Lilo Weber porträtiert in der NZZ die spanisch-schweizerische Choreografin La Ribot, die in der Filmkomödie "Last Dance" einen alten Mann mit zeitgenössischem Tanz erschreckt: "La Ribot machte konzeptionelle Tanzkunst, bevor der Trend aus Frankreich die Schweiz erreichte. Sie fing auch früh an, mit Video zu experimentieren. Nun tritt sie mit ihrem Ensemble in 'Last Dance' auf und spielt sich selbst: als die radikale Künstlerin, die sie geblieben ist. ... Ihre erste Serie sind die '13 Piezas distinguidas' - was sich vieldeutig als 'erkennbare, herausragende, andersartige, berühmte Stücke' übersetzen lässt. Es sind Soli, zwischen dreißig Sekunden und sieben Minuten lang, in denen La Ribot nackt auftritt, mit Klamotten aus dem Secondhandshop, aber auch mit Alltagsgegenständen und mit Musik. Und vor allem mit ausgedehnten Momenten der Stille. Die Soli unterminieren Frauenbilder aus Kunst und Literatur und hinterfragen den konkreten Ort der Frau in der Gesellschaft."
Hier eins davon:
Merle Krafeld schreibt im Van Magazin über Jay Scheibs Inszenierung eines digital erweiterten "Parsifal" in Bayreuth, die sie ziemlich sinnlos findet, weil nur einem Bruchteil des Publikums die dafür nötigen VR-Brillen zur Verfügung gestellt werden.
Ob in Antwerpen oder Bordeaux, Rom oder Paris, Hamburg oder Düsseldorf - überall sind aktuell Arbeiten von Robert Wilson zu sehen, freut sich im Tagesspiegel Rüdiger Schaper, der aber besonders einen Besuch am Staatsschauspiel Dresden empfiehlt, wo Christian Friedel derzeit als Solist Wilsons "Dorian" gibt: "Wie Wunderland-Alice kommuniziert er mit Spiegeln. Gefangen im Glamour seiner Garderobe, berauscht sich der Narziss am eigenen Bild. Ein kalter Fisch, eine einsame, unnahbare Erscheinung. Und ein glänzender Entertainer. Christian Friedel wirbelt. Seine Energie erfasst den Zuschauerraum sofort." Szene aus "Der Sandmann". Bild: Emma Szabo. Währenddessen versucht sich Charlotte Sprenger im Hamburger Thalia Theater an einer Musicalversion von Wilsons "Der Sandmann" nach E.T.A Hoffmann - ohne die Kritiker wirklich zu begeistern. "Das Unheimliche hat in dieser Kombination aus gekonntem Klamauk und Abschiedsstimmung keinen rechten Platz", seufzt Till Briegleb in der SZ: "Die täuschend echte Automatenfrau Olympia etwa, die Nathanaels blinde Liebe entflammt, könnte heute Sinnbild für so vieles sein: für die verblüffenden Animationen der künstlichen Intelligenz oder die chirurgische Modellierung von Frauenkörpern nach computergenerierten Schönheitsidealen. In Sprengers Finale betritt Olympia die Bühne dagegen zunächst als 'Steinerner Gast' in Blau, aus dem sich dann eine Tänzerin mit Lichtschlangen auf dem Körper schält. Durch die Decke senkt sich dazu ein blaues Holzpferd. Und so verliert sich diese Inszenierung zunehmend in vermeintlichem Augenschmaus, wobei die Erzählung sanft entschläft."
"Vielleicht ist die Sperrigkeit von 'Der Sandmann' aber auch Konzept", meintNachtkritiker Falk Schreiber: "Dann muss man den Hut ziehen davor, wie sich eine junge Regisseurin, die bislang vor allem als sichere Handwerkerin auffiel, hier jeglicher Zugänglichkeit verweigert. Als Fest im Rahmen eines Theaterspektakels, dem irgendwie das Spektakel verlorengegangen ist, eignet sich dieser Abend jedenfalls ganz und gar nicht, am Ende ist er eben doch eine traurige Party. Als solche aber ist er konsequent."
Außerdem: Für die FAZ porträtiert Marc Zitzmann den französischen Theaterregisseur Thomas Jolly, der 2024 mit einem Gesamtbudget von 137 Millionen Euro die Eröffnungs- und Schlusszeremonien der Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris gestalten wird.
Besprochen werden Tschaikowskys "Schwanensee", getanzt vom Kiew Grand Ballett in der Frankfurter Jahrhunderthalle (FR), Urban Priols satirischer Jahresrückblick "Tilt!" in der Frankfurter Jahrhunderthalle (FR), Sinem Altans Inszenierung "Das tapfere Schneiderlein" im Berliner Atze Musiktheater (Tagesspiegel), Thorsten Fischers Inszenierung von EugeneO'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Berliner Schlosspark-Theater (nachtkritik) und Jessica Gauses Inszenierung von Anne Leppers "Life Can Be So Nice" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik).
Caption Erstklassige Dingforschung erlebt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung bei der Performance "1000 Falling Things", mit der die Postdramatiker von Showcase Beat Le Mot im HAU tatsächlich tausend Dinge vom Schnürboden krachen lassen, wie Meierhenrich frohlockt, einen Scheinwerfer etwa oder ein menschliches Skelett: "Viele Worte werden dabei nie gebraucht, dafür aber das Denken angeregt, wie sonst kaum wo. '1000 Falling Things' nun legt in seinen tausend Minidramen so einfach wie logistisch komplex nicht nur die Dramatik des Fallens frei, seine Brutalität, Schönheit, den Witz im ständigen Kampf mit dem Zufall. Sehr bald erweist sich dieser Zufall auch als höchst manipuliert. Was fällt wirklich von allein? Es gibt Dinge, die wunderbar vielgestaltig in Bewegung geraten und immer neue Zusammenhänge bilden können und Dinge, die schon als Müll produziert nur dumpf zu Boden schlagen." Helle Freude auch bei Nachtkritikerin Sarah Kailuweit: "Es ist eine ausgesprochen hübsche Performance - eben, weil sie sich nicht um ihre Einfachheit schert, sondern eben nur die simple Schönheit, Dinge fallen zu sehen strahlen lässt."
Besprochen werden Anne Leppers neues Stück "Life Can Be So Nice" am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik), Katharina Thalbachs Lesung von Gabriele Tergits Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" am Berliner Ensemble (SZ) und Eugene O'Neills Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Berliner Schlossparktheater (Tsp,Nachtkritik, FAZ).
In der Welt horcht Manuel Brug bei dem amerikanischen Regisseur Jay Scheib nach, wie er sich die Neuinszenierung des "Parsifal" in Bayreuth vorstellt. Scheib wird mit "Augmented Reality" arbeiten und verspricht "pure Magie". Nur leider hat Katharina Wagner "nicht mehr viel Lust, sich mit dem komplexen Geflecht von drei Hauptgeldgebern und vielen Kunstverhinderern herumzuschlagen. Was jetzt dazu führte, dass trotz vorheriger Genehmigung nur 300 Brillen für den 'Parsifal' angeschafft werden. Gebraucht würden, damit alle im Saal wirklich all das sehen können, was Scheib sich ausdenkt, allerdings 2000."
Außerdem: Im Tagesspiegelfreut sich Corina Kolbe über eine endlich wieder gut besuchte Oper in Italien. Besprochen werden Harry Kupfers Elektra-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard), Elina Finkes Inszenierung von Heinrich von Kleists "Amphitryon" am Theater Aachen (nachtkritik), Mart van Berckels Inszenierung von Johannes Harneits "Silvesternacht" an der Staatsoper Hamburg (nmz).
In der NZZschreibt Ueli Bernays zum Neunzigsten des Schauspielers Emil Steinberger. Besprochen werden Michael Gubenkos Adaption von Bettina Wilperts Roman "Nichts, was uns passiert" am Theater Trier (nachtkritik) sowie Saverio Mercadantes "Francesca da Rimini" und Gaetano Donizettis "Don Pasquale" bei den Festspielen in Erl (FR).
"Elektra" mit Merkel-Klytemnästra am Theater Münster. Foto: Martina Pipprich
Alles Nazis, sogar Mutti! Paul Georg-Dittrich hat am Theater MünsterRichard Strauss' Oper "Elektra" inszeniert, mit Elektra in SS-Uniform, die Bruder Orest, einen Neonazi, zum Mutter- beziehungsweise Kanzlerinnenmord anstiften will, stöhnt Luise Weidlich in der FAZ: "Klytämnestra und Ägisth sind Angela Merkel und Gerhard Schröder, im Hintergrund sieht man Flammen auf einer Deutschlandkarte - sie markieren Orte mit Flüchtlingsunterkünften. Elektra beendet das Stück als Beate Zschäpe und sinkt, anders als bei Hofmannsthal, nicht tot zu Boden. Die Rache siegt: Zu dritt triumphieren Orest, Elektra und Chrysothemis in der Mitte der Bühne. So dunkel die Botschaft, so eindimensional bleibt sie auch. Die Zusammenhänge sind wirr. Die Ursachen für den Nationalsozialismus und die bis heute vital gebliebenen rechten Ideologien, verkörpert von Reichsbürgern und NSU, werden - geradezu mythisch - im Wesen 'des Deutschen' gesucht und gefunden."
Weiteres: In der FRerinnert Arno Widmann an die Welturaufführung von Becketts "Warten auf Godot" vor siebzig Jahren im im Théâtre de Babylone in Paris. Katrin Bettina Müller berichtet in der taz von finanziellen Problemen des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz in Berlin. In der Berliner Zeitungschreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf die Schauspielerin Christina Drechsler, die mit 41 Jahren gestorben ist. Besprochen wird Emmerich Kálmáns Operette "Csárdásfürstin" in Halberstadt (nmz).
Félix Vallotton: "Au Francais, 3e balcón", 1909. Bild: Wikimedia
Nicht nur eine Ausstellung über die Oper, sondern über das opernhafte Wesenerlebt Judith von Sternburg (FR) in der Bundeskunsthalle in Bonn. Aber, baut sie etwaigen Erwartungen vor, die Schau diskutiert die Oper nicht kritisch, sondern sagt einfach Ja: "Zum Bizarren, zur Schönheit, zum Spektakel, zur Illusion, die angesichts des aufwendigen Gesamtgeschehens besonders unperfekt sein mag, aber vielleicht auch darum besonders mitreißend. Das ist keine Schwärmerei - dafür ist es schon viel zu detailliert -, das ist das, worum es geht... Eine Ausstellung als Oper: Chrubasik und Meier-Dörzenbach führen das Publikum in ein theaterkatakombenhaftes Labyrinth, mit Gängen, Foyers, Räumen hinter den Kulissen. Ein raffiniertes Hörstationen-System begleitet die flanierenden Menschen und sorgt dafür, dass an passender Stelle (wie von Geisterhand, notfalls per Nummerneingabe) Jessye Norman den 'Liebestod singt, oder Enrico Caruso 'E lucevan le stelle'. Denn natürlich geht es um die größten Opern, dazu die Häuser, die Stars, die Technik, den Markt."
Weiteres: In der Weltblickt Manuel Brug auf Serge Dornys nicht ganz reibungsfrei verlaufende Intendanz an der Münchner Staatsoper. Im Tagesspiegel besucht Patrick Wildermann das von Regisseur Ufuk Güldü gegründete Theater im Ballhaus Prinzenallee im Wedding.
In der tazhält Tobi Müller Abgesänge auf die Theaterkritik für verfrüht, aber gut läuft es nicht gerade im Metier: "Alle Gespräche mit Theaterleuten, die ich in den letzten drei Jahren off und on the record über Machtmissbrauch, Sexismus und Rassismus führte, waren komplexer als die große Mehrheit der Texte, die ich darüber las. Es gibt in den Häusern eine Kultur der Kritik, der Beratung und der Auseinandersetzung, die vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Während die klassische Kritik Rückzugsgefechte inszeniert und zum Beispiel das 'woke' Theater für den Publikumsschwund verantwortlich macht, obwohl die Zahlen, würde man sie denn recherchieren, das Argument nicht stützen, schreitet die Kritik in den Institutionen nach vorne. Das ist keine Frage des Charakters, sondern allein der Ressourcen. Die Theater sind sehr gut durch die Pandemie gekommen, dank der öffentlichen Hand. Die privaten Medien nicht so gut. Der Rest ist Rechnen."
Alexis Michaliks Erfolgsstück "Le Porteur d'Histoire" am Theatre des Béliers In der FAZ porträtiert Marc Zitzmann den französischen Erfolgsdramatiker Alexis Michalik, der mit einem Hang zu geschliffenen Texten, Prägnanz und Optimismus zum Star der privaten Theater in Paris wurde und damit zwischen die politischen Fronten geriet: "Das als links geltende théâtre public schneidet ihn konsequent. Entsprechend verreißt das Linksblatt Libération seine Arbeiten ausnahmslos, während der eher rechte Figaro sie ebenso konsequent in den Himmel hebt; Le Monde spielt mit einer Alternanz von Lob und Tadel das zentristische Zünglein an der Waage. Doch so schmerzhaft strukturelle und schauspielerische Schwächen hier und da auch ins Auge stechen mögen, die erwähnten Produktionen bieten (bis auf 'Les Producteurs') mehr als bloß bemühte Unterhaltung. Nämlich: Spannung, Überraschungen - und immer wieder Momente, in denen es einem den Hals zuschnürt."
Beeindruckt berichtet Kerstin Holm in der FAZ von dem Theaterabend "The Last Word" am Berliner Gorki Theater, für den Anna Narinskaya die Erfahrungen emigrierter russischer Künstlerinnen zusammengetragen hat, zum Beispiel die Gerichtsrede von Alla Gutnikowa, der Mitherausgeberin der Moskauer Studentenzeitschrift Doxa. Die Schauspielerin und Tänzerin Alisa Khazanova trägt sie vor: "Gutnikowa will nicht über ihren Fall - ihre Verfolgung wegen Berichten über Menschenrechtsverletzungen - reden, sondern darüber, dass kein Buch sie jemals Indifferenz oder Feigheit gelehrt habe; beim Zitieren konformistischer Floskeln wie 'Das geht mich nichts an' oder 'Die zuständigen Behörden werden es klären' verzerrt sich ihre Stimme elektronisch. Zum Zeichen, dass Widerstand aus einer Position der Schwäche in jeder Epoche möglich ist, erklingt dann vom Band der Bericht der Dichterin Natalja Gorbanewskaja, die 1968 mit ihrem Kinderwagen auf dem Roten Platz gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag demonstrierte und sofort festgenommen wurde."
Ihre Rede ist in diesem Tweet eingebettet, der auch das beeindruckende Foto von Gutnikowa bei ihrem Prozess zeigt:
New online:
Doxa journalist Alla Gutnikova's stirring and beautiful speech in court in Moscow, Friday 8 April: https://t.co/eWu8zGJE8G
Alla Gutnikova and three others were sentenced two years of 'correctional labour'.
Translation and introduction by Clem Cecil.
- Modern Poetry in Translation (@MPTmagazine) April 14, 2022
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