Efeu - Die Kulturrundschau

Treffen mit der eigenen Geschichte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2020. In der FAZ verabschiedet Antonio Scurati mit den Toten der Lombardei auch Italiens glücklichste Epoche. Hyperallergic betrachtet die großen Pest-Gemälde von Poussin und Gargiulo. Die FAZ lernt von Edward Hopper, dass eben das Licht flanieren muss, wenn die Menschen nicht mehr rauskönnen. Die SZ bewundert, wie Nicole Chevalier in Christoph Waltz' Inszenierung als Heldin ganz ohne heldische Gesten brilliert. Und der Tagesspiegel hört fiesen Corona-Pop.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2020 finden Sie hier

Literatur

Die FAS bringt David Grossmans Corona-Tagebuch, das an Schrecken vor der Erhabenheit dieser "Katastrophe biblischen Ausmaßes" nichts missen lässt: "Es ist etwas an der Gesichtslosigkeit dieser Seuche, an ihrer bedrohlichen Leere, das unser plötzlich so verletzlich und hilflos wirkendes Wesen ganz und gar aufzusaugen droht. ... Wie es typisch ist bei massenhaftem Sterben, haben die Toten, die wir nicht kennen, kein Gesicht, bleiben anonym, nurmehr eine Zahl. Schauen wir aber in dieser Situation die uns Nahestehenden an, unsere Liebsten, dann spüren wir, in welchem Maß jeder Mensch eine ganz eigene, unendliche Kultur in sich birgt, deren Verschwinden der Welt etwas wegnähme, für das es keinen Ersatz geben kann und wird. Aus jedem schreit plötzlich seine Einmaligkeit."

Auch den Mailänder Schriftsteller Antonio Scurati packt beim Blick aus dem Fenster, beim Blick auf die vor den Krankenhäusern sich stapelnden Särge, die apokalyptische Wehmut: Es ist das "das Ende einer Epoche", schreibt er in der FAZ. Die "längste und selbstvergessensten Phase des Friedens und des Wohlstands, die die Geschichte der Menschheit jemals erlebt hat", liege jetzt hinter uns. Auf den Straßen sieht er zwar "erwachsene Männer und Frauen und doch sieht man über den Maskenden bestürzten Blick vernachlässigter Kinder. Sie sind völlig unvorbereitet zu dem Treffen mit ihrer eigenen Geschichte gekommen; und genau deshalb sind sie mutige Männer und Frauen. Sie gehörten zum wohlhabendsten, geschütztesten, langlebigsten, am besten gekleideten, ernährten und gepflegtesten Stück Menschheit, das je auf der Erde gewandelt ist; und jetzt, da sie in ihren Fünfzigern sind, stehen sie Schlange für Brot."

Weitere Artikel: In der Zeit unterhält sich Joachim Riedl mit dem Karl Kraus' Biografen Jens Malte Fischer. Im Standard schreibt die Schriftstellerin Bettina Balàka über ihre Erfahrungen der letzten Wochen und ihrer eigenen Angst vor Infektionen. Die Schriftstellerin Rasha Khayat berichtet in der Freitext-Reihe auf ZeitOnline davon, dass es Schlimmeres geben kann, als nach einem Besuch in Gladbeck dort wegen Corona-Quarantäne festzusitzen. Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels nutzt die Zeit zuhause für Reisen durchs eigene Buchregal und stößt dabei auf Xavier de Maistres "Reise durch mein Zimmer" aus dem Jahr 1794. In der FAZ beschäftigt sich Uwe Ebbinghaus mit Hölderlins Geisteszustand. Die Welt hat eine weitere Folge aus Thomas Glavinics Corona-Fortsetzungsroman online gestellt. Beim Nachschlagen im etymologischen Wörterbuch stellt NZZ-Autor Klaus Bartels fest, dass Panik und Pandemie alphabetisch gesehen zwar enge Nachbarn sind, aber nicht unbedingt nahe Verwandte. In der NZZ verschafft Claudia Mäder einen Überblick über Literaturveranstaltungen im Internet.

Besprochen werden Benjamin Maacks "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" (54books), Hilary Mantels "Spiegel und Licht" (FR), Benjamin Quaderers "Für immer die Alpen" (SZ), Delphine de Vigans "Dankbarkeiten" (Tagesspiegel), Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" (Freitag), Christoph Nix' "Lomé" (FR), Lars Gustafssons "Dr. Weiss' letzter Auftrag" (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Anke Kahls Comic "Manno" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jochen Hieber über Martin Walsers "Clowns sind wir":

"Clowns sind wir, der Zirkus heißt Kultur,
..."
Archiv: Literatur

Kunst

Domenico Gargiulo: Die Piazza Mercatello in Neapel während der Pest, 1656

Auf Hyperallergic betrachtet David Carrier die großen Pest-Gemälde von Nicolas Poussin oder Domenico Gargiulo. Unübertroffen findet er Gargiulos Pestgemälde von 1656, es imaginiert die Epidemie, die mehr als die Hälfte von Neapels  Bevölkerung tötete, damals die größte Stadt Italiens: "Largo Mercatello ist der große Marktplatz, der heute Piazza Dante heißt. Im Hintergrund sehen wir die Stadtmauer, die zerstört wurde, als dieses Quartier Mitte des 18. Jahrhunderts neu gebaut wurde. Die Toten wurden kurz außerhalb der Stadt beerdigt. Wir blicken von weit oben und aus größerer Entfernung als bei Poussin auf die Figuren, die Toten sind hoch gestapelt, niemand führt ein Kommando. Während Poussins Figuren agieren wie in einer kunsthistorischen Aufführung oder in einer Tragödie, herrscht hier reines Chaos. Die Szenerie eines Massenbegräbnis ist Schrecken erregend, doch im Himmel, über dem Vesuv, sieht man Gott, den Vater, der trotz des flehenden Jesu noch nicht eingeschritten ist."

Edward Hopper: Shakespeare at Dusk". Bild: Sotheby's

Edward Hopper
scheint mit seinen Bildern der Leere der Maler der Stunde zu sein, räumt in der FAZ Stefan Trinks ein, der die Ausstellung in der Fondation Beyerle Basel noch hat sehen können. Menschen interessierten den Maler, der seine Ausbildung in Paris als Spätimpressionist begonnen hatte, tatsächlich wenig. Geradezu überwältigend lakonisch findet Trinks das Bild "Shakespeare at Dusk", das ein Denkmal des Dichters im menschenleeren Manhattan zeigt: "Vorrangig geht es dem Maler um das Flanieren des Sonnenlichts in der Dämmerung. Es kann frei über die Wege strömen, diese wärmen, muss keine Umwege nehmen oder gar gehetzt den Platz querenden Passanten, die des Lichtes gar nicht gewahr werden, Schatten verleihen. Hopper übersetzt Caillebottes berühmte regennass-lichtspiegelnde Straßenkreuzung in seine Malerei und lässt einfach die Personen weg. Wie er es in Frankreich gelernt hat, ist Hopper ein verschwiegener Verbündeter des Lichts in der Moderne. Das lässt ihn zeitlos werden, nicht aber harmlos."

Im Tagesspiegel beschreibt Nicola Kuhn, wie erfinderische die deutschen Museen nun werden, da sie ihr Publikum vermissen, wie etwa Yilmaz Dziewior, der Direktor des Kölner Museums Ludwig, bekannte. Und siehe da, plötzlich tut sich was: "Bis vor Kurzem schlummerten die Hinweise auf Youtube-Kanal, Zusatzinfos und VR-Anwendungen bei den Staatlichen Museen noch in den Tiefen der Websites, sie waren eher ein Anhängsel des Angebots. Vorne im Licht standen die aktuellen Ausstellungen. Das hat sich gründlich geändert. Unter dem Hinweis auf die Schließung wegen Corona ploppen nun Empfehlungen für virtuelle Rundgänge und die digitale Sammlung auf."

Besprochen werden eine Ausstellung des Ruhrgebietsfotografen Laurenz Berges, die statt im Josef Albers Museum Quadrat in Botrop nunmehr im Katalog besichtigt werden kann (taz), die ebenfalls geschlossene Schau des deutsch-französischen Künstlers Wols im Centre Pompidou (FAZ) und eine möglicherweise imposante Tizian-Schau in der Scottish National Gallery in Edinburgh (Observer).
Archiv: Kunst

Bühne

Christopher Waltz' "Fidelio"-Inszenierung im Theater an der Wien. Foto: Monika Rittershaus

Wenn Christoph Waltz im Theater an der Wien Regie führt, ist das mehr als ein Marketing-Einfall, versichert Helmu Mauró in der SZ nach der gestreamten Premiere von Beethovens "Fidelio". Schon das Bühnenbild hat den Kritiker fasziniert: "Man hat oft den Eindruck, dieser Raum habe mehr als drei Dimensionen: eine beeindruckend sinnliche Abstraktion, die den Darstellern nicht in die Quere kommt, in der man sich allerdings auch nicht verstecken kann; sie lenkt nicht von Einzelnen ab. Hier zeigte sich die führende Regiehand, die zwar die opernhaft verhunzten Sprech-Dialoge nicht korrigieren konnte, den unterschiedlich agierenden und singenden Protagonisten jedoch Halt gab. Die Leonore der Nicole Chevalier brilliert nicht nur stimmlich in dieser Produktion, sie überzeugt als zentrale Heldin der Oper ohne heldische Gesten, sie wirkt oft zurückgenommen, um desto souveräner zu strahlen. Leonore ist ja, ohne ständig präsent zu sein, das dramatische Rückgrat."

Standard-Kritiker Ljubisa Tosic ist auch ganz zufrieden: "Wer vom Opernsofa aus (auf ORF2) dabei war, spürt bereits in der Ouvertüre, dass konzentriert und in besonderer Atmosphäre gearbeitet wurde. Dirigent Manfred Honeck und die Wiener Symphoniker, die auch bei ihren letzten Publikumskonzerten überragende Form bewiesen, klangen impulsiv und fokussiert, wenn es darum ging, die scharfen Akzente herauszumeißeln, welche dem Dirigenten vorschwebten." In der FAZ lässt dagegen ein recht missmutiger Reinhard Kager kein gutes Haar an der zwischen M.C. Escher und Panzerkreuzer Potemkin oszililierenden Inszenierung: "Ob es sinnvoll war, die Gesundheit der Mitwirkenden an diesem 'Fidelio' zu riskieren, mag auch angesichts des im Programm von ORF2 Gesehenen bezweifelt werden."

Weiteres: In der Nachtkritik berichtet Sascha Westphal vom Online-Symposium "Staging Complexity". Und natürlich stellt die Nachtkritik auch den täglichen Online-Spielplan zusammen. Tilman Baumgärtel verfolgte für die taz das ins Internet verlegte verlegte Festival "Spy On Me" am HAU.
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Archiv: Bühne

Musik

Mit einer etwas wirren Instagram-Ansprache hat Cardi B "wie es sich für ein lebendes Gesamtkunstwerk gehört, ganz nebenbei das Genre des Corona-Pop erfunden", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Und der geht mittlerweile, nunja, viral: "Nur einen Tag später hatte der Brooklyner Produzent und Meme-Künstler iMarkkeyz aus dem Video das Hip-Hop-Stück 'Coronavirus" gemixt: ein paar Wortfragmente, etwas Bass und ein abgebrochener Trapbeat. 2 Minuten 30 Sekunden für die heimische Covid-19-Playlist. ... Der Song schlug sofort in den internationalen Charts ein, zuerst übrigens in Bulgarien und Brasilien. Seit Ende der Woche steht er auch in den Top10 von iTunes."



Außerdem: Im Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem scheidenden Musikverein-Direktor Thomas Angyan über die Zukunft seines Hauses, das hofft, dass der neue Leiter Stephan Pauly ab Herbst das noch von Angyan mitgeplante Saisonprogramm umsetzen kann. Alexandra Ketterer hat sich für den Tagesspiegel mit dem Rapper Zebra Katz getroffen. Christiane Peitz schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Geiger Hellmut Stern. Jens-Christian Rabe (SZ) und Samir H. Köck (Presse) schreiben Nachrufe auf Kenny Rogers. Im Tagesspiegel gratuliert Gunda Bartels dem Musicalkomponisten und -texter Stephen Sondheim zum 90. Geburtstag. In seinem Klassikblog für die Welt gibt Manuel Brug kommentierte Streamingtipps. Besprochen wird das neue Album von The Weeknd (Standard).
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Film

Im Berliner Tip stellt Bert Rebhandl drei Filme aus dem ersten Digital-Programm des Kino Arsenals vor. Das Filmarchiv Austria lässt seine für März geplante Retrospektive Wolfram Paulus nun online stattfinden. Barbara Schweizerhof gibt im Freitag sieben Serientipps fürs Zuhausebleiben. IndieWire erinnert daran, dass am gestrigen Sonntag vor 125 Jahren die Gebrüder Lumière zum ersten Mal die Arbeiter aus der Fabrik gehen ließen und damit die Kinogeschichte in Gang setzten.



Besprochen werden Damien Manivels ursprünglich fürs Kino vorgesehener, jetzt aber via Kino-on-Demand (unter Gewinnbeteiligung für die Kinos) ausgewerteter Tanzfilm "Isidoras Kinder" (Tagesspiegel), die deutsche Science-Fiction-Serie "Spides" (taz), der ARD-Dreiteiler "Unsere wunderbaren Jahre" (online nachgereicht von der FAZ, FR), die "Star Wars"-Serie "The Mandalorian" (ZeitOnline, FR) und neue Heimmedienveröffentlichungen, darunter "Vor uns die Hölle" von Robert Aldrich aus dem Jahr 1959 (SZ).
Archiv: Film
Stichwörter: ARD, Tanzfilm