Efeu - Die Kulturrundschau

Künste eines wunderlichen Tieres

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.06.2019. In der FAZ fragt Theatermann Günther Rühle, wo die Autoren sind, die heute die Themen aus der Gesellschaft ins Theater holen können. Die SZ erlebt mit "Diamantino" ein Kinowunder und wie man Erhabenes mit Riesenwelpen kombiniert. Im Standard erklärt die Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker, wie man Bachs bewegte Architektur tanzt. Auf 54books überlegt Simon Sahner, ob der allseits bewunderte Jörg Fauser heute vielleicht auch von einer Kiste herab AfD-Parolen schwingen würde.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2019 finden Sie hier

Film

Sixtinische Kapelle oder "Diamantino" - das Publikum hat die Wahl.

Fußball, rosa Wolken, Riesenwelpen, Flüchtlingsgeschichte und Kritik an den politischen Zuständen: Gabriel Abrantes' und Daniel Schmidts offenbar prall gefüllter und dabei ziemlich durchgeknallter "Diamantino" ist ein kleines, aber feines Kinowunder, schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ: Inspiriert wurden die Filmemacher von David Foster Wallace' Essay über Tennis-As Roger Federer und "den Schock vor der scheinbaren Unmöglichkeit körperlicher Bewegungen. Abrantes und Schmidt kombinieren das Sublime dieser Erfahrung mit süßen Riesenwelpen, ebenso wie sie den sturen Faschismus mit fließenden Geschlechteridentitäten bekämpfen. Der letzte Satz des Filmes lautet. 'Wir sind glücklich zusammen.' Wer in der Kunst auf der Suche nach Glück und Schönheit ist, kann heute nicht nur die Sixtinische Kapelle oder die magische Vorhand von Roger Federer studieren, sondern auch diesen wunderschönen Film."

Weitere Artikel: Im Filmdienst plaudern Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, die neue Doppelspitze der Berlinale, über ihre Pläne für das Festival. Manuel Brug freut sich in der Welt über die Nachricht, dass die seinerzeit frühzeitig abgesetzte HBO-Serie "Deadwood" nun mit einem Spielfilm abgeschlossen werden soll.

Besprochen werden Mamoru Hosodas japanischer Animationsfilm "Mirai" (FAZ, unsere Kritik hier), George A. Romeros auf Blu-Ray wiederveröffentlichter Ritter-Biker-Film "Knightriders" (SZ), Claire Denis' SF-Film "High Life" (Presse, mehr dazu hier) und Sebastian Schippers "Road" (taz, Presse).
Archiv: Film

Literatur

Mit einigem Unbehagen beobachtet Simon Sahner auf 54books, wie der ewig wiederentdeckte, 1987 gestorbene Jörg Fauser zu einschlägigen Jubeljahren mit neuen Werkausgaben bedacht und im Feuilleton gefeiert wird. Vor allem die erkennbare Sehnsucht nach einem kernigen Literatur-Kerl scheint ihm dubios: Gnade des frühen Todes, meint Sahner, denn heute würde Fauser wohl eher Seite an Seite mit Figuren wie Matthias Matussek und Franz Josef Wagner im Trüben fischen: Doch "während sich das tendenziell linksliberale Feuilleton aus guten Gründen von Wagner und Matussek weitestgehend fernhält, kann man Fauser weiter umgarnen - er wurde nicht alt genug, um auf einer Kiste stehend Parolen zu schwingen. Bei all der Feier dieser vermeintlich authentischen Literatur könnte man allerdings erwarten, dass mehr gelesen würde als seine Trinkerstories. Seine Literatur und seine Essays sind neben der vielen aus heutiger Sicht problematischen Teilen voll von exakten Beobachtungen über die BRD." Katja Kullmann, die vor fünf Jahren im Freitag einen der schönsten Fauser-Texte geschrieben hat, antwortet in einem Facebook-Kommentar.

Weitere Artikel: Roman Bucheli berichtet in der NZZ von den Solothurner Literaturtagen, wo etwa Melo Gennai die Orgasmusfähigkeit von Langusten besingt: Das Gedicht "ist ganz possierlich poetisch, zeigt keine Spur von indiskreter Obszönität, aber es fügt sich Strophe für Strophe zu einer hingebungsvollen Hymne an die verborgenen Künste eines wunderlichen Tieres." Gerrit Bartels plaudert im Tagesspiegel mit Alexander Kluge über Gott und die Literaturwelt und assoziative Poetik. Hans-Gerd Koch schreibt im Freitag über Kafkas Prag. Im Literaturefeature des Dlf Kultur befasst sich Stefan Berkholz mit dem Schreiben im Exil. Der Freitag hat sein Gespräch mit der Schriftstellerin Fernanda Melchor online nachgereicht. Außerdem präsentieren die Jury von FAS und Dlf Kultur (zu der auch unsere Krimi-Expertin Thekla Dannenberg zählt) die besten Krimis des Monats - auf Platz Eins: "Berlin Prepper" von Johannes Groschupf.

Besprochen werden Colson Whiteheads "Die Nickel Boys" (ZeitOnline), Jonathan Franzens "Das Ende vom Ende der Welt" (Berliner Zeitung), Susi Wyss' Erinnerungsbuch "Guess Who Is the Happiest Girl in Town?" (NZZ), Rudolf Masts Neuübersetzung von Daniel Defoes "Robinson Crusoe" (SZ), eine dem Comicautor Joann Sfar gewidmete Ausstellung im Cartoonmuseum in Basel (taz), Matthias Gnehms Comic "Salzhunger" (Tagesspiegel), Eric Vuillards Erzählung "14. Juli" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Krimis, darunter Kurt Palms "Monster" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Charles d'Orléans' "Im Wald des Langen Wartens":

Im Wald des Langen Wartens
Vom Schicksalswind, dem harten
Gepeitscht, seh ich, wie's Bäume bricht,"
..."
Archiv: Literatur

Bühne

Verkörperte Abstraktion: Anne Teresa de Keersmaekers Bach-Choreografie. Foto: Anne Van Aerschot

Im Standard-Interview mit Helmut Ploebst spricht die belgische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker über Bachs Brandenburgische Konzerte", die sie bei den Wiener Festwochen vertanzt: "Seine Musik ist einzigartig in ihrer Klarheit als bewegte Architektur - immer extrem strukuriert, aber nie systematisch. Vor allem aber ist sie verkörperte Abstraktion: Alles Unnötige bleibt weg. Meine Annäherung an Bach hat mich zu einem neuen Minimalismus gebracht, zu einer beinahe 'ästhetisch-ökologischen' Reduktion bei Kostümen und Bühnenbild, und zu einer Maximierung der Potenziale des Körpers. Die Brandenburgischen Konzerte wirken als echte Herausforderung, über die Tiefenanalyse der Musik eine choreografische Antwort auf die klaren, aber komplexen Kontrapunkte zu geben."

Im FAZ-Interview mit Hubert Spiegel und Simon Strauß spricht der frühere Frankfurter Feuilleton- und Schauspielchef Günther Rühle, der heute 95 Jahre wird, über das Theater als Verbund von Irren oder den großen Fassbinder-Skandal mit dem Stück "Die Stadt, der Müll und der Tod". Mit den heute so angesagten Romanadaptionen kann er nichts anfangen: "Mit der Dauer-Verwurstung von Romanen lässt sich nichts anfangen, davon geht nichts Anregendes, nichts Neues aus. Ich verstehe das Theater als einen Ort, der sich geistige Themen setzen muss. Das Theater ist, wenn schon keine moralische, so doch eine geistige Anstalt. Theater muss schon etwas mit dem Kopf zu tun haben. Es kann nicht alles reines Entertainment sein. Die Gesellschaft ist voller Themen, aber das Theater ist von den Autoren, die solche Themen gestalten könnten, völlig verlassen."

Weiteres: In der FR unterhält sich Judith von Sternburg mit dem Dirigenten Sylvain Cambreling über die gestiegenen Ansprüche im Musiktheater, das höhere Niveau der Musiker und die größeren Erwartungen des Publikums: "Einfacher Realismus, schöne Stimmen, die Hand aufs Herz legen: Das ist heute viel zu wenig, würde ich sagen."

Besprochen werden Eva Lange Pop-Revue zu Büchners "Leonce und Lena" am Hessischen Landestheater Marburg (das Nachtkritiker Alexander Jürgs unter Knyphausens schönem Song-Titel "Fick dich ins Knie, Melancholie" bespricht), Stefans Puchers feministische Version von Frank Wedekinds Männerfantasie "Lulu" an der Berliner Volksbühne (die Esther Slevogt in der taz trotz "süffiger und glamouröser Grundstimmung" nicht wirklich genießen konnte), Clara Weydes Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns Schauerdrama "Der Sandmann" am Staatsschauspiel Nürnberg, Aribert Reimanns Oper "L'Invisible" beim Braunschweiger Festival für zeitgenössische Musik (SZ), Peter Konwitschnys Inszenierung von Händels "Julius Cäsar in Ägypten" in Halle (FAZ) und Matthias Hartmans "Macbeth" auf Kampnagel, bei dem SZ-Kritiker Till Briegleb erlebte, wie "aus einem kleinen technischen Unglück ein großes eitles" des Regisseurs wurde.
Anzeige
Archiv: Bühne

Kunst

Michael Wurmitzer eruiert im Standard, wieviel Queerness in der Wiener Kunst steckt und erkennt ihre Qualität: "Merkmal queerer Künstler und Arbeiten sei eine "profunde Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse". Besprochen werden die Vienna Biennale zur KI (bei der SZ-Autor Bernd Graff besonders gut das morbid-heitere Szenario der Medusa-Bar gefallen hat) und die Ausstellung "Food for the Eyes" im C/O (Berliner Zeitung).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Queer

Musik

Derbe Sexismen wurden im Deutschrap bislang achselzuckend hingenommen - doch gerade kommt ordentlich Wind in dieses von außen ziemlich verkrustet erscheinendes Problemfeld, erklärt Matthieu Praun in der Welt. Anlass dafür ist eine Debatte über den Hamburger Rapper Gzuz, der mit seinem Geprotze und Gewalt-Geprahle, das offenbar auch auf sein Verhalten jenseits seiner Rap-Persona Gültigkeit hat, unfreiwillig eine #MeToo-Debatte ausgelöst. "Vielleicht kann die aktuelle Diskussion zu einem kritischeren Umgang mit Texten und Verhalten führen. Zu einem Umgang, der nicht nur bei Sexismus genauer hinschaut, sondern auch Homophobie, Antisemitismus und sonstige Entgleisungen nicht mehr toleriert. Rap nistet schon längst kein Nischen-Dasein mehr, es ist an der Zeit, sich den Herausforderungen zu stellen und auch tatsächlich erwachsen zu werden."

Dass Rap auch politisches Bewusstsein transportieren kann, steht außer Frage. Kronzeuge der Stunde: Slowthai, dem mit "Nothing Great About Britain" vielleicht schon jetzt das Album des Jahres geglückt sein könnte, staunt Standard-Kritikerin Amira Ben Saoud. Slowthai nutzt "Rap als Mittel und Punk als Attitüde", erfahren wir: Er will "mit seinem Album als Chronist die Realität jener nachzeichnen, die keine Lebensgrundlage (mehr) haben. Gleichzeitig will er diese Realität für jene nachvollziehbarer machen, die es besser erwischt haben. Er tut das mit Einfühlsamkeit, detailverliebten Beobachtungen und - wo es ob der inhaltlichen Tristesse möglich ist - mit viel Wortwitz." Hier das Titelstück:



Weitere Artikel: Dlf Kultur hat ein historisches Radiofeature von Harun Farocki aus dem Jahr 1978 online gestellt, in dem Farocki die industrielle Produktion eines Discostücks beobachtet - "ein irres Missverständnis", kommentiert Thomas Meinecke dazu auf Facebook: Farocki argumentiere "in klassisch linker Kulturkritik aus der Sicht der Rockmusik." Für den Tagesspiegel hat Nadine Lange das Primavera-Festival in Barcelona besucht, wo die Frauen die größten Stars waren. Sehr ausführlich porträtiert Uwe Ebbinghaus in der FAZ den Gitarristen Lulo Reinhardt, der mit seinem neuen Projekt "Gypsy meets India" die Musik aus Indien mit Django Reinhardts Euro-Swing zu kombinieren versucht.

Besprochen werden das neue Album von Tylor, the Creator (SZ), ein Konzert des Jazzveteranen Benny Golson (Presse), ein Elton-John-Konzert (FR) und Yolas Countrysoul-Album "Walk Through Fire (taz). Eine Hörprobe:

Archiv: Musik