9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

372 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 38

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2025 - Wissenschaft

Die Harvard-University in den USA widersetzt sich Forderungen der Trump-Regierung, die bereits zwei Milliarden Fördergelder eingefroren hat. Unter anderem forderte Trump, Diversitätsabteilungen zu schließen und die Einwanderungsbehörde bei der Kontrolle von Studierenden zu unterstützen. Aber anders als Columbia knickt der Harvardpräsident Alan Garber nicht einfach ein:

Auch die vorherigen Regierungen hatten nicht immer ein ungetrübtes Verhältnis zur Wissenschaft, gibt der in Harvard lehrende Psychologe und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker in der SZ, befragt von Andrian Kreye, zu bedenken. Aber das hier ist etwas ganz anderes: "Ich glaube, dass Trump sehr viel weiter geht als die Republikaner vor ihm. Auch die Demokraten haben sehr viel Wissenschaftsleugnung betrieben, etwa bei den Geschlechterunterschieden. Oder bei der Verteilung bei Opfern von Polizeischießereien. Biden hat sich die Zahlen über die unterschiedlichen Anteile von Schwarzen und Weißen, die von der Polizei erschossen werden, einfach nicht angesehen. Viele der Covid-Maßnahmen waren nicht besonders wissenschaftlich fundiert. Aber Trump hat das noch mal auf eine ganz andere Ebene gehoben. Das ist keine Leugnung. Das ist die komplette Verachtung der Wissenschaft. Wenn er zum Beispiel einen Impfgegner zum Leiter des Gesundheitswesens macht: Das ist eine Verachtung des wissenschaftlichen Konsenses, wie wir sie seit Langem nicht mehr erlebt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2025 - Wissenschaft

Pia Heinemann schildert im Leitartikel der FAZ die extrem wissenschaftsfeindliche Politik der Trump-Regierung. Drastische Einschnitte betreffen die Medizin, Klimaforschung, Pharmafoschung und viele andere Bereiche. Und auch wenn Europa von einem neuen Braindrain profitieren sollte, warnt Heinemann: "Der Schaden beschränkt sich nicht auf die USA. Wissenschaft basiert auf internationalem Austausch. Dass amerikanische Klima- und Gesundheitsforscher schon nicht mehr zu internationalen Treffen reisen, Daten nicht mehr austauschen dürfen, bremst den Fortschritt weltweit. Zudem entstehen Datenlücken, die global zu Problemen führen können. Breiten sich Infektionskrankheiten unbemerkt aus, verengt sich in allen anderen Ländern das Zeitfenster, um den Schutz hochzufahren."
Stichwörter: Wissenschaftspolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2025 - Wissenschaft

Roglit Ishay und Marina Allal vom Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender schildern in der taz den grassierenden Antisemitismus an Deutschen Universitäten. Die Leitungen seien oft überfordert oder gleichgültig: "Der Vortrag von Emilia Roig an der FU Berlin ist ein Beispiel dafür. Auf einer gezeigten Power Point wurde in der Folienabfolge Theodor Herzl mit Europas Rechtsradikalen verglichen, eine völlig anachronistische und nicht haltbare Gleichsetzung. Gleichzeitig wurde eine geplante Veranstaltung wie die Ausstellung 'The Vicious Circle' über antisemitische Pogrome von der NS-Zeit bis heute abgesagt, unter anderen mit der nachträglichen Begründung, dass eine Darstellung antisemitischer Pogrome zu unterschiedlichen Zeiten unter Umständen als eine Form der Holocaust-Relativierung verstanden werden könnte. In Wirklichkeit aber findet die Relativierung der Shoah an anderer Stelle statt. Etwa wenn der Genozid-Begriff pauschal im Zusammenhang mit Gaza geführt wird. Wenn auf diese Weise eine latente Holocaust-Relativierung stattfindet, wird das zu selten als Problem wahrgenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2025 - Wissenschaft

An die Verhältnisse in Orbáns Ungarn oder Putins Russland fühlt sich der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub in der FAS erinnert, wenn Trump nun anordnet, dass die sogenannten "DEI"-Fächer ("diversity, equity and inclusion") an Hochschulen nicht mehr unterrichtet werden dürfen: "Es handelt sich um staatlich gelenkte Zensur. Ministerien werden gleichgeschaltet, Universitäten und NGOs üben verzweifelt Selbstzensur, der Staat droht und diktiert. (…) Hoffentlich wird denjenigen, die sich in den vergangenen Jahren über 'Wokeness' und 'Cancel Culture', über Trans-Aktivisten und Protest-Memes den Mund fusselig redeten, mittlerweile klar werden, dass die handfeste Bedrohung für die Meinungsfreiheit vom Staat, von den Mächtigen und von rechts ausgeht."

Weitere Artikel: Im FAS-Feuilleton-Aufmacher erinnert Niklas Maak an die Asilomar-Konferenz zur Sicherheit in der Molekularbiologie im Februar 1975, bei der über die Gefahren durch gentechnisch veränderte Organismen diskutiert und ein Moratorium beschlossen wurde. Maak fragt, ob das Moratorium nicht ein Vorbild für die heutigen Debatten um Künstliche Intelligenz sein könnte und, "damit zusammenhängend, den Stop autonomer Waffensysteme und der Vernetzung des menschlichen Gehirns mit den Datenschätzen des Internets, wie es Elon Musk mit seinem Projekt 'Neuralink' vorantreibt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2025 - Wissenschaft

Das Jahresgutachten der "Expertenkommission Forschung und Innovation" (EFI) stellt der scheidenden Bundesregierung ein vernichtendes Zeugnis aus, berichtet Gerald Wagner auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ: "Sowohl bei der Wachstumsdynamik als auch bei Forschung und Innovation (F&I) liegt Deutschland dem Gutachten zufolge mittlerweile weit hinter China, Japan, Südkorea und den Vereinigten Staaten. Selbst in der EU liegt man unter dem Durchschnitt." Der Grund: "Deutsche Langsamkeit" sowie "fehlender Wille, fehlender Mut, fehlendes Durchsetzungsvermögen. Schonungslos zählt das EFI-Gutachten die Versäumnisse der vergangenen Jahre auf. Vieles deute darauf hin, dass die für Deutschland so wichtigen Investitionen von den Unternehmen entweder gestoppt, verschoben oder ins Ausland verlagert worden seien. Es stelle sich längst die grundsätzliche Frage, ob deutsche Produkte und Technologien international überhaupt noch wettbewerbsfähig seien. Noch sei es nur eine Sorge, aber auch schon in dieser Gestalt wirke sich die Furcht vor der 'Deindustrialisierung Deutschlands' lähmend auf das Innovationsklima aus." Das Gutachten schlägt vor, "die F&I-Politik in einem Ministerium zu bündeln" und ein Digitalministerium zu schaffen.
Stichwörter: Südkorea

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2025 - Wissenschaft

Weniger beachtet wird in der europäischen Öffentlichkeit, dass mit Robert F. Kennedy Jr. ein Aluhut und Querdenker zum Gesundheitsminister der Trump-Regierung ernannt wurde. Er beginnt bereits damit, die Institutionen zu schleifen. Pia Heinemann unterhält sich in der FAZ mit dem Kinderonkologen Stefan Pfister, dem für sein Projekt bereits amerikanische Fördermittel gestrichen wurden. Paradoxerweise könnte Europa von der Entwicklung profitieren: Amerikanische Forscher sehen sich nach Stellen um. "Nie zuvor sind wir in Europa leichter an amerikanische Spitzenforscher herangekommen. Aber für die Wissenschaft und für unsere Patienten ist diese Entwicklung andererseits alles andere als positiv. Die Schlagkraft der internationalen Community wird ganz erheblich geschwächt." Pfister gehört zu den Initiatoren der Petition "Aufstehen für Demokratie".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2025 - Wissenschaft

Dass Autokraten und Diktatoren stets auch die Freiheit der Wissenschaften im Visier haben ist nichts Neues, was sich aber "mit den jüngsten Dekreten des Weißen Hauses abzeichnet, übertrifft nun alle Befürchtungen und kann nur als kapitaler Angriff auf die freie Forschung und Lehre charakterisiert werden", notiert Claus Leggewie auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ: "Trumps totalitäres Manöver schwächt nicht nur die seit Langem diffamierte Forschung zu Klimawandel und Biodiversität, sondern auch den Gesundheitssektor, an dessen Spitze mit Robert Kennedy Junior ein jähzorniger Scharlatan installiert wurde. Und er gefährdet schon jetzt den Austausch wissenschaftlicher Forschungsergebnisse mit dem Rest der Welt, der geradezu in die Arme einer nicht minder kontrollierten Wissenschaft in der Volksrepublik China getrieben wird. Erste Reiseanträge sind bereits storniert worden, manche werden erst gar nicht gestellt, weil Forscher um ihren Job kämpfen und Widerstand gegen Donald Trump organisieren wollen, der offenbar nicht nur für einen Tag 'Diktator spielen' wollte, sondern sich als solcher auf Dauer entpuppt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2025 - Wissenschaft

In der FAZ macht Jochen Zenthöfer anhand verschiedener Fälle deutlich, dass eine rechtskräftige Entscheidung über die Lehrbefugnis der wegen verschiedener Plagiatsvorwürfe von ihrer Professorin entbundenen Soziologin Cornelia Koppetsch (unsere Resümees) möglicherweise bis zu ihrer Pensionszeit dauern könnte.
Stichwörter: Koppetsch, Cornelia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2025 - Wissenschaft

Dreißig Prozent aller vom BKA erfassten Straftaten in der Kategorie Hasskriminalität hatten im Jahr 2023 einen antisemitischen Hintergrund, gleichwohl nur drei Promille der Menschen in Deutschland jüdisch sind - der Anstieg betraf in besonderer Weise die Hochschulen, schreiben Haya Schulmann, Professorin für Cybersicherheit und Michael Waidner, Professor für Sicherheit in der Informationstechnologie auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ. Den Protest gegen die Resolution zum Schutz jüdischen Lebens an Hochschulen im Allgemeinen und gegen die IHRA-Definition im Besonderen können sie daher beim besten Willen nicht verstehen: "Die Behauptung, diese Definition verhindere auch faire Kritik an der Politik Israels, ist falsch. Jedem, der dies bezweifelt, sei die Lektüre der Definition empfohlen. Sie ist sehr kurz, im Kern sind es elf anschauliche und einleuchtende Beispiele von Antisemitismus, von denen sechs einen Israelbezug haben. Wer Israel fair kritisieren will, kann das problemlos tun, ohne antisemitisch zu werden. In Israel passiert das jeden Tag, die politischen Diskussionen sind oft deutlich intensiver und schärfer als bei uns in Deutschland. Insgesamt halten wir den Entwurf für wichtig, nützlich und ausgewogen."

Vor vier Jahren ging der Fall Cornelia Koppetsch durch die Medien. Der bekannten Soziologin, deren Buch "Die Gesellschaft des Zorns - Rechtspopulismus im globalen Zeitalter" gute Rezensionen erhalten hatte, wurde vorgeworfen, dass sie ganze Passagen aus Werken anderer Soziologen kompiliert hatte (unsere Resümees). Die Vorwürfe waren zuerst in der FAZ laut geworden. Nun meldet Heike Schmoll auf den politischen Seiten der FAZ: "Habilitation entzogen - Soziologin Koppetsch verliert Lehrbefugnis." Wenn die Habilitation aberkannt wird, so Schmoll, verliert eine Professorin auch ihre Lehrbefugnis, denn die Habilitation war "wesentliche Voraussetzung für ihre Berufung als Professorin". Auch Koppetschs Habil-Schrift "Das Ethos der Kreativen - Vom bürgerlichen Beruf zur Kultur des neuen Kapitalismus" wird somit Plagiat vorgeworfen. Schmoll hatte sich 2006 an der Leuphana in Lüneburg habilitiert. Dort ist "der Fakultätsrat der Fakultät der Kulturwissenschaften deshalb der einstimmig ausgesprochenen Empfehlung der Ständigen Habilitationskommission gefolgt, die Habilitation zurückzunehmen". Koppetsch kann gerichtlich gegen die Entscheidung vorgehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2024 - Wissenschaft

Laut einer neue Studie wird in Hannover doch nicht das beste Hochdeutsch gesprochen. Wie es überhaupt zu dem Mythos kam, erklärt im Welt-Gespräch der Studienleiter und Linguist Francois Conrad: Es liegt unter anderem daran, dass "früher im ganzen norddeutschen Raum Niederdeutsch gesprochen wurde, eben auch in Braunschweig und Hannover. Im Zuge der Reformation und mit Luthers Bibelübersetzung hat sich in ganz Deutschland die Ansicht ausgebreitet, das meißnische Sächsisch, eine spezielle Variante des Hochdeutschen, sei das beste Deutsch. Daraus hat sich dann das Hochdeutsch entwickelt, das wir heute kennen. Das Niederdeutsche war dialektologisch sehr von diesem Hochdeutsch unterschieden. Deswegen haben Norddeutsche Hochdeutsch als Fremdsprache erlernt. Wenn man eine Fremdsprache erlernt, will man die Sprache natürlich besonders perfekt aussprechen. Das heißt: Die Norddeutschen sprechen heute noch so nahe am Standardhochdeutsch, weil ihre ursprüngliche Sprache so weit davon entfernt war."
Stichwörter: Hochdeutsch, Conrad, Francois