Efeu - Die Kulturrundschau

Hier das Solide, da die verwegenen Stimmen

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28.02.2023. Der Tagesspiegel wüsste gern, wie im Berlinale-Wettbewerb wieder das Kino von morgen laufen könnte. Artechock sorgt sich um den deutschen Film. Die taz porträtiert die ukrainische Modedesignerin Kristina Bobkova. In der NZZ beklagt der ukrainische Kunstkurator Konstantin Akinsha Ignoranz und Duckmäusertum westlicher Museen. ZeitOnline entdeckt mit Algier den Soundtrack zu den Krisen der Gegenwart.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2023 finden Sie hier

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Für die taz porträtiert Marina Razumovskaya die ukrainische Modedesignerin Kristina Bobkova. Aus der Not von Coronakrise und kriegsbedingtem Mangel hat sie eine Tugend gemacht: So "entstehen Outfits mit überraschenden Details, in denen eine Vielzahl handwerklicher Techniken gleichzeitig angewandt ist: Sticken, Stricken, Häkeln, Upcyceln, klassische Schnitt- und Nähtechniken, reihenweise gelegte Falten. Bobkova mischt Techniken wie eine DJane die Musikstile. Am Ende aber kommen dabei - das ist ihre hohe Kunst - Kleider aus einem Guss, einer Idee heraus, oft schlicht und sehr tragbar." Ihre "Kollektion heißt 'Mriya'. Das ist auf Ukrainisch der Traum. Eingraviert steht das Wort auf drei Ringen aus Messing, in drei Farben: Gelbgold, Rosegold und Silber. Sie werden als Trio getragen, auch an der Kette, Kristina hat sie selbst entworfen. 'Mriya' ist der Traum von wehrlosen und gleichzeitig starken Frauen, die viele Welten bewohnen und vieles können, die leben, überleben wollen, um ein neues, friedliches Leben aufzubauen."

In der taz geht Katharina J. Cichosch dem Trend zu Teddyfell-Klamotten auf den Grund: Sie erblickt darin eine exzessive Behaglichkeit, die die Grenze zum im Straßenalltag Unnützen oft übersteigt. "Das Fell wird zur ultimativen Ausweitung der Komfortzone. Ein Zustand, in dem das Innen - äquivalent zum modischen Futter - bisweilen unerwartet nach außen gestülpt wird."
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Film

Die Berlinale klingt noch immer nach. Mit dem Wettbewerb kann es so nicht mehr weitergehen, findet Christiane Peitz im Tagesspiegel: Er verkomme zur Resterampe für risikoarmes Arthouse, während die aufregenden Filme abseits davon laufen. "Hier wird die Contenance gewahrt, da der Rahmen gesprengt, hier das Solide, da die verwegenen Stimmen: Mit dem von ihm ins Leben gerufenen Encounters-Wettbewerb hat Chatrian der Berlinale keinen Gefallen getan. Die Halbherzigkeit seiner Reform wird immer deutlicher. Sie schwächt den Bären-Wettbewerb und macht das Forum als Sektion fürs Innovative immer obsoleter. Das Wagemutigste aus beiden Wettbewerben, dazu die erstaunlichsten Werke aus den übrigen Reihen: So ginge eine Top-Auswahl ins Bärenrennen. Und die Berlinale hätte ein Top-Profil gegenüber der internationalen Konkurrenz. Alle Welt wüsste dann: Hier spielt das Kino von morgen."

Rüdiger Suchsland von Artechock sorgt sich um das deutsche Kino: Der aktuelle Bären-Erfolg werde nötige Reformen wohl eher behindern - und die vor allem mit Preisen bedachte "Berliner Schule" weise auch nicht mehr ins Kino der Zukunft. Der Nachwuchs, wie er etwa in der "Perspektive Deutscher Film" gezeigt wird, gehe derweil in der Berichterstattung unter, "weil ja schon fünf deutsche Filme im Wettbewerb laufen und diverse andere deutsche Filme in den anderen Reihen. ... Indem sie dies ignoriert und ihr Programm immer weiter maßlos mit Durchschnittsware vollstopft, versäumt die Berlinale genau ihren ureigenen Auftrag: Der lautet nämlich, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was sonst übersehen wird. Filme von Christian Petzold werden nicht übersehen, ganz egal, wo sie laufen. Sie finden in Deutschland statt und sie finden ihre Aufmerksamkeit. Selbstverständlich muss man sie trotzdem bei der Berlinale zeigen, auch im Wettbewerb, erst recht einen Film wie 'Roter Himmel'. Darum geht es nicht. Aber die anderen deutschen Filme bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben."

Außerdem: Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Retrospektive Julien Duvivier im Berliner Kino Arsenal. Fritz Göttler schreibt in der SZ zum Tod des Hollywoodproduzenten Walter Mirisch. Der Tagesspiegel meldet den Tod der Experimentalfilmerin Birgit Hein.

Besprochen werden Sonja Heiss' Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Bestseller "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (FAZ), die Amazon-Serie "The Consultant" mit Christoph Waltz (ZeitOnline) und die Sky-Serie "Drift" (Welt).
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Kunst

Viktor Palmov: Der 1. Mai, 1929. Bild: Nationalmuseum der Ukraine

Der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha, der für das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid die Ausstellung "Im Auge des Sturms" zum ukrainischen Modernismus kuratiert hat (unser Resümee), beklagt in der NZZ die Ignoranz des Westens gegenüber ukrainischer Kunst. Ohne Namen zu nennen wirft er MuseumsdirektorInnen vor, jahrelang seine Ausstellungsidee abgelehnt zu haben: "In einem mitteleuropäischen Land wurde das Projekt auf der Stelle abgelehnt. Zwei Jahre vor dem Krieg versuchte ich es dann erneut in Deutschland. Ein Freund arrangierte ein Treffen mit dem Direktor eines wichtigen deutschen Museums. Der Direktor sagte mir, dass ihm der Ausstellungsvorschlag und die Qualität der ausgewählten Werke gefielen. Das hörte sich ermutigend an. Entgegen dieser positiven Einleitung teilte er mir dann mit, dass er nicht in der Lage sei, die Ausstellung auszurichten. 'Warum nicht?', wollte ich wissen. Er habe Angst, seine russischen Partner vor den Kopf zu stoßen. Ein Moskauer Museumsdirektor hatte ihn vor einer Zusammenarbeit mit Ukrainern gewarnt."

Besprochen werden eine Schau des Caravaggisten Theodor Rombouts im Genter Museum der Schönen Künste (FAZ) die bizarren Frauen-Zeichnungen des Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli im Kunsthaus Zürich (NZZ), die Ausstellung der französisch-vietnamesischen Fotografin Nhu Xuan Hua im Fotografie Forum Frankfurt (FR) und die Wayne-Thiebaud-Retrospektive in der Fondation Beyeler bei Basel (Tsp).
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Bühne

Saverio Mercadantes "Francesca da Rimini" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Hans Walter Richter hat in Frankfurt Saverio Mercadantes selten gespielte Belcanto-Oper "Francesca da Rimini" auf die Bühne gebracht. In der FAZ stellt Wolfang Fuhrmann ein paar Startschwierigkeiten fest, hat sonst aber eine gelungene Inszenierung erlebt: "Stilistisch markiert die Partitur die Abwendung vom Modell Rossini hin zum melodramma romantico Vincenzo Bellinis: Koloraturen werden vom Selbstzweck zum Ausdruck seelischer Erregung, der liebende Paolo ist eine Hosenrolle für Mezzosopran, während der Tenor noch den wutschnaubenden Querschläger geben muss, aber es gibt kein aufgesetztes Happy End mehr - alles wie in Bellinis exakt gleichzeitigen 'I Capuleti ed i Montecchi'. Nach wie vor dominiert der Gesang, und wo man Bellini vorgeworfen hat, er verwandle sein Orchester in eine Riesenharfe, da setzt Mercadante in den Liebesszenen gleich die Harfe als einzige Begleitung ein." In der FR zeigt sich Judith von Sternburg ein wenig erschöpft von all dem Unglück und Liebesleid: "Aber vor allem nimmt die Musik selbst, hier nun unter der Leitung von Ramón Tebar, weniger Fahrt auf, als ihr gut tut. Das Elegische und die ganze Zerquältheit der unglücklichen Figuren ergibt sich schon von selbst, das leicht Breiige und Unentschlossene, das sich in der Premiere zum Teil hören ließ und mit Koordinationsproblemen zwischen Chor und Orchestergraben verband, bekommt ihr nicht."

Besprochen werden außerdem Thom Luz' Inszenierung von Franz Kafkas "Oktavheften" am Schauspielhaus Hamburg (die SZ-Kritiker Till Briegleb "höchstes Zuschauerglück" bescherte), zwei Inszenierungen von "Antigone": einmal in den Münchner Kammerspielen von Nele Jahnke und dem Münchner Residenztheater von Mateja Koležnik (NZZ) und Liz Ziemskas "The Mushroom Queen" in der Inszenierung von Marie Schleef am Schauspielhaus Hamburg (SZ).
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Literatur

Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw. In der FAZ gratuliert Lorenz Jäger dem Verleger KD Wolff zum 80. Geburtstag. Außerdem gratuliert in der FAZ Kurt Drawert dem Schriftsteller Christian Haller zum Achtzigsten.

Besprochen werden unter anderem Gabriele Tergits "Der erste Zug nach Berlin" (FR), Siegfried Kracauers "Ideas, Talks and Some Scattered Observations. Aufzeichnungen aus Europa (1960-1965)" (Jungle World), Volker Reinhardts Montaigne-Biografie (NZZ), Siri Hustvedts Essayband "Mütter, Väter und Täter" (SZ) und William Beckfords "Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten. Eine empfindsame Reise" (FAZ).
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Stichwörter: Gerasimow, Sergei

Musik

Seit 2015 liefert die Band Algiers den einst durch Punk grundierten, später von Soul und Gospel texturierten Soundtrack zu den Krisen der Gegenwart, schreibt David Regner auf ZeitOnline. Auf ihrem neuen Album "Shook" gehe es jedoch um Hoffnung: "Man hört das nicht immer sofort. Disharmonisch dröhnen die Synthesizer und E-Gitarren auf 'Shook', bäumen sich auf, brechen zusammen und finden zu neuen Formationen. Soulgesang trifft auf Schreieinlagen, Geflüster auf Schlachtrufe im Call-and-Response-Stil. Klang das letzte Album von Algiers noch, als hätte sich die Band in ihrer eigenen, nur für sie selbst komfortablen Komfortzone eingerichtet, findet sie nun in Störgeräuschen, Unterbrechungen und explosionsartigen Entladungen neue Ausdrucksformen. ... Vollkommen eigen klingt diese Mischung, mitreißend außerdem und in ihren besten Momenten so anstrengend, wie man sich Musik für komplizierte Zeiten eben vorstellt. Nur Lösungen haben Algiers nicht, höchstens Vorschläge, die sich aus der Zusammensetzung von 'Shook' ergeben. Konfrontiert mit scheinbarer Hoffnungslosigkeit betont die Band ihren Gemeinschaftssinn und erweitert die Grenzen des eigenen Denkens und Handelns um vielfältige, gleichberechtigte Perspektiven."



In Berlin hat Daniel Barenboim, gesundheitlich zuletzt schwer angeschlagen, einen Berlioz-Abend der Berliner Staatskapelle dirigiert. Sein "dirigentischer Flügelschlag ist jetzt weniger bewegt, ausladend, hochfahrend verkantet als früher", beobachtet SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber. "Die Akzente auch im minimal gestischen Radius wollen mehr sanft als befehlend die Klangbewegungen vorzeichnen. Schwer zu sagen, wo Barenboim das in Schönheit zerrissene Nervenkostüm des Hector Berlioz am sichersten trifft. So entsteht aus der märchenhaft fantastischen, von eigensinnig romantischen Klanggirlanden und elementaren Gewaltausbrüchen dieser zusammengestauchten Symphonie das Spiel einer überaus genau getimten Traumballade - fünf spektakuläre Sätze einer revolutionären Liebes- und Horrorgeschichte um eine himmlisch-höllische Geliebte des Komponisten, die er in der Realität tatsächlich eroberte" und dies auf eine Weise, "wie man es noch nicht gehört zu haben glaubt".

Außerdem: Für die taz spricht Julian Weber mit dem ukrainischen Techno-Produzenten Dmytro Fedorenko und die aus einer ukrainischen Familie stammende, in Berlin lebende israelische Musikerin Mary Ocher, die auf ihren aktuellen Alben auf den Krieg in der Ukraine reagieren.



Besprochen werden ein Händel-Abend mit dem Deutschen Symphonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin unter Robin Ticciati (Tsp) und Sunny Wars Album "Anarchist Gospel" (Standard).
Archiv: Musik