Efeu - Die Kulturrundschau

Unter der Aufsicht von Binoche

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29.05.2019. Arch+ widmet sich in seiner neuen Ausgabe Rechten Räumen in der Architektur und erhebt schwere Vorwürfe gegen Hans Kollhoff, der in seinen Walter-Benjamin-Platz ein Zitat des Erzantisemiten Ezra Pound eingelassen hat. Die FAZ verteidigt Kollhoff. Der Tagesspiegel feiert mit "High Life" das ganz unfeministische Körperkino der Regisseurin Claire Denis. Die taz verfolgt, wie das Theater von Freiberg um seine politischen Freiräume kämpft. Der Standard erfährt im Wiener Mak, wie Künstliche Intelligenz uns Kupfer verschafft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2019 finden Sie hier

Architektur

Klassisch oder faschistoid? Die Kolonnaden am Walter-Benjamin-Platz. Foto: Kollhoff Architekten

Die Zeitschrift Arch+ widmet ihre neue Ausgabe "rechten Räumen", von politisch okkupierten No-Go-Areas bis zu klassizistischen Rekonstruktionen. In einem Artikel befasst sich Verena Hartbaum mit Hans Kollhoffs von Kolonnaden gesäumten Walter-Benjamin-Platz, in dessen Pflaster ein Zitat von Ezra Pound eingelassen ist: "Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert." Dazu schreibt Hartbaum: "Wenn Architektur das 'Ordnen von sozialen Beziehungen durch Gebautes' ist, dann ist retrospektive Architektur (mindestens) eine Referenz an Identitäten und Gemeinschaften, deren Ordnungen zumeist vor-, manchmal aber eben auch un- oder gar antidemokratisch waren. Gleichsam in nuce kommt die Berliner Gemengelage in Hans Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz-Bebauung (1999-2001) zusammen, in die der konservative Architekt eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus in die deutsche Gegenwart hineingeschmuggelt hat - bis dato weitgehend unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit." Ursura heißt übrigens Wucher.

FAZ-Kritiker Niklas Maak sieht in Hartmanns Artikel genug Zündstoff für eine neue Architekturdebatte. Auch Maak musste beim Lesen des Pound-Zitats schlucken, aber er verteidigt Kollhoff: "Nichts an diesem Platz ist per se 'rechts', und es ist unlauter und demagogisch, Kollhoff als Antisemiten zu denunzieren - aber es ist vollkommen richtig, darauf hinzuweisen, dass gerade in Kenntnis von Pounds Faschismus- und Mussolini-Nähe das Zitat nicht nur als allgemeine Kritik an den Bedingungen des Bauens im Konsumkapitalismus lesbar ist und dass Kollhoff hier eine zumindest hochmissverständliche Zitatwahl getroffen hat. Die Zeile ist imprägniert mit jener faschistischen, antisemitischen Kapitalismuskritik der dreißiger Jahre, die im 'Geldjudentum' das Elend der Welt begründet sah. Was also tun?" In der taz berichtet Martin Conrads von der Vorstellung des Heftes.

Weiteres: Grässlich überfrachtet findet Jürgen Tietz in der NZZ den ganzen Bauhaus-Trubel, keiner der drei Museumsneubauten wird das Versprechen von Aufbruch, Innovation, Avantgarde einlösen können: Die Baustelle in Dessau verheißt ihm nicht viel Gutes, in Berlin wird es noch Jahre dauern. Und Heike Hanadas Betinkubus in Weimar? "Hermetisch steht der Koloss von Weimar ohne erkennbaren Bezug zur umgebenden Stadt. Autistisch, sich selbst genug." Bereits gestern berichtete Ronald Berg in der taz von einem Symposium an der Akademie der Künste zu Mythen des Bauhaus.
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Film

Juliette Binoche. Einstellung aus Claire Denis' "High Life"


Das Kino von Claire Denis interessiert sich in erster Linie "für die Widerstandsfähigkeit menschlicher Körper unter Extrembedingungen", erklärt Andreas Busche im Tagesspiegel. Der Schauplatz ihres neuen Films - mit Juliette Binoche und Robert Pattinson prominent besetzt - bietet dafür beste Voraussetzungen: "High Life" spielt in einem Raumschiff auf dem Weg zu einem Schwarzen Loch, bei der Besatzung handelt es sich um Insassen, die unter der Aufsicht von Binoche als Wissenschaftlerin für bin herhalten müssen. Eine "herrlich delirierende Science-Fiction-Kuriosität", verspricht Busche, der sich ziemlich sicher ist, dass Denis hier keinen feministischen Film vorgelegt hat. "Nicht, dass Denis an einer äußeren Handlung gesteigertes Interesse zeigt. Vielmehr trägt der hypnotische Bilderfluss (...) einen Großteil der Erzählung: Er absorbiert die schönen Körper von Binoche, Pattinson, Goth und Benjamin, so wie das Schwarze Loch im Zentrum des Films alle physikalischen Energien schluckt."

Von seinem sehr sinnlichen Film spricht Anke Leweke in der taz - insbesondere wenn sich eine prächtig langhaarige Binoche im "Fuckroom" einsam auf eine Dildo-Apparatur schwingt: "Während sie sich an Seilen auf und ab bewegt, zeigt die Kamera ihren Rücken, die sich immer stärker bewegenden Muskeln. Aus nächster Nähe schaut Claire Denis dem Orgasmus bei der Arbeit zu. Es ist der kleine Tod als ekstatisches Aufbäumen gegen den großen Tod in der Schwärze des Weltalls." Weitere Besprechungen in SZ und epdFilm. Für epdFilm porträtiert Gerhard Midding Juliette Binoche.

Weiteres: Michèle Schell gratuliert in der NZZ Helmut Berger zum 75. Geburtstag. Dazu passend: Bei 3sat gibt es gerade neben Luchino Viscontis Klassiker "Gewalt und Leidenschaft" auch den neuen Porträtfilm "Helmut Berger, meine Mutter und ich" in der Mediathek. Besprochen werden Radu Judes "Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen" (taz), "Fighting with My Family" über die Wrestlerin Paige (Jungle World), das Biopic "Rocketman" über Elton John (Presse, mehr dazu hier) und Chris Butlers Stopmotion-Animationsfilm "Mr. Link" (SZ).
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Literatur

In der NZZ-Reihe über Gottfried Keller erzählt Thomas Hürlimann eine Stammtisch-Anekdote aus dem Leben des Schriftstellers. Der Rowohlt-Verlag ist beim Umzug auf Briefe von Thomas Mann gestoßen, meldet unter anderem der Standard. Außerdem küren Dlf Kultur, ZDF und Zeit die besten Sachbücher des Monats.

Besprochen werden unter anderem Benjamin Balints "Kafkas letzters Prozess" (Freitag), Ian McEwans "Maschinen wie ich" (SZ), Yishai Sarids "Monster" (Tagesspiegel), Reinhard Kaiser-Mühleckers "Enteignung" (NZZ), Zidrous und Aimée de Jonghs Comic "Das unabwendbare Altern der Gefühle" (Tagesspiegel) und Peggy Mädlers "Wohin wir gehen" (FAZ).

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Kunst

Ausstelungsansicht "Uncanny Values". Künstliche Intelligenz und DU. Heather Dewey-Hagborg und Chelsea Manning: Probably Chelsea, 2017. Foto: Aslan Kudrnofsky/Mak

Wirklich tiefgründig findet Michael Wurmitzer die Schau "Uncanny Values" der Vienna Biennale im Wiener Mak nicht, aber dass die Zukunft der Künstlichen Intelligenz nicht ungewiss, sondern unheimlich ist, das erfährt er hier: "Das Computerprogramm Asunda analysiert unseren Planeten und plant ihn neu. Auf drei riesigen Bildschirmen flimmern im Wiener Museum für angewandte Kunst (Mak) Satellitenbilder und Geodaten. Sie umfassen Angaben zur Bevölkerungsdichte eines Landstrichs, seiner Wirtschaftsleistung, seiner Temperatur, dem Niederschlag und Problemen wie Umweltverschmutzung oder Rohstoffknappheit. Auf dieser Basis entwickelt Asunda Lösungsansätze. Braucht das amerikanische Technologiezentrum Silicon Valley viel Kupfer, das es nicht hat? Dann schnappt sich Asunda ein Stück des an Kupfer reichen Kongo und verpflanzt es nach Kalifornien.

Außerdem besucht Michael Wurmitzer für den Standard die Op-Art-Ausstellung "Vertigo. Eine Geschichte des Schwindels" im Wiener Mumok: "Der Blick zurück dient nicht zuletzt aber auch einer Nobilitierung der Op-Art, die oft abfällig als oberflächlich und effekthascherisch bewertet wird."
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Bühne

Vor zwei Wochen hatte die taz berichtet, wie der Oberbürgermeister der sächsischen Stadt Freiberg auf Druck der AfD dem Theater politische Veranstaltungen verbietet. Heute muss sie einige Details revidieren, bleibt aber bei ihrer Darstellung. Und auch das Theater wehrt sich weiter: "Das komplette künstlerische Leitungspersonal hat nun eine in verbindlichem Ton gehaltene, aber deutliche Erklärung veröffentlicht. 'Kulturelle und politische Bildung sind für unsere Theaterarbeit unersetzbare Kernaufgaben', heißt es darin unter anderem. Schauspieldirektorin Annett Wöhlert bedauert allerdings, dass es noch keinerlei Entgegenkommen gab und das Verbot gesellschaftspolitischer Debatten bestehen bleibt."

Überwältigt kehrt FAZ-Kritikerin von einem Theaterwochenende in Paris zurück, bei dem Isabelle Huppert als Maria Stuart im Théâtre de la Ville und Isabelle Adjani als Myrtle Gordon aus John Cassavetes "Opening Night" im Théatre des Bouffes du Nord erlebte. Unterschiedlicher hätten die Abende nicht sein können. Huppert war reine Abstraktion: "Von ihr selbst, der mächtigen Frau, der Ikone, ist in dieser technisch perfekten, aber unterkühlten Frauenrolle nichts zu finden. Ganz anders bei Isabelle Adjani. Sie nimmt alles, ihre Erfolge, ihre Skandale, ihr Leben unter den Scheinwerfern der Welt, mit auf die Bühne."
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Musik

"Das Ermöglichen von Musik ist eine politische Haltung" sagt der palästinensisch-israelische Pianist Saleem Ashkar im FR-Gespräch und erklärt, was es mit seinem Galilee-Orchester auf sich hat - uind worin es sich von Barenboims West-Eastern Divan Orchestra unterscheidet: "Hier haben wir israelische Juden und israelische Palästinenser, die zusammen musizieren, während beim Divan-Orchester Israelis mit Musikern aus verschiedenen arabischen Ländern zusammenspielen. Im Galilee-Orchester schauen wir konkret auf uns: Das sind die Menschen, die miteinander leben, auskommen, arbeiten müssen. Die Politik macht ja rein gar nichts dafür. Wir kreieren immerhin eine Mikro-Realität. Natürlich lösen wir nicht die großen Probleme, aber im Kleinen schaffen wir das. Ganz spezifisch und dauernd."

Besprochen werden ein Bruckner-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi (Tagesspiegel), ein Konzertabend mit Grigory Sokolov (SZ), ein Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Gražinytė-Tyla (NZZ), Toby Goodshanks Album "Untitled" (taz), eine Aufführung von Benjamin Brittens "War Requiem" in Wien (Standard), Rammsteins Tourauftakt in Gelsenkirchen (SZ), das neue Album von Cate Le Bon (Pitchfork) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album "Rainford" von Lee "Scratch" Perry (SZ). Eine Hörprobe:

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