Die Berliner Kulturinstitutionen stöhnen unter den Budgetkürzungen, aber die Leitung der Komischen Oper scheint öffentliche Gelder dennoch mit vollen Händen zu verschwenden, wie Hartmut Welscher und Merle Krafeld in einer detaillierten Hintergrundrecherche für Vannahelegen. Es geht um ungenehmigte, zum Teil gegen den Denkmalschutz verstoßende Umbauten an der Interimsstätte, dem Schillertheater, außerdem um den teuren Erwerb eines nun ungenutztenBVG-Busses, hohe Beraterhonorare, unter anderem für Barrie Kosky und Unregelmäßigkeiten bei Reisekostenabrechnungen, so die Autoren: Nach Van vorliegenden Unterlagen unternahmen die beiden Ko-IntendantInnen Susanne Moser und Philip Bröking "allein zwischen März und Oktober 2023 Dienstreisen unter anderem nach Straßburg, Turin, Basel, Valencia, Frankfurt, Amsterdam, Buenos Aires, Zürich, Hamburg, Glyndebourne, London, Bad Kissingen, München, Aix-en-Provence, Bregenz, Salzburg, Paris und Kopenhagen - zum Teil mehrfach an denselben Ort. Die entsprechenden Abrechnungen, die Van einsehen konnte, summieren sich, inklusive Ausgaben für Anreise, Unterkunft und Bewirtung, teilweise auf mehrere Tausend Euro pro Monat." Die Leitung der Komischen Oper möchte sich dazu nicht äußern, stattdessen wurde der Promi-Anwalt Christian Schertz mandatiert. Szene aus "Voice Killer". Bild: Karl Forster In der Zeit gewinnt Christine Lemke-Matwey den Glauben an die zeitgenössische Oper zurück, nachdem sie mit Unsuk Chins "Die dunkle Seite des Mondes" in Hamburg, Rebecca Saunders "Lash - Acts of Love" in Berlin, Maeckes' "Der rote Wal" in Stuttgart und Philippe Manourys "Die letzten Tage der Menschheit" in Köln gleich fünf Uraufführungen gesehen hat, die die Gegenwart "seismografisch-sinnlich" erfahrbar machen. Der Höhepunkt ist dabei für die Kritikerin die Oper "Voice Killer", komponiert von dem tschechischen Komponisten Miroslav Srnka, geschrieben von dem australischen Dramatiker Tom Holloway, uraufgeführt am Theater an der Wien. Es geht um "drei Frauenmorde Anfang der Vierzigerjahre in Melbourne, der Täter, ein dort stationierter US-Soldat namens Edward Leonski, wurde gefasst und hingerichtet. (…) Dabei ist die Konstruktion nicht unverzwickt, natürlich vertont der Tscheche nicht einfach nur drei Frauenmorde. Vielmehr wird das Töten in der Oper von der Oper als Kunstform mitreflektiert. Durch eine moderne Rahmenhandlung (…) und durch die so simple wie dankbare Tatsache, dass Leonski seine Opfer vor den Taten singen ließ. Er wollte sich ihre Stimmen einverleiben, um nicht allein zu sein, heißt es. Welch treffliche Definition für jeden Opernbesuch!"
Besprochen wird außerdem Rainald Grebes Inszenierung "Musikantenstadl" mit dem RambaZamba Theater in der Berliner Kulturbrauerei (taz).
Till Briegleb verabschiedet sich in der SZ von Joachim Lux, der 16 Jahre lang das Hamburger Thalia-Theater leitete. Was bleibt von dieser Ära? Unter anderem die Erinnerung an "zwei der größten und vielseitigsten Charaktere des deutschsprachigen Theaters der letzten Jahrzehnte, Jens Harzer und Barbara Nüsse". Sie "bildeten die durchaus gegensätzlichen Pole einer komplexen Imaginationskraft. Nüsse, verschlagen, weise und frech, beseelte Pippi Langstrumpf wie greise Männer, sensible Königinnen wie ätzende Mütter mit so einer Freude bringenden Präsenz, dass jeder Banause in Publikum Sehnsucht nach dem Schauspielerberuf bekommen musste. Und Jens Harzer, der aus dem Kern vorgeblicher Naivität sein Spiel der Täuschungen so virtuos entwickelt hat, dass Pointen hinter jeder Geste lauern, die dann aber doch als Bedeutung erscheinen, hat Dank seines Ausnahme-Talents nie kämpfen müssen, Erster unter Ersten zu sein"
Weitere Artikel: Rüdiger Schaper schreibt im Tagesspiegel über einen Abend für die Theaterlegende Carl Hegemann an der Volksbühne. Atif Mohammed Nour Hussein denkt auf nachtkritik über Kunst und KI nach.
Besprochen werden Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" in der Inszenierung Jule Renstedts bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR; "Rezas Dramaturgie ist so elegant, dass man sich auch nach Jahren noch daran freut") und "Eurotrash" nach Christian Kracht am Landestheater Linz (Standard; "Es dauert, bis" die Inszenierung "an Fahrt gewinnt, und zum Ende zieht sie sich hin").
Szene aus "Die letzten Tage der Menschheit". Foto: Sandra Then Nicolas Stemann hat Philippe ManourysMusiktheaterstück nach Karl Kraus' Weltkriegs-Drama "Die letzten Tage der Menschheit" auf die Bühne der Kölner Oper gebracht, dem SZ-Kritiker Egbert Tholl ist das dann aber doch zu viel der Düsternis: Kraus zeichnete "ein Panoptikum einer Gesellschaft, die besoffen vor Patriotismus in den Krieg und damit ihren Untergang taumelt" - "Die Oper meint alle Kriege: Der zweite Teil ist ein knapp einstündiger Totentanz, den Stemann mit einer Videobilderflut ausstattet, antike Schlachten, moderne Kriege, Ukraine, Vietnam - deshalb der Hubschrauber-Sound. Allerdings ist da der Film 'Apocalypse Now' beeindruckender. Alles scheint richtig, aufrichtig, doch alles wirkt vorgeführt, man konstatiert ungerührt, wie scheiße der Mensch sein kann. Am Ende bei Kraus hört man die Stimme Gottes, er habe das nicht gewollt. Hier endet es auch so, allerdings folgt noch ein seltsam schwebender Chor der ungeborenen Kinder. 'Lasset nimmer uns entstehen.' Hoffnung? Nein."
Von der bombastischen Inszenierung mit Riesenchor, vollständigem Orchester, Live-Videos und Stars wie Anne Sofie von Otter wird auch Eleonore Büning in der NZZnicht recht ergriffen: "Manourys polystilistische Musik ist, selbst in ihren elektronischen Zutaten im zweiten Teil, einfach zu naheliegend schön. Sie schafft es, Kraus zu entkrausen und den Wiener Schmäh zu entwienern. So verwandeln sich die 'Letzten Tage' ungewollt in Kriegskitsch - durchaus pathosfähig, aber ironiefrei. Tatsächlich gibt es Szenen, auch einzelne Sätze oder Wörter, bei denen das Blut in den Adern gefriert. Karl Kraus hat bekanntlich nichts frei erfunden. Er hat nur beobachtet, aufgeschnappt, zitiert und montiert. Er stellte fest: Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion. Im Kriegszustand kommt es zur kollektiven Entmenschlichung." Manoury und Stemann ist ein "theatralisches Äquivalent für die Journalismuskritik mit journalistischen Stilmitteln von Kraus" gelungen, auch musikalisch, meint indes Patrick Bahners in der FAZ, dennoch mangelt es ihm an Impulsen zum Nachdenken.
Szene aus "Malditos Benditos". Foto: Jesús Vallinas Wehmütig verabschiedet Dorion Weickmann den Choreografen und Ballettdirektor Goyo Montero, der das Nürnberger Opernhaus nach siebzehn ausgelasteten und skandalfreien Spielzeiten verlässt, nicht ohne mit "Malditos Benditos" nochmal sein ganzes Können zu zeigen: "Tänzer und Tänzerinnen thronen darauf, während der Zeremonienmeister Goyo Montero hohepriesterlich die Bühnenmitte beansprucht, den Rücken zum Auditorium gekehrt. Von dort aus beobachtet er die temperamentvollen Soli und zärtlichen Duette, die sich vor seinen Augen abspielen, allesamt eigene Schöpfungen. Unter den sechzehn Bildern in 'Malditos Benditos', die Montero zu einem Medley von Dowland bis Dylan choreografiert hat, ist diese Episode namens 'Ohne Punkt und Komma' eine der stärksten. Zugleich dient sie als Rampe für den nächsten Gedankensprung, eine Meditation über Federico García Lorca, den Dichter, dem die homophobe Gesellschaft des Faschismus zum Verhängnis wurde. Zwei Männer, sich leidenschaftlich küssend, bis der eine den anderen von sich stößt und dem Mob preisgibt."
Weitere Artikel: Für die tazporträtiert Sabine Leucht den Münchner Choreografen Moritz Ostruschnjak, dessen Produktionen "Non + Ultras" gerade in der Münchner Muffathalle und "Trailer Park" im Berliner Radialsystem zu sehen sind.
Besprochen werden David Hermanns Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen (Welt) und das Festival "Ein Stück: Tschechien" des Vereins Drama Panorama im Berliner Theater unterm Dach (taz).
SZ-Kritiker Reinhard Brembeck genießt bei den Münchner Opernfestspielen mit Mozarts "Don Giovanni" - inszeniert von David Hermann, dirigiert von Vladimir Jurowski - eine lebendige Verführungs-, Rache- und Männlichkeitsgeschichte. Die Inszenierung hat "von allem etwas: Burleskes, Komisches, Barockes, Empfindsames und Sexsüchtiges, ein Ständchen, einen zum Saufexzess animierenden Kraftprotzsong, Protestlieder, Libertinagefeiern. Dass diese disparaten Elemente im 'Don Giovanni' stecken und ihn brüchig machen, das musizieren Jurowski und sein Staatsorchester unüberhörbar heraus. Dazu verdeutlicht der Regisseur eine Kernthese des Stücks: dass es unmöglich ist, das Alpha-Übermänner-Machotum zu überwinden und durch eine neue Gesellschaftsform zu ersetzen, in der alle die gleichen Rechte, keine erotischen und sonstigen Übersteigerungen mehr Platz haben."
Christian Gohlke kommt in der FAZ zu einem gänzlich anderen Urteil: Für ihn reiht sich die Mozart-Oper in eine Kaskade von Enttäuschungen unter der Intendanz von Serge Dorny ein: "Die wenig überzeugend gezeichneten Figuren bewegen sich in einem Umfeld nackter Tristesse. Der Bühnenbildner Jo Schramm bringt das Kunststück fertig, bei zahlreichen und technisch durchaus raffinierten Verwandlungen die Anmutung monströser Hässlichkeit konsequent beizubehalten: Ob in Annas Schlafzimmer, auf dem Amt, in Giovannis Palais - überall dominiert der Sichtbeton unbarmherzig die niederdrückende Szenerie. Nicht minder lastend sind die trägen, spannungslosen Tempi, die Vladimir Jurowski als Chef des Bayerischen Staatsorchesters wählt. Und schwerer noch wiegt: Mozarts Musik verliert bei ihm alles Sprechende. Begleitende Streicherfiguren, exponierte Bläserstellen, Tempowechsel ergeben sich nicht organisch aus der dramatischen Situation. Sie bleiben bedeutungslos."
Weiteres: Von Leos Janaceks Oper "Das schlaue Füchslein", die Theresa Steinacker am Staatstheater Mainz inszeniert, ist Bernhard Uske in der FR ganz begeistert, Björn Hayer berichtet für die Taz von den Schillertagen in Mannheim.
Besprochen werden "Confronting the Shadow" vom Kyjiwer Left Bank Theater unter der Regie von Tamara Trunova beim Festival "Performing Exiles" (Taz), "Der Spiegel" von Andrei Tarkowski, inszeniert von Bülent Özdil am Deutschen Theater Temeswar (Nachtkritik), "Kolumbus oder die 'Entdeckung' Amerikas" nach Kurt Tucholsky, Walter Hasenclever und Jura Soyfer, inszeniert von Cilli Drexel am Theater Lübeck (Nachtkritik), Schillers "Räuber" unter der Regie von Gil Mehmert auf den Bad Hersfelder Festspielen (Nachtkritik) und Shakespeares "Wie es euch gefällt", inszeniert von Milena Paulovics bei den Vilbeler Burgfestspielen (FR).
Clemens Haustein kann sich in der FAZ prinzipiell für Agostini Steffanis Oper "Orlando generoso" auf den Musikfestspielen Potsdam erwärmen, aber die Regie ist ihm doch ein Dorn im Auge. Der Protagonist Orlando wird vor lauter Liebeskummer zum Gewalttäter, was die Regisseurin Jean Renshaw in aller Deutlichkeit ausstellt: "Erst aus dem Klima der Angst, aus dem ständigen Eingreifen der Tyrannen in die Gefühlswelt der Untergebenen, ergibt sich das emotionale Chaos der Handlung. Keiner darf so lieben, wie er gerne möchte, die repressiven Eingriffe treiben die Protagonisten nach und nach in den Wahnsinn. Ob die explizite Darstellung auf der Bühne dabei so hilfreich ist? Der Hintergrund tritt in den Vordergrund; während bei den Produktionen der vergangenen Jahre die Einheit von Musik und Inszenierung beeindruckte, öffnet sich nun eine gewaltige Schere. Denn in Steffanis Musik geht es um nichts anderes als das Innenleben der Figuren."
Was SKART da in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht hat, ist etwas ganz besonderes, befindetNachtkritikerin Susanne Greiner. "War Games" geht mit seinen zwölf verschiedenen Szenerien an die Essenz dessen, was Krieg ist, die Gewalt: "Am linken Bühnenrand tropft es schleimig aus Fäden auf einen dort liegenden Körper in Tarnfarbenoptik. Zwei große Stoffbanner mit Greifvögel- und Tauben-Silhouetten hängen vom Bühnenhimmel herab. Rechts am Boden stehen Computer und Mischpult. Von hier aus wird der Sound von Noisekünstler Anton Kaun live eingespielt. Er lässt sanfte Melodien auf harten Beat knallen, erzeugt dystopische Dissonanzen, die an die Schmerzgrenze gehen: Klang, der einlullt und aggressiv macht. Und sich so anfühlt, als verstehe da einer das Menschsein in seinem tiefsten Inneren."
Nachtkritiker Christian Rakow stellt die Kostümbildnerin Leonie Falke vor: Sie entwirft "Kostüme für Ästhetiken der Entschleunigung". Besprochen wird: "Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof auf den Berliner Festspielen (Zeit).
In der NZZ ist Christine Brinck fassungslos: Der Shakespeare Birthplace-Trust, der in Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon nicht nur ein riesiges Archiv aufgebaut hat, sondern auch ein Museum betreibt, hatte bereits 2022 die junge Doktorandin Helen Hopkins um eine Einschätzung gebeten. Hopkins kam zu dem Schluss, "wer Shakespeare schätzt, unterstützt 'weiße, anglozentrische, eurozentrische und überhaupt westliche Ansichten, die bis heute Elend in der Welt verbreiten'". Ihrer Forderung, die Ausstellung müsse von "Anglozentrik und kolonialistischem Denken gesäubert" werden, kommt das Museum nun nach, weiß Brinck und fragt: "Welche Arroganz verbirgt sich in diesem ideologischen Geschwurbel? Natürlich war Shakespeare anglozentrisch. Seine Dramen sind voll epistemischer Gewalt und böser Witze über Franzosen, Spanier, Italiener, Juden und Türken und nicht zuletzt über Schotten und Puritaner. Vieles ist politisch alles andere als korrekt. Shakespeare hat England nie verlassen. Kolonien, bis auf Virginia, gab es zu seiner Zeit allerdings noch kaum."
Weitere Artikel: Manuel Brug sieht für die Welt mit "Voice Killer" am Theater an der Wien, "Cassandra" sowie "Lash" an der Deutschen Oper in Berlin drei zeitgenössische Opern, und fragt sich nach viel Aktivismus und Kitsch: Warum fällt der zeitgenössischen Oper der Erfolg so schwer? Die bisherige Luzerner Theaterintendantin Ina Karr übernimmt die Generalintendanz der Deutschen Oper am Rhein, meldet die FR mit dpa.
Besprochen wird das Objekttheaterfestival "Figure it out!" im Leipziger Westflügel (taz) und Jessica Glauses Inszenierung von Mozarts "Zaide"-Fragment bei den Ludwigsburger Festspielen (FR).
Szene aus "Tosco". Foto:Xiomara Bender. Eine kluge Inszenierung von Puccinis Oper "Tosca" siehtNZZ-Kritiker Christian Wildhagen bei den St. Gallener Festspielen. Regisseur Marcos Darbyshire verlegt die Handlungen "in einen historisch unbestimmten, aber eindeutig protofaschistischen Staat. Annemarie Bullas Kostüme nehmen Bezug auf die Verfilmung von Margaret Atwoods Dystopie 'Der Report der Magd' durch Volker Schlöndorff. Wie dort die Bewohner der fiktiven Diktatur 'Gilead' - gemeint sind die USA - werden die Menschen hier durch uniforme rote, graue oder schwarze Kostüme irgendwelchen 'Nutzanwendungen' für die Gesellschaft zugeordnet. Damit es für das Publikum nicht zu gemütlich wird, paradieren schon vor Beginn der Aufführung gesichtslose Schergen mit Ledermasken und Schlagstöcken über den Klosterplatz. Während der Pause werden einzelne 'Besucher' sogar verprügelt und abgeführt - zum Glück sind es Statisten."
Weitere Artikel: Elisabeth Bauer stellt in der taz die ukrainische Theatermacherin und Musikerin Iryna Lazer vor, die beim Beginn des Krieges aus einem Vorort von Kiew fliehen musste. Irene Bazinger erzählt in der FAZ von ihrem Besuch der "Langen Nacht der Autorentheatertage" am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Ödön von Horvaths "Zur schönen Aussicht" am Schauspiel Stuttgart (taz), Mohammad Rasoulofs Inszenierung seines Stücks "Destination: Origin" beim Berliner Festival "Performing Exiles" (SZ) und Nicolas Sidiropulos und Mark Tumbas Performance von "Die Räuber" in der Box des Frankfurter Schauspiels (FR).
"Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof auf dem Berliner Festival "Performing Exiles" zeigtTaz-Kritikerin Jenni Zylka, auf welch elementar erschütternde Weise sich das iranische Regime und die Fluchterfahrung in einen menschlichen Körper einschreiben: "So zeigt die vielleicht stärkste und eingehendste Szene einen Dialog zwischen einer Frau, die in einem aufgerichteten Bett steht oder auch dort angebunden ist, und einer Matratzenverkäuferin, die immer wieder fragt: 'Wie fühlen Sie sich? Ist Ihnen bequem?' Ob man je wieder ruhig schlafen kann, wenn man weiß, was im Iran mit Regimekritiker:innen passiert, die Tragweite der gesamten Flüchten-oder-Bleiben-und-Kämpfen-Problematik steckt in dieser Frage, ebenso wie der beängstigende aktuelle Krieg. 'Die Augen haben Angst, aber die Füße tragen mich weiter', ist ein Satz, der im Stück immer wieder fällt."
Auch Andreas Kilb ist in der FAZ beeindruckt: "Rasoulof, neben Jafar Panahi der derzeit bedeutendste Filmemacher Irans, stand vor der Wahl, ein drittes Mal ins Gefängnis zu gehen oder sich eine neue Heimat im Ausland zu suchen. Dass er dort innerlich schon angekommen ist, kann niemand erwarten. Insofern ist 'Destination: Origin' auch eine Selbstbefragung - und ein Notschrei. Irgendwann in der Mitte des Abends bitten die Schauspielerinnen das Publikum, ihnen bei der Wohnungssuche zu helfen. Das ist nicht nur wörtlich gemeint."
"Zur schönen Aussicht." Foto: Julian Baumann.
Für den Nachtkritiker Thomas Rothschild gibt es hingegen Anlass zur Freude, denn Christina Tscharyiskis Inszenierung "Zur schönen Aussicht" bringt am Schauspiel Stuttgart ein selten gespieltes Stück des Österreichers Ödön von Horvath auf die Bühne. Die Geschichte um Christine, die von dem Hoteldirektor Strasser geschwängert wird, steht in Stuttgart in einem produktiven Zwiespalt aus Naturalismus und Stilisierung: "Der bekannteste Satz aus dem Stück lautet: 'Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.' Er wird von Ada gesprochen und soll sie rehabilitieren. Man wird schwerlich eine zweite Stelle finden, die so sehr nach Horváth und seiner Demaskierung des Bewusstseins klingt. Bestünde 'Zur schönen Aussicht' nur aus diesem einen Satz: Es wäre ein Höhepunkt der deutschsprachigen Dramatik. Brecht eingeschlossen." In der SZ fehlt Egbert Tholl ein wenig der Witz an der Inszenierung, das Ende gefällt ihm dann aber doch.
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