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Efeu - Die Kulturrundschau

Am Rande eines dunklen Ozeans

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.05.2019. Als Mahnmal kollektiver Dummheit feiern FAZ und Guardian Litauens Pavillon, der bei der Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Auf dem Berliner Theatertreffen feiern taz und Berliner Zeitung mit Christopher Rüping ein zehnstündiges Antikenfest. Der Freitag erkundet mit The Caretaker das Ende der Zeit. Auf ZeitOnline spricht die Feminstin Vivian Gornick über den Kampf in den siebziger Jahren gegen die eigenen Mütter.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2019 finden Sie hier

Kunst

"Sun & Sea": Der litauische Pavillon bei der Biennale in Venedig

Gut gelaunt erzählt Niklas Maak in der FAZ, dass bei der Biennale in Venedig Litauen den Goldenen Löwen für den besten Pavillon bekommen hat, denn natürlich haben sich alle um den favorisierten französischen Beitrag von Laure Prouvost geschart. Aber der Sommerspaß, mit der die Theaterdirektorin Rugile Barzdžiukaite, die Autorin Vaiva Grainyte und die Komponistin Lina Lapelyte die Besucher in "Sun and Sea" konfrontieren, sei eindeutig schlagender, meint Maak: "Diese Menschen machen dort unten das, was man am Strand so macht: Sie lesen, spielen, hören Musik, bauen Sandburgen, dösen blass und schlaff in der Sonne - und singen. All das sieht extrem idyllisch und angenehm sommerwarm-schläfrig aus, nur zeichnen die schönen Lieder, die die dort unten sommernden Menschen singen, ein eher dystopisches Bild der Gegenwart: Sie handeln von Klimawandel, Billigflügen und all den Problemen, die ebenjene allgemein schläfrige, ermattet und bewegungsunfähig aufs Handy starrende Haltung am Strand der Welt einbrockt, diese Mischung aus Verschnarchtheit, Amüsier- und Erholungsobsession, Geiz und kollektiver depressiver Handlungshemmung." Auch Adrian Searle begeistert sich im Guardian für dieses Mahnmal verlockender Dummheit.

Weiteres zu Biennale: Ein Goldener Löwe ging auch an den New Yorker Künstler Arthur Jafa, der in seinem Video "White Album" sein Verhältnis zu Weißen erkundet, wie Nicole Scheyerer im Standard meldet. Die Zeit hat Hanno Rauterbergs Eindrücke online gestellt, der beim ersten Rundgang "Krisenkitsch" und  kuratorisches Wahllosigkeit erlebte: "So radikal, ja hemmungslos wie kein anderer Biennale-Leiter der letzten Jahre verzichtet Ralph Rugoff auf jede Art von Halt und Orientierung.
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Bühne

Szene aus "Dionysos Stadt". Foto: Julian Baumann


In der taz jubelt Katrin Bettina Müller über Christopher Rüpings zehnstündige Münchner Antikenmarathon "Dionysos Stadt", die beim Berliner Theatertreffen gezeigt wurde. Deutlich tiefer gehängt, aber trotzdem so großartig wie Peter Steins legendäre "Orestie" sei dieses Volksfest antiken Theaters: "Man könnte der Inszenierung vorwerfen, Antike light zu spielen, gewissermaßen Comic für Bildungsbürgerenkel. Was dabei aber auch vorgeführt wird, ist die Ahnung, dass aller Aufklärung, allem Wissen, aller Erkenntnis zum Trotz, der Mensch nirgendwo so gut darin ist, wie an seiner eigenen Vernichtung zu arbeiten." In der Berliner Zeitung fand Ulrich Seidler das Happening noch viel zu kurz: "Der Abend mischt Metaspäße, echtträniges Melodram, böse Splatterseifenoper, unnachgiebiges Überwältigungsgetrommel, erlösende Selbstreflexionen. Es gibt ein Fußballspiel, ein Hochzeitsfest, und alles endet mit einem Sonnenaufgang." Im Tagesspiegel zeigt sich Peter von Becker nicht ganz so begeistert.

Weiteres: Im SZ-Interview mit Alexander Menden spricht der britische Regisseur Peter Brook über sein Stück "The Prisoner" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. In der FAZ denkt Fabian Hinrichs über das Schauspiel nach.

Besprochen werden ein Gastspiel der brasilianischen Tänzerin Lia Rodrigues im HAU in Berlin (taz), Monteverdis Oper "Poppea" im Theater St.Gallen (NZZ), ein Jacques-Offenbach-Potpourri im Fritz Rémond Theater in Frankfurt (FR), Karin Bergmanns "Tanzstunden" am Wiener Burgtheater (Standard) und Leander Haußmanns Inszenierung von Kleists Männlichkeitsfantasie "Amphitryon" in Hamburg ("Eine einzige vertane Chance, meint Simon Strauß in der FAZ, auch in der SZ vermisst Till Briegleb eine Haltung zum Thema).
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Architektur

Mit der Zahnbürste gereinigt: Le Corbusiers Pavillon in Zürich

Laura Weißmüller ist in der SZ ganz hingerissen von Le Corbusiers Pavillon am Zürichsee, den die Schweiz gewohnt gewissenhaft, aber ohne die üblichen Sicherheitsstandards restaurieren ließ: "Dann leuchten die Farben so frisch, glänzt der Putz so weiß und strahlt selbst der Stahl so sehr, als wäre der Pavillon von Le Corbusier gerade erst am Zürichsee aufgestellt worden. Dabei steht der Bau, der wie ein Schiff auf den Besucher zusteuert, dort seit 1967. Aber dank Schweizer Akribie bei der Sanierung lässt er sich nun wie in einer Zeitreise erleben. Alle 20.000 Schrauben wurden mit der Zahnbürste gereinigt. 60 Tonnen Sand waren allein nötig, um störende Farbschichten wegzuspritzen."
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Stichwörter: Le Corbusier, Zeitreise

Literatur

Äußerst ärgerlich findet es Marco Stahlhut in der FAZ, dass die Amsterdamer European Cultural Foundation die ägyptische Schriftstellerin Ahdaf Soueif mit dem hochdotierten ECF Princess Margriet Award  auszeichnen will - und zwar nicht für ihr literarisches und publizistisches Schaffen, sondern für ihren Aktivismus, der allerdings eindeutig Schlagseite aufweist. Denn: "Ahdaf Soueif ist eine fanatische Gegnerin des einzigen jüdischen Staats der Welt. In ihren Beiträgen zum israelisch-palästinensischen Konflikt gibt sie ungeprüft Geschichten weiter, die zwischen antisemitischen Klischees und verschwörungstheoretischer Paranoia schillern. ... Für eine Verbesserung des Lebens der Palästinenser hat die Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) nichts erreicht. Dafür jedoch hat nichts so sehr zu einem Mainstreaming des Antisemitismus beigetragen wie diese Bewegung, deren Fürsprecherin Ahdaf Soueif ist."

Vivian Gornicks Erinnerungen "Fierce Attachments" über das teils schwierige, teils anstrengende, teils liebevolle Verhältnis zu ihrer Mutter ist unter dem etwas müden Titel "Ich und meine Mutter" nach dreißig Jahren nun auch auf Deutsch erschienen. Das Buch ist insbesondere auch als Dokument des Generationenkonflikts des Feminismus der Siebziger interessant, lässt sich dem ZeitOnline-Gespräch mit der Autorin entnehmen: "Sie hat ein Leben gelebt, das sie nicht wollte. Ich fing erst als Feministin an, das zu verstehen. In den Siebzigerjahren war die Beziehung zu unseren Müttern ein großes Thema für uns junge Frauen. Wir haben dann erst verstanden, wieso uns unsere Mütter so erziehen, wie sie es tun. Sie wollten uns auf dasselbe Leben von Hausfrauen und Müttern vorbereiten, das auch sie gelebt haben. Das sollten die wichtigsten Dinge im Leben einer Frau sein - nicht die Arbeit. In meiner Generation strebten wir aber mehr und mehr nach Bildung. Und je mehr wir davon bekamen, desto weniger haben wir uns für die Ehe interessiert."

Weitere Artikel: Im Standard führt Sabine Scholl ausführlich durch Sylvia Plaths gesammelte Briefe, die gerade auf englisch erschienen sind und es gestatten, die Höhenflüge und Lebenskrisen der Schriftstellerin minutiös zu nachzuvollziehen. Thorsten Schmitz hat sich für die SZ mit Laureen Nussbaum getroffen, die die Veröffentlichung von Anne Franks Romanfragment "Liebe Kitty" durchgesetzt hat. Im Freitag gratuliert Karsten Laske dem Schriftsteller Volker Braun zum 80. Geburtstag. Im Freitext-Blog bringt ZeitOnline eine Erzählung von Stephan Lohse. Außerdem bringt der Standard einen Auszug aus Kurt Palms neuem Roman "Monster".

Besprochen werden die Werkausgabe Hermynia Zur Mühlen (Freitag), André de Richauds wiederveröffentlichter Roman "Der Schmerz" (Standard), Svenja Gräfens "Freiraum" (Tagesspiegel), Nell Zinks "Virginia" (Tagesspiegel), Nicola Karlssons "Licht über dem Wedding" (Welt), Helene Bukowskis "Milchzähne" (Tagesspiegel), David Keenans "Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird" (Tagesspiegel) und Caroline Vollmanns Neuübersetzung von Jean Gionos Roman "Ein Mensch allein" aus dem Jahr 1947 (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Stefan Georges "Im windes-weben":

"War meine frage
Nur träumerei.
..."
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Film

Szene aus Sherry Hormanns Film über die Ermordung von Hatun Sürücü, "Nur eine Frau"


In Sherry Hormanns Film "Nur eine Frau" spielt Almila Bagriacik die 23-jährige Hatun Sürücü, die 2005 Opfer eines sogenannten "Ehrenmord" durch ihren Bruder wurde. "Vom Casting an war mir klar, dass ich diese Frau nicht als Opfer spielen möchte, sondern als Kriegerin", erklärt die Schauspielerin im Standard-Gespräch. "Sie hat sich das alles erkämpft. Sie ist zur Schule gegangen, hat gearbeitet, ihr Kind betreut - sie hat das alleine gestemmt."

Weitere Artikel: Katharina Schmitz spricht im Freitag mit der Filmemacherin Lola Randl, die über ihre Stadtflucht in die Uckermark einen Dokumentarfilm gedreht und einen Roman geschrieben hat. Ziemlich ärgerlich findet es Sonja Thomas in der FR, dass die Autoren von "Game of Thrones" offenbar kaum in der Lage sind, die charakterliche Entwicklung von Frauen anders voranzutreiben als über das erzählerische Mittel einer Vergewaltigung. Fritz Göttler (SZ) und Bert Rebhandl (FAZ) gratulieren Harvey Keitel zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Amy Poehlers Netflix-Komödie "Wine Country" mit Tina Fey (SZ) und Richard Billinghams "Ray & Liz" (Freitag, ZeitOnline, unsere Kritik hier).
Archiv: Film

Musik

Alte Jazzaufnahmen aus den Dreißigern und Vierzigern bilden den klanglichen Fundus, aus dem James Leyland Kirby unter dem Alias The Caretaker für seine Ambient- und Drone-Epen schöpft. Sein im Laufe der letzten drei Jahre kontinuierlich erweiterter und nach sechs Phasen nunmehr abgeschlossener Alben-Zyklus "Everywhere at the End of Time" zeichnet den Verlauf einer Alzheimer- und Demenz-Erkrankung nach, erfahren wir aus Jürgen Ziemers großem Porträt des Künstlers im Freitag: "Von Album zu Album verblassen die Jazzmelodien mehr und mehr, nur ein paar Fetzen, einzelne nachhallende Töne bleiben länger erkennbar. 'Wissenschaftler behaupten, das Letzte, was im Gehirn verbleibt, sind musikalische Erinnerungen', sagt Kirby. Eine Suche nach der verlorenen Zeit, die ab Teil vier ins Unterbewusste abgleitet. Das sonnige, Jazz-durchwehte Kaffeehaus hat sich in einen endzeitlichen Ort am Rande eines dunklen Ozeans verwandelt." Auf Bandcamp lässt sich der Zyklus komplett nachhören:



Weitere Artikel: Marco Schreuder blickt im Standard auf Israels Geschichte im Eurovision Song Contest zurück. Gerrit Bartels schlendert vor dem Auftakt des Wettbewerbs am morgigen Dienstag für den Tagesspiegel durch Tel Aviv. Für den Standard hat Cordula Reyer die Sängerin Michelle Phillips für ein Gespräch über Mutterschaft und deren alte Band The Mamas and the Papas besucht. Im ZeitMagazin träumt die Sängerin Senna Gammour.

Besprochen werden Hypercultes Album "Massif Occidental" ("Das Werk von Hyperculte ist wuchtig, mit Hang zum Fatalen", schreibt Elias Angele in der Jungle World), Mdou Moctars zweites Album (Freitag), das neue Album der Rockband Filthy Friends (FR), ein Auftritt von Metallica (NZZ) und weitere Musikveröffentlichungen, darunter eine James-Last-Box und eine große, dem Komponisten Robert Casadesus gewidmete Edition (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Martin Andris über Notorious B.I.G.s "Juicy":

Archiv: Musik