Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2025 - Bühne

Morgen beginnen die Bregenzer Festspiele. Im Backstage Classical-Interview mit Georg Rudiger erzählt die neue Intendantin Lilli Paasikivi, wie sie mit den großen Einsparungen umgeht, die auch hier angesetzt wurden und welche neuen Einflüsse zu sehen sein werden: "Mit der nordischen Perspektive kann ich etwas Neues mitbringen. Meine Heimat Finnland ist im Programm deutlich erkennbar. Es gibt finnische Dirigenten wie Hannu Lintu, der 'Oedipe' dirigieren wird, und Jukka-Pekka Saraste, der mit der Kullervo-Symphonie von Jean Sibelius ein Werk vorstellt, das auf dem finnischen Nationalepos Kalevala basiert. (...) Ich möchte die Bregenzer Festspiele gerne zu einem Festival der Gesangskunst machen. Auch Chöre werden eine Rolle spielen wie der YL Male Voice Choir, der in der Kullervo-Symphonie mitwirkt und in einem eigenen Konzert ein A-Cappella-Programm mit finnischer Chormusik präsentiert."

Weitere Artikel: In der FAZ ist Jürgen Kesting genervt vom hochtrabenden Ton der Programmankündigung für die Salzburger Festspiele. Gina Thomas hört sich ebenfalls für die FAZ auf dem englischen Sommeropernfestival in Garsington um. In der NZZ resümiert Christian Wildhagen die Intendanz von Andreas Homoki, der nach dreizehn Jahren das Zürcher Opernhaus verlässt. Besprochen wird Lucia Astigarragas Inszenierung von Händels "Giulio Cesare in Egitto" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2025 - Bühne

"See aus Asche". Bild: David Baltzer. 


Auch Roland Schimmelpfennig kann das Nibelungenlied in seinem Stück "See aus Asche" bei den Wormser Nibelungenfestspielen nicht neu erfinden, stellt Judith von Sternburg in der FR fest: Die Geschichte um Gunter, Brunhilde, Siegfried, Kriemhild und Hagen wird von Mina Salehpour inszeniert, "die den Mut hat, hier kein Spektakel zu veranstalten. Aber das Gegenteil von Spektakel ist dann, vor allem im zweiten Teil, ein Zu-Wenig von allem, ein lakonisches bis braves Zuendebringen. (…) Wie es bei anderer Gelegenheit in Romanadaptionen bis zum Verdruss durchexerziert wird, lässt auch Schimmelpfennig seine Figuren meistens eher erzählen als spielen. Vielleicht hat man das satt, kann es aber auch nachvollziehen. Die leicht öde postdramatische Distanz, die dadurch entsteht, entspricht der Vertrautheit mit dem Stoff."

Egbert Tholl sieht für die SZ erst einmal "eine Hügellandschaft aus 600 Tonnen Kies, die einen kleinen Teich umrahmt, und 180 billige, weiße Plastikstühle. Die Bühnenbildnerin Andrea Wagner denkt auch ökologisch, den Kies kann man leicht weiterverwerten, mit den Stühlen lassen sich zahlreiche Eisdielen ausstatten. Und zuvor, in der Aufführung, treffliche Dinge veranstalten. Nachhaltig ist auch Schimmelpfennigs Text: Er ist viel zu gut, um nicht von 'normalen' Theatern nachgespielt zu werden. (…) Gerade im ersten Teil ist das Tempo enorm, dabei bräuchten die vielen epischen Passagen mehr Hallraum, damit man vergegenwärtigen könnte, was da gerade erzählt wird. Im Kern ist das hier Kopftheater, da muss der Kopf auch mitkommen." Jakob Hayner bespricht das Stück für die Welt.

Peter Laudenbach macht in der SZ auf den Fall des Theaterintendanten Daniel Ris aufmerksam, der seinen Posten an der Neuen Bühne Senftenberg nach nur drei Jahren wieder räumen muss. In der Region erreicht die AfD Wahlergebnisse von bis zu 30 Prozent und Ris setzt sich entschieden für die Demokratie ein, was möglicherweise nicht allen passt - das Kulturministerium würde ihn gerne halten, hat aber keine Entscheidungsmacht bezüglich Personalentscheidungen: "Hier rächt sich eine echte Fehlkonstruktion. Das Kulturministerium trägt zwar mehr als die Hälfte der Zuwendungen des Theaters, hat aber bei Personalentscheidungen rein gar nichts zu melden. Im Zweifel kann der Landrat alles allein entscheiden. Die lokale AfD dürfte sich über seine Entscheidung freuen. Die Intendanten der Brandenburger Theater jedoch protestieren in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Rauswurf ihres Kollegen, die sie 'mit Befremden und Erstaunen' zur Kenntnis nehmen."

Weiteres: Die FAZ unterhält sich mit Andreas Homoki, der nun nach 13 Jahren die Opernintendanz in Zürich an Matthias Schulz abgibt.

Besprochen wird "Von meiner Freiheit bis zu deiner Freiheit" von Milan Gather am Landestheater Tübingen, Regie führt Mirijam Kälberer (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2025 - Bühne

Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte in "Brel". Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon


Der Tanz ist gerade eher auf der Höhe der Gegenwart als das Schauspiel, denkt sich Jakob Hayner in der Welt nach ersten Aufführungen beim Festival von Avignon. Anlass sind die rätselhafte Eröffnungschoreografie "Nôt" von Marlene Monteiro Freitas und Anne Teresa De Keersmaekers "Brel", "ein kosmisches Ereignis. Was bei 'Brel' zusammenkommt, ist kaum zu glauben: Chanson, moderner Tanz, Breakdance. ... Vielleicht ist der Tanz auch deswegen gerade im Theater tonangebend, weil er seine Utopie nicht aus der Sprache schöpft, deren Kraft als Sinnträger heute erschöpft scheint, zudem die geschichtlichen Zeichen mehr und mehr auf Abschied von der Schriftkultur stehen. Vor politischen Analphabetismus schützt das jedoch nicht, wie man in Avignon auch sehen kann: Während beim Schlussapplaus oft eine Kufiya oder palästinensische Flagge auftauchen, ist zum Beispiel von einem Zeichen der Solidarität für den in Algerien inhaftierten Boualem Sansal nichts zu sehen."

Die ganze "Bandbreite der durch und durch widersprüchlichen jüdischen Wagner-Rezeption" lernt NZZ-Kritiker Robert Jungwirth in der Ausstellung "Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven" kennen, die im Luzerner Richard-Wagner-Museum gezeigt wird: "Die Ausstellung zeigt, dass beispielsweise viele jüdische Musikerinnen und Musiker sich dessen ungeachtet für seine Kunst interessierten und auch engagierten. Wagner seinerseits hatte offenbar keinerlei Probleme damit, jüdische Künstlerinnen und Künstler für die Aufführungen seiner Opern in Anspruch zu nehmen. ... Beinahe bizarr mutet die Wagner-Begeisterung Theodor Herzls an. Der Begründer des politischen Zionismus schrieb 1895 an seiner visionären Schrift 'Der Judenstaat'. Zur Entspannung ging er dagegen abends gern in Aufführungen von Wagner-Opern."

Weitere Artikel: Katharina Granzin besucht für die taz in Athen das Medley "(Another) Winter Journey" in der Griechischen Nationaloper und eine "Turandot" im Herodeon ("die wohl beliebteste Spielstätte der Stadt überhaupt, belegt eindrucksvoll, dass privates Mäzenatentum sich in lang anhaltendem Nachruhm auszahlen kann. Herodes Atticus, der Stifter dieses ältesten noch erhaltenen antiken Odeon-Theaters, starb vor fast 2.000 Jahren, doch noch immer ist sein Name in aller Munde"). In der FR fragt sich Christian Thomas, warum eigentlich Goethes "Götz von Berlichingen" in diesem Bauernkriegsgedenkjahr nicht gespielt wird. In der SZ denkt Alexander Menden über das FlipFlop-Verbot an der Scala nach: Bekleidungsvorschriften dürften wenig fruchten, glaubt er: "Vielleicht lässt es sich in einer Epoche, in der vor allem für die Selbstfeier der größte äußerliche Aufwand betrieben wird, so erklären: Zieh dich für die Oper so an, wie du gerne auf den Insta-Fotos von der Hochzeit deines besten Freundes aussehen möchtest. Zeig Respekt!"

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Neudichtung der Nibelungen-Sage als "See aus Asche", inszeniert von Mina Salehpour bei den Nibelungenfestspielen Worms (nachtkritik), Mozarts "Zauberflöte", inszeniert als patriarchatskritischer Klassiker von Marielle Sterra und Dennis Depta in der alten Stasizentrale in Berlin (nachtkritik), Philipp M. Krenns Inszenierung des "Fliegenden Holländers" an der Oper im Steinbruch (nmz), Philipp Westerbarkeis' Bühnenspektaktel "Schiff der Träume" nach Fellini am Theater Regensburg (nmz) und Julian Warners Soloabend "Der Soldat", eine Hommage an Frantz Fanon, am Theater Rampe in Stuttgart (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2025 - Bühne

Szene aus Jeanne Candels "Fusées". Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Reinhard J. Brembeck reist für die SZ trotz Flugstreiks bestens gelaunt zu den Festivals in Avignon und Aix-en-Provence, stellt aber eine nicht nur mit den Sparmaßnahmen begründete "Beschränkung der Mittel" fest: "Erleben derzeit Peter Brook mit seinem 'Empty Space' und Jerzy Grotowski mit seinem Armen Theater eine Renaissance? Sollte angesichts einer zunehmend digital aufrüstenden Welt das Theater mit digitaler Verweigerung reagieren, mit einer Rückkehr zu den ältesten, analogen Mitteln? Das wird in Jeanne Candels 'Fusées' (Raketen) auf die Spitze getrieben, das mit den einfachsten Mitteln und der hohen Kunst der Klamotte die Entstehung der Welt in fünf Minuten abhandelt und dann von zwei im All verloren gegangenen Astronauten erzählt, die von den Segnungen einer charmant weiblichen KI durchaus nicht profitieren könnten. Molière, der in Avignon so selbstverständlich präsent ist wie Montesqieu oder Beaumarchais, wäre heute zu solchen Frechheiten und Fourberien fähig, um die Menschlichkeit über Maschinen stellen."

Weitere Artikel: Wehmütig verabschiedet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung ein letztes Relikt aus der Castorf-Neumann-Ära der Volksbühne: Das Designstudio LSD (Last Second Design), das Bert Neumann zusammen mit seiner Frau Lenore Blievernicht gegründet hat und das für das Design der Volksbühne zuständig war, verlässt das Theater im Einvernehmen. Da die milliardenschwere Sanierung der Stuttgarter Oper erneut ins Stocken zu geraten droht, versucht die Stadt Stuttgart den für zehn Jahre geplanten Interimsbau günstiger zu machen, meldet die FR mit dpa.

Besprochen werden außerdem Jetske Mijnssens Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "La Calisto" beim Festival in Aix en Provence (FAZ) und Ingrid El Sigais Inszenierung von Eduard Künnekes "Der Vetter aus Dingsda" an der Kammeroper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2025 - Bühne

Magec / the Desert, Radouan Mriziga, 2025 © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Marc Zitzmann sendet der FAZ einen Zwischenbericht vom Festival d'Aix en Provence, wo ihn nicht nur eine Jacques Brel tanzende Anne Teresa de Keersmaeker umwirft, sondern auch einige der mehr als zehn Produktionen von Schöpfern aus Ägypten, dem Irak, Libanon, Marokko, Palästina, Syrien und Tunesien. Etwa das Stück des marokkanischen Choreografen Radouan Mriziga: Der "hat nach einem Aufenthalt in der Wüste mit sechs Tänzern das Stück 'Magec / The Desert' erarbeitet. In der Stille unter einem riesigen Vollmond steigt Weihrauchduft auf. Rätselgestalten schreiten über die dunkle Bühne - sind es Tiere, Menschen oder Dschinns? Im bleichen Himmelsgestirn quillt ein Atompilz auf, Erinnerung an französische Tests in der Sahara, dann verjagen Traumgesichte die apokalyptische Vision. Ein Hornvieh stampft auf den Boden, wälzt sich, muht; eine zweite Figur trägt eine Stammesmaske vor dem Gesicht und wiegt sich in den Hüften."

Zu den in einer VAN-Recherche erhobenen Vorwürfe zu mutmaßlicher Geldverschwendung an der Komischen Oper (unser Resümee) haben sich deren Ko-Intendanten gegenüber VAN bisher nicht geäußert, stattdessen wird über den eigens engagierten Anwalt Christian Schertz kommuniziert, informiert Hartmut Welscher: "Über Schertz lässt die Oper mitteilen, dass 'alle gesetzlichen und sonstigen Vorgaben peinlich genau eingehalten wurden, sodass unseres Erachtens bereits der Berichterstattungsanlass entfällt'. (…) Statt Kritik zu entkräften, versuchen Bröking und Moser, die Kritiker zu diskreditieren".

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Axel Brüggemann (BackstageClassical), spricht Katharina Wagner über Sparmaßnahmen bei den Bayreuther Festspielen und fordert, dass "die Tarifsteigerungen zukünftig von den Gesellschaftern mitgetragen würden." In der Nachtkritik möchte Michael Bartsch wissen, ob Daniel Ris, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg das Haus trotz Erfolgs verlassen soll. Aber die Träger des Theaters, der Landkreis Oberspreewald-Lausitz und die Stadt Senftenberg geben keine Auskünfte zu ihren Beweggründen. Die US-amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier übernimmt 2027 Leitung der Ruhrtriennale, meldet die FR mit EPD. Besprochen wird Christine Vogts Stück "Totenwache" im F2 Theater im Pflegewohnheim "Am Kreuzberg" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2025 - Bühne

Répétitions de "La Calisto" de Cavalli, nouvelle production du Festival d'Aix-en-Provence à découvrir du 7 au 21 juillet 2025 au Théâtre de l'Archevêché. Festival d'Aix-en-Provence 2025 © Jean-Louis Fernandez

Viel Freude hat Welt-Autor Manuel Brug auf dem Aix-en-Provence Festival mit Francesco Cavallis Barockoper "La Callisto", die dort als szenische Premiere zur Aufführung kommt. Nichts Menschliches ist diesem über dreieinhalb Jahrhunderte alten Stück Musiktheater fremd, auf dem Programm stehen unter anderem: "Teilzeitlesben, Crossdresser, Metrosexuelle, Transen, Immergeile, Dauerkeusche, Verliebte, Verrückte". Ausstattung und Choreographie sind hochklassig, und doch: "So fein ziseliert sich hier die subtile Personenregie von Jetske Mijnssen entfaltet und so edel es aussieht - die Bestie Mensch im feinen Gewand geht sich trotzdem beständig im Liebeswahn an die Gurgel. Und am Ende ersticht diesmal Kallisto ihren Verführer Jupiter." Peter Sellars an gleicher Stelle aufgeführtes Multimedia-Stück "The Nine Jewelled Deer" lässt Brug derweil kalt.

Anja-Rosa Thömig ist ebenfalls in Aix-en-Provence und schreibt für die FAZ über eine Kammerfassung von Benjamin Brittens "Billy Budd" sowie über Christoph Loys Charpentier-Inszenierung "Louise". Auf nmz schließlich bespricht ein weiterer Aix-Besucher, Joachim Lange, die dortige "Don Giovanni"-Aufführung.

Hambuger Ballett-Tage - Die kleine Meerjungfrau © Kiran West

Wiebke Hüster ist in der FAZ sehr angetan von John Neumeiers Stück "Die kleine Meerjungfrau", das die Hamburger Ballett-Tage eröffnet. Die Besetzung ist, wie in Hamburg gewohnt, absolut makellos. Die Titelfigur wird von Xue Lin gegeben. Sie "tanzt den Schmerz der auf ihren neuen Füßen unbeholfenen Meerjungfrau an Land sehr bewegend. Neumeier setzt sie sogar in einen Rollstuhl, später zeigt er sie in einer Kammer gefangen, ein Bild für ihre Einsamkeit unter den Menschen und ihre unerwiderte Liebe. Das sind großartige Momente. Sie sind deshalb so ergreifend, weil Neumeier seine ganze Empathie diesem Wesen schenkt, das sich wünscht, tanzen zu können."

Weitere Artikel: Michael Bartsch fragt sich in der taz, warum die Neue Bühne Senftenberg in Südbrandenburg ihren Leiter Daniel Ris loswerden will und vermutet: Er könnte sich zu deutlich gesellschaftskritisch positioniert haben. Shirin Sojitrawalla geht gerade im Sommer gerne ins Theater, lernen wir in der nachtkritik. Für Backstage Classical unterhält sich Axel Brüggemann per Podcast mit Katharina Wagner, der Chefin der Bayreuther Festspiele über die angespannte Finanzlage.

Besprochen werden das von Paula Romy am Berliner Renaissance-Theater mit Katja Riemann inszenierte ein-Frau-Science-Fiction-Stück "Division" (BlZ, nachtkritik), das von Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bestückte Programm "Freshhh 2025" (FR) und "Die Lauchhammer Files" am TD Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2025 - Bühne

Szene aus "Don Giovanni". Bild: Monika Rittershaus

In der Welt wundert sich Manuel Brug: Der britische Theaterregisseur Robert Icke ist inzwischen bekannt für seine radikalen Klassiker-Neuentdeckungen, seine Inszenierung des "Don Giovanni" beim Festival d'Aix-en-Provence erscheint aber wie ein Versatzstück aus anderen "Don-Giovanni"-Inszenierungen: "Einen während der ganzen letzten Nacht sterbenden Verführer gab es schon in Claus Guths von Salzburg weit gereister Produktion. Ebenso stellte schon Martin Kušej in seiner weitgereisten Version Frauen permanent als Objekte, Schaufensterpuppen oder Miss-Wahl-Statistinnen aus. Mit alles nur wiederholenden Videobildern ist die internationale Operngemeinde längst so hinreichend versorgt wie mit Doppelgängern, einem Verführer als mieses MeToo-Würstchen und sich durch vermutlich missbrauchte Kinder spiegelnde Protagonistinnen."

Szene aus "Wasserfälle von Slunj" © Lalo Jodlbauer

Als "Glücksfall" wertet Nachtkritikerin Gabi Hift Nicolaus Haggs Dramatisierung von Heimito von Doderers Roman "Die Wasserfälle von Slunj" bei den Festspielen in Reichenau: "Man kann nicht unterscheiden, wo es sich um originale Doderer-Dialoge handelt und wo etwas von Hagg dazu erfunden ist. (...) Doderers Figuren kommen aus ganz verschiedenen Schichten, haben unterschiedliche Nationalitäten, sehr verschiedene erotische Vorlieben, herrliche Marotten und seltsame Strategien, um durchs Leben zu kommen. Doderer macht sich gnadenlos über seine Figuren lustig, ist aber auch ein brillanter Seelensezierer. Weil er einem die Figuren bis in die kleinsten Verästelungen zeigt, versteht man sie besser als sie sich selbst und fühlt mit ihnen mit. .... Hagg hat das ausgezeichnet in Dialoge übersetzt, und die vielschichtigen Figuren machen denen, die sie spielen, ganz offensichtlich viel Freude."

Besprochen werden Hofesh Shechters Choreografie "Theatre of Dreams" beim Tanzfestival Colours in Stuttgart (FR), Marcus Boschs und Vera Nemirovs Kombination aus Puccinis Komödie "Gianni Schicchi" und Richard Strauss' Tragödie "Elektra" bei den Opernfestspielen in Heidenheim (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2025 - Bühne

Szene aus Ibsens "Die Wildente", Inszenierung von Thomas Ostermeier, 2025. Foto © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Das Festival d'Avignon zeigt in Koproduktion mit der Berliner Schaubühne in diesem Jahr Henrik Ibsens "Die Wildente", inszeniert von Thomas Ostermeier. Nachtkritiker Joseph Hanimann befindet: Das titelgebende Tier ist in dieser Darbietung leider irgendwie  "überflüssig geworden. Hedwig füttert sie zwar gelegentlich und schaut zu ihr rein. Wenn Hjalmar beim Erfahren der Wahrheit um sich brüllt, er möchte dem Tier am liebsten den Hals umdrehen, denn es gebe gewisse Ideale und er wolle unter seinem Dach kein Vieh haben, das von seinem verhassten Gönner Werle komme, antwortet Hedwig gelassen: 'Du redest von einer Ente.' Halt nur eine Ente. Als Spannungsbogen des Stücks trägt das nicht mehr. ... Die Aufführung gerät mit ihrem Realismus zusehends zur Posse, mit gezielt eingesetzten Lachern."

Weitere Artikel: Die Mailänder Scala will ihren Dresscode von nun an strikter durchsetzen und Menschen in Flipflops vor die Tür setzen, ist dem Standard zu entnehmen.

Besprochen werden Stas Zhyrkovs Inszenierung des "König Lear - Der letzte Gang" von Pavlo Arie nach Shakespeare am Theater Heidelberg (nachtkritik), Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Tine Rahel Völckers "Gesänge vom Überleben" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik), Robert Ickes Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni", beim Opernfestival in Aix (FAZ) und Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" beim Passionstheater Oberammergau (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2025 - Bühne

In der FAZ ist Wiebke Hüster spürbar fasziniert von dem amerikanischen Tänzer und Choreografen Trajal Harrell, der im Rahmen des Holland Festivals in Amsterdam seine Ideen vorgestellt hat, wie sich die Ideen Tatsumi Hijikatas, Mitbegründer des Modernen Tanzes in Japan, für den Tanz der Gegenwart nutzen lassen: "Der assoziative und poetische Umgang mit Gegenständen auf der Bühne, die Entrücktheit von Gesichtsausdrücken, der Gedanke, dass 'etwas' durch einen hindurchtanzt im Prozess, dass der gegenwärtige, lebendige Körper zum Instrument eines anderen, bereits Verstorbenen wird, alle diese Versuche mit nicht westlichen Konzepten von Tod und Tradition, Seele und Körper sind ein lohnendes Experimentierfeld, aber auch eine Hommage. Wie eine Reverenz an die Vorausgegangenen, die Denker, die Tänzer. Die Idee der Selbstvergewisserung, der Rückversicherung spielt auch eine Rolle. Denn es ist nicht unwichtig zu wissen, dass man unter den Zeitgenossen isoliert sein mag, es aber nicht wäre, wenn der Tod abgeschafft wäre."

Hier stellt sich Harrell selbst vor:



Besprochen wird außerdem Alexandra Liedtkes Adaption von Joseph Roths "Hiob" bei den Festspielen Reichenau (nachtkritik).
Stichwörter: Harrell, Trajal, Tanz

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2025 - Bühne

Szene aus "Hiob". Bild: Lalo Jodlbauer

"Theater schafft Räume für Träume" lautet das diesjährige Motto der Reichenauer Festspiele, die mit Alexandra Liedtkes Dramatisierung des Romans "Hiob" von Joseph Roth eröffneten. Zum Träumen angeregt wird Nachtkritikerin Gabi Hift allerdings nicht, denn: "Liedtke hat sich gegen eine naturalistische Umsetzung der Geschichte entschieden, eine für Reichenau ungewöhnliche Entscheidung. Roth schrieb, das Wesentliche des Romans seien weder die Handlung noch die Gefühlsmomente, sondern Rhythmus und Melodie der Sprache, die 'biblische Musik'. Um die Magie dieser Sprache zu erhalten, bewahrt Liedtke die Erzählstimme Joseph Roths und wandelt sie nicht in Dialoge um. Das ist ein interessanter und kluger Ansatz - leider ist die Umsetzung unentschieden. Alle Darstellerinnen sind mal Erzähler mal Figur. Sie gleiten aus der Erzählerposition in die Figuren hinüber, als würden die Figuren sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. Das zerstört aber das Faszinosum der Erzählung, die von weit außerhalb in rauschhaften Bildern das einfache, schlichte Leben einer Familie besingt."

Weitere Artikel: Für die FR spricht Judith von Sternburg mit dem Schauspieler Peter Schröder, der das Schauspiel Frankfurt nach knapp 15 Jahren verlässt, über seine Karriere. Besprochen wird außerdem Kuluk Helms' Inszenierung des Tucholsky-Stücks "Kolumbus oder Die 'Entdeckung' Amerikas" am Theater Lübeck (taz).