Islamkritik ist en vogue in Deutschland: Der große Erfolg von Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" hat offenbart, wie weit Ressentiments gegen Muslime verbreitet sind. Geschürt werden sie von intellektuellen Panikmachern ebenso wie von Rechtspopulisten und -extremisten, die das Feindbild Islam nutzen, um in breiteren Schichten anschlussfähig zu werden. Dabei wird die Mehrheit der friedlichen Muslime mit einer kleinen Minderheit gewaltbereiter Islamisten gleichgesetzt, der Islam zu einer politischen Ideologie stilisiert und vor einer "Islamisierung Europas" gewarnt. Wolfgang Benz beschreibt in diesem Buch die Strategien, Vorurteile und Verschwörungstheorien der Islamgegner, untersucht ihre Verbreitung und zeichnet ihre Traditionen nach. Dabei macht er sich die Erkenntnisse der Vorurteilsforschung im Allgemeinen und der Antisemitismusforschung im Besonderen zunutze, um die Mechanismen der Ausgrenzung einer Minderheit durch die Mehrheit zu verdeutlichen. Alle Anstrengungen, aus der Erfahrung des Holocaust zu lernen, wären vergeblich, wenn anstelle der Juden andere Gruppen stigmatisiert würden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.12.2012
Rezensent Lewis Gropp geht in weiten Teilen d'accord mit diesem Buch des Historikers Wolfgang Benz, der in den radikalen Islamkritikern nicht nur eine Gefahr für die Demokratie sieht, sondern sie auch für Anders Breiviks Massenmord verantwortlich macht. Richtig findet Gropp auch, dass Benz das konstruierte und wirre Islambild anprangert, das von den Paranoikern gezeichnet wird. Noch besser hätte ihm allerdings gefallen, wenn Benz dieses falsche Bild auch widerlegt hätte. Gar nicht mehr einverstanden ist Gropp dann damit, dass Benz den Anschein erweckt, als gäbe es keinerlei Problem mit den radikalen Spielarten des Islams. Denn der Islamismus ist in Pakistan, Afghanistan, Nigeria oder Mali eine ganz und gar unangenehme Realität.
Wolfgang Benz hat schon früher behauptet, es gebe durchaus Parallelen zwischen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus. Mit diesem Buch führt er seine These weiter aus, schreibt Alexandra Senfft, die ihre Rezension im Wesentlichen auf eine Inhaltsangabe des Buchs beschränkt: Benz diagnostiziert Stereotypen über Muslime, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hätten. Gepflegt würden sie vor allem von einem wohlhabenden Bildungsbürgertum, dass selbst kaum mit Muslimen in Berührung komme. Benz untersuche auch die Argumente "prominenter 'Islamkritiker'", scheint ihnen aber, wie nicht anders zu erwarten, nichts abgewinnen zu können. Insgesamt findet Senfft das Buch "mutig", schon weil Benz für seine Thesen "massiv angefeindet" worden sei.
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