Intervention

Lob des Pessimismus

Von Richard Herzinger
01.11.2024. Anne Applebaum hat am 20. Oktober in der Paulskirche in Frankfurt am Main den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten und eine großartige Dankesrede gehalten. An einer Stelle ist allerdings ein kleiner Einwand angebracht: Sie sagte, der Kampf gegen totalitäre Bedrohungen sei auch ein Kampf gegen "Hoffnungslosigkeit und Pessimismus" im Westen. Ist es nicht eher ein blinder  Optimismus, der Europa und die Welt gegenüber Putin in die Irre geführt hat?
Die US-Historikerin und Publizistin Anne Applebaum hat am 20. Oktober in der Paulskirche in Frankfurt am Main den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten und eine großartige Dankesrede gehalten. In eindringlichen Worten forderte sie den Westen zu einer stärkeren und konsequenteren Unterstützung der Ukraine auf. Denn nur ihr militärischer Sieg könne den Expansionsdrang Russlands und anderer Autokratien stoppen und damit Frieden und Freiheit in ganz Europa sichern.

An einer Stelle ihrer Rede fiel mir jedoch eine Unstimmigkeit auf: als Applebaum erklärte, der Kampf gegen totalitäre Bedrohungen sei auch ein Kampf gegen "Hoffnungslosigkeit und Pessimismus" im Westen. Im Kern hatte sie auch mit dieser Feststellung recht. In der Konfrontation mit aggressiven Despotien müssen die demokratischen Gesellschaften zu  ihren freiheitlichen Werten stehen und die Überzeugung bewahren, dass sie stärker sind als der Ungeist des Autoritarismus. Das Vertrauen in die Widerstandskraft und Überlebensfähigkeit der liberalen Demokratien zu untergraben, ist nicht von ungefähr eine zentrale Stoßrichtung der Kriegspropaganda des Kreml.  

Was daran aber nicht einleuchtet, ist die Gleichsetzung von Hoffnungslosigkeit und "Pessimismus". Diesen für die gegenwärtige Schwäche der westlichen Demokratien verantwortlich zu machen, ist zumindest missverständlich. Denn der Vorwurf, pessimistische "Schwarzseherei" zu betreiben, wurde über viele Jahre hinweg häufig gerade gegen jene erhoben, die am deutlichsten vor dem Aggressionspotenzial des putinistischen Russland warnten und den Westen aufriefen, ihm mutiger und offensiver entgegenzutreten.

In diesem Vorwurf schwang  auch die Unterstellung mit, die "Pessimisten" stellten die Gefahren aus einer gewissen psychischen Veranlagung heraus, die Dinge negativ zu sehen, so drastisch dar - und nicht etwa, weil die objektiven Fakten ihre Einschätzung stützten. Indem die Debatte so auf die Ebene subjektiver Befindlichkeiten verlagert wurde, trübte sich der Blick auf die Realität einer sich stetig zuspitzenden Bedrohungssituation für die freie Welt.

Eines der Standardargumente gegen einen "überzogenen Pessimismus" lautete, man dürfe Putins Gefährlichkeit nicht übertreiben, weil man ihn damit nur ungebührlich aufwerte. Denn in Wahrheit sei er gar nicht so stark wie er sich selbst gerne darstellt und von anderen gesehen werden will. Klüger sei es, seine politischen und militärischen Drohgebärden bis zu einem gewissen Grad zu ignorieren und so ins Leere laufen zu lassen. Heute, da offenbar wird, welche enormen Schäden die hybride Kriegsführung der russischen Desinformations- und Manipulationsapparate in den westlichen Demokratien bereits angerichtet hat, zeigt sich, wie verhängnisvoll falsch dieser Ratschlag war.

Gewiss gab und gibt es auch eine Form des "Pessimismus", die bewusst oder unwillentlich auf die Unterminierung des Selbstbewusstseins der Demokratien zielt. Auf eine solche Haltung trifft allerdings eher die Bezeichnung "Defätismus" zu. Das größere Problem der vergangenen Jahrzehnte war jedoch eine Art gewohnheitsmäßiger Optimismus, der sich an die Hoffnung klammerte, es werde mit Putins Aggressionsplänen schon nicht ganz so schlimm werden. Und der sich der trügerischen Gewissheit hingab, den florierenden westlichen Demokratien könne ein rückständiges Land wie Russland letztlich ja ohnehin nichts anhaben.   

Das berühmteste Beispiel dafür, dass eine scheinbar "pessimistische" Weltsicht die Widerstandskräfte der Demokratie gegen ihre Feinde keineswegs lähmen oder doch zumindest schwächen muss, hat Winston Churchill geliefert. Als er in der Stunde größter existenzieller Bedrohung seines Landes dessen Geschicke in die Hand nahm, verzichtete er darauf, die Lage schönzufärben und die Bevölkerung mit optimistischen Parolen bei Laune zu halten. Statt dessen erklärte er bei seinem Amtsantritt als Premierminister im Mai 1940 unverblümt: "Ich habe nichts zu bieten außer Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß".

Gerade diese düstere Ansage mobilisierte die Widerstandskräfte der britischen Gesellschaft und befähigte sie, der vermeintlichen Übermacht der NS-Kriegsmaschine standzuhalten. Nur gut eineinhalb Jahre zuvor hatte sein Vorgänger, der Appeasement-Politiker Neville Chamberlain, noch ein  wertloses, von Adolf Hitler unterzeichnets Friedensbekenntnis in die Höhe gehalten und einer jubelnden Menge verkündet, der "Frieden in unserer Zeit" sei nun gesichert. Nur dass Churchill in den Jahren der Beschwichtigung auf seinen dunklen Prophezeiungen bezüglich Hitlers Vernichtungsabsichten bestand, bewahrte Großbritannien davor, an diesem falschen Optimismus zugrunde zu gehen.

George Orwell, den Anne Applebaum in ihrer Preisrede als beispielhaften Kritiker eines falsch verstandenen Pazifismus zitiert hat, schrieb mit "1984" einen dystopischen Roman, in dem es für den Einzelnen keinen Ausweg aus der vollständigen Kontrolle durch einen totalitären Überwachungsstaat gibt. Er endet ohne jeglichen Hoffnungsschimmer. Doch weit davon entfernt, ihre Leserschaft zu entmutigen, sensibilisierte Orwells literarische Vision wie keine andere die Weltöffentlichkeit für die Dimension der Bedrohung, die vom Totalitarismus ausgeht.

"Optimismus" und "Pessimismus" sind somit keine geeigneten Kategorien, um den Grad der Widerstandsfähigkeit freier Gesellschaften zu bemessen. Gefordert ist eine Haltung, die schonungslos aufzeigt, welche Gefahren der Demokratie drohen, aber auch ihre inneren Schwächen benennt - nicht aber, um Hoffnungslosigkeit zu verbreiten, sondern um die freiheitlichen Gesellschaften zur Erneuerung ihrer Stärken und ihres Selbstbehauptungswillens aufzurütteln.

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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