Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2022 - Bühne

Der Regisseur Jakub Skrzywanek, Direktor des Zeitgenössischen Theaters in Stettin, spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über seine Arbeit und die Meinungsfreiheit in Polen. Für ihn das Wichtigste: "Die Tätigkeit des Theaters als öffentliche Einrichtung muss ausgeweitet werden. Theater muss aufhören, nur ein Ort für die Produktion von Aufführungen zu sein. ... Das Theater sollte eine Art Kulturzentrum oder sogar ein Gemeinschaftszentrum sein. Das Theater hat eine sehr wichtige gesellschaftliche Funktion zu erfüllen - vor allem dann, wenn andere Institutionen, die diese Funktion erfüllen sollten, versagen. Deshalb haben wir das Stück 'Sex Education' entwickelt. Es war eine starke Geste. Ich wollte vor allem junge Erwachsene und Menschen im Sekundarschulalter ansprechen. Wir haben sie gefragt, was sie brauchen. Das allein verändert bereits die Perspektive des Theaters und befreit es von einer bevormundenden Haltung. Wir bekamen schnell die Antwort, dass es notwendig sei, über Sexualität zu sprechen, was zu einem Symbol des Kampfes gegen den Bildungsminister Przemyslaw Czarnek und die griesgrämige konservative katholische Ideologie wurde, die er in den polnischen Schulen verbreitet. Wir beschlossen, dass wir, da es in den Schulen keinen Platz für Sexualkunde gibt, diesen Platz im Theater finden würden."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker zum Tod des Theaterkritikers Günter Grack. Besprochen werden Anne Lenks Adaption von Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Saverio Mercadantes Oper "Francesca da Rimini" in Erl (nmz, Tsp) und Günther Rühles Theatergeschichte "Theater in Deutschland" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2022 - Bühne

Botho Strauß gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Cordula Trantow zum Achtzigsten. Ulrich Seidler schreibt zum Tod des Schauspielers und Theaterleiters Manuel Soubeyrand (BlZ). Besprochen wird Caterina Panti Liberovicis Inszenierung von Donizettis "Don Pasquale" bei den Tiroler Festspielen Erl (nachtkritik)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2022 - Bühne

Shale Wagman in den Tschaikowsky-Ouvertüren. Foto: Carlos Quezada

Alexei Ratmansky
hat am Bayerischen Staatsballett Tschaikowski-Ouvertüren zu Shakespeares Stücken "Hamlet", "Der Sturm" und "Romeo und Julia" choreografiert, und in der FAZ geht Wiebke Hüster vor einem Werk von außerordentlicher Schönheit auf die Knie: "Es ist auf phantastische Weise ungewöhnlich, hinsichtlich seiner Ironie, Dramatik, Historizität, Anspielungen auf die klassische antike Bildhauerei und ihre Wirkung auf das Theater des neunzehnten Jahrhunderts und natürlich der choreographischen Originalität, ohne doch je prätentiös zu sein. Es enthält so viele Ideen, dass andere Choreographen daraus zehn Stücke machen würden." In der FR erkennt Sylvia Staude zwar die etwas konservative Grundierung, bewundert die Arbeit aber dennoch: "Ratmansky treibt die hohe klassische Ballett-Kunst noch höher, durch Aneinanderreihung komplexer Sprünge, lidschlagschnelle Schritte und Battements, quirlige Drehungen, artistische Hebungen."

In der SZ kann Dorion Weickmann kaum glauben, wie geschickt Ratmansky mit frühbarocker Ikonografien des Tanztheoretikers Carlo Blasis arbeitet: "Bildende Kunst, in reine Körperspannung übersetzt. Auch für 'Romeo und Julia' scheint Ratmansky die kunstsinnigen Breviers des Vorfahren zu Rate gezogen zu haben. Er paraphrasiert Shakespeares Liebestragödie in romantischen Pas de deux, Dreier- und Vierergespannen, lässt sie in Gedanken- und Gefühlssplitter zerlegen. Auf den letzten Metern der Aufführung triumphiert ein einziger Tänzer: Shale Wagman, 2020 vom Sankt Petersburger Mariinski-Theater zum Staatsballett gekommen, leuchtet wie eine Supersonne über der Kompanie."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.12.2022 - Bühne

Außerdem: Im Standard berichtet Sebastian Borger, was die Kürzungen im britischen Kulturbudget unter anderem für die English National Opera bedeuten: "Das renommierte Haus, seit 1968 im Londoner Coliseum-Theater beheimatet, soll statt bisher 12,6 Mio. pro Jahr jetzt lediglich noch eine Zahlung von insgesamt 17 Millionen über drei Jahre erhalten, allerdings nur unter einer Bedingung: dem Umzug in eine andere englische Großstadt."

Besprochen werden John Neumeiers Tanzstück "Dona Nobis Pacem" zu Bachs h-Moll-Messe in Hamburg (NZZ) und die Late-Night-Show "Berlin feiert Ramadan" mit Khida Khodr Ramadan am Berliner Maxim Gorki Theater (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2022 - Bühne

Die Regisseurin Claudia Bauer erzählt im Interview mit der nachtkritik, warum sie ihren Job als Hausregisseurin am Schauspiel Leipzig hingeschmissen hat, nachdem zwei der Ensemblemitglieder am Theater Hausverbot bekommen hatten. Im Interview mit der FAZ spricht der Choreographen Alexei Ratmansky über sein Ballett zu Ouvertüren von Tschaikowski, das heute vom Bayerischen Staatsballett uraufgeführt wird. Regisseur Tobias Kratzer spricht im Interview mit der Zeit über seine Pläne als neuer Intendant der Hamburger Staatsoper.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2022 - Bühne

"Bühnenbeschimpfung" am Maxim Gorki Theater Berlin. Foto © David Baltzer


Im Berliner Gorki Theater hatten die "Bühnenbeschimpfung" von Sivan Ben Yishai Premiere. Die läpperten zum Ende hin eher uninteressant aus, immerhin im ersten Teil hat sich taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller ganz gut amüsiert: "Was ist alles scripted, was folgt Erwartungen, was sind die Verabredungen im Theater? Das erkundet der Text 'Bühnenbeschimpfung' von Sivan Ben Yishai, von Sebastian Nübling virtuos inszeniert. Er führt die Erwartung vor, dass die oben auf der Bühne doch sicher engagierte Künstler:innen seien, glühend für dieses Projekt, gerade im Gorki, einverstanden mit dem Text. Ach wirklich? Und sie halten das Mosern hinter der Bühne dagegen, das Flüstern unter sich. Sind nicht kurz vor der Premiere zwei Darsteller abgesprungen? Jetzt weiß man nicht mehr, was zum Stück gehört und was nicht. Es gibt großartige und lustige Momente in dieser Schauspieler-Selbstbespiegelung. Wenn die Berliner Künstlerin Aysima Ergün ohne Text und ohne Regieanweisung die verhasste Abhängigkeit von Text und Regie vorführt, rasend mit Nichts, bettelnd um Stoff."

In der Welt ärgert sich Jakob Hayner dagegen über eine verpasste Gelegenheit: Das Stück von Yishai ist großartig, aber ihm wurde "von einer mut- und ideenlosen Regie der Stachel gezogen", klagt er. "'Bühnenbeschimpfung' geht der Auseinandersetzung mit dem eigenen Haus nicht aus dem Weg, sondern geht sie frontal an. 'Ah, was ist eigentlich am Ende aus dieser Geschichte mit der Intendantin geworden?' Man windet sich, weicht aus. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. 'Bühnenbeschimpfung' ist ein wütender Angriff auf die eigene Blase aus der Blase heraus. Politisches Theater? 'Smalltalk mit Leuten, die den gleichen Abschluss haben. Die gleichen Leute, die gleichen Bücher, die gleichen Gedanken'. Subventionstheater? 'Buuhs für das Gesamtsystem! Juhus für das Kultursystem!' Hier wetzt jemand das Messer, um den neuen heiligen Kühen des Betriebs an die Gurgel zu gehen. Blöd nur, dass der Regisseur Sebastian Nübling offenbar kein Blut sehen kann."

Wie gestern schon gemeldet, wird Stefan Bachmann neuer Intendant des Wiener Burgtheaters, nachdem ein zermürbter Martin Kusej erklärt hatte, seinen Vertrag nicht verlängern zu wollen. Solide Wahl, kommentiert knapp die FAZ. Auch Andreas Wilink scheint in der nachtkritik ganz zufrieden mit der Wahl zu sein. Im Standard resümiert Margarete Affenzeller die Ära Kusej, Ronald Pohl porträtiert den neuen Intendanten Bachmann, der außerdem im Interview seine Pläne darlegen darf. Jakob Hayner berichtet in der Welt von der Pressekonferenz des Burgtheaters (Christine Dössel berichtet in der SZ).

Weitere Artikel: Yuliya Shein, die an der Gluck-Gesamtausgabe mitarbeitet, spricht im Interview mit dem Van Magazin über den Komponisten.

Besprochen werden Hans Krásas "Verlobung im Traum" in Ostrava und Prag (nmz) Paul-Georg Dittrichs Inszenierung der Strauss-Oper "Elektra" am Theater Münster (nmz), Leon Bornemanns Inszenierung von Sören Hornungs Monolog "Die letzte Geschichte der Menschheit" mit Tanja Merlin Graf in der Hauptrolle in der Box des Schauspiels Frankfurt (FR), Juan Mirandas Adaption von Samanta Schweblins Roman "Das Gift" im Ballhof in Hannover (taz) und Lilja Rupprechts Inszenierung von Camus' "Caligula" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.12.2022 - Bühne

Wajdi Mouawads abgesetztes Stück "Vögel" am Münchner Metropoltheater. Foto: Jean-Marc Turmes

Seit Wochen kocht in München der Streit um das Theaterstück "Vögel" des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad. Eine Gruppe jüdischer Studenten wirft dem Stück Antisemitismus vor, das Metropoltheater setzte es sofort ab. In der SZ findet Rene Hofmann das Agieren der Politik nicht nur übervorsichtig, sondern ängstlich: "Seither kursiert die verwegene Idee, ein Expertengremium solle beratschlagen, wie umgearbeitet oder eingebettet das Stück in der Stadt vielleicht doch noch gezeigt werden kann. Hoheitlich lektorierte Kultur also. Nicht nur die Kulturszene fürchtet, das Beispiel könne Schule machen. Womöglich nicht nur in München. Dort hat das Gerangel, wie die Wahrheitskommission für den Theaterdonner besetzt sein soll, schon begonnen. Würde sie wirklich kommen, drohte die völlige Eskalation."

Stefan Bachmann soll neuer Direktor des Wiener Burgtheaters werden, melden Margarete Affenzeller und Stephan Hilpold im Standard unter Berufung auf den ORF. Bachmann ist derzeit Intendant des Schauspiel Köln - und übrigens ausgezeichnet mit dem Nestroy-Preise für die Beste Regie mit einem Stück von Wajdi Mouawad (siehe oben) in Köln. Monatelang war der amtierende Burgtheater-Direktor Martin Kušej im Ungewissen gelassen worden, ob sein Vertrag verlängert wird. Dass er gestern von sich aus hingeworfen hat findet Christine Dössel in der SZ nur folgerichtig, zumal Kušej in mehrfacher Hinsicht angeschlagen war: "Die angeblich schlechte Stimmung ist das eine. Kušejs Performance als Burgtheaterdirektor das andere. Seine bisherige Bilanz schaut eher mau aus. Künstlerische Höhepunkte sind an dem Haus rar gesät, und wenn, dann kamen sie nicht von Kušej, der schon in München an Kraft verloren hatte. Dass er zum Auftakt in Wien Kleists "Hermannsschlacht" inszenierte, mit welcher dereinst auch Claus Peymann an der Burg antrat, und zwar glorreich, mochte man als totale Unerschrockenheit oder Hybris ansehen, inhaltlich-ästhetisch war es eine seiner altbackensten Arbeiten." Auch Margarete Affenzeller hält im Standard Kušejs Abgang für eine gute Entscheidung, auch wenn sie ihm die Wiederentdeckung vieler Autorinnen positiv anrechnete.

Gegen die Theaterkrise haben die Münchner Kammerspiele einen Popup-Store des feministischen Sexshop-Kollektiv eröffnet, mitten hinein in die Maximilianstraße mit ihren Edelboutiquen. Für die SZ bildet sich Marlene Knobloch gern weiter, abends bei der Diskussion zu Fürsorge und Liebe im Kapitalismus erfährt sie, was sie alles an Care-Arbeit leistet: "Geschenke kaufen ist Arbeit. Telefonieren ist Arbeit. 'Wenn du deinem Freund zuhörst, kann das als Arbeit gedeutet werden', sagt er, ich könnte schließlich in der Zeit 'Netflix schauen'."

Besprochen werden Tina Laniks Inszenierung "Wie es euch gefällt" an der Wiener Burg (FAZ), Gian Carlo Menottis Weihnachtsoper "Amahl und die nächtlichen Besucher" in Wien (SZ), Bellinis "Sonnambula" im Teatro Real in Madrid (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2022 - Bühne

Schillers "Jungfrau von Orleans". Foto: Sinje Hasheider /  Hamburger Schauspielhaus

In der SZ nutzt Till Briegleb Leonie Böhms Inszenierung von Schillers "Jungfrau von Orleans" am Hamburger Schauspielhaus, um einige grundsätzliche Worte gegen den Sanftheitsfeminismus der Regisseurin zu verlieren. Denn bei Böhm verweigert sich Johanna dem Konflikt, entsetzt sich Briegleb, gefechtet wird höchstens "mit Blockflöten": "Betrachtet man Leonie Böhms kategorische Distanzierung von gewalttätigen Auseinandersetzungen aber vor dem Hintergrund aktueller Krisen, dann schafft diese Inszenierung mehr das Abbild eines naiven Egoismus. Der Rückzug ins Nette ist dann nichts anderes als die Ignoranz der Privilegierten, die nicht mitmachen wollen, weil sie es gar nicht müssen. Modernes Aussteigertum in der Luxusblase, wo drei Frauen spielen 'Was wäre wenn...', während außerhalb ihres Kuschelraums der echte Alarm längst die Dichtung abgelöst hat."

Besprochen werden August Strindbergs "Fräulein Julie" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Nachtkritik), Claudia Bauers "Valentiniade" am Münchner Residenztheater (taz, FAZ) und Martin Schläpfers neue, von Traditionalisten angefeindete "Dornröschen"-Choreografie am Wiener Staatsballett (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2022 - Bühne

Fritzi Haberlandt, Linn Reusse und Susanne Wolff in Elfriede Jelineks "Angabe der Person". Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater hat Jossi Wieler Elfriede Jelineks neues Stück "Angabe der Person" inszeniert, in dem Jelinek vom Tod ihres Mannes erzählt, aber auch von ihrem Leiden an deutschen Finanzämtern. Grandios findet Christine Dössel in der SZ den Abend: "Als 'Totendompteuse' schimpft sie in ihrem Text, der Anklage- und Verteidigungsschrift, Trauer- und Wutrede zugleich ist, ein sprudelnder Sermon voller Zynismen, Kalauern, ätzendem Witz. Es ist ein starker, phänotypischer Text, widerständig und widerborstig, dringlich und bedrängend, in Wunden bohrend und an Nerven sägend. 'Ich bin eine Art Windel für die Welt', heißt es einmal, 'ich lasse nichts durch'. Jelinek at her best. Ein Signature-Text." Dass Jossi Wieler ihn ganz "ohne Regietheaterbrimborium" auf die Bühne bringt beglückt auch Irene Bazinger in der FAZ: "Ansonsten hat Wieler mit Herz, Hirn und Fingerspitzengefühl die ganze Theaterwelt für die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt, Linn Reusse und Susanne Wolff freigeräumt, die Elfriede Jelineks Worte in einer Weise sprechen, wie man es nie zuvor gehört hat. Die drei entpuppen sich als hinreißende Alleinunterhalterinnen im Interesse der Autorin und zeigen, wie klug und gut deren Text konstruiert ist, wie witzig und schräg, theatral und spielbar. "

Jelinek jagt eigentlich nur zwei Stunden lang Wut über die Rampe, stellt Ulrich Seidler in der FR fest, erkennt aber trotzdem, vor allem im Vergleich zu Albert Camus' "Caligula", warum die Demokratie jeder Tyrannei auch auf der Bühne überlegen ist: "Zum Wesen der Tyrannei gehört, dass sie undramatisch ist. Denn der Tyrann handelt nicht, wie er muss, sondern wie er will. So funktioniert, weil der Unterschied zum unfreien Zuschauer prinzipiell ist, die Identifikation nicht mehr, und zwingende Situationen lassen sich auch nicht bauen, wenn der Protagonist je nach Gusto die Regeln bricht. Deswegen kann man mit Tyrannen auch nicht verhandeln, sie halten sich an nichts. Umbringen und fertig - das ist, bei allem Gerede, das diesen Ausgang verzögert, nicht abendfüllend."

Weiteres: In der SZ umreißt Dorion Weickmann die Schwierigkeiten der Ballettwelt, die in diesem Winter ohne Gastspiele aus Moskau oder Petersburg auskommen und ihre "Nussknacker"-Inszenierungen generalüberholen muss.  

Besprochen werden Tina Laniks Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" am Wiener Burgtheater (Nachtkritik), Sivan Ben Yishais "Bühnenbeschimpfung" am Berliner Gorki-Theater (Nachtkritik, Tsp), Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" am Theater Basel (Nachtkritik), Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Endzeitrevue "Sonne, los jetzt" am Schauspielhaus Zürich (taz, Welt), Claudia Bauers Karl-Valentin-Abend am Münchner Residenztheater ("Meisterstück!", ruft Egbert Tholl in der SZ) und Kurt Weills Musical-Komödie "Ein Hauch von Venus" an der Oper Graz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2022 - Bühne

Szene aus Charles Tournemires "La Légende de Tristan" am Theater Ulm. Foto: Jochen Klenk


Fast hundert Jahre hat es gedauert, bis die Oper "La Légende de Tristan" des französischen Orgelmusikers Charles Tournemire erstmals aufgeführt wurde - am Theater Ulm. Diese Aufführung "wird Folgen für unseren Blick auf die Musikgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts haben", prophezeit Jan Brachmann (FAZ), der in Ulm gelernt hat, dass "die Modernetauglichkeit katholischer Intelligenz in der Musik keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal Messiaens" war: Anders als Wagner, so Brachmann, bleibe Tournemire "näher an den mittelalterlichen Quellen ... Es geht Tournemire nicht um die überwältigende Erotisierung des gemeinsamen Todes. Für ihn ist die Liebe Tristans, des Ziehsohnes des Königs von Cornwall, zur irischen Prinzessin Iseut ein spirituelles Martyrium. Jede Erfüllung - gerade die sexuelle - erscheint als Trivialität. Der Tod ist kein ästhetisch verstärkter Orgasmus wie bei Wagner, sondern eine stille Erlösung von der Wirklichkeit." Auch Roland H. Dippel (nmz) war tief beeindruckt von dieser Uraufführung. Er fragt sich, wie es wäre, "La Légende de Tristan" statt mit der Wagneroper "in Beziehung zu anderen französischen Opern nach Sagenstoffen zu setzen - also in die genealogische Reihe von Reyers 'Sigurd' und Chaussons 'Le roi Arthus'. Dann offenbart sich eine Synergie von Mystik und Eros, zu der Tournemire mit seiner Musik mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Durch diese Fragen nach den Rätseln der menschlichen Seele steht 'La Légende de Tristan' in weitaus größerer Geistesverwandtschaft zu Debussys 'Pelléas et Mélisande' als zu Wagner."

Weitere Artikel: Willi Winkler trifft sich für die SZ mit dem Schauspieler Mark Waschke in London. Und: heute bis 19.30 Uhr kann man bei der nachtkritik noch die 1983 entstandenen Brecht-Inszenierung "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" von Alexander Lang am Deutschen Theater Berlin im Stream sehen.

Besprochen werden außerdem "Is Anybody Home?" der Performancetruppe Gob Squad an der Volksbühne (nachtkritik, BlZ), Stephan Thoss' Choreografie "Nüsseknacker" in Mannheim (FR), "Der Schnee von gestern" von pulk fiktion in der Freien Werkstatt Theater Köln (nachtkritik) und Elfriede Jelineks "Sonne, los jetzt!" in der Inszenierung von Nikolaus Stemann am Zürcher Schauspielhaus (das Stück "ist irritierend resignativ, didaktisch auf eine verlorene Art, versponnen und selbst für Jelinek-Verhältnisse in einem Maße verrätselt, dass man nach den zweieinhalb Stunden der Aufführung verschiedene Bedürfnisse hat: sich in eine tiefe Höhle zurückzuziehen oder einen großen Schnaps zu trinken", notiert ein deprimierter Egbert Tholl in der SZ).