Efeu - Die Kulturrundschau

Laufwege von Ameisen um Kekse

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17.10.2020. Die Kunstkritiker suchen im Gropius-Bau den modernen Mann und finden Cowboys, Nazis und Schwule. Die FAZ vergnügt sich in Rüsselsheim derweil mit den Lecksteinen von Bongos und Elchen. Helmut Mauros Polemik gegen Igor Levit ruft in den Zeitungen und auf Twitter heftige Empörung hervor. Schlicht "obszön" erscheint der FAZ der Wüstenstaat, der im Berliner Regierungsviertel entstehen soll. Ebenfalls in der FAZ erzählt Artur Becker, wie er als Nachtportier seine katholischen Antennen ausfährt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2020 finden Sie hier

Kunst

Bild: Peter Hujar, David Brintzenhofe Applying Makeup (II), 1982. Courtesy: Peter Hujar Archive und Pace/MacGill Gallery, New York.

Eine Brücke zwischen klassischen Männlichkeitsbildern hin zu fluiden Identitäten wolle die frisch im Martin-Gropius-Bau eröffnete Foto-Ausstellung "Masculinities: Liberation through Photography" schlagen, erklärt Kuratorin Julienne Lorz Hanno Hauenstein in der Berliner Zeitung. Das gelingt allerdings nur bedingt, räumen die Kritikerinnen ein. Zu viele Stereotype entdeckt etwa Hauenstein in den hier versammelten fotografischen Positionen der letzten sechzig Jahre, die von Richard Avedon über Robert Mapplethorpe bis hin zu Wolfgang Tillmans reichen: "Im zweiten Teil 'Männliche Ordnung: Macht, Patriarchat und Raum' finden wir uns plötzlich vor einer Wand voller Nazis wieder: SS-Kämpfer, Wehrmachtssoldaten, NS-Generäle. Um das hypermaskuline Männerbild der NS-Ideologen soll es dem Künstler Piotr Uklanski dabei gegangen sein. Aber hatte denn noch irgendwer dies in Frage gestellt? Auch die homoerotische Komponente, die darin verhandelt werden soll, wurde spätestens in Rosa von Praunheims 'Männer, Helden, schwule Nazis' aufs Gründlichste ausgeleuchtet."

Bewegend, wenn auch nicht ganz auf der Höhe der Zeit nennt auch taz-Kritikerin Beate Scheder die Bilder von Cowboys, Bodybuildern, Soldaten, Wrestlern - oder dem queeren Mann, dem die Ausstellung den meisten Raum gibt: "Gewidmet wird dieser unter anderem Rotimi Fani-Kayode, dem 1989 verstorbenen, nigerianisch-britischen Fotografen, und dessen sinnlich-eleganten Kompositionen, in der postkoloniale Fragestellungen wie Gendernormen gleichermaßen unterlaufen werden." Im Tagesspiegel bleibt Birgit Rieger vor allem bei Karen Knorrs Fotos aus elitären Londoner Clubs hängen: Sie zeigen "das patriarchale, konservative Milieu der britischen Upperclass. Die Fotos, schwarz-weiß, quadratisch und in schwarzen Rahmen präsentiert, erstrecken sich über zwei große Wände. Man sieht Herren im Anzug in edlem Ambiente. Hier werden Deals gemacht, Netzwerke gepflegt, Ungleichheit generiert. Frauen haben zu diesen Räumen keinen Zutritt. Nicht einmal die damalige Regierungschefin Magaret Thatcher durfte rein; auch nicht die Queen." Zeit Online bringt eine Fotoserie zur Ausstellung.

Gleich drei Ausstellungen widmen sich in Rüsselsheim, Wiesbaden und Offenbach unter der Überschrift "Artentreffen" der Beziehung zwischen Mensch und Tier - und können angesichts der Vielschichtigkeit des Themas doch nur an der "Oberfläche kratzen", meint Ursula Scheer in der FAZ. Dennoch lernt sie viel über über die Schöpferkraft von Tieren, etwa in Rüsselsheim: "Lecksteine von Elch, Ziege, Zebra, Giraffe und Bongo, von Jan Schmidt 2014 in Bronze gegossen, erweisen sich als unwillkürlich geformte Skulpturen, als angeeignete Readymades animalischen Ursprungs, Welten entfernt von den Pinseleien beschäftigungstherapierter Zooaffen. Zu den faszinierendsten Ausstellungsstücken gehören 'Naturantypien' von Maximilian Prüfer. Der Künstler hält in seiner Serie 'Ich möchte sehen, was du riechst' mit einem an die Cyanotypie angelehnten Verfahren die Laufwege von Ameisen um Kekse herum fest. Die dabei entstehenden Visualisierungen auf der Grenze zwischen Spur und Zeichen wecken Assoziationen an himmlische Konstellationen."

Weitere Artikel: In der taz schaut sich Thomas Winkler weitere Berliner Ausstellungen an, die im Rahmen des "European Month of Photography" gezeigt werden. In der Welt berichtet Marcus Woeller von Cancel Culture in der Galerienszene. Besprochen wird die Ausstellung "Kanzlers Kunst" mit Werken aus der Sammlung von Helmut Schmidt im Hamburger Ernst Barlach Haus (SZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Die Coronapandemie lässt auch etablierte Schriftsteller nach alternativen Einkommensquellen Ausschau halten. In der FAZ berichtet Artur Becker, wie er sich mit Schichten als Nachtportier in einem Frankfurter Hotel, wo er nach dem Ehe-Aus auch als Gast ein Exil gefunden hat, über Wasser hält. Bisweilen packt ihn dort die Melancholie, manchmal aber auch nur die Lebensfreude der Gäste:  "Neulich . . . nein, wir wollen ja nicht alles erzählen und verraten, aber auch in Pandemie-Zeiten kann sich ein Hotel darauf gut besinnen, was es eigentlich am besten kann: feiern und noch einmal feiern. Und wie ehedem in meinem sozialistischen Erholungszentrum Morena tauchen auch auf solchen Hotelfeiern bunte Vögel auf. ... Viel aufregender sind allerdings die Liebesgeschichten, denn das Hotel als scheinbar anonymer Ort ist in Wahrheit Heimat des Eros, der Hurerei und menschlicher Tragikomödien. Da sind die Liebespaare, die sich nach einem feuchtfröhlichen Aufenthalt in der Bar spontan entscheiden, ein Zimmer zu nehmen. Manche von ihnen können ihre Scham nicht verbergen, und meine katholischen Antennen arbeiten hervorragend, denn obwohl noch gar nichts passiert, es noch zu keinem einzigen Kuss gekommen ist, lasten Sünde und Reue auf den Schultern solcher Paare schon schwer."

Weitere Artikel: Daniel Ammann meditiert in der NZZ über das Verhältnis der Literatur zur Realität. Ute Cohen spricht im Freitag mit Bettina Munk, Karin Wieland und Heinz Bude über deren Hausbesetzerroman "Aufprall". In der "Langen Nacht" des Dlf Kultur widmet sich Sven Brömsel dem Phantastikautor Hanns Heinz Ewers.

Besprochen werden unter anderem Anne Webers eben mit dem Buchpreis ausgezeichnetes Langgedicht "Annette. Ein Heldinnenepos" (Intellectures), Josepha Mendels' "Rolien und Ralien" (Tagesspiegel), Clemens Meyers "Nacht im Bioskop" (Freitag), Anaïs Meiers Kurzgeschichtenband "Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken" (Freitag), Ian McEwans "Erkenntnis und Schönheit. Über Wissenschaft, Literatur und Religion" (NZZ), Stefanie Sargnagels "Dicht" (taz), Wolfram Eilenbergers "Feuer der Freiheit" (SZ), Leonhard Hieronymis Debütroman "In zwangloser Gesellschaft" (Welt) und Miguel Delibes' "Frau in Rot auf grauem Grund" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Becker, Artur, Hotel, Pandemie

Film

Werner Nekes' Sammlung mit Objekten aus der Vor- und Frühestgeschichte des Films ist legendär. Drei Jahre nach dem Tod des Experimentalfilmemachers ist auch entschieden, wohin sie gehen soll: Sie wird aufgeteilt auf Archive der Kölner Theaterwissenschaft, des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt und des Filmmuseums in Potsdam. Eine Katastrophe, dies komme "der Auslöschung eines Lebenswerks gleich", meint Daniel Kothenschulte in der Welt. Gewünscht hätte er sich, dass diese Sammlung intakt bleibt: Nun "wird sie wohl nie mehr zusammenhängend zugänglich sein. ... Nicht nur können die Werke nun nicht mehr miteinander in Dialog treten, auch dem allgemeinen Publikum dürften große Teile dauerhaft entzogen sein", was wohl vor allem für die in Köln gelandeten Bestände zutreffe. In Frankfurt und Potsdam hingegen "würden Nekes' naturwissrenschaftliche und kunsthistorische Schätze wohl exotisch anmuten."

Die momentane Kinokrise ist der "feuchte Traum all jener, die sich weniger deutschen Film wünschen, weniger Verleiher, weniger Filmkunst, weniger Experiment, weniger Independents, weniger Autorenkino", meint Rüdiger Suchsland auf Artechock und fordert: "Die deutsche Filmbranche muss Streikfähigkeit erlangen, den Willen und die Fähigkeit, Handlungsdruck aufzubauen."

Weitere Artikel: Annett Scheffel spricht in der SZ mit Robert und Sibil Fox Richardson über deren Lebenserfahrungen, die gerade in dem Film "Time" verarbeitet werden: 21 Jahre lang musste die Familie darum kämpfen, dass Robert, der unschuldig im Gefängnis saß, aus der Haft enlassen wurde. Dominik Kamalzadeh spricht im Standard mit der Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi über ihre Pläne für die diesjährige Festivalausgabe, die physisch vor Ort, nicht im Internet stattfinden wird.

Besprochen werden Thomas Medicus' Biografie über Heinrich und Götz George (Berliner Zeitung), Shannon Murphys "Milla Meets Moses" (Zeit), Filippo Meneghettis "Wir beide" (Standard), die Ausstellung "Hautnah" im Berliner Filmmuseum über die Filmkostümbildnerin Barbara Baum (Tagesspiegel), der Porträtfilm "I Am Greta" über Greta Thunberg (Freitag, Berliner Zeitung) und die niederländische Netflix-Horrorserie "Ares" (ZeitOnline).
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Archiv: Film

Musik

Helmut Maurós Polemik gegen Igor Levit (unser Resümee) hat erhebliche Empörung und Entrüstung hervorgerufen. In einer Stellungnahme auf Twitter rudert das Blatt zurück, macht es nach Ansicht von FAZ-Autor Patrick Bahners, der darüber allerdings nicht in der FAZ schreibt, sondern seinerseits auf Twitter, damit aber eigentlich fast noch schlimmer: "Kein Wort zu den von Musikkritikerkollegen herausgestellten Überschneidungen mit der völkischen Polemik gegen die Äußerlichkeit, die Effekthascherei, den Opportunismus jüdischer Musiker. ... Levit ist in der Darstellung des Artikels sozusagen nur die Karikatur eines jüdischen Musikers, ein Pseudo-Virtuose." Einem Juden werde "vorgeworfen, aus seinem Opferstatus Kapital zu schlagen."

Mauró übersehe in seinem Text geflissentlich, kommentiert Johannes Schneider auf ZeitOnline, dass Levit ja nun sehr wohl "zugleich ein wunderbarer Pianist und ein dauertwitternder Aktivist sein" könne. Was nun geschehen sei, ist typisch dafür, "wenn Rezensenten ihrer weltanschaulichen Genervtheit freien Lauf lassen: Zu behaupten, ein Pianist gelange wegen seiner deutschsprachigen Twitter-Aktivitäten zu höchstem internationalen Renommee, ist einigermaßen absurd. Woher kommt das also, wenn Levit musikalisch doch angeblich so ein Leichtgewicht ist? Oder haben Urteile wie 'manieriert' und 'unerheblich' am Ende gar nicht nur mit dem musikalischen Können zu tun? Richtig ist in jedem Fall, dass der Pianist zunächst einmal eine politische Stimme hatte aufgrund seiner künstlerischen Reputation."

Weitere Artikel: Jens Uthoff schreibt in der Jungle World über die Postpunkband Erregung Öffentlichter Erregung, bei der sich ihm einmal mehr weist, dass "große Kunst aus Nichtkönnen entstehen kann". Für die taz hat sich Thomas Winkler zum großen Gespräch mit dem mittlerweile in Berlin lebenden US-Punkveteranen Bob Mould getroffen, der mit "Blue Hearts" gerade ein seiner alten Heimat gewidmetes Protestalbum veröffentlicht hat. Babette Kaiserkern porträtiert im Tagesspiegel den Solisten, Komponisten und Dirigenten Jörg Widmann.

Florian Amort hat für die FAZ mit dem Geiger Christoph Koncz gesprochen, der seine neue CD auf Mozarts Geige eingespielt hat. In der SZ staunt Jakob Biazza Bauklötze darüber, dass die südkoreanische Popband BTS seit wenigen Tagen und immens erfolgreich an der Börse gehandelt wird und für 0,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes ihrer Heimat verantwortlich sind.

Besprochen werden das Debüt der Screenshots (Standard), eine Beethoven-Aufnahme des Quatuor Ebène (NZZ), das neue Album der Fleet Foxes (FAZ), das Solodebüt von Matt Berninger (Berliner Zeitung) und Beabadoobees Debütalbum "Fake It Flowers" (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik
Stichwörter: Levit, Igor

Bühne

Bild: Armin Smailovic

So uneins wie bei der Premiere bei den Salzburger Festspielen (Unser Resümee) sind sich die KritikerInnen auch jetzt noch über Milo Raus "Jedermann"-Inszenierung, die jetzt die neue Saison an der Berliner Schaubühne eröffnet. Wenn Ursina Lardi im Regen Bach auf dem Klavier spielt, weil sich die todkranke, im Video zugespielte Helga Bedau vorstellt, so zu sterben, versteht taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller, "was die 'Ästhetik der Solidarität' meinen könnte, von der Milo Rau in einem Interview spricht." "Das Neue am Tod ist nicht der Tod, sondern die Lebenszeit vor ihm und die Art, wie man stirbt. Genau die wird hier aber leider nur in einer überlangen, auch kitschigen Wunschsequenz zu Bachklängen verklärt", meint hingegen Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung.

Weitere Artikel: Nachtkritikerin Frauke Adrians erklärt, warum sie keine Unterschiede zwischen Ost- und Westtheater erkennen kann. Für den Tagesspiegel spricht Sandra Luzina mit dem Berliner Choreographen Raphael Hillebrand, der als erster "Nicht-Weißer" mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet wird. In der NZZ schreibt Marion Löhndorf den Nachruf auf Frank Günther, der alle Shakespeare-Dramen ins Deutsche übertrug.

Besprochen werden Duncan Maximilians Depressions-Stück "All das Schöne" in den Inszenierungen von Franziska Stuhr am Hamburger Schauspielhaus und Klaus Schumacher am Bremer Theater am Goetheplatz (taz), Janusz Kicas Inszenierung von Hermann Bahrs "Konzert" im Wiener Theater in der Josefstadt (Standard), Henry Masons Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" an Wiener Volksoper (Standard), Benedikt von Peters Inszenierung von Olivier Messiaens Oper "Saint Francois d'Assise" am Theater Basel (SZ, FAZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Rau, Milo, Jedermann

Architektur

"Für eine Summe, die zwischen 485 und 600 Millionen Euro liegt - was auf einen Quadratmeterpreis von über 18000 Euro (eine Summe, die sonst nur für Hochsicherheitslabore veranschlagt wird) hinausläuft" - soll das Kanzleramt über die Spree hinaus erweitert werden, denn der größte Regierungssitz der Welt ist einfach zu klein, meldet Niklas Maak in der FAZ und fasst sich angesichts solcher Obszönität an den Kopf: "Der Bundesrechnungshof moniert schüchtern, man wisse ja, dass es sich da um ein Gebäude von besonderer Symbolkraft handele - aber es sei 'mit Kosten zu rechnen, die nahezu alle bisherigen Erfahrungswerte im öffentlichen Bau übersteigen'. Aber gerade die Symbolkraft ist ein Punkt, der diskutiert werden muss: Es hat etwas Osterinselhaftes, wie man in Berlin, befeuert vom Steuergeldsegen, einen Halbmilliarden-Prestigebau an den anderen reiht - das neue Schloss, das Museum der Moderne, jetzt ein Regierungsviertel, dass langsam selbst die Dimensionen eines Kleinstaats annimmt. Das ist eine Opulenz, die an das Gebaren von ölgeldbefeuerten Wüstenstaaten erinnert, in denen Geld keine Rolle spielt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Kanzleramt