Außer Atem: Das Berlinale Blog

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Aufforderung zu metaphyischer Bescheidenheit: So Sang-mins 'I'm in Trouble!'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2010
Schon der englische Titel ist toll: "I'm in Trouble!". Eine simple, nachvollziehbare Feststellung, eine Feststellung, die durchs nachgesetzte Ausrufezeichen verstärkt, aber nicht qualitativ erweitert wird. "In Trouble" ist jeder manchmal, in Filmen geht es aber meist eher darum, wie man "in trouble" gerät und wie man demselben wieder entkommt. Trouble als Problem, das gelöst werden will. So Sang-mins Film geht es eben gerade nicht um Eskalation und Bewältigung, aus deren Perspektive Trouble immer nur Mittel zum Zweck und Antriebsmotor einer dramaturgischen Konstellation ist. Eine Konstellation, die selber ganz und gar nicht auf Trouble aus ist. Sondern auf das harmonische Ineinandergreifen von Plotpoints und story arcs. So Sang-min geht es ganz im Gegenteil um eine Phänomenologie des Trouble. Um einen sanft zerrütteten Zustand der Welt, der sich im sanft zerrütteten Zustand des Protagonisten spiegelt und umgekehrt. Um ein prekäres In-der-Welt-sein und gleichzeitig um eine Welt, die selber schon immer prekär ist - auch wenn das außer der Hauptfigur nicht viele mit bekommen. Das ist das Besondere an diesem Film: Er kennt keine Perspektive außerhalb des Troubles.
Von Lukas Foerster

Schiere Erstreckung: Constantin Popescus 'Portrait of the Fighter as a Young Man'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2010 Ein Historienfilm in den Bergen, in den Wäldern, in Dörfern, im Gras, in den Feldern. Rumänien im Nachkrieg. Darum, dass dieser Nachkrieg nicht enden darf, dass eine Fahne hochzuhalten ist gegen das neue kommunistische Regime, darum geht es dem Fähnlein der bis an die Zähne bewaffneten Aufrechten, die den Guerillakampf in den Bergen bis zum letzten Tropfen ihres eigenen Bluts kämpfen. "Portrait of the Fighter as a Young Man", das Langfilm-Debüt des Regisseurs Constantin Popescu, beruht auf historischen Tatsachen. Die Guerilla-Truppen, von denen er erzählt, gab es tatsächlich und den Helden, dem der Film gewidmet ist, Ion Gavrila-Ogoranu, Anführer einer zusehends dezimierten Kämpfergruppe, gab es auch. Als seine Geschichte stellt sich der Film im Nachhinein dar, weil er nämlich als einziger bis ins Jahr 1976 (!) durchhielt. Von Ekkehard Knörer

Eine weitere Möglichkeitsdimension: Angela Schanelecs Orly

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2010 Nach der Godardistischen Titelsequenz beginnt der Film "Orly" in den Straßen von Paris. Ein nicht enden wollender Schwenk begleitet eine Frau durch einen Pariser Straßenzug. Gefilmt ist diese Einstellung - wie ein Großteil des restilichen Films - mit einem Teleobjektiv, einem Objektiv mit langer Brennweite und geringer Schärfentiefe, das dazu benutzt wird, Objekte zu filmen, die weit von der Kamera entfernt positioniert sind. Von Lukas Foerster

In der Krabbenhölle: 'Kanikosen' von Hiroyuki Tanaka aka Sabu (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2010 Eine Klappe öffnet sich, ein Mann schaut heraus, blickt nach oben. Der Himmel verdunkelt sich. Dunkle Wolken mit Greifzangen an beiden Seiten fliegen auf ihn zu. Er schließt den Verschlag wieder. Mit diesem Mini-Prolog beginnt "Kanikosen", der neue Film des japanischen Regisseurs Hiroyuki Tanaka. Hiroyuki Tanaka aka Sabu, der bis Anfang des Jahrzehnts in schneller Folge eine Serie kleiner, kreativer Genrefilme vorgelegt hatte und durch sie mindestens zum Geheimtipp unter den jungen japanischen Regisseuren avanciert war, hatte vor diesem Film eine kreative Pause eingelegt. Nun ist er zurück, mit einem ziemlich sonderbaren Film. Von Lukas Foerster

Home movies aus Nordkorea: 'Sona, the Other Myself' von Yang Yong-hi (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2010 Vor vier Jahren präsentierte das Forum "Dear Pyongjang" (hier mehr in einem pdf-Dokument), einen kleinen Dokumentarfilm über einen Besuch der Regisseurin Yang Yong-hi und ihrer exilkoreanischen Familie bei der Verwandtschaft in Nordkorea. Eindrucksvolle Bilder aus einer im Allgemeinen hermetisch abgeriegelten Welt, aber auch die tragische Familiengeschichte, die hinter diesen Bildern zum Vorschein kam, machten den Film zu einem der stärksten seines Berlinalejahrgangs. Von Lukas Foerster

Essen, Singen, Scheiden, Regen: Wang Quan'ans 'Eröffnungsfilm 'Tuan Yuan' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2010 Eine pikante Situation: 50 Jahre nach der Trennung von China und Taiwan, die zahllose Familien zerriss, kehrt der einstige Soldat Liu zu seiner Ex-Frau Yu-E aus dem taiwanesischen Exil zurück. Seine taiwanesische Frau ist vor kurzem gestorben, Yu-E wiederum ist mittlerweile Großmutter einer ansehnlichen chinesischen Familie. Was als Wiedersehen beginnt, scheint bald eine Zerreißprobe in Aussicht zu stellen: Liu ist entschlossen, Yu-E nach Taiwan mitzunehmen. Von Thomas Groh

Vom Gehen im Eis

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2010 "Vom Gehen im Eis" lautet der erhabene Titel von Werner Herzogs Tagebuch über seine legendäre Wanderschaft per pedes von München nach Paris, mit der der Regisseur die kranke Lotte Eisner heilen wollte. Kein Opfer, eine Erlaubnisverweigerung sah er darin: "Der Eisnerin wird mit physischem Nachdruck die Erlaubnis entzogen, zu sterben.", sagt er vor kurzem im Interview mit der Zeit, das mit "Herr der Schmerzen" passend pathetisch überschrieben war. In der Berliner Zeitung macht Harald Jähner das deutsche Grimmig-Schöne als Ursache für Herzogs jüngste Popularität in den Staaten Von Thomas Groh

Der Wettbewerb: eine tiefinnere Liebe zum Kompromiss

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2010

Ein Filmfestival von der Größe der Berlinale ist immer vieles auf einmal. Ein Wirtschaftsunternehmen zuerst, das auf die Gunst von staatlichen Geldgebern und privaten Sponsoren angewiesen und von beiden darum zu einem gewissen Grad abhängig ist. Den Gönnern hat es etwas zu bieten, ein Renommee, das sich Stars auf roten Teppichen sehr viel eher als großer Filmkunst verdankt. Ein A-Festival wie die Berlinale ist zugleich ein Ereignis, auf das die machtvollen Interessen der nationalen Filmproduktion starken Druck ausüben. Man will eine Leistungsschau des im eigenen Land produzierten Kinos, also möglichst viele "eigene" Filme im Wettbewerb. Die Granden der Industrie, die in Deutschland gar keine, sondern ein stark fernsehgestützter Subventionsbetrieb ist, sitzen dem Festivalleiter unweigerlich im Genick. Dazu kommt ein längst globalisierter Verkaufsbetrieb mit den Filmverkäufern als einflussreichen Figuren, die jedes Festival in die Knie zwingen könnten, das sich den in Euro und Cent artikulierten Absichten allzu deutlich verweigert. Damit ist nicht der separat stattfindende Markt angesprochen, sondern insbesondere der Wettbewerb als Börse, die Aufmerksamkeitswerte handelt.
Von Ekkehard Knörer
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