exponenten der Queer Theory von sich behaupten, Identitätszwänge zu unterwandern, schüren sie selbst eine Fetischisierung partikularer Identitäten, die die Individuen noch rigider als die konservative Geschlechterordnung darauf beschränkt, auch körperlich mit ihrem 'gefühlten' Selbstbild identisch zu sein. ... Wirklich emanzipatorisch wäre dagegen die Fähigkeit, den Blick vom Spiegelbild ab- und den äußeren Objekten des Begehrens zuzuwenden, weshalb die Schwulenbewegung auch deutlich subversiver war, als es Teile der Queer Community heute sind. Die reine Selbstsetzung des Ich, also die auf dem subjektiven Gefühl beruhende Identität, richtet sich nicht gegen die spätkapitalistische Gesellschaft, sondern ist, wie die Philosophin Isolde Charim in ihrem Buch 'Die Qualen des Narzissmus' (2022) schreibt, vielmehr der radikalisierte Ausdruck neoliberaler Selbstoptimierung."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der NZZ beklagt Hans Ulrich Gumbrecht einen Niedergang der Geisteswissenschaften: "Unter lokal je spezifischen Bedingungen sind die Belegzahlen der Geisteswissenschaften international seit 2010 um mehr als vierzig Prozent gesunken, und keine gegenläufige Tendenz ist abzusehen." Das hat seiner Ansicht nach vor allem damit zu tun, dass es ihnen an "mitreißenden Protagonisten, Denkern, deren Vorlesungen Erlebniswert haben, deren Meinungen öffentliche Kontroversen auslösen und deren Bücher zu Bestsellern werden" fehle.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der VerwaltungsjuristKlaus Ferdinand Gärditz ist Autor des Buchs "Hoflieferanten", das das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik untersucht. Er hat für die FAZ die jüngst veröffentlichten RKI-Protokolle zur Corona-Pandemie gelesen und winkt, anders als kürzlich die Strafrechtlerin Frauke Rostalski in der FAZ (unser Resümee), ab: Kein Skandal hier, nirgends. "Durften unter galoppierenden Unsicherheitsbedingungen nach Vorsorgeprinzip bei Abwägung von Nutzen und Risiken bestimmte Maßnahmen getroffen werden? Die Rechtsprechung hat hier den demokratisch legitimierten Gesetz- und Verordnungsgebern mit Recht weitreichende Einschätzungsspielräume zugestanden und nur die Plausibilität der zugrunde gelegten Prämissen überprüft. Was hätten Gerichte auch mehr tun können? Im Gerichtssaal lassen sich keine komplexen Diskurse hoch spezialisierter und global vernetzter Fachgemeinschaften simulieren. ... Hätten sich die Verordnungsgeber auf andere Einschätzungen gestützt, die im Entscheidungszeitpunkt nachweislich wissenschaftlich vertretbar waren, wäre dies wohl ebenfalls akzeptiert worden. Wissenschaftliche Wahrheitsfragen werden nicht im RKI oder im Bundesgesundheitsministerium verlässlich beantwortet, sondern stets vorläufig und revisibel von den Menschen, die täglich Forschung betreiben. Das ist auch gut so."
Außerdem: In "Bilder und Zeiten" der FAZ erinnert Wolfgang Krischke an den Einfluss des animalische Magnetismus auf Kultur, Wissenschaft und Politik in der Zeit der Romantik.
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