Magazinrundschau - Archiv

Fathom

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - Fathom

Calev Ben-Dor unterhält sich sehr ausführlich mit dem Autor Howard Jacobson. Der größte Teil des Gesprächs handelt von seinen Büchern, von denen einige ins Deutsche übersetzt sind. Verzweifelt klingt er, als das Gespräch auf die Lage der Juden in Großbritannien kommt, und den Hass, der ihnen entgegenschlägt. Die Atmosphäre verdüstert sich immer weiter, so Jacobson: "Nach dem 7. Oktober fiel mir auf, dass einige der besten Moderatoren - die BBC habe ich schon aufgegeben, sie hat mich zu sehr erzürnt, obwohl ich sie früher bewundert habe - einige der besten Moderatoren im Talkradio einem Anrufer nicht einfach den Ausdruck 'Genozid' durchgehen ließen. Sie sagten: Moment mal, das ist nicht bewiesen, das ist eine haltlose Anschuldigung, ich werde nicht zulassen, dass Sie 'Genozid' sagen. Einige der Besten unter ihnen hielten wochenlang, ja sogar monatelang gewissenhaft daran fest. Einige der Schlechtesten taten das nie - sie hatten 'Genozid' von Anfang an übernommen. Doch nach und nach ließen selbst die Besten unter ihnen den Begriff passieren, als ob ihnen die Energie ausgegangen wäre, ihm weiterhin zu widersprechen. Das erschreckt mich - dass einigen von uns die Energie ausgeht, einer abscheulichen Lüge zu widersprechen… Was auch immer Israel jetzt tut, wird als Völkermord bezeichnet. Hier ist also die eigentliche Frage: Wie können wir das stoppen? Wenn ich mit jüdischen Gruppen spreche, sage ich: Ihr müsst jedes Mal widersprechen, wenn ihr 'Genozid' oder eine der anderen Lügen hört - wie jene Lüge, die ich während des Gaza-Kriegs immer wieder hörte, dass auf jedem Dach und an jedem Laternenpfahl ein israelischer Scharfschütze stand, dessen einzige Aufgabe darin bestand, palästinensische Kinder zu töten. Ich habe das so oft gehört, dass ich mich daran erinnere, zu meiner Frau gesagt zu haben: 'Könnte das etwa wahr sein?' Und wir waren uns beide einig, dass das nicht sein konnte. Aber wer weiß schon, was nicht hätte sein können. Das ist die Wirkung einer Lüge, die immer und immer wieder erzählt wird: Sie wird zur Wahrheit."

Magazinrundschau vom 16.04.2024 - Fathom

Mitchell Cohen war einst Redakteur der gemäßigt linken New Yorker Zeitschrift Dissent und bekennt sich zu sozialdemokratischen Ideen. Jüngst legte er ein Buch zur "Politik der Oper" vor. Er publizierte in der Vergangenheit auch zu den Themen Zionismus und Israel und hat 2007 in Dissent einen prophetischen Artikel über den neu aufblühenden linken Antisemitismus publiziert. Nun spricht er mit der Redaktion von Fathom erneut über dieses Thema - im grellen Licht des 7. Oktober und der Folgen. Dabei macht er zwei Dinge klar: Man konnte immer ein Linker sein, ohne Mord schön zu reden, auch etwa in Zeiten des Stalinismus. Und die israelische Rechte hat ein riesiges Stück Mitverantwortung am heutigen Schlamassel, wobei gegen eilfertige "Kontextualisierungen" festzuhalten ist: "So wie die 'white supremacy' und das Gift der Theorie vom 'großen Austausch' nicht Schuld der Afroamerikaner sind, sondern Ausdruck des Rassismus, so ist auch der Antisemitismus, einschließlich der antizionistischen Variante, nicht auf die bösen Juden und Zionisten zurückzuführen, sondern auf Vorurteile." Im grassierenden linken Antisemitismus erkennt Cohen Pathologien der westlichen Linken in der Stalin-Zeit wieder: Man bemäntelt "kognitive Dissonanzen", um sich seine "theoretischen Mythen" nicht kaputt machen zu lassen. Der von der Linken heute vergottete "globale Süden" spielt dabei eine ganz eigene Rolle, die Cohen an Südafrika exemplifiziert: "Widerstand gegen Imperialismus und Kolonialismus war schon immer Teil jedes moralisch intelligenten linken Programms und sollte es auch sein. Die Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg war von weltgeschichtlicher Bedeutung. Sie gipfelte in vieler Hinsicht in Nelson Mandelas heldenhafter Führung der Befreiung Südafrikas von der Apartheid. Doch drei Jahrzehnte später befindet sich die von ihm geführte Partei in einem miserablen Zustand, wie auch Südafrika insgesamt, und ihr droht der Niedergang bei den Wahlen. Also versucht sie, sich zum moralischen Anführer des 'Globalen Südens' zu machen und beschuldigt Israel des Völkermords und der Apartheid, will aber Russlands Invasion in der Ukraine nicht verurteilen. Das ist Suche nach dem Sündenbock und hat überall, auch bei der westlichen Linken, große Unterstützung gefunden."

Magazinrundschau vom 07.05.2019 - Fathom

Die Sowjetunion hatte einst ein offizielles "Antizionistisches Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit", das 1984 in vielen Sprachen eine Schrift über die "verbrecherische Allianz des Zionismus und Nazismus" herausbrachte. Die Argumentationsfiguren in dieser Schrift ähneln denen der heutigen antisemitischen Linken aufs Haar, schreibt Izabella Tabarovsky, eine Spezialistin für die Geschichte des kommunistischen Antizionismus. Und diese Schrift war nur Teil einer heute fast vergessenen jahrzehntelangen antizionistischen Kampagne der Sowjetunion: "Der Antisemitismus dieser Kampagne war bestürzend. Die meisten Autoren - von denen viele Verbindungen zum KGB oder der Parteispitze hatten - stützten sich stark auf antisemitische Denkfiguren, die sie direkt aus den 'Protokollen der Weisen von Zion' bezogen. Manche in der Gruppe waren Bewunderer Hitlers und des Nationalsozialismus und benutzten 'Mein Kampf' als Quelle der 'Information' über Zionismus und Inspiration für die eigenen Interpretationen. Die Sowjets bestritten Beschuldigungen des Antisemitismus mit Vehemenz, die sie als 'zionistische Tricks' und 'schändliche imperialistische Machenschaften' abtaten. Aber die 26 Millionen sowjetischen Juden wussten es besser. 1976, auf einem der Höhepunkte der Kampagne, sagte der sowjetisch-jüdische Aktivist Natan Scharanski, er spüre einen 'Geruch nach Pogrom' in der Luft."

Magazinrundschau vom 21.03.2017 - Fathom

Matthias Küntzel, Spezialist für unterirdische Kontinuitätslinien von Nationalsozialismus zum Islamismus, wirft einen Blick auf die Wochen vor dem Sechstagekrieg, der bald fünfzig Jahre her ist. Gamal Abdel Nasser, schreibt er, machte sich einen populären Antisemitismus der "arabischen Straße" zunutze, der einst auch von den Nazis gezüchtet worden war: "Obwohl Nasser leugnete, selbst ein Antisemit zu sein ('auf persönlicher Ebene war ich nie Antisemit') betonte er die große Bedeutung der 'Protokolle der Weisen von Zion' für das Verständnis der Weltpolitik und behauptete öffentlich, dass 'dreihundert Zionisten das Schicksal des europäischen Kontinents bestimmen': Wer immer an so etwas glaubt, muss auch den Holocaust leugnen. Nasser leugnete ihn direkt ('niemand nimmt die Lüge über die sechs Millionen angeblich ermordeten Juden ernst') und indirekt mit seiner Behauptung, dass 'Ben Gurion so viele Araber tötete wie Hitler Juden'."