
Um die derzeitige Krise der politischen Kultur Ungarns zu überwinden, sollen die
Intellektuellen mehr Verantwortung tragen, wird oft gefordert. Der Schriftsteller Ivan Sandor
fände es dagegen zweckdienlicher zu erforschen, warum eine solche
Verantwortung oft vergebens war. Denn während die politische und intellektuelle Elite des 19. Jahrhunderts noch weitgehend identisch war, ist im 20. Jahrhundert die Reihe der ungehörten, verfolgten und emigrierten Intellektuellen sehr sehr lang: "Seit einiger Zeit ist die Fähigkeit zur (historischen) Selbsterkenntnis abhanden gekommen, sagt man, sage auch ich. Kann man sich diesem Dilemma auch aus einer anderen Perspektive nähern? Folgt aus der Selbsterkenntnis immer die Einsicht? Kann das Wissen nicht auch zur Erkenntnis führen, dass es im 20. Jahrhundert
weder Kraft noch Wille gab, den Abstieg zu stoppen? Kann es nicht auch zu der Erkenntnis führen, dass der Mensch deshalb fortsetzt, woran er teilnimmt und was er gestaltet (und nicht nur erleidet) - weil er sich im evolutionären-historischen Sinne nicht ändern kann? Es gibt allerdings Länder, in denen er es kann.?
Aus der Ausgabe letzter Woche: Im Herbst 1968 flüchtete der Prager Filmstudent
Pavel Schnabel nach Deutschland, wo er zu einem der bekanntesten Dokumentarfilmer wurde. Über die Erfahrung, aus dem
Prager 1968 ins 1968 der
westeuropäischen Studentenbewegung zu geraten, sprach er im
Interview mit Zoltan Szalai: "Stellen Sie sich vor, Sie verlassen ein Land, weil Sie nichts mehr von Politik und Kommunismus hören wollen - und begegnen dann in einem anderen Land wildfremden Menschen, die gerade am Entfachen einer gesellschaftlichen Revolution arbeiten. In der langen Zeit, die ich mit ihnen verbrachte, stellte sich die Frage immer öfter, was ich vom westlichen 1968 halte und warum ich die
Tschechoslowakei verlassen habe. Nach einer gewissen Zeit habe ich mit ihnen zusammen demonstriert und an mehreren 'sit ins' teilgenommen - unter anderem gegen den Springer-Konzern. Sowohl ich als auch sie mussten verstehen, dass ich die Tschechoslowakei nicht wegen jenem Sozialismus verlassen habe, für den sie kämpfen, und dass sie nicht jenen Kommunismus verwirklichen wollen, vor dem ich geflohen bin. Ich musste erkennen, dass die damalige BRD die
Ideale des Sozialismus besser verkörperte als die Tschechoslowakei."