Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

450 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 45

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - Guardian

Rachel Ossip zeichnet noch einmal die Geschichte der Künstlichen Intelligenz nach, insbesondere bezüglich Text-zu-Bild- und Bild-zu-Text-Technologien. Auch zahlreiche der geläufigen Kritikpunkte kommen zur Sprache. Ossip weigert sich allerdings, in das Klagelied derjenigen einzustimmen, die KI für den Niedergang arbeitsethischer Standards im Journalismus verantortlich machen: "Zu sagen, 'wenn diese Technologie nicht kontrolliert wird, wird sie das Feld des Journalismus radikal umgestalten', heißt, ein reichlich optimistisches Bild der Branche zu zeichnen. Die dystopische Zukunft, vor der (zum Beispiel) Mazria Katz und Crabapple warnen - eine Zukunft, in der 'nur eine winzige Elite von Künstlern im Geschäft bleiben kann, deren Werke als eine Art Luxusstatussymbol verkauft werden' - ist leider bereits Realität. Viele, vielleicht sogar die meisten Publikationen halten es für eine nicht zu rechtfertigende Ausgabe, faire Marktgehälter für die oft umfangreiche Arbeit zu zahlen, die erforderlich ist, um ein individuelles Bild zu erstellen. Warum für Bilder bezahlen, wenn es eine Fülle von Stockfotos und Illustrationen gibt, die man äußerst günstig erwerben kann, von Memes, die man mit einem Rechtsklick kopieren kann, von Open-Source-Bildern, die man von Wikimedia herunterladen kann, von Cliparts, die man einfach einfügen kann, sowie von bereits existierenden Arbeiten von Illustratoren, die viele einfach kopieren und stehlen? Von den Publikationen und Unternehmen, die dennoch Originalarbeiten in Auftrag geben, haben viele bereits Design und Illustration an Online-Plattformen für Gig-Arbeit wie Fiverr ausgelagert, die nach dem Konzept von 'Mechanical Turk' entwickelt wurden. Ein möglicher Weg zur Verbesserung des Arbeitnehmerschutzes könnte darin bestehen, sicherzustellen, dass diejenigen, die bereits im Erstellen kommunikativer und ansprechender Bilder geschult sind - Illustratoren, Künstler, Fotografen, Fotoeditoren - am besten in der Lage sind, diese (KI-)Systeme zu nutzen."

Magazinrundschau vom 24.09.2024 - Guardian

Samanth Subramanian beschäftigt sich noch einmal mit dem Skandal un den französischen Konzern Lafarge, der in Syrien 2013 bis 2014 allen Boykotten zum Trotz mit dem IS Geschäfte machte. Konkret flossen Bestechungsgelder, die es der Firma ermöglichten, Zement im Land zu verkaufen und unliebsame Konkurrenten auszuschalten. Derzeit untersucht ein französisches Gericht, ob die Firma sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat zuschulden kommen lassen - ein Schuldspruch würde in juristisches Neuland führen. Subramanian rekonstruiert, wie eng die Verstrickung des Konzerns in die Ökonomie des IS tatsächlich war: "Nachdem der IS im Januar 2014 Raqqa erobert hatte, fielen große Teile des Gebiets um Jalabiya unter seine Kontrolle. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lafarge bereits begonnen, Kraftstoff und Rohstoffe von vom IS genehmigten Lieferanten und Steinbrüchen zu kaufen. (Eine der E-Mails an Lafarge kam, laut Signatur, vom 'Emir des Investitionsbüros des Islamischen Staates im Irak und Sham'.) Zu den monatlichen Zahlungen fügte Lafarge eine 'Umsatzbeteiligung' hinzu, die auch die Zahlung an den IS für jede verkaufte Tonne Zement beinhaltete - ein Anreiz für die Milizen, den Weg des Zements zu den Kunden zu erleichtern. Im Mai 2014 schlug der IS vor, den Import von türkischem Zement vollständig zu stoppen, und fragte Lafarge, was dabei für sie herausspringen könnte. In einer E-Mail legte (Lafarges damaliger Syrien-Chef) Pescheux das Geschäftskonzept dar: Eine hohe Abgabe auf türkische Importe würde nicht nur eine neue Einnahmequelle für den IS schaffen, sondern auch die Verkäufe von Lafarge steigern - und damit auch die an den IS zu zahlenden Gebühren. Lafarge lockte den IS mit einem Anteil an den Firmengewinnen. In einer internen E-Mail im Juli 2014 schrieb Christian Herrault, Lafarges Executive Vice President of Operations mit Sitz in Paris: 'Wir müssen das Prinzip beibehalten, dass wir bereit sind, den 'Kuchen' zu teilen, wenn es einen 'Kuchen' gibt."

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - Guardian

Tom Burgis zeichnet, als Ergebnis einer langjährigen Recherche, einen verwickelten Fall von Wirtschaftskriminalität nach oder genauer: einen Fall verhinderter Aufklärung von Wirtschaftskriminalität. Burgis rekonstruiert, wie das britische Serious Fraud Office (SOF), einst gegründet, um großformatige Betrugsfälle in der heimischen Wirtschaft aufzuklären, gegen den von Oligarchen aus ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken kontrollierten Multi ENRC Ermittlungen aufnahm, die mit dem Kauf einer Minenlizenz in Südafrika zu tun hatten. Nach langem hin und her steht in der Sache bald ein Urteil an - verurteilt werden wird jedoch nicht ENRC: "Der Konflikt zwischen den Oligarchen und der SFO hat die rechtliche Landschaft des Vereinigten Königreichs grundlegend verändert, was Themen wie Vertraulichkeit, Überwachung, Verleumdung, Meinungsfreiheit und die Pflichten von Anwälten gegenüber ihren Mandanten betrifft. Und dennoch stellte die Behörde 2023 ihre Untersuchung gegen die ENRC ohne Anklage ein, da sie angab, es gebe nicht genügend zulässige Beweise. Es gibt jedoch ein Urteil, das noch aussteht. Ein Urteil nicht über die Oligarchen, sondern über die SFO selbst. Ein Richter, der bereits festgestellt hat, dass die Behörde das Firmenimperium des Trios misshandelt hat, wird nun entscheiden, wie viel britische Steuergelder als Schadensersatz an das Unternehmen der Oligarchen gezahlt werden sollen. Die SFO hat dafür eine Viertelmilliarde Pfund zurückgestellt. Das wirft vor allem eine Frage auf: Wie konnte eine der bekanntesten Finanzkriminalitätsuntersuchungen im Vereinigten Königreich in einer derartigen Demütigung enden?"

Seán Columb berichtet über seine Recherchen zu transnationalem Organhandel, einem - selbstverständlich illegalen - Geschäft, das vor allem im Mittleren Osten und in Nordafrika boomt. Columb unterhält sich mit den Opfern, aber auch mit anderen Beteiligten: "Die Organmakler, die ich interviewte, sahen ihr Handeln nicht unbedingt als falsch an. Wenn jemand schuld ist, sagen sie, dann sind es die Ärzte, die wissentlich illegale Transplantationen durchführen. Sie sehen sich größtenteils als Dienstleister, als Teil einer Lieferkette in einem ohnehin schon korrupten Gesundheitssystem. Für sie war es einfach ein Geschäft. Ich traf Hakim im Februar 2020 in Ägypten. Er war in das Maklergeschäft eingeführt worden, nachdem er in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. 'Mein Onkel nahm mich unter seine Fittiche', erzählte er. Seine Familie stammte aus Khartum, und sein Onkel war ein etablierter Organmakler mit Verbindungen zu Ärzten und Transplantationseinheiten in Ägypten und im Ausland, hauptsächlich in Saudi-Arabien, Oman und den VAE. Hakim sagte, sein Onkel habe ihn 'allen wichtigen Leuten vorgestellt, den Ärzten und anderen Vermittlern, die mit den Kunden arbeiten'. Die Kunden sind Transplantationspatienten, einige aus Ägypten, andere aus Europa, dem Nahen Osten und Nordamerika."

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - Guardian

Joshua Hammer beschäftigt sich mit einem ungewöhnlichen Erbe des 1993 von der kolumbianischen Polizei getöteten Drogenbarons Pablo Escobar: einer Flusspferdplage. Escobar hatte einen Teil seines gigantischen Vermögens in einen Privatzoo investiert. Auch nach dem Tod verblieben die Tiere zunächst auf seinem Anwesen. Aber: "Im Jahr 1998 beschlagnahmte die Regierung (Escobars) Anwesen und brachte die meisten Tiere in heimischen Zoos unter. Doch mehrere Flusspferde - die meisten Quellen sprechen von drei Weibchen und einem Männchen - wurden als zu gefährlich für einen Transport angesehen. So begann das heutige Problem in Kolumbien. Die Flusspferde vermehrten sich. (Sobald es die Geschlechtsreife erreicht, kann ein weibliches Flusspferd alle 18 Monate ein Kalb zur Welt bringen und in einer Lebensspanne von 40 bis 50 Jahren bis zu 25-mal gebären.) Männchen, die vom dominanten Männchen aus der Herde vertrieben wurden, wanderten anderswohin, gründeten eigene Herden und übernahmen neue Territorien. Heute weiß niemand genau, wie viele Flusspferde die Flüsse und Seen des Magdalena-Beckens bewohnen, das etwa 260.000 Quadratkilometer umfasst und zwei Dritteln der kolumbianischen Bevölkerung Heimat bietet. Ende 2023 zählte die offizielle Regierung 169 Tiere. David Echeverri López, Leiter des Büros für Biodiversitätsmanagement von Cornare, einer regionalen Umweltbehörde, sagt, es könnten 200 sein. Kolumbianische Biologen sagten kürzlich voraus, dass die Population bis 2040, wenn nichts unternommen wird, um ihre Vermehrung zu kontrollieren, auf bis zu 1.400 anwachsen könnte."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - Guardian

Charlotte Higgins porträtiert Leonid Marushchak, einen ukrainischen Historiker, der es sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zur Aufgabe machte, kulturelle Schätze, die in größeren und vor allem kleineren ukrainischen Museen ausgestellt sind, vor den Bomben und den Invasoren in Sicherheit zu bringen. Die Geschichten, die er dabei erlebt, sind abenteuerlich und teilweise filmreif, aber es lohnt sich: "Seit den frühen Tagen des Krieges hat Marushchak, mit Hilfe einer bunt gemischten Gruppe mutiger Freunde, etwas Außergewöhnliches erreicht. Er hat die Evakuierung von dutzenden Museen entlang der ukrainischen Front organisiert - jedes einzelne Objekt verpackt, dokumentiert, erfasst und gezählt, und sie allesamt an geheime, sichere Orte abseits der Kampfzone verschickt. Unter den vielen zehntausenden Artefakten, die er gerettet hat, befinden sich einzelne Zeichnungen und Briefe aus Künstlerarchiven, Sammlungen alter Ikonen und antiker Möbel, wertvolle Textilien und sogar 180 eindrucksvolle, überlebensgroße mittelalterliche Skulpturen, bekannt als Babas, die von den Turk-Nomaden der Steppe geschnitzt wurden. 'Manchmal', sagt (die ehemalige ukrainische Kulturstaatssekretärin Kateryna) Chuyeva, 'hat er fast Unglaubliches geleistet' - sich selbst in extreme persönliche Gefahr begeben, um die äußerlich bescheiden anmutenden regionalen Museumssammlungen an der ukrainischen Front zu retten."

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - Guardian

Technische Innovationen sind bei weitem nicht ausreichend, um die sich in den letzten Jahren in vielen Weltgegenden wieder verschärfenden Hungerkatastrophen zu bekämpfen, erläutert Jean-Martin Bauer, der selbst an vielen humanitären Projekten federführend beteiligt war; aber ohne moderne Technik geht in der Entwicklungshilfe heute erst recht nichts mehr. Tatsächlich ermöglicht digitale Technik oft niederschwellige Lösungen für drängende Probleme: "Jetzt, da Internetzugang weit verbreitet ist, ermöglichen E-Commerce-Plattformen Familienbauern und Lebensmittelverarbeitern überall, ihre Produkte direkt an die Verbraucher zu verkaufen und dabei mehrere Ebenen von Zwischenhändlern zu umgehen. Dies ist der Fall bei einer Reihe neuer Online-Dienste, die es den Menschen ermöglichen, Lebensmittel von Bauern zu bestellen, die direkt vor ihre Haustür geliefert werden: Dazu gehören Farm to Home in Pakistan, Twiga Foods in Kenia und Waruwa in Lateinamerika. Twiga bedient täglich 10.000 Kunden. Das nigerianische Pendant, FarmCrowdy, sammelt Lebensmittel von 25.000 einzelnen Bauern, um sie in Lagos zu verkaufen. Durch die sofortige Abwicklung digitaler Zahlungen hat Mobile Money - ein Bezahlsystem, das von Mobilfunkanbietern und nicht von traditionellen Banken verwaltet wird - den Aufstieg des landwirtschaftlichen E-Commerce und den Zugang zu Finanzdienstleistungen für Milliarden von Menschen ohne Bankkonten ermöglicht. Mobile Money wird jetzt in Ostafrika breit genutzt, das Eröffnen eines Mobile-Money-Kontos ist dort so einfach wie der Kauf einer SIM-Karte und das Bezahlen eines Taxis oder einer Mahlzeit, so simpel wie das Senden einer Textnachricht. Die Mobilfunkindustrie schätzte, dass im Jahr 2023 weltweit mehr als 1,6 Milliarden Menschen Zugang zu Mobile Money-Diensten hatten. Mobile Money ist oft dort verfügbar, wo der Zugang zu traditionellen Finanzdienstleistungen begrenzt ist, die Nutzung in Subsahara-Afrika und Südasien steigt stark an."

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - Guardian

Mark Miodownik entwirft eine kleine Kulturgeschichte moderner Anästhetika, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Lachgas. Unter anderem hat in dieser Erzählung Samuel Colt einen Auftritt, ein Ingenieur, der im 19. Jahrhundert die narkotisierende Wirkung von Lachgas nutzt, um eine ganz andere Erfindung zu finanzieren: "Um zu vermeiden, sich selbst in die Luft zu jagen, erhitzte Colt vorsichtig Ammoniumnitrat, hielt die Temperatur unter 300 Grad und sammelte das entstandene Gas in einem Seidenbeutel, der sich allmählich zu einem Ballon ausdehnte. In seinen Bühnenshows lud er Freiwillige auf die Bühne ein, um das Gas einzuatmen, woraufhin sie in Hysterie verfielen, sangen und tanzten. Der Anblick einer prüden Krankenschwester mittleren Alters, die plötzlich in Gesang ausbrach, oder eines schüchternen Herrn, der sich in einen Komiker verwandelte, sorgte für Unterhaltung beim zahlenden Publikum. Angesichts des fragwürdigen Rufs von Lachgas was es von größter Bedeutung, dass das Spektakels in den geschmacklichen Grenzen tugendsamer Familienunterhaltung blieb, weshalb sich Colt als Arzt ausgab. Als er genug Geld gesammelt hatte, gab er die Shows auf und widmete sich seiner eigentlichen Leidenschaft, der Entwicklung einer Pistole für den Handgebrauch mit drehbarem Zylinder: den Colt-Revolver."
Stichwörter: Lachgas, Anästhetika, Hysterie

Magazinrundschau vom 11.06.2024 - Guardian

Jessica Camille Aguirre zeichnet die Geschichte dreier französischer Krimineller nach, die mit ihrer Firma Crépuscule in den Emissionshandel eingestiegen waren und Dank Mehrwertsteuerbetrug Millionen scheffelten. Die Geschichte spielt zwischen Frankreich, Israel und den USA und ist - mindestens - Netflixserien-tauglich: es geht um Freundschaft, Betrug und Sex im Gefängnisbesucherraum. Und natürlich um Unmengen von Geld. "Als die französischen Behörden im Juni 2009 erkannten, dass Mehrwertsteuerbetrug allgegenwärtig war, wussten sie sich nicht anders zu helfen, als Emissionszertifikate von der Mehrwertsteuer zu befreien, außerdem stoppten sie den Handel mit CO2-Zertifikaten für zwei Tage. Der Markt brach zusammen. Das französische Rechnungsprüfungsamt ermittelte, dass sich der Gesamtbetrag, den die Betrüger gestohlen hatten, auf 1,6 Milliarden Euro belief. Zu den schlimmsten Tätern zählten die Personen hinter Crépuscule. Daten zeigen, dass das Unternehmen Geschäfte im Umfang von 65 Millionen Tonnen CO2 getätigt hatte - das gleiche Volumen, das von den Finanzriesen Société Générale und Deutsche Bank bewegt wurde, was der Hälfte der an die französische Industrien ausgeteilten Emissionsrechten entspricht. Insgesamt waren die Geschäfte von Crépuscule 827 Millionen Euro wert, und die Staatsanwälte argumentierten später, dass dieselben dazu dienten, noch einmal um die 150 Millionen Euro an Mehrwertsteuer zu veruntreuen."

Abnehmen? Her mit Ozempic. Muckis? Her mit den Steroiden. Die sind weltweit so verbreitet wie nie zuvor. Stephen Buranqi hat sich mit diversen Steroidnutzern, Ärzten und Wissenschaftlern unterhalten und schreibt über die Folgen, aber auch die Gründe der Epidemie. Einer ist schlicht und einfach ihre Allgegenwart: "Wollte man früher Trenbolon, das Pferdesteroid Boldenon oder andere leistungssteigernde Medikamente erwerben, war es nötig, Zugang zum Geheimwissen der Bodybuilding-Kultur zu erlangen. 'Vor etwa einem Jahrzehnt musstest du wirklich jemanden im Fitnessstudio kennen, und du musstest vertrauenswürdig sein', so Tim Piatkowski, ein Drogenforscher an der australischen Griffith University. Nick Gibbs, ein Kriminologe der Northumbria University, Autor eines Buches über die Entwicklung von Steroidmärkten, stellte fest, dass dadurch die Anzahl derer, die an Steroide gelangen konnten, begrenzt war: 'Ich selbst könnte diese Art von Netzwerken nicht kontaktieren. Ich bin zu klein, ich entspreche nicht dem Bild'. Das hat sich geändert, seitdem der Verkauf von Steroiden ins Netz gewandert ist. Es kostet mich nicht mehr als 20 Minuten Recherche, um Instagram-, TikTok- und Telegram-Konten zu finden, die mir einen achtwöchigen Testosteron- und Trenbolonzyklus sowie die benötigten Spritzen anbieten, alles für eine Preis von etwa 150 Pfund."

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - Guardian

Malcolm und Simone Collins sind Pronatalisten - sie haben sich angesichts sinkender Geburtenraten zum Ziel gesetzt, so viele Kinder wie möglich zu bekommen, um die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren, erzählt Jenny Kleeman, die die Familie für den Guardian besucht hat. Kritiker werfen ihnen Rassimus vor, nicht zuletzt, weil sie immer wieder ultrarechten Nationalisten eine Bühne bieten, die die Theorie vom 'Großen Austausch' propagieren, Malcolm wiegelt ab und betont, nur höhere Geburtenraten könnten auf lange Sicht Diversität sicherstellen. Die eigenen Kinder sollen dann aber trotzdem ganz besonderen Standards genügen: "Sie haben die Genome ihrer eingefrorenen Embryonen testen lassen und wählen anhand von darauf basierenden Vorhersagen zu Intelligenz und zukünftiger Gesundheit aus, welche sie implantieren lassen. Sie wollen nicht nur eine große Familie, sie wollen eine optimale. Präimplantationsdiagnostik ist in den USA unreguliert. (…) 'Natürlich haben wir nach dem IQ geschaut', so Malcolm. Sie haben die Embryonen aussortiert, die hohe Risikofaktoren für Krebs hatten und für das, was Simone 'Mental-Health-Zeugs' nennt, 'für das es keine guten Behandlungsmöglichkeiten gibt', inklusive Schizophrenie, Alzheimer, Depressionen, Angststörungen. Sie haben nicht nach Autismus screenen lassen, das ist für sie Teil der Identität einer Person. Sie haben noch 34 Embryos übrig, die, die sie nicht selbst brauchen, geben sie weiter, ein lesbisches Paar in Kalifornien hat bereits drei bekommen. 'Menschen selektieren bei ihrer Partnerwahl ständig, wenn sie bestimmte Merkmale bevorzugen', sagt Simone unbekümmert. Aber das hier geht weit über die normale Wahl eines Partners oder auch von Samen- und Eizellenspendern hinaus: Sie führen ein genetisches Screening an ihren Nachkommen durch und versuchen sicherzustellen, dass diese über die nächsten Generation entscheidenden Einfluss über die menschliche Evolution haben werden. Was unterscheidet das von Eugenik? 'Es ist etwas ganz anderes', meint Malcolm, der sich über die Frage freut. Eugenik sei staatliche geförderte selektive Fortpflanzung, um die Dominanz bestimmter Gene sicherzustellen, argumentiert er. Was seine Frau und er tun, sei Polygenik, die Nutzung von Technologien, um Eltern die Wahl darüber zu ermöglichen, welche Eigenschaften ihnen wichtig sind."

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - Guardian

In einer Reportage gibt Carey Baraka uns einen kleinen Einblick in das Leben der jungen Reichen und Schönen Kenias. Ihre Eltern sind wohlhabend genug, sie auf amerikanische oder europäische Universitäten zu schicken. Einige kehren danach zurück, wissen dort aber oft nicht so recht, was mit sich anfangen, wie ein mitfühlender Baraka schreibt: "So viele von ihnen hatten davon geträumt, ihre Communities mitzugestalten oder Künstler zu sein. Sie hatten für ihre College-Zeitschriften geschrieben, Galerieausstellungen organisiert, Theaterstücke aufgeführt - aber jetzt, zurück in Kenia, sehen sie sich außerstande, die Menschen zu werden, die sie sein wollten. Sie spüren den Druck des Abschlusses, einen Druck, der, wie Audrey und Bilha mir erzählten, bedeutet, dass sie einen hochrangigen Job finden mussten, der dem hochrangigen Abschluss entspricht. Manchmal reicht das immer noch nicht aus. Sie sehen sich ehemalige Klassenkameraden an, die in New York im Finanzwesen oder in Unternehmensberatungen arbeiten, und haben das Gefühl, dass sie zurückgelassen wurden und den Rückstand nie aufholen werden." Andere bleiben gleich fort, wie Nyangie, die in den USA im Finanzwesen arbeitet: "Ich fragte Nyangie, ob sie in Erwägung ziehen würde, zurück nach Kenia zu gehen. 'Nur wenn ich viel Geld verdienen würde', sagte sie. Auf jeden Fall wollte ihre Mutter nicht, dass sie zurückzieht. Sie wollte, dass Nyangie und ihre älteren Brüder sich irgendwo anders ein Leben aufbauen. Für Nyangie wurde dies dadurch erleichtert, dass sie die Art und Weise hasste, wie Kenia regiert wurde. Aber sie hasst die USA noch mehr, sagte sie. Ich fragte mich, wie wahr das ist. Sie hat sich entschieden, dort zu bleiben, und es kommt mir so vor, als ob sie versuchen würde, beides zu haben. Sie hasse die Waffen, betont sie, und den Raubtierkapitalismus. 'Wenigstens respektiert der Kapitalismus in Kenia die Heiligkeit des Dezembers. Nach dem Jamhuri-Tag geht nichts mehr', sagt sie in Anspielung auf Kenias Unabhängigkeitstag, den 12. Dezember. 'Wenn man es bis zum Jamhuri-Tag nicht geschafft hat, war es unwichtig.' (Als ich sie einige Monate später zu ihrem erklärten Hass auf die USA befragte, sagte sie: 'Solange ich noch jung bin, bin ich bereit, mit dem Raubtierkapitalismus zurechtzukommen, wenn ich dadurch die Zukunft erreiche, die ich mir wünsche, aber die Rückkehr ist definitiv das Endziel.'"