9punkt - Die Debattenrundschau

Zwischen Panik und Leichtsinn

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2020. Hochkonjunktur für Apokalyptiker! in der Welt sieht  Byung-Chul Han Europa nur noch straucheln. Droht bald Überwachung wie in China? Aber die Pandemie ist auch von China ausgegangen, und, Ironie der Geschichte, verdankt sich dem Aberglauben der Chinesen an die Heilkraft der Pangolin-Schuppen. Die taz  zitiert eine Studie von Nature, die die Pangolin-These erhärtet. In der SZ fordern der Evolutionsbiologe Jared Diamond und der Virologe Nathan Wolfe ein Ende des Handels mit Wildtieren. Wer die Ausnahmesituation mit einer Diktatur vergleicht, ist verhältnisblöd, antwortet Philosoph Georg Kohler in der NZZ seinem Kollegen Giorgio Agamben.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

"Eine "Hysterie des Überlebens" bei den Europäern diagnostiziert der Philosoph Byung-Chul Han in der Welt. Die Menschen seien in Panik, weil sie im Kapitalismus verlernt hätten, mit Negativität zu leben und die Digitalisierung sie in den letzten Jahren zudem von der Wirklichkeit abgeschottet hätte. Sollten wir überleben, werden wir wahrscheinlich im Überwachungskapitalismus a la chinoise landen, fürchtet er: "Man könnte sagen, in Asien werden Epidemien nicht nur durch Virologen oder Epidemiologen, sondern vor allem durch Informatiker und Big-Data-Spezialisten bekämpft. Ein Paradigmenwechsel, der in Europa noch nicht wahrgenommen wird. Big Data rettet Menschenleben, würden die Apologeten der digitalen Überwachung ausrufen. In Asien existiert kaum ein kritisches Bewusstsein gegen die digitale Überwachung. Vom Datenschutz redet man kaum noch, selbst in liberalen Staaten wie Japan und Korea. Niemand lehnt sich auf gegen die Datensammelwut der Behörden." Byung-Chul Han schlägt eine Neudefinition des Souveränitätsbegriffs vor: " Souverän ist, wer über Daten verfügt." In der FAZ spricht auch der Koreanist Hannes B. Mosler über den koreanischen Eindämmungserfolg.

In Zeiten von Corona denken die Menschen nur noch an sich selbst, nicht mehr an andere. Und an den Ausnahmezustand haben sich die verängstigten Massen schon so gewöhnt, dass sie ihn als normal empfinden: Das hatte Giorgio Agamben vor fünf Tagen in der NZZ behauptet. Heute fragt der Philosoph Georg Kohler den italienischen Kollegen in der NZZ, ob er sie noch alle beisammen hat: "Ausgehverbote und polizeilich überwachte Quarantäne-Maßnahmen sind ja nicht deshalb nötig, weil sich die Leute furchtsam in ihren Höhlen verkriechen. Sie sind nötig, weil noch die vernünftigsten Appelle an die gar nicht Ängstlichen, alle nicht aufs nackte, sondern aufs gute Leben zielenden Appelle zugunsten freiwilliger Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse verletzlicher Altersgruppen und zutiefst sozialer, aber extrem belasteter Institutionen staatlicher Fürsorge einfach überhört werden. Die als Abwehr solcher Haltungen begründete Ausnahmesituation mit dem Zustand einer - mehr oder weniger heimlich - herrschenden Diktatur zu vergleichen, ist verhältnisblöd."

An die Adresse jener, die vor Einschränkungen der Freiheit wegen der Corona-Krise warnen, schreibt der Soziologe Aladin El-Mafaalani (Autor des viel diskutierten Buchs "Das Integrationsparadox") in der taz: "Freiheit ist nur Freiheit, wenn das Individuum wirklich die Wahl hat. Das ist hier nicht der Fall. Um der Pandemie etwas entgegenzusetzen, müssen sich zumindest zeitweise fast alle gleich entscheiden. Das schafft man nur mit klaren Regeln, auch mit Verboten und zugleich mit Überzeugungsarbeit und Aufklärung. Denn eines ist klar: Wenn es zu einer Katastrophe kommt, weil man nicht zu drastischen Maßnahmen gegriffen hat, dann hat das extreme Auswirkungen auf die Zukunft der Demokratie und der Freiheit, denn dann werden notorische Sicherheitsfanatiker und Populisten gewinnen."

Auf die Frage Stefan Reineckes in der taz, ob nicht Grundrechte "leichthändig und fast widerstandslos" außer Kraft gesetzt worden seien, antwortet auch der Soziologe Andreas Reckwitz: "Bedenklich ist eine Einschränkung von Grundrechten immer. Als kurzfristige Maßnahme ist sie in diesem Fall wohl gut zu rechtfertigen. Bedenklich wäre es, wenn das politische Risikomanagement suggerieren würde, Maßnahmen seien alternativlos, weil von der Wissenschaft vorgegeben. Es gibt natürlich wissenschaftliche Argumente der Virologen, aber es handelt sich immer um politische Entscheidungen, die kontingent sind. Das macht ja das Politische aus."

Nach Bayern hat jetzt auch der rotgrüne Senat in Berlin eine Art Ausgangssperre beschlossen. Nur heißt sie nicht so und ist auch sonst etwas unklar: Die Berliner sollen sich "ständig in ihrer Wohnung oder gewöhnlichen Unterkunft" aufhalten, dürfen aber raus. Doch müssen sie der Polizei einen Grund dafür nennen können: Spazierengehen ist okay, solange man es allein oder mit nur einer anderen Person tut, meldet die Berliner Zeitung. Der Tagesspiegel spricht nicht von Ausgangssperre, sondern von "strikten Kontaktbeschränkungen".

Auch noch zu Corona: In der NZZ breitet der Soziologe Wolfgang Sofsky ein Weltuntergangsszenario aus, als würden wir noch in Zeiten der Pest leben. Da mag Niall Ferguson nicht zurückstehen und malt einen "Senizid" an die Wand, also das Massensterben(-lassen) alter Menschen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz dagegen bittet um Besonnenheit, "als Mitte zwischen Panik und Leichtsinn".
Archiv: Gesellschaft

Wissenschaft

Foto: verdammelt. CC BY-SA 2.0. Über Flickr und Wikimedia.
Als möglicher Ursprung des Virus wird neben einer Fledermausart das Schuppentier Pangolin gehandelt, das wegen der angeblichen Heilkraft seiner Schuppen auf Märkten wie in Wuhan gehandelt wird, schreibt Heiko Werning in der taz: "Eine am 17. März veröffentlichte Studie im Fachmagazin Nature Medicine bestätigt die schon früher geäußerte Mutmaßung, dass das Virus vom Malaiischen Pangolin die Artgrenze zum Menschen übersprungen haben könnte... Kein Grund für antiasiatische Ressentiments übrigens: Andere gefährliche Krankheiten wie BSE, Scrapie, Schweinepest oder Vogelgrippe haben auch mit dem letztlich nicht besseren Umgang westlicher Länder mit Tieren zu tun."

In der SZ fordern der Evolutionsbiologe Jared Diamond und der Virologe Nathan Wolfe ein Ende des Handels mit Wildtieren (hier das englische Original in der Washington Post). Sonst haben wir bald die nächste Epidemie, fürchten sie. Denn Krankheiten wie Covid-19, Sars, Aids, Ebola oder Marburgfieber würden von anderen Säugetieren auf Menschen übertragen. Die chinesische Regierung hat nach viel zu langem Zaudern endlich die Wildtiermärkte in China geschlossen. Jedoch "die zweite große Kontaktstelle zwischen Menschen und Wildtieren hat die Regierung keineswegs unterbunden: den Handel mit lebenden Tieren für die traditionelle Medizin. Auch dieser Handelssektor ist enorm groß und umfasst viele Tierarten. ... Allen kulturellen Unterschieden zum Trotz müssen China und andere Regierungen jetzt schnell und bestimmt handeln und den Wildtierhandel beenden. Passiert das nicht, können wir mit einiger Sicherheit vorhersagen, dass Sars und Covid-19 nicht die letzten Epidemien gewesen sein werden, die sich global ausbreiten."

Die New York Times bringt eines jener fantastischen interaktiven Online-Dossiers um zu dokumentieren, wie sich das Virus ausbreitete: "Die weitreichendsten Reisebeschränkungen zur Verhinderung eines Ausbruchs in der Geschichte der Menschheit waren nicht genug. Wir haben die Bewegungen von Hunderten von Millionen Menschen analysiert, um zu zeigen, warum." Die Journalisten kommen zu dem Ergebnis, dass eine Pandemie möglicherweise nicht mal bei einer rechtzeitigen Reaktion hätte verhindert werden können.

Foto: Scressnehot von nytimes.com.



Außerdem: Heise.de meldet, dass die Firma Qiagen einen Schnelltest für den Virus entwickelt hat, der innerhalb einer Stunde ein Ergebnis liefern soll.
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Geschichte

Der Holodomor, der Hungermord an meist ukrainischen Bauern, der von Stalin betrieben wurde, ist ein Schlachtfeld geschichtspolitischer Interpretationen. Der Historiker Martin Schulze Wessel betont, dass man ihn auf zwei Weisen wahrnehmen kann, "als Konsequenz des Klassenkampfs gegen die Bauern oder als Völkermord an den Ukrainern". In einem langen Essay auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ will er zeigen, "dass man die Hungersnot auf beide Weisen erzählen kann. Keine der beiden Deutungstraditionen leugnet die Hungersnot und die Opferzahlen, beide beziehen ihre Plausibilität aus der Beschreibung von langfristig wirksamen Bedingungen und kurzfristigen politischen Entscheidungen."
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Archiv: Geschichte

Europa

Für ein solches Thema ist ja im Moment kaum Aufmerksamkeit übrig: Die Oppositionsparteien FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke haben einen Gesetzentwurf vorgestellt, der endlich Schluss machen soll mit den Staatsleistungen, die die Kirchen neben den Kirchensteuern noch bekommen. Der Entwurf sieht aber Fristen von 25 Jahren vor, bis das Gesetz endlich wirklich greift. Der Politologe Carsten Frerk sagt im Gespräch mit Gisa Bodenstein von hpd.de: "Ich konnte ja aufgrund meiner Recherchen recht detailliert nachweisen, wie innig die Kirchen bisweilen in den politischen Gesetzgebungsprozess eingebunden sind. Und das vom Bundestag verabschiedete Gesetz zur 'Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Selbsttötung' schien den Gipfel und möglicherweise den Endpunkt des Erfolgs eines kirchlichen Lobbyismus darzustellen, nachdem es vom Bundesverfassungsgericht als 'nichtig' beurteilt und aufgehoben wurde. Aber nein - der jetzige Gesetzentwurf zur Ablösung der Staatsleistungen ist meines Erachtens eine Gemeinschaftsarbeit des kirchlichen Lobbyismus - unter Federführung des katholischen Büros - und das brachte mich zum Lachen."

Auf der ganzen Welt mögen sie an Corona sterben - aber nicht in Russland. Das behauptet jedenfalls die russische Regierung, berichtet Alice Bota auf Zeit online: "während Italien und Deutschland alle Toten, die positiv auf Corona getestet wurden, in ihren Statistiken aufführen, scheinen die Russen einen anderen Weg einzuschlagen. Diabetes habe die Verstorbene gehabt; Herzprobleme, Bluthochdruck und verkalkte Arterien, verkündete der operative Stab der Stadt Moskau. Offizielle Todesursache: schwere Pneumonie. Die Statistik mit Corona-Todesfällen: bleibt sauber. Es gibt keine Corona-Toten in Russland. Punkt. Und von Präsident Wladimir Putin ist nur eins zu hören: Man habe die Lage im Griff."
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Kulturmarkt

Leider hat die Krise auch Auswirkungen auf die Verlagsbranche, berichtet Oliver Jungen in der FAZ: "Mit massiven Umsatzeinbrüchen rechnen alle Verlage. Es sei sehr viel storniert worden, sagt nicht nur Ruth Geiger (von Diogenes, d. Red.). Nachauflagen müssten derzeit kaum gedruckt werden, heißt es bei C.H. Beck. Auch bei Dumont erwartet man 'für die nächste Zeit deutlich geringere Umsätze'. Die jetzige Situation hat auch Auswirkungen auf die Werbung: Im Bahnmagazin Mobil teure Anzeigen zu schalten scheint etwa gegenwärtig sinnlos." Online dagegen macht immer Sinn!

Netflix hat die Streamingqualität vermindert, um das Internet zu entlasten, wurde bereits letzte Woche berichtet. Ingo Pakalski erzählt bein golem.de, wie der Anbieter dabei vorgeht: "Der Streaminganbieter liefert Kunden nicht mehr die maximal mögliche Qualität in der jeweiligen Abostufe. Nach Angaben von Netflix werden Abonnenten 'vielleicht eine sehr leichte Qualitätsminderung innerhalb jeder Auflösung feststellen'."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Netflix, Buchmarkt