Magazinrundschau
Messianische Sequenzen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.07.2024. William T. Vollmann besucht für Harper's die südkoreanischen Bauern, die schon mal für die Cousins und Cousinen im Norden Lebensmittel anbauen. Tablet bewundert den Überlebenswillen Sonia Delaunays. Granta beobachtet den Goldschmuggel in der Sahara. Osteuropa lässt sich erklären, was eine "globale Kriegspartei" in Georgien ist. Israel droht ein Vierfrontenkrieg, fürchtet der New Yorker. New Lines verfolgt die die nicht unproblematische Reise von Malcom X durch Afrika. Der Guardian lernt, dass neueste Technik den Ärmsten der Welt auch helfen kann.
Harper's Magazine | Guardian | Osteuropa | HVG | New Lines Magazine | Tablet | Granta | New Yorker | Matca Literară | Hakai
Harper's Magazine (USA), 01.08.2024
William T. Vollmann schickt eine wunderschöne literarische Reportage, so wie sie früher waren, aus der DMZ, der demilitarisierten Zone an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Schon in den vorgelagerten Sicherheitszonen, die zu Südkorea gehören, herrscht ein strenges Regime. Dort gibt es zwar Dörfer, aber nur registrierte Bewohner dürfen dort übernachten. Einer der seltsamsten Orte, die Vollmann kennenlernt, ist die "Link Farm", wo er Dr. Cheon Sang-man trifft. Bürger aus Seoul, der südkoreanischen Hauptstadt, die gar nicht so weit von der Grenze entfernt ist, betreiben dort einen Bauernhof, mit dem sie den Bürgern Nordkoreas im Falle eines Mauerfalls helfen wollen: "Die Vision von Link Farm, so erzählte mir Dr. Cheon weiter, war sozusagen don-quichotesk. Unbezahlte Freiwillige bauen als didaktische Demonstration für ihre Brüder und Schwestern auf der anderen Seite der DMZ landwirtschaftliche Produkte an. Diese werden so lange nichts davon erfahren, bis die Demokratische Volksrepublik Korea zusammenbricht, was morgen sein kein oder nicht mal mehr in der eigenen Lebenszeit. Irgendwann begriff ich, dass diese Bauern das hatten, was David gerne als ein 'Herz für Nordkorea' bezeichnete. Link Farm war im Moment nutzlos und daher für einen Zyniker fast lächerlich: Aber eines Tages könnte würde sie von praktischem Nutzen sein, ein Friedensangebot, das mehr mit Schweiß als mit Worten gemacht wurde. Paradoxerweise könnten die sieben Jahrzehnte der Trennung letztlich die Versöhnung erleichtern, denn die meisten Schrecken und Gräueltaten hatten sich entlang der DMZ ereignet, die, wie David immer wieder betonte, nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Mehrheit stand. Die empfanden zwar Heimweh und Herzschmerz für verlorene Provinzen und Verwandte empfanden und ehrten sie sie mit ihrem Mangbaedan-Denkmal, aber sie waren nicht wütend auf sie."Osteuropa (Deutschland), 23.07.2024
Volker Weichsel unterhält sich mit dem georgischen Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili über die Situation in Georgien. (Unser Resümee) Die Regierungspartei Georgischer Traum versucht dort offensichtlich, eine Autokratie nach russischem Vorbild zu installieren. Parteichef Bidzina Iwanischwili hat inzwischen auch in seiner Rhetorik die demokratischen Masken fallen gelassen: "Bereits seit zwei Jahren hat die antiwestliche Rhetorik aus den Reihen des Georgischen Traums massiv zugenommen. Neu ist, dass sich Ivanishvili ihrer in aller Offenheit bedient. Nun verbreitet der Mann, der faktisch das Land lenkt, die Verschwörungsideologie von einer 'globalen Kriegspartei', die Georgien in den Krieg in der Ukraine hineinziehen wolle. 'Globale Kriegspartei' - das ist die adaptierte Variante dessen, was in Moskau 'kollektiver Westen' genannt wird. Iwanischwili fügt dem eine zusätzliche Note bei. Die 'Globale Kriegspartei' ist bei ihm nicht der Westen, sondern sie 'beeinflusse' die EU und die USA. Ein dunkle Macht im Hintergrund also. Diese sinne mit Hilfe von NGOs auf einen Staatsstreich in Georgien. Außerdem wolle sie Georgien seiner christlichen Werte berauben. Man kennt das. Es ist die immergleiche Rhetorik, deren sich alle Rechtspopulisten Europas bedienen. Eingebettet ist sie, auch das ein universelles Phänomen, in antikoloniale Parolen. Der Georgische Traum übernimmt leicht modifiziert die ebenfalls in Moskau entwickelte Rede von der 'souveränen Demokratie'. Iwanischwili hat dieses Weltbild in seiner zehnminütigen Rede auf die georgische Geschichte seit 2004 angewandt: Im November 2003 hätten NGOs in ausländischem Auftrag einen Staatsstreich veranstaltet. Michail Saakaschwili - der im Jahr 2004 mit 97 Prozent zum Staatspräsidenten gewählt wurde - bezeichnete Iwanischwili als von außen installierten Agenten. Er habe zu verantworten, dass zwanzig Prozent des georgischen Gebiets verloren seien. Saakaschwili habe im Auftrag der globalen Kriegspartei 2008 Georgien gegen Russland aufgebracht. Diese habe auch die Ukraine seit 2014 ins Unheil gestürzt."HVG (Ungarn), 23.07.2024
Der im rumänischen Cluj geborene Theaterregisseur und Begründer des Roma-Theaters Maladype, Zoltán Balázs, spricht im Interview mit Rita Szentgyörgyi u.a. über die kleinen lokalen Veränderungen der Theaterszene in Ungarn, die gestärkt werden müsse: "Obwohl es mir meine Arbeit im Ausland ermöglicht, mich aus der ungarischen Theaterszene herauszuhalten, bedauere ich, dass ich nicht mit meinem Wissen, meiner Erfahrung und meinen internationalen Kontakten zur Entwicklung des ungarischen Theaters beitragen kann. Es ist ein weltweites Phänomen, dass sich die Qualität des Theaters, ähnlich wie die der Lebensmittel, vor unseren Augen verändert, und nicht unbedingt zum Besseren. Inmitten all der direkten Botschaften haben unsere Fachleute vergessen, eine Theatersprache zu verwenden. Als 'lokale Anästhesie' gibt es einige zukunftsweisende Versuche, aber ich würde diese Bemühungen eher als 'zonale Reformen' bezeichnen. Wir bräuchten mehr Theaterschaffende, die unsere zersplitterte Theaterwelt vereinen können, indem sie kreative Absichten miteinander verbinden und als Brücke zwischen den Theater- und Kunstwelten fungieren können."
New Lines Magazine (USA), 23.07.2024
Alex White beleuchtet die Reise von Malcolm X durch Afrika und den Nahen Osten 1964: Zwar löste sein Werben um die Solidarität der Afrikaner beispielsweise in Ghana und Ägypten ein großes Medienecho aus. Doch seine Suche nach progressiven Verbündeten stieß in einigen afrikanischen Ländern auf Skepsis. Im Falle Ägyptens brachte ihn seine Unkenntnis der afrikanischen Politik in die "Umlaufbahn einer gefährlichen Rivalität": "Im August stellte die ägyptische Regierung Malcolm X 20 Stipendien für seine Anhänger zur Verfügung, damit sie an der renommierten Al-Azhar-Universität studieren konnten - eine Taktik, die die Nasser-Regierung zuvor angewandt hatte, um die Gunst der antikolonialen Gruppen aus ganz Afrika zu gewinnen. Malcolm X interpretierte diese Auszeichnungen als einen politischen Coup gegen die Nation of Islam...Das Geschenk erregte jedoch auch die Aufmerksamkeit von Saudi-Arabien, Ägyptens langjährigem Rivalen im arabischen Kalten Krieg. Prinz Faisal, der Malcolm X in Mekka beherbergt hatte, befürchtete, dass die Nasser-Regierung den Führer der schwarzen Nationalisten benutzte, um amerikanische Muslime in ihre eigene politische Umlaufbahn zu ziehen. Daraufhin bereiteten die Saudis eine Auszeichnung vor, um ihren eigenen Einfluss zu sichern - 15 Stipendien für die Islamische Universität in Medina. Als der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten Ägyptens Malcolm X in Anerkennung seiner Bemühungen um die Verbreitung des Islam in den Vereinigten Staaten auch den Titel 'daiy' (Missionar) verlieh, sorgte die saudische Regierung dafür, dass er von ihrer eigenen Muslimischen Weltliga akkreditiert wurde. In Unkenntnis der politischen und wirtschaftlichen Interessen, die die Rivalität anheizten, und besessen von der Idee der politischen Einheit, entwickelte Malcolm X die idealistische Vorstellung, dass er die beiden Seiten zusammenbringen könnte. 'Mein Herz ist in Kairo', versprach er seinen Kontakten im Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten, aber er könne diesen Interessen am besten dienen, 'indem ich mich auch mit den gemäßigteren oder konservativen Kräften verbünde, die ihren Sitz in Mekka haben'."Tablet (USA), 22.07.2024

Granta (UK), 22.07.2024
Der Autor James Pogue fährt nach Chamy, in die sogenannte "Goldhauptstadt der Sahara". Seit mehr als fünfzehn Jahren war Pogue, der früher als Logistikchef in Mauretanien arbeitete, nicht mehr im Land - doch seit in der Sahara Gold gefunden wurde, hat sich einiges verändert, die Wirtschaft floriert. Das Wüstengold finanziert allerdings auch den Terrorismus in der instabilen Region, erfährt er: "'Das meiste Gold wird tatsächlich geschmuggelt', sagte Vaissal. Man kann sehen, warum - weil die Schmuggler das illegale Gold für mehr als den realen Preis kaufen. Also wollen die Leute es ihnen verkaufen, und diese können das Geld waschen.' Dies entsprach fast genau dem, was ich gerade in einem UN-Bericht darüber gelesen hatte, wie der Goldhandel bewaffnete Gruppen in der Sahelzone finanziert. Die Händler zahlen in der Regel einen Aufschlag von 5 bis 10 Prozent, um Geld zu waschen, und erhalten im Gegenzug einen Vermögenswert, der leicht transportiert und auf den internationalen Märkten gehandelt werden kann." In fünf Jahren hat sich das BIP des Landes verdoppelt, erzählt der Oppositionsabgeordnete Yahya Loud Pogue, aber "die meisten Mauretanier sehen davon nichts. Der größte Teil des Goldes geht jetzt über den illegalen Handel aus dem Land. Sie schicken es nach Mali und es findet seinen Weg mit einem Emirates-Flug nach Dubai. Das nennt man einen 'Goldflug'. Dubais Beamte bestreiten dies, aber das Emirat, das seit langem ein Anlaufpunkt für afrikanische Händler ist, die hier Autoteile oder Elektronik kaufen, wurde von rivalisierenden Raffineriezentren wie der Schweiz beschuldigt, gefälschte Dokumente zu akzeptieren, die die Herkunft des geschmuggelten Goldes verschleiern. Die Raffinerien dort sind von den unreinen Goldblöcken, die aus Bamako kommen, begeistert. 'Die Käufer in Dubai schätzen minderwertige Barren aus afrikanischem Gold', heißt es in einem Bericht, denn 'Edelmetalle wie Silber, Palladium und Platin können zehn Prozent der ursprünglichen Masse eines Barrens ausmachen'…Eine einzige Tonne Gold ist zu heutigen Preisen etwa 67 Millionen Dollar wert. Der Koffertransport stellt also eine enorme Geldsumme dar, insbesondere in diesem Teil der Welt."New Yorker (USA), 22.07.2024
Für Israel wird die Lage immer prekärer, berichtet Dexter Filkins im New Yorker. Die Dominanz der Hisbollah in den Grenzregionen des Libanon ist für Israel seit langem ein Problem, immer wieder gibt es kriegerische Auseinandersetzungen, , aber ein Mehrfrontenkrieg könnte für Israel fatale Konsequenzen haben: "Einige Beamte in Israel haben Zurückhaltung vor einem großen Konflikt signalisiert. 'Wir müssen nicht alle Probleme gleichzeitig lösen', meinte ein Mitglied des Kabinetts zu mir. 'Wenn wir uns in einen ernsthaften diplomatischen Prozess begeben, haben wir, denke ich, eine reelle Chance, einen Krieg zu vermeiden.' Andere waren weniger optimistisch. Ein hoher israelischer Beamter sagte mir, 'Würden wir es derzeit vorziehen, in einen großen Krieg mit der Hezbollah zu treten? Ich nicht. Gerade würden wir es erst einmal vorziehen, mit der Hamas fertigzuwerden.' Aber er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, dass es irgendwann zu einem Showdown kommen würde. 'Irgendwann werden wir gegen sie in den Krieg ziehen - vielleicht in einem Jahr, vielleicht in zwei Jahren', sagte er. Ein hochrangiger amerikanischer Beamter, der sich oft mit der israelischen Führungsriege trifft, erklärte mir, dass er sich sorgt, dass sie möglicherweise ihre Kräfte überschätzt, einen solchen Konflikt unter Kontrolle halten zu können. 'Die Israelis denken, sie sind die Meister der militärischen Eskalationsstufen', fügt er an, 'aber es braucht nur einen einzigen Fehler - und es gibt einen folgenschweren Krieg.' Ein solcher Krieg würde zu groß angelegter Zerstörung führen. Im April, als der Iran und seine Alliierten mehr als dreihundert Dronen und Raketen auf Israel abgeschossen haben, war die israelische Luftverteidigung in der Lage, den Angriff fast komplett abzuwehren. Aber die Beteiligung der Hisbollah war relativ minimal. Einige israelische Beamte, mit denen ich gesprochen habe, befürchten einen Krieg an vier Fronten - mit der Hamas im Süden, dem Westjordanland im Osten, Hisbollah im Norden und dem Iran im Norden. 'Wenn der Iran mehr Raketen abgefeuert und Hisbollah ein größeres Feuer entfesselt hätten, wäre die israelische Verteidigung überfordert gewesen', so James Jeffrey, ein früherer US-Sondergesandter für den Nahen Osten: 'Das ist das Albtraumszenario. Es ist existenziell.'"Matca Literară (Rumänien), 23.07.2024
Hakai (Kanada), 16.07.2024
CO2-Kompensationen sind bei Konzernen mit hohem C02-Ausstoß sehr beliebt: Die Emissionszertifikate dafür, dass sie Projekte finanzieren, die andernorts auf der Welt CO2 reduzieren, gestatten es ihnen, ihr Produktion auch weiterhin erst einmal nicht signifikant umzustellen. Ob die jeweiligen Projekte tatsächlich wirksam sind, ist laut einigen Recherchen nicht immer ohne weiteres zu sagen, hält Jack Thompson in seiner Reportage aus dem Senegal über eine über Kompensationen finanzierte Aufforstung von Mangrovenbäumen fest - und oft sind auch die gesellschaftlichen Kosten hoch: Die Arbeiterinnen erhalten einen Hungerlohn, sind bei der Arbeit einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt und wissen in der Regel nicht, woher das Geld für ihre Arbeit eigentlich stammt. Außerdem "erfuhr ich, dass den Gemeinden 10.000 Kongo-Francs (22 Dollar) pro wiederhergestelltem Hektar gezahlt wurden. Dies summiert sich auf gerade einmal 5.2 Prozent des gesamten Budgets von 4,4 Millionen Dollar. Wohin ist das restliche Geld geflossen?" Ein Mitarbeiter von Oceanium, der anonym bleiben will, "erzählt mir, dass ein beträchtlicher Teil des Geldes für C02-Prüfer ausgegeben wird, die bis zu 2000 Dollar pro Tag berechnen. Um Emissionszertifikate von Verra zu registrieren, werden weitere Hunderttausende Dollar fällig, sagt er. ... Die Kosten, die mit der Aufsicht und Prüfung von Emissionszertifikaten verbunden sind, wären sinnvoll investiert, wenn sie CO2 und andere Treibhausgase in der Atmosphäre tatsächlich senken, aber das ist offenbar nur selten der Fall. Eine Studie ... kam zu dem Ergebnis, dass nur 12 Prozent der Projekte tatsächlich C02 reduzieren." Manche "Experten halten den Handel mit Emissionszertifikate daher auch für keine Lösung. Viel besser wäre es, wenn man Firmen, die die Umwelt verschmutzen, höher besteuern und das Geld dafür nutzen würde, um soziale Ungerechtigkeiten zu beheben, argumentiert Frédéric Mousseau, strategischer Leiter des amerikanischen Think-Tanks Oakland Institute."Guardian (UK), 22.07.2024
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