Efeu - Die Kulturrundschau

Ein paar Minuten - aber Weltgeschichte!

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26.07.2019. Die Welt lacht über Tobias Kratzers "Tannhäuser" als kaputten Typen, vermisst aber Liebe und Religion in Bayreuth. Für die nachtkritik trifft Kratzer dagegen ins Schwarze. Ebenfalls in der Welt erklärt "Face-it"-Regisseur Gerd Conradt, wie er sich gewaltlosen Widerstand gegen die Überwachung durch Gesichtserkennung vorstellt. In der FAZ beklagen die Literaturwissenschaftler Martin Kagel und William C. Donahue eine Literaturkritik, die den Schwanz vor den Buchhändlern einkneift. Ausgerechnet im jordanischen Amman gibt es ein Festival für Street Art, erzählt die NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2019 finden Sie hier

Bühne

Tannhäuser und Venus in Bayreuth. Foto: @ EnricoNawrath / Bayreuther Festspiele


Welt-Kritiker Peter Huth schwirrt der Kopf nach der Premiere von Tobias Kratzers "Tannhäuser"-Inszenierung in Bayreuth. Er muss lachen, wie einverstanden alle damit sind: "Stell Dir vor, Dein Tannhäuser ist ein kaputter Typ, und alle finden es super." Aber als er feststellt, dass es kein religiöses Motiv mehr gibt und auch keine Liebe, "beginnen sich Fragen aufzutürmen, die Kratzer nicht mehr auflösen kann: warum sind die Pilger die Bayreuther Festspielgesellschaft? Ist das Festspielhaus Rom? Wer erteilt dann Tannhäuser (k)eine Erlösung? Wir alle? Katharina? Richard, er selbst? Was genau will Elisabeth von Tannhäuser? Rache? Liebe jedenfalls ist da nicht. Über welchen Liebeskitsch aber empört sich Tannhäuser im Sängerkrieg? Und dann: was hat Venus auf der Wartburg zu suchen?"

Für nachtkritiker Georg Kasch hat Kratzer dagegen voll ins Schwarze getroffen: "So wie Barrie Kosky vor zwei Jahren in den Meistersingern den Wagner-Clan und dessen Entourage zu Handelnden machte, werden hier die Bayreuther Festspiele selbst zum Motiv: Das Theater ist die Wartburg, das Umfeld, aus dem Tannhäuser stammt. Damit macht Kratzer nicht - wie in Wagners Textbuch - Tannhäusers Unfähigkeit zum Thema, sich zwischen Hure (Venus) und Heiliger (Elisabeth) zu entscheiden. Sondern den Konflikt zwischen Revolution und Kunstreligion. Bei Wagner verlässt Tannhäuser das endlose Leben von Sex und Lust aus Überdruss. Am Hof der Wartburg konkurriert er beim Sängerwettstreit um Elisabeth. Sie liebt ihn, er liebt sie. Aber als er bei 'Deutschland sucht den Superminnesänger' an der Reihe ist, die ideal-keusche Liebe zu preisen, bejubelt er ausgerechnet Venus. Skandal!"

Weiteres: Außerdem gab's in Bayreuth eine Veranstaltung zum 100. Geburtstag Wolfgang Wagners - in der NZZ schreibt dazu Till Haberfeld, in der nmz schreibt Peter P. Pachl. Wer wissen will, warum Katharina Wagner den österreichischen Regisseur Valentin Schwarz für den nächsten Wagner-Ring in Bayreuth auserkoren hat, muss ab dem 31. August nach Darmstadt, wo Schwarz Puccinis "Turandot" inszeniert, empfiehlt in der FAZ Jan Brachmann, der Wagner insgesamt huldvoll bescheinigt, dass sie "dass sie 'Bayreuth kann'".
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Literatur

In der FAZ machen sich die Literaturwissenschaftler Martin Kagel und William C. Donahue große Sorgen um ihre Profession: Es beginnt an den Universitäten, wo Professoren sich kaum mehr trauen, Klartext mit ihren Studenten zu reden und endet mit einer flauen Literaturkritik, die sich auch nichts mehr traut: "Der Ruf der Buchhändler nach Mäßigung der Kritik verteilt Autorität nicht nach Kompetenz, sondern nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Wenn die, die Bücher verkaufen, meinen, es mit Berufskritikern aufnehmen zu können, weil Feuilletons 'bisweilen weit entfernt von der Meinung der Leserschaft und der BuchhändlerInnen sind', folgen sie derselben Logik, die bei amerikanischen StudentInnen den Anspruch auf ständige Affirmation motiviert. Wer zahlt, hat das Recht auf Suspendierung unabhängiger Kritik. Freilich sind wir, die wir uns in der Lehre mit Kritik zurückhalten, mitschuldig an dem Prozess und stehen den besagten Buchhändlern insofern näher, als es uns lieb sein mag."

Weitere Artikel: Wieland Freund erzählt in der Welt, wie Erika Mann 1945 Hermann Göring im Gefängnis besuchte. Vagina-Monologe gabs schon im Mittelalter, verkündet Marcus Woeller in der Welt.

Besprochen werden eine Biografie des britischen Schriftstellers Aldous Huxley von Uwe Rasch und Gerhard Wagner (taz), Ocean Vuongs Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" (NZZ) und Deborah Levyss Buch "Was das Leben kostet" (NZZ).
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Kunst

Ausgerechnet im jordanischen Amman gibt es ein Festival für Street Art, erzählt in der NZZ Annette Wagner, die den in Deutschland lebenden Künstler Mehrdad Zaeri und seine Frau Christina Laube bei ihrem Besuch dort begleitet hat. Thema in diesem Jahr war "Inklusion" und das schloss die Inklusion von Frauen und Mädchen ein. "Die Männer von Hashmi Shamali, einem tristen Randbezirk Ammans mit hoher Arbeitslosigkeit und wenig Zukunftsperspektiven, beobachten von den Treppenstufen ihrer Häuser aus, wie eine europäische Frau und ein arabisch aussehender Mann mit Farbeimern und Spraydosen auf eine Hebebühne klettern. Während Mehrdad Zaeri die Konturen einer Frauengestalt auf die vier Stockwerke hohe Fassade skizziert, nimmt er aus seiner Kindheit in Iran vertraute Geräusche und Gerüche wahr: das Hupen des Gasflaschen-Verkäufers, den süßen Duft des Zuckerwattewagens. Die Anwohner indes staunen, wie die beiden Fremden voller Hingabe fünf Tage lang eine Wand verschönern. Hier draußen arbeitet man, um zu überleben. Kunstunterricht gibt's in der Schule nicht. Auch Teamarbeit zwischen Mann und Frau ist außergewöhnlich."

Außerdem: In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Fotografen William Eggleston zum Achtzigsten (mehr zu Eggleston hier und hier).

Besprochen werden die Ausstellung "Reaching Out for the Future" im Bröhan-Museum in Berlin (taz), die Ausstellung "Verfemt - Gehandelt" im Sprengel-Museum in Hannover (taz), die Ausstellung "Utopie, Inspiration, Politikum", die sich den Hoffnungen und Erwartungen um den Palast der Republik widmet, in der Kunsthalle Rostock (SZ) und eine Ausstellung des Kouros von Lentini (6.-5. Jh. v.u.Z.) im sizilianischen Catania (FAZ).
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Stichwörter: Jordanien, Street Art

Musik

In einem aus Wired nachgedruckten Text in der taz stellt Peter Margasak den Chicagoer Musiker Damon Locks vor, dessen Leben wie seine Musik von politischem und sozialem Engagement geprägt ist: "Nachdem er jahrzehntelang ohne viel Resonanz in kleinen Clubs aufgetreten war, wurde Damon Locks von der Zuschauerreaktion nach einer Performance überwältigt, die er 2015 in einer Galerie gegeben hatte. An jenem Abend mischte er Samples von berühmten Civil-Rights-Reden mit eigenen Textsplittern, hypnotischen Loops und einer abgespeckten Fassung des Black-Monument-Ensemble-Songs 'Sounds Like Now' zusammen. 'Die Zuschauer waren gebannt und haben sich hinterher über Details unterhalten, was für mich ergreifend war.' Als er das Konzept kurze Zeit später in New Orleans vorstellte, haben ihn hinterher Wildfremde umarmt. Locks begriff, dass seine Musik zu den Leuten durchdringen kann."

Hier ein Stück zum Reinhören:



Besprochen werden das Spoken-World-Album "On Vanishing Land" von Justin Barton und dem 2017 verstorbenen Kulturtheoretiker Mark Fisher (The Quietus), Marlis Petersens Liederabend bei den Opernfestspielen München (SZ), das Album "Egoli" von Damon Albarns afrikanisch-europäischem  Kollektiv "Africa Express" ("ganz großer Pop-Wurf", versichert Jonathan Fischer in der SZ, vor allem "wegen einer musikalischen Querverbindung: südafrikanischer Rhythm'n'Blues, Kwaito oder die House-Variante Gqom variierten stets die afroamerikanischen Vorbilder und entwickelten dabei eine ähnliche eigenständige Dynamik wie die britischen Elektro-Genres Jungle, Dubstep oder Grime"), "Tiere in Tschernobyl", die neue CD von Jens Rachuts Punkrock-Band "Maulgruppe" (für taz-Kritiker Jens Uthoff "zählen diese gut 40 Minuten Musik zum besten Deutschsprachigen, was in diesem Jahr bislang zu hören war"), ein Auftritt des Jugendorchesters aus der Türkei bei Young Euro Classic (Tagesspiegel) und ein Konzert von Pink in Wien (Presse, Standard).
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Film

Face it


Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek lässt sich von Alt-68er Gerd Conradt erklären, wie man gewaltlosen Widerstand leistet. Conradt hat mit "Face_it!" einen Dokumentarfilm über das Überwachungspotential von Gesichtserkennung gedreht. Was man dagegen tun kann? Die Kameras außer Gefecht setzen, und zwar ohne Sachbeschädigung, einfach mit Tüchern verhängen, erklärt er dem aufgeregten Redakteur, der sich offenbar mehr Action gewünscht hätte: "ich glaube, die Tuchaktion wäre sehr nachhaltig. Wir würden uns immer daran erinnern und andere auch. Es gibt das berühmte Foto von der Kommune 1, auf dem sie nackt an der Wand steht: eine kleine Aktion, spontan, ein paar Minuten - aber Weltgeschichte! Dann gibt es die Leute, die die Tücher runterholen müssen, die fangen auch an zu denken. Und die an den Bildschirmen, die sich daran erinnern werden, dass sie plötzlich nur noch Rot und Schwarz gesehen haben. Und man kann das gleich als Installation ans MoMA verkaufen, wenn man sich die Rechte vorher gesichert hat." (Auf Zeit online bespricht Julia Dettke den Film.)

Der Filmregisseur Mohammad Rasoulof ist von einem iranischen Revolutionsgericht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Außerdem darf er das Land zwei Jahre lang nicht verlassen, berichtet Tim Caspar Boehme in der taz. Sein Vergehen? "'Gefährdung der nationalen Sicherheit' und 'Propaganda gegen die islamische Regierung' lautete der Vorwurf der iranischen Revolutionsgarden gegen Rasoulof. Womit sein Filmschaffen gemeint ist. Darin setzt sich der Regisseur kritisch mit den Verhältnissen in seinem Land auseinander. In [seinem neuen Film] 'A Man of Integrity' etwa erzählt er von einem Fischzüchter, der sich bis zum Äußersten, einem heutigen Michael Kohlhaas gleich, gegen Machtwillkür und Korruption in seinem Ort wehrt."

In seinem Blog erinnert Thomas Schmid an die glückliche Kombination von Ernst Lubitsch und Pola Negri in den frühen Tagen der Ufa: "Sie, die dunkelhäutige Polin, etabliert im Alleingang einen neuen Frauentypus im deutschen Film. Gerade weil sie nicht die klassische, ätherische Schönheit der Hochkultur verkörpert, fasziniert sie das Publikum. Sie ist von irdischer, fleischlicher Schönheit, ihr eher breites Gesicht verrät, dass sie nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Das schamlose Selbstvertrauen, das sie in Szene setzt, hat etwas Aufforderndes. Lubitsch lässt seine Schauspieler an der langen Leine gehen, und das kommt Pola Negri sehr entgegen."

Hier Lubitschs "The Eyes of the Mummy" von 1918 mit Pola Negri und Emil Jannings. Die noch berühmtere "Madame Dubarry" von 1919 findet man leider nur in grottenschlechter Qualität auf Youtube.



Weiteres: Andreas Busche stellt im Tagesspiegel das Programm des Filmfestivals von Venedig vor. Besprochen werden Brady Corbets Filmdrama "Vox Lux" mit Natalie Portman (Tagesspiegel), Pedro Almodóvars Film "Leid und Herrlichkeit" (Standard, Welt), Erik Schmitts Debütfilm "Cleo" (Tagesspiegel), Mariano Llinás' dreizehneinhalb Stunden langer Film "La Flor" und Emilio Estevez' Film "Ein ganz gewöhnlicher Held" (SZ)
Archiv: Film