Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2025 - Bühne

"Kabale und Liebe." Bild: Christian Kleiner.


Nachtkritiker Steffen Becker erlebt mit Charlotte Sprengers Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" am Nationaltheater Mannheim eine ziemlich wild getunte Version der Geschichte um eine nicht standesgemäße Liebe zwischen Adel und Bürgertum. Dort trifft "Friedrich Schiller auf Pedro Almodóvar und ein im wahrstem Sinne des Wortes überwältigendes Set von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, einen wilden Kostüm-Mix aus Rokoko, 'Charlie und die Schokoladenfabrik' und dem Style aus Donna Leon-Verfilmungen." Das ist allerdings manchmal fast zu viel des Guten: "Das bestimmende Element der Aufführung - der Wechsel zwischen Bühne und Video-Action - geht in der inszenatorischen Hektik nicht auf. Die gefilmten Szenen in den geschützten Räumen des Bühnenhintergrunds könnten die Menschen in ihrer echten Verfasstheit zeigen, während sie vorne theatralisch das zum Ausdruck bringen, was von ihren gesellschaftlichen Rollen erwartet wird. Kaum aber widmet man sich dem Gedanken, zack, wieder ein Schnitt, ein Raumwechsel, ein spitzer Schrei der Frau von Kalb und weg ist er."

Weiteres: Peter Laudenbach berichtet von den Budgetkürzungen im Berliner Gefängnistheater AufBruch (SZ). Manuel Brug trifft sich für die Welt mit dem Choreografen Jiří Kylián: "Es gibt keinen besonderen Anlass, außer dass es bei ihm immer einen gibt: Das Norwegian National Ballet ehrt mit einem Festival diesen längst zum Weltbürger der Kunst gewordenen tschechischen Tanzschöpfer, der sich in erster Linie als Prager versteht, der in Deutschland heranreifte, eine deutsche Frau heiratete, sieben Sprachen spricht, 120 Werke schuf, von den Niederlanden aus berühmt wurde und dort immer noch lebt: 'In Schevenigen am Meer, da höre ich in den Sirenen der Schiffe die Welt resonieren.'"

Besprochen werden Franz Xaver Kroetz' Neufassung von Franz von Kobells "Brandner Kaspar" am Münchner Residenztheater (NZZ), "Das Stillleben" von Carmen Jeß, Regie von Lisa Froschauer am Theater Lübeck (Nachtkritik) und Joseph Haydns "Schöpfung" am Staatstheater Wiesbaden unter der Regie von Franziska Angerer (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2025 - Bühne

"Der Prozess Pelicot" bei den Wiener Festwochen. Foto: Nurith Wagner Strauss


Milo Rau hat die Wiener Festwochen zu einem "diskursiven Supermarkt" gemacht, "in dem man seinen Tagesbedarf an gesellschaftlich relevanten Themen decken kann", meint Verena Mayer in der SZ - hält das aber für nichts Schlechtes. Im Gegenteil, denn wenn Rau jetzt den "Prozess Pelicot" mehr als sechs Stunden lang in der Wiener Kirche Sankt Elisabeth vortragen lässt, erkennt die Kritikerin schnell den Mehrwert. Vom Prozess gab es keine Wortlaut-Protokolle, Rau wertete tausende Seiten an Mitschriften von Journalisten aus: "Man hört Gisèle Pelicot in ihren eigenen Worten, die Dorothee Hartinger gefasst, aber durchdrungen von Schmerz vorträgt. ... Und immer wieder geht es in diesem Kirchenschiff um sexualisierte Gewalt, um detailreiche Schilderungen von Vergewaltigungen. Stärker könnte der Kontrast zwischen Inhalt und dem Raum, in dem er verhandelt wird, nicht sein."

"Dass eine Kirche der richtige Ort für eine solche Aufführung ist, zeigt sich allein daran, dass immer wieder in den Redewendungen des Religiösen Zuflucht gesucht wird", hält Manuel Brug in der Welt fest: 'Ich bin auf dem Altar der Perversion geopfert worden', sind die Worte, die Gisèle Pelicot wählte. Von vielen Menschen auf der ganzen Welt wird sie als Ikone verehrt, wie eine frühchristliche Märtyrerin und Heilige. Ihr Vorbild, dass die Scham die Seite wechseln müsse, gibt nicht nur anderen vergewaltigten Frauen, sondern auch Folteropfern des 'Islamischen Staat' die Kraft, das eigene Leiden auszusprechen." Zu sehen ist laut Brug ein "ein vielstimmiges Mosaik des Grauens, das nicht dem grellen und reißerischen Voyeurismus verfällt, sondern mit unnachgiebiger Präzision den Blick auf das Gesamtbild lenkt: Erkenntnisinteresse statt Gewaltporno." Weitere Besprechungen in nachtkritik und Tagesspiegel.

Szene aus dem "Brandner Kaspar". Foto: Sandra Then

Franz Xaver Kroetz hat mit dem 1871 von Franz von Kobell veröffentlichten "Brandner Kaspar" ein bayerisches Kulturgut neu gefasst, Philipp Stölzl das Stück mit Günther Maria Halmer und Florian von Manteuffel in den Hauptrollen für das Münchner Residenztheater neu inszeniert - und die Kritiker sind sehr zufrieden: Hier wird "nichts modernisiert und angepasst, eher reduziert auf wichtige Figuren und Konflikte und gespart am barocken Himmelsgetöse und Jagdhalali", freut sich etwa Marie Schmidt in der SZ. Auch Bernd Noack zeigt sich in der NZZ angetan: "Kroetz bleibt in seiner Version erstaunlich sanft und fast glaubenstreu. Altersmüde könnte man das auch nennen, sehnsuchtsvoll verschreibt sich der bald 80-jährige Einstkommunist, der die bajuwarische Dumpfheit früher wie kaum ein anderer gescholten hat, dem ausklingenden Lebensabend und einem sanften Abgang ohne Groll." Nachtkritikerin Susanne Greiner lobt vor allem Stölzls Regie: "Ein Stück mit schlauem Humor, das Volkstheater ohne biedere Volkstümelei atmet." In der FAZ sieht es Hannes Hintermeier ähnlich.

Weiteres: In der Welt freut sich Manuel Brug auf einen Festspielsommer, in dem vor allem Georg Friedrich Händels italienische Jahre gewürdigt werden. Besprochen wird Martin G. Bergers Stück "Der rote Wal" an der Oper Stuttgart (SZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2025 - Bühne

Hermann Nitsch, 2009. © Harald Peki. Quelle: Wikipedia. Lizenz: CC-by-sa 3.0.
Mächtig was los war, wenn man Julia Stellmann bei Monopol glauben kann, auf dem Schloss Prinzendorf in Prinzendorf an der Zaya bei Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel". Das wagnerianisch-gesamtkunstwerkerische Performance-Musiktheater-Spektakel wurde in Prinzendorf womöglich zum letzten Mal überhaupt aufgeführt - die "Vollendung" der Aktion datierte laut Website auf den 7.-9. Juni diesen Jahres. Es scheint eine gute Gelegenheit für Grenzerfahrungen gewesen zu sein: "Nach einem weiteren Pfiff zerquetschten die Performer mit den Händen die glänzenden Lebensmitteln zu Brei, woraufhin  sich bei über 30 Grad ein penetranter Geruch breitmachte. Er sollte eine der eindrücklichsten Konstanten über die Dauer des gesamten Spiels bleiben: Metallisch und schwer hing Blut in der Luft, ließ sich gleichermaßen riechen wie schmecken. Wie aber riecht Blut? Wie schmeckt es? Nicht das Blut, das sich nach einem versehentlichen Schnitt mit dem Küchenmesser langsam aus der Wunde quält. Nein, literweise Blut, das Hände, Gesicht und Kleidung rot färbt. Das sich in grüne Wiesen einschreibt, die weiße Kleidung tränkt und in die Ritzen des Steinbodens sickert. Ein Geruch von frischem Blut, wie es beim Aufreißen der Beute durch wilde Tiere austritt"

Weitere Artikel: Theresa Schütz berichtet für die nachtkritik vom 19. Festival TransAmériques in Montréal. Janis El-Bira plädiert ebenfalls in der nachtkritik für ein individuelleres Applaudieren. Christian Spuck, der Intendant des Berliner Staatsballetts, erhält den Deutschen Tanzpreis, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Michael Skasa wohnt für die Zeit der szenischen Lesung eines Franz-Xaver-Kroetz-Textes bei.

Besprochen werden Miroslav Srnkas Amoklauf-Oper "Voice Killer" im Theater an der Wien (FAZ, "bedient dann doch vor allem Klischees"), Katharina Birchs Inszenierung der Komödie "Dieses Stück geht schief" am Deutschen Theater Göttingen (taz, "schwer, beim chronischen Scheitern mitzuleiden und beim heldenhaften Weitermachen mitzufiebern") und Lia Rodrigues' Tanzstück "Borda", das auf den Wiener Festwochen zu sehen ist (Helmut Ploebst freut sich im Standard über ein Stück, das "künstlerische Arbeit und soziale Initiative" glücklich vereint).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2025 - Bühne

Szene aus "Alcina" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus. 

Nicht nur für die Ohren, sondern auch fürs Auge, bekommt FAZ-Kritiker Jan Brachmann bei Johannes Eraths Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Oper Frankfurt einiges geboten. Erath erzählt die Geschichte um die männerverführende Zauberin Alcina als vielschichtiges optisches Ereignis: Die "Bedeutungsschicht barock-höfischer Kultur wird überlagert durch Varieté und Zirkus. Katharina Magiera als Bradamante wird von Michael Porter als Oronte auf offener Bühne zersägt; danach gleitet der Kasten mit ihrem Kopf über den Bühnenboden - und sie singt weiter. In Tricks wie diesen erfährt die Tradition der Zauber- und Maschinenoper ihre gewitzte Aktualisierung. Varieté und Barock werden aber ihrerseits überschrieben vom Vokabular des Surrealismus: von Schwarz-Weiß-Videos blinzelnder Augen und der Deckzeichnung des Surrealisten André Masson zu Gustave Courbets Gemälde des weiblichen Genitals 'L'origine du monde'. Dazu kommen erlesene Kostüme: Alcinas blassrosafarbenes Paillettenkleid samt Umhang mit grauem Pelzbesatz ist haute couture für die Diva von heute."

"Händel so modern, wie er klingen kann", freut sich in der FR Judith von Sternburg, was nicht zuletzt an den tollen Sängerinnen liegt: "Katharina Magieras gar nicht so fülliger, aber ausdrucksstarker Alt gehört zu den individuellsten Farben des Abends, mit Alcina liefert sie sich auch darstellerisch ein grandioses Duell der Ausstrahlung und Energie. Die Frauen drücken das Objekt ihrer Begierde, den Ex-Helden, jetzt Alcina-Liebhaber Ruggiero, fast etwas zur Seite. Elmar Hauser, auch er ein Ausbund an Beweglichkeit, hat einen hochattraktiven Counter von maßvoller Durchschlagskraft. Das passt insofern. Es ist ein Abend der fitten, filigranen, bezaubernd jungen Stimmen."

Weiteres: FAZ-Kritiker Simon Strauß berichtet von der 53. Theater-Biennale in Venedig. Besprochen werden die Ausstellung "Die Macht von Theater im Kalten Krieg" über den Regisseur Benno Besson und seine Leidenschaft für das sozialistische Theater im Museum Strauhof in Zürich (NZZ) und Cordula Däupers Inszenierung von Miroslav Srnkas Oper "Voice Killer" im Theater an der Wien (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2025 - Bühne

"You Came, You Saw". Bild: Sebastian Hoppe.


"Radikales politisches Theater" erlebt nachtkritiker Tobias Prüwer mit Ayşe Güvendirens "You came, you saw - Ein No Escape Room" am Staatsschauspiel Dresden. Güvendiren erzählt, wie die Opferfamilien den Terror des NSU erlebt haben und noch von staatlicher Seite weiter diskriminiert wurden: "Ein Opfer aus Hanau wurde ohne Information an seine Familie obduziert - einige Reste seines Körpers wurden ihnen kommentarlos erst Monate später in einer Kühlbox zugeschickt. Ein Gerichtsmediziner mit Fleischklopfer bearbeitet zur Illustration Steaks. Diese lebendigen Bilder funktionieren nicht als Spielszenen, sondern als Hingucker, damit man den Text aufsaugt. Und der ist nicht nur einfach Text: Stimmen der Hinterbliebenen sind beigefügt, die berichten, wie Staat und Medien mit ihnen umgingen. Wie sie allein gelassen oder selbst zu Mitschuldigen erklärt worden sind. Dass es sich um rassistische Motive hinter den Morden handeln könnte, wollte ihnen niemand glauben. Dass noch einmal von ihnen selbst zu hören, ist das wahrhaft erschütternde Moment des Abends. Pars pro toto zeigt sich hier eine gesellschaftliche Realität."

Weitere Artikel: Kai Bremer schaut sich für die Nachtkritik auf dem Langen Wochenende der Neuen Dramatik in Münster um. Zum Abschied von Joachim Lux als Intendant des Thalia Theaters in Hamburg lässt Jakob Hayner in der Welt noch einmal die letzten 16 Jahre Revue passieren.

Besprochen werden außerdem die Oper "Voice Killer" am Theater an der Wien mit Musik von Miroslav Srnka und einem Libretto von Tom Holloway (Standard), Jerome Robbins' Choreografie "Other Dances" am Amsterdamer Het Muziektheater (FAZ) und die "Ensslin-Fragmente" von Friederike Drews nach einem Roman von Stephanie Bart im Ballhaus Prinzenallee (Taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2025 - Bühne

Szene aus "Between the River and the sea" am Gorki Theater Berlin. Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Ein lustiges Stück über Nahost? Ein heikles Unterfangen, meint Anna Vollmer in der FAS. Yousef Sweid, selbst arabischer Israeli, bekommt es aber im von Isabella Sedlak inszenierten Solo-Abend "Between the River and the Sea" am Gorki Theater in Berlin hervorragend hin - denn Witze macht er nicht, um "die Situation zu verharmlosen, sondern sie zu ertragen". "Er werde ohnehin nicht über den Krieg im Nahen Osten reden, sondern über seine Scheidung. An dieser Stelle kommen die ersten Lacher, und es werden noch viele folgen, denn es gibt einige wirklich gute Pointen in diesem Stück (...) Und weil er ein palästinensischer Israeli (oder, da fängt es schon an, ein Palästinenser mit israelischem Pass?) ist, ist das Private selbstverständlich politisch, und um die Scheidung geht es dann gar nicht so viel. Es ist ein autobiographischer Abend, er beginnt mit Sweids Kindheit, in der er sowohl jüdische als auch arabische Schulen besuchte und er schon damals oft eins war: dazwischen. Wie er, nachdem ein jüdisches Kind ihn im Kindergarten als 'stinkenden Araber' beschimpft hatte, zum ersten Mal lernte, was das überhaupt ist, ein Araber, und ins Nachdenken kam: Werde ich gemobbt, weil ich Araber bin? Ist der Lehrer streng, weil ich Araber bin? Bekomme ich Süßigkeiten geschenkt, weil ich Araber bin?"

Weitere Artikel: Elmar Krekeler unterhält sich in der Welt mit dem Bariton Benjamin Appl.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2025 - Bühne

Hofesh Shechters "Red Carpet" im Palais Garnier. Foto: Julien Benhamou

"Sie tanzen, als wäre es die letzte Party ihres Lebens", ruft FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster beim Besuch von Hofesh Shechters Choreografie "Red Carpet" im Palais Garnier in Paris. Der israelische Choreograf ist wirklich ein Könner, versichert Hüster, und in diesem Theater am richtigen Platz: "Auf einem erhabenen, runden Podest mit einem schmalen Geländer thronen die vier Musiker seiner Live-Band über der Bühne, zu ihren Füßen tanzt das Ensemble in Chanel, in roten Pailletten, Samt, Tüll und schwarzer Seide und Strumpfhaltern für manche Männer (...) Es ist eine laute, schweißtreibende Angelegenheit. Das Licht ist schummerig, schwere, plüschrote Vorhänge teilen sich, das Palais Garnier ist verwandelt in einen alten Nachtklub oder ein Boudoir." Die Tänzer hat er "in ein paar Wochen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft gemacht mit seinem erdenschweren, hüftgesteuerten Tanz, bei dem die Arme geschwungen werden wie Lassos im Rodeo. Alle diese luxuriös gekleideten, muskulösen Körper gehen wie in eine Trance, people under the influence."

Besprochen wird Marc Beckers Inszenierung von Carlo Goldonis Stück "Der Diener zweier Herren" am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2025 - Bühne

Szene aus "Elias" am Opernhaus Zürich.

Egbert Tholl freut sich über eine "brillante" Abschiedsinszenierung von Andreas Homoki am Zürcher Opernhaus: Nach dreizehn Jahren als Intendant ist Mendelssohns Oratorium "Elias" eine "bemerkenswert bescheidene Wahl", findet Tholl, die Inszenierung gelingt um so besser: Christian "Gerhahers Prophet ist grantig, schlecht gelaunt, oft zornig. Er verhöhnt das dumme Volk, vor allem aber grübelt er über sich, hadert auch mit Gott, mit seiner ihm von diesem zugedachten Rolle. Jedes einzelne Wort, das Gerhaher singt, ist ein Ereignis von Schönheit und Klarheit, oft endet er die Phrasen offen, hält den Ton oben, als setze er ein Fragezeichen (...) Das Bühnenbild sieht aus, als hätte es der Schweizer Architekt Peter Zumthor und nicht Hartmut Meyer gebaut, eine Trommel von harter, skulpturaler Wucht. Die an sich unaufgeregten Kostüme von Mechthild Seipel sind eine Sensation: Jeder Solist findet seine Entsprechung, seine Gruppe im Volk. Die Präzision ist fast abstrakt, öffnet den Gedankenraum Richtung Verführbarkeit des Volks, Klimakrise, religiöser Wahn."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2025 - Bühne

Staatstheater Mainz - Underdog. (c) Andreas Etter

Sylvia Staude erfreut sich im Staatstheater Mainz an Alan Lucien Øyens Tanzstück "Underdog". Schön altmodisch ist die Inszenierung geraten, und auch das Dekor überzeugt sie: "Es ist ein Stück in Winterfarben. Die Kostüme von Stine Sjøgren weiß, schwarz, blaugrau. Überwiegend tragen die Tänzerinnen und Tänzer sehr weite Hosen, was ihre ausgreifenden Bewegungen fantastisch akzentuiert. Die Rückwand der Bühne von Åsmund Færavaag erscheint als Schneefläche, doch nicht blendend, sondern matt. Eine dünne Holzwand mit Baumumriss kommt dazu, der Baum wird sich herauslösen, zur melancholischen Skulptur werden. Und es kommen Stühle zum Einsatz (49 insgesamt), mal säuberlich in Reihe, mal werden ihre Beine zu Igelstacheln."

Demis Volpi, Intendant am Hamburger Ballett, wurde zuletzt von Tänzern im eigenen Haus kritisiert; andernorts war gar von "Hexenjagd" die Rede (unsere Resümees). Nun ist er gegangen worden. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda ist offensichtlich zum Entschluss gelangt, dass Volpi nicht mehr tragbar ist. Wiebke Hüster zitiert in der FAZ die Tänzerin So-Yeon Kim: "Manche waren der Ansicht, da Volpi nicht körperlich gewalttätig war, müsste man ihn nicht entlassen. Die Wahrheit ist aber, dass viele Tänzer und Theatermitarbeiter unter Volpis Charaktermängeln und Inkompetenz nicht nur gelitten haben, sondern in der Konsequenz ihr Engagement und manche ihre Karriere verloren haben. Sein Verhalten hat das Leben von Tänzern ruiniert." Manuel Brug ist sich in der Welt deutlich weniger sicher, wie die Lage zu bewerten ist. Er betrachtet den Abgang Volpis vor allem als einen Sieg derjenigen, die dem gefeierten langjährigen Leiter John Neumeier, Volpis Vorgänger, hinterher trauern: "Soll jetzt das Neumeier-Regententum mit seinen Satrapen und Speichelleckern, bei denen der Altmeister von hinten an den Strippen zieht, auf ewig verlängert werden? Das kann es nun wirklich nicht sein. Das Ballett ist kein Erbhof." Warnendes Beispiel laut Brug: Wuppertal, wo seit Pina Bauschs Tod das Chaos regiert.

Weitere Artikel: Christine Wahl blickt im Tagesspiegel auf die "Autor:innentheatertage 2025", die im Juni Deutschen Theater Berlin stattfinden. Andreas Thamm spricht auf nachtkritik mit John von Düffel, der in der Spielzeit 2025/26 das Bamberger ETA Hoffmann Theater übernimmt.

Besprochen werden Barry Koskys "Hotel Metamorphosis" auf den Salzburger Pfingstfestspielen (FAZ, "unheimlich-komisch"), Philipp Preuss' Kafka-Interpretation "Der Prozess" am Staatstheater Darmstadt (FR, "schöne Distanz zum übergroßen Text") und Andreas Homokis Inszenierung des Mendelssohn-Oratoriums "Elias" am Opernhaus Zürich (NZZ, "betont einfache, unpathetische Bilder").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2025 - Bühne

Szene aus "Hotel Metamorphosis". Bild: Monika Rittershaus

Es klingt wie eine Sensation: Die Uraufführung einer Vivaldi-Oper mit dem Titel "Hotel Metamorphosis" mit Angela Winkler, Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky auf der Bühne der Salzburger Pfingstfestspiele. Zu verdanken ist das Regisseur Barrie Kosky und Dramaturg Olaf A. Schmitt, die aus diversen Opern Vivaldis, zwanzig Arien, vier Ensembles, ein paar Chören, darunter zwei neu erfundenen, ein Pasticcio zusammenstellten, erklärt uns Egbert Tholl in der SZ. Unterlegt ist das Werk mit Geschichten aus Ovids "Metamorphosen", und die Mischung gelingt prächtig, staunt Tholl. Man hört "nur (gut ausgewählt) umfassend betörende Musik, voller melodischer Einfälle und viel Raffinesse in der Instrumentation. Im Orchester 'Musiciens du Prince - Monaco' spielen auch Salterio und Chalumeau mit, eine Zither das eine, eine Art Ur-Klarinette das andere. Unter Capuano zaubert das Orchester eine Fülle an Farben, an poetischen Einfällen, meist fein und leicht, oft zart wie ein Gespinst."

Ein "kluges wie wunderschön visualisiertes Barockopernexperiment", jubelt auch Manuel Brug in der Welt: Musikalisch erlebt Brug ein "vehementes Plädoyer für Vivaldi nicht als Notenserienfabrikanten, sondern farbenreichen, rhythmisch mitreißenden Innovator und Klangpsychologen". Aber auch das schauspielerische Element überzeugt: "Statt Rezitative steuert die große, alte Angela Winkler als fluider Orpheus im Anzug verbindende wie erklärende Ovid- wie Rilke-Texte bei. Oper als beglückendes Nachdenken über die abendländische Zivilisation, kontemplativ, packend, immer wieder mitreißend durch die Originalität der Ideen wie überraschungsvoll ideal passenden Soundfiles. Einen besonders opulenten Auftritt haben zu Beginn des zweiten Teils Otto Pichlers energetisch stringent choreografierte Tanztruppe und der tolle Projektchor Il Canto d'Orfeo. Denn der bekiffte Narziss verliert sich in einer Sixties-Orgie im Fellini-Satyricon-Look, die auch ein Kleiderfest für den sonst mit seinen Damenroben prunkenden Klaus Bruns ist."

Als "Stück der kommenden Stunde" erlebt Judith von Sternburg (FR) an der Oper Frankfurt derweil Aileen Schneiders Inszenierung von Aribert Reimanns 1956 uraufgeführter Oper "Melusine", die, basierend auf einem Stück von Yvan Goll von Naturzerstörung im Kapitalismus erzählt: Schneider verbindet die "durchaus ironisierten Märchenelemente und das bedrohlich Gegenwärtige/Zukunftsweisende eines zerstörten Ökosystems zu einem feinen, selbst einen Futurismus der 20er Jahre noch sanft hineinbauenden Science-Fiction-Drama. (…) Die Sci-Fi-Atmosphäre bekommt Reimanns Musik, die selbst aus der Zukunft herüberwinkt, namentlich in der Titelpartie, einem gleißend hohen, gezackten und dramatisch aufreibenden Sopran." Auch FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann sieht eine Oper "die die Zerstörung der Natur anklagt, ohne belehrend und platt zu wirken, in der die Ausbeutung der Umwelt zum Untergang in einem Flammenmeer führt und der es dennoch gelingt, zugleich eine vielschichtige und poetisch-rätselhafte Geschichte zu erzählen."

Besprochen werden Annette Luboschs Inszenierung des Musicals "Hello, Dolly" bei den Burgfestspielen Bad Vilbel (FR), Chris Jägers Inszenierung von Purcells "King Arthur" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Leo Meiers Kammerspiel "Fünf minuten stille" am Schauspiel Frankfurt (FR), Maurice Ravels "Konzert für die linke Hand", getanzt vom Ballett am Rhein unter der Leitung von Choreografin Bridget Breiner an der Oper Duisburg (FAZ), die Performance "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" von Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln (FAZ), das Live Art Festival auf Kampnagel in Hamburg (taz), Jan Friedrichs Stück "Onkel Werner" bei den Autor:innentagen in Berlin (taz), die 10. Ausgabe der Programmreihe Macht Kritisches Theater (MKT) im Berliner Ringtheater, bei für ein antifaschistisches Theater geworben wurde (taz), Holger Potockis Inszenierung von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" am Oldenburgischen Staatstheater (taz) und Alexander Flaches Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" Am Theater Alternburg in Gera (nachtkritik).