Intervention
Das verhängnisvolle Vermächtnis der DDR
Von Richard Herzinger
07.10.2024. Vor 75 Jahren wurde die DDR gegründet, vor 35 Jahren kollabierte sie. Als Untote kehrt sie in den jüngsten Wahlen wieder. Dass das Pendel antidemokratischer Affekte hauptsächlich nach rechtsaußen ausschlägt, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt: Weit davon entfernt, ein "antifaschistischer" Staat zu sein, konservierte die DDR in hohem Maße mentale Strukturen des Nationalsozialismus.Vor 75 Jahren, am 7. Oktober 1949, wurde die DDR gegründet, und vor 35 Jahren besiegelte der Mauerfall am 9. November ihren Untergang. Doch heute zeigt sich, dass sie nie ganz verschwunden ist. Das verhängnisvolle Vermächtnis der DDR kommt jetzt wieder offen zum Vorschein.
Dass bei den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg rund die Hälfte der Wähler für extremistische Parteien gestimmt haben, die von der mörderischen russischen Autokratie gesteuert werden, erschüttert die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland in ihren Grundfesten. Zwar handelt es sich bei dem Zulauf für Rechts- und Linkspopulisten keineswegs um ein spezifisch ostdeutsches, sondern um ein gesamteuropäisches Phänomen. In Deutschland mit seiner düsteren Geschichte zweier aufeinanderfolgender Diktaturen hat die Tatsache, dass antidemokratische Parteien in freien Wahlen Mehrheiten erzielen können, jedoch in besonderem Maße den Charakter eines bedrohlichen epochalen Einschnitts.
Auch in Westdeutschland befindet sich das antiliberale und antiwestliche - und namentlich antiamerikanische - Ressentiment im Vormarsch. In weiten Teilen Ostdeutschlands hat es sich jedoch bereits zur mehrheitlich vorherrschenden Grundhaltung verfestigt. Mit sozialen Verwerfungen und tatsächlichen oder vermeintlichen Benachteiligungen der östlichen Bundesländer ist das nicht zu erklären. Diese zählen vielmehr, wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in Erinnerung ruft, "zu den wohlhabendsten Regionen in Europa." Das dort überbordende "Wutpotenzial" gegen den Westen beschränkt sich zudem, so Kowalczuk, nicht auf sozial schwache Schichten, sondern ist ein "klassenübergreifendes Phänomen".
Die besondere Empfänglichkeit der ostdeutschen Gesellschaft für autoritäre und totalitäre Versuchungen ist nicht ohne die Prägung durch die unbewältigte DDR-Vergangenheit zu erklären. Ihre fortdauernde Wirkung ist der mangelnden Reflexion der Schäden geschuldet, die von der kommunistischen Diktatur nicht nur im Bereich der Ökonomie, sondern auch in der sozialpsychologischen Disposition der Bürger angerichtet wurde.
Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit nach der "Wende" konzentrierte sich vor allem auf die Rolle der Staatssicherheit und der SED - wobei eine Mitgliedschaft in der Staatspartei als weit weniger verwerflich angesehen wurde als eine Tätigkeit im Dienste der Stasi. Das äußerte sich nicht zuletzt darin, dass die SED im vereinigten Deutschland nicht verboten wurde, sondern unter neuem Namen weitermachen konnte - und bald als "normaler" Bestandteil des demokratischen Spektrums akzeptiert wurde. Der breiteren ehemaligen DDR-Bevölkerung wurde eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Anteil am Funktionieren des totalitären Systems indes ganz erspart.
In Ostdeutschland wollte man nach dem Ende der DDR die Vergangenheit so schnell wie möglich hinter sich lassen, um unbeschwert an der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft teilhaben zu können. In Westdeutschland wiederum gab man sich der Illusion hin, der Osten werde sich rasch nicht nur der Wirtschaftsleistung, sondern auch der Mentalität der bundesdeutschen Gesellschaft angleichen. Diesen Prozess wollte man nicht durch eine zu schmerzhafte Beschäftigung mit den Nachwirkungen des DDR-Unterdrückungssystems stören.
Doch totalitäre Gesellschaften funktionieren nicht, ohne dass sich die große Mehrheit des Staatsvolks zumindest parziell mit den herrschenden Verhältnissen identifiziert oder zumindest abfindet. Die entsprechend Anpassungsleistung wurde dadurch begünstigt , dass der Lebensstandard in der DDR deutlich höher war als in anderen Staaten des Sowjetblocks. Wer sich der Diktatur widerspruchslos unterwarf, konnte dort in weitgehender materieller Sorglosigkeit und umfassender sozialer Sicherheit leben.
Zwar gibt es heute wohl kaum einen Ostdeutschen, der sich die DDR in der alten Form zurückwünscht. Doch die Erfahrung einer gesicherten Existenz unter autoritärer Aufsicht hat sich tief in das Gedächtnis vieler ehemaliger DDR-Bürger eingegraben und wird über Generationen hinweg tradiert. Angesichts der krisenhaften Verunsicherungen Gegenwart entsteht so ein zunehmend verklärtes Bild des Lebens in dem totalitären Staat, das zunehmend auch im Westen Akzeptanz findet.
Dass das Pendel antidemokratischer Affekte heute hauptsächlich nach rechtsaußen ausschlägt, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt: Weit davon entfernt, ein "antifaschistischer" Staat zu sein, konservierte die DDR in hohem Maße mentale Strukturen des Nationalsozialismus. Die SED-Ideologie schob die Verantwortung für die NS-Barbarei auf den "Kapitalismus" und damit auf "den Westen" ab und sprach "die Werktätigen" pauschal von Schuld daran frei. Eine wahrhaftige Aufarbeitung der katastrophalen deutschen Vergangenheit fand so in der DDR nie statt.
Ungeachtet des von der offiziellen Ideologie propagierten "Internationalismus" war der "Arbeiter- und Bauernstaat" zudem eine weitestgehend ethnisch homogene Gesellschaft, die von der Außenwelt abgeschottet wurde, und in der Ausländer kaum vorhanden oder - wie die "Leiharbeiter" aus sozialistischen Ländern - außerhalb der Produktionssphäre unsichtbar waren. So kam die DDR dem "völkischen" Ideal eines "rein deutschen" Staats näher als ihren linken Apologeten lieb sein kann. Und auch die Rituale der Gleichschaltung und kollektivistischen Zurichtung in gesellschaftlichen "Frontorganisationen" und Jugendverbänden glichen auf gespenstische Weise denen im NS-Staat.
Weil sich die ostdeutsche Gesellschaft einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihrer autoritären Imprägnierung nie stellen musste, konnte sich in den Neuen Ländern das Selbstbild durchsetzen, in Gänze unschuldiges Opfer der DDR-Machthaber gewesen zu sein. Entsprechend wird jetzt die Schuld an der Enttäuschung eigener überzogener Erwartungen an die Demokratie einer dunklen Macht zugeschoben: "dem Westen" und seinen angeblich von "dem Volk" entfremdeten "Eliten". Auf der Strecke bleibt die Entwicklung eines Bewusstseins für Eigenverantwortung und für die Notwendigkeit von Eigeninitiative in einer komplexen, von Konflikten und Widersprüchen geprägten offenen Gesellschaft.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
Dass bei den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg rund die Hälfte der Wähler für extremistische Parteien gestimmt haben, die von der mörderischen russischen Autokratie gesteuert werden, erschüttert die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland in ihren Grundfesten. Zwar handelt es sich bei dem Zulauf für Rechts- und Linkspopulisten keineswegs um ein spezifisch ostdeutsches, sondern um ein gesamteuropäisches Phänomen. In Deutschland mit seiner düsteren Geschichte zweier aufeinanderfolgender Diktaturen hat die Tatsache, dass antidemokratische Parteien in freien Wahlen Mehrheiten erzielen können, jedoch in besonderem Maße den Charakter eines bedrohlichen epochalen Einschnitts.
Auch in Westdeutschland befindet sich das antiliberale und antiwestliche - und namentlich antiamerikanische - Ressentiment im Vormarsch. In weiten Teilen Ostdeutschlands hat es sich jedoch bereits zur mehrheitlich vorherrschenden Grundhaltung verfestigt. Mit sozialen Verwerfungen und tatsächlichen oder vermeintlichen Benachteiligungen der östlichen Bundesländer ist das nicht zu erklären. Diese zählen vielmehr, wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in Erinnerung ruft, "zu den wohlhabendsten Regionen in Europa." Das dort überbordende "Wutpotenzial" gegen den Westen beschränkt sich zudem, so Kowalczuk, nicht auf sozial schwache Schichten, sondern ist ein "klassenübergreifendes Phänomen".
Die besondere Empfänglichkeit der ostdeutschen Gesellschaft für autoritäre und totalitäre Versuchungen ist nicht ohne die Prägung durch die unbewältigte DDR-Vergangenheit zu erklären. Ihre fortdauernde Wirkung ist der mangelnden Reflexion der Schäden geschuldet, die von der kommunistischen Diktatur nicht nur im Bereich der Ökonomie, sondern auch in der sozialpsychologischen Disposition der Bürger angerichtet wurde.
Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit nach der "Wende" konzentrierte sich vor allem auf die Rolle der Staatssicherheit und der SED - wobei eine Mitgliedschaft in der Staatspartei als weit weniger verwerflich angesehen wurde als eine Tätigkeit im Dienste der Stasi. Das äußerte sich nicht zuletzt darin, dass die SED im vereinigten Deutschland nicht verboten wurde, sondern unter neuem Namen weitermachen konnte - und bald als "normaler" Bestandteil des demokratischen Spektrums akzeptiert wurde. Der breiteren ehemaligen DDR-Bevölkerung wurde eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Anteil am Funktionieren des totalitären Systems indes ganz erspart.
In Ostdeutschland wollte man nach dem Ende der DDR die Vergangenheit so schnell wie möglich hinter sich lassen, um unbeschwert an der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft teilhaben zu können. In Westdeutschland wiederum gab man sich der Illusion hin, der Osten werde sich rasch nicht nur der Wirtschaftsleistung, sondern auch der Mentalität der bundesdeutschen Gesellschaft angleichen. Diesen Prozess wollte man nicht durch eine zu schmerzhafte Beschäftigung mit den Nachwirkungen des DDR-Unterdrückungssystems stören.
Doch totalitäre Gesellschaften funktionieren nicht, ohne dass sich die große Mehrheit des Staatsvolks zumindest parziell mit den herrschenden Verhältnissen identifiziert oder zumindest abfindet. Die entsprechend Anpassungsleistung wurde dadurch begünstigt , dass der Lebensstandard in der DDR deutlich höher war als in anderen Staaten des Sowjetblocks. Wer sich der Diktatur widerspruchslos unterwarf, konnte dort in weitgehender materieller Sorglosigkeit und umfassender sozialer Sicherheit leben.
Zwar gibt es heute wohl kaum einen Ostdeutschen, der sich die DDR in der alten Form zurückwünscht. Doch die Erfahrung einer gesicherten Existenz unter autoritärer Aufsicht hat sich tief in das Gedächtnis vieler ehemaliger DDR-Bürger eingegraben und wird über Generationen hinweg tradiert. Angesichts der krisenhaften Verunsicherungen Gegenwart entsteht so ein zunehmend verklärtes Bild des Lebens in dem totalitären Staat, das zunehmend auch im Westen Akzeptanz findet.
Dass das Pendel antidemokratischer Affekte heute hauptsächlich nach rechtsaußen ausschlägt, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt: Weit davon entfernt, ein "antifaschistischer" Staat zu sein, konservierte die DDR in hohem Maße mentale Strukturen des Nationalsozialismus. Die SED-Ideologie schob die Verantwortung für die NS-Barbarei auf den "Kapitalismus" und damit auf "den Westen" ab und sprach "die Werktätigen" pauschal von Schuld daran frei. Eine wahrhaftige Aufarbeitung der katastrophalen deutschen Vergangenheit fand so in der DDR nie statt.
Ungeachtet des von der offiziellen Ideologie propagierten "Internationalismus" war der "Arbeiter- und Bauernstaat" zudem eine weitestgehend ethnisch homogene Gesellschaft, die von der Außenwelt abgeschottet wurde, und in der Ausländer kaum vorhanden oder - wie die "Leiharbeiter" aus sozialistischen Ländern - außerhalb der Produktionssphäre unsichtbar waren. So kam die DDR dem "völkischen" Ideal eines "rein deutschen" Staats näher als ihren linken Apologeten lieb sein kann. Und auch die Rituale der Gleichschaltung und kollektivistischen Zurichtung in gesellschaftlichen "Frontorganisationen" und Jugendverbänden glichen auf gespenstische Weise denen im NS-Staat.
Weil sich die ostdeutsche Gesellschaft einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihrer autoritären Imprägnierung nie stellen musste, konnte sich in den Neuen Ländern das Selbstbild durchsetzen, in Gänze unschuldiges Opfer der DDR-Machthaber gewesen zu sein. Entsprechend wird jetzt die Schuld an der Enttäuschung eigener überzogener Erwartungen an die Demokratie einer dunklen Macht zugeschoben: "dem Westen" und seinen angeblich von "dem Volk" entfremdeten "Eliten". Auf der Strecke bleibt die Entwicklung eines Bewusstseins für Eigenverantwortung und für die Notwendigkeit von Eigeninitiative in einer komplexen, von Konflikten und Widersprüchen geprägten offenen Gesellschaft.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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