Magazinrundschau

Das blasse Dinosaurierei

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.05.2024. Pakistan ist im Griff zweier Dynastien, und dieser Griff wird sich auch mit Imran Khan nicht lockern, schreibt Tom Stevenson in der LRB. Im New Yorker mokiert sich Adam Gopnik über das Grand Hotel Abgrund, in das John Gray so gerne einkehrt. Und Jackson Arn stimmt einen großen Gesang auf Constantin Brancusi an. In La Règle du Jeu erklärt Patrick Mimouni, warum Proust aus Souanne Svann machte. Der Guardian beleuchtet die unheimliche Sekte der Pronatalisten. Die Ukraine muss auch auf russisches Gebiet schießen können, fordert New Lines.

London Review of Books (UK), 28.05.2024

Pakistan ist ein Land, das von zwei Familiendynastien - Sharif und Bhutto-Zardari - angeführt wird, die sich je eine Parteienfassade zugelegt haben, um dahinter ungeniert und unbehelligt ihre korrupten Geschäfte weiterführen zu können. Dafür tasten sie das Militär, den eigentlichen Herrscher Pakistans, nicht an. "Dieses altbackene Arrangement wurde durch den Aufstieg von Imran Khan ernsthaft in Frage gestellt", schreibt Tom Stevenson in seiner Reportage aus Pakistan. Doch auch dieser wurde schon der Korruption beschuldigt. Dass er zur Zeit im Gefängnis sitzt, hat allerdings wohl mehr damit zu tun, dass er das Militär verärgerte und die Wirtschaft nicht verbessern konnte. Derzeit liegt das Pro-Kopf-BIP Pakistans "nur noch knapp über der Hälfte von Bangladeschs Niveau", erfahren wir. "Die Armee hat die nationale Politik seit den 1950er Jahren, dem Jahrzehnt nach der Teilung, kontrolliert. Jeder zivile Führer, der versucht hat, sich in ihre Pläne oder ihre Nachfolge einzumischen, von Benazir Bhutto bis Imran Khan, hat dafür einen Preis bezahlt..." Könnte Khan daran etwas ändern, wenn er aus dem Gefängnis entlassen würde? Stevenson glaubt nicht, dass er das auch nur wollte: "Khan könnte versprechen, die Soldaten aus dem Palast zu vertreiben, die Armut zu verringern, die Reichen zu besteuern, aus der Schuldenfalle auszubrechen und Militärausgaben durch Sozialausgaben zu ersetzen. Er hat sich dagegen entschieden. Es wäre tröstlich zu sagen, dass das pakistanische Staatsmodell ein dysfunktionaler Anachronismus ist, der auf seinen unvermeidlichen Sturz wartet. Aber als Instrument zur Bewältigung von Konflikten innerhalb einer vermeintlichen Oligarchie und zur Aufrechterhaltung eines furchtbar ausbeuterischen und ungleichen Status quo hat es sich als dauerhaft erwiesen."
Stichwörter: Pakistan, Khan, Imran

New Yorker (USA), 03.06.2024

Der Liberalismus ist ein sinkendes Schiff, glaubt Adam Gopnik voller Bedauern: Selbst Liberale scheuen vor dem Begriff zurück, während Anti-Liberale mit Furor zum großen Angriff blasen, wie zu beobachten in Trumps aktuellem Wahlkampf. Um die Krise des Liberalismus zu erkunden, hat Gopnik aktuelle Bücher gelesen - von zaghaften Befürwortern, die aber - Stichwort Obama und Biden - kaum Heldengeschichten vorzuweisen haben bis zu den wahren Bluthunden unter den Kritikern des Liberalismus. Beide Seiten verzetteln sich im Schwarzweiß-Denken, dabei liegt die Qualität des Liberalismus doch gerade in seinem entschlossenen Jein: "Zwischen Autorität und Anarchie liegt die Auseinandersetzung. Der Trick ist es, keine in sich vereinten Gesellschaften zu haben, die 'Werte teilen' - solche Gesellschaften hat es nie gegeben oder es gab sie bloß an der Kante der Axt eines Scharfrichters -, sondern Gesellschaften, die unter dem Verzicht auf Gewalt auch ohne gemeinsame Werte auskommen, abgesehen von dem einen Wert, Meinungsverschiedenheiten ohne Gewalt auszuhandeln. ... Kurios an antiliberalen Kritikern wie John Gray ist, dass sie offenkundig daran glauben, dass die Merkmale des liberalen Staates, die ihnen genehm sind, auch dann noch fortbestehen werden, nachdem die Einrichtungen und Handlungsweisen zerstört worden sind, auf denen ihr Wohlergehen basiert... Versuch mal, ein antikommunistisches Buch in China oder eine Kritik an der Theokratie in Iran zu veröffentlichen... Die wütendsten Kritiker des Liberalismus verhalten sich wie Passagiere auf der Titanic, die den den Eisberg anfeuern...  'Ich habe es euch doch gesagt, das Ende der Dampfschifffahrt ist vorbei', rufen sie, während das Wasser ihre Schuhe umspült."

Constantin Brancusi, Vogel im Weltraum, 1941
Jackson Arn ist hin und weg von der großen Brancusi-Ausstellung in Paris. Die Modernität dieser Skulpturen ist für den Kritiker immer noch unübertroffen. Viel verdankt er Auguste Rodin, bei dem er lernte. Aber der Unterschied ist gewaltig: "1907 arbeitete der jüngere Mann einige kunstgeschichtlich bewegende Wochen lang als Assistent des älteren. Wer Brancusi-Zitate kennt, weiß: 'Nichts kann im Schatten eines großen Baumes wachsen', wobei der Baum Rodin ist und Brancusi sich nicht hätte entwickeln können, wenn er länger geblieben wäre. Wahrscheinlich nicht. Was auch das bedeuten mag, ein Rodin sagt: 'Rodin war hier'. In seiner unvollendeten Marmorarbeit 'Schlaf' (1894), die in dieser Ausstellung zu sehen ist, werben Textur und Gewicht für einen Akt heroischer, muskulöser Anstrengung, was es ein wenig schockierend macht, sich daran zu erinnern, dass Rodin nicht im wörtlichen Sinne hier war; wie andere bedeutende Bildhauer seiner Zeit fertigte er Tonmodelle an, überließ aber das Schnitzen und den Guss seinem Team. Brancusi hatte Helfer, darunter Isamu Noguchi, aber er ließ sich ganz auf die schweißtreibende Seite der Bildhauerei ein und versenkte so viele Stunden des Schnitzens und Polierens in seine Kreationen, dass alle Zeichen der Anstrengung verschwanden. ... Das blasse Dinosaurierei von 'Der Anfang der Welt' berührt kaum seinen Sockel."
Archiv: New Yorker

La regle du jeu (Frankreich), 21.05.2024

Patrick Mimouni setzt seine Artikelserie über Marcel Proust und seine Welt fort - wir haben bereits mehrere Artikel zitiert. Bestens informiert schildert er die Verhältnisse in der Belle Epoque, aber auch in Prousts Familie und in der Proust-Rezeption. Ein wenig deprimierend lesen sich die Artikel auch, denn Mimouni zeigt ein ums andere Mal, wie sehr sich Proust in Kreisen der Rechten in der Dritten Republik bewegte. Einige seiner engsten Freunde gehörten zur Crème der Action française und des damaligen Rassismus, der wie der Antisemitismus noch offen und als angeblich wissenschaftliche Theorie vorgetragen wurde. Zugleich zeigt Mimouni aber die Kunst, mit der Proust sein Leben sublimierte. Ein Beispiel ist die Gestalt des Diplomaten Norpois, der in der "Recherche" ein Beispiel für einen prätenziösen intellektuellen Dummkopf ist, was nicht heißt, dass er als einflusslos geschildert wird. Eines der Vorbilder für ihn ist laut Mimouni der Graf Talleyrand, Enkel des berühmten napoleonischen Ministers, mit dem Prousts Eltern verkehrten. Als Diplomat "hat Norpois eine Besonderheit: Man hört ihn nie etwas explizit Antisemitisches sagen Warum sollte er auch? Es versteht sich ja von selbst, dass er Juden hasst. Wer könnte das schon bezweifeln? Ein Zeichen - ein scheinbares Nichts - genügt, um dies zu belegen ...: Anstatt Swanns Namen wie üblich englisch auszusprechen, also 'Souanne', zieht Norpois es vor, ihn deutsch auszusprechen, also 'Svann', so als wollte er ihn in die Ecke der 'Boches' stecken. Ja, denn die Idee verbreitet sich in Frankreich, dass die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg nicht ohne den Verrat der Israeliten möglich gewesen wäre, vor allem jener Israeliten, die in der Armee gedient hatten. Genau dies bedeutet 'Svann' in diplomatischer Sprache, jener Sprache, die man im Salon von Prousts Eltern sprach, wenn man die Norpois aus dem Außenministerium einlud."
Archiv: La regle du jeu

Guardian (UK), 27.05.2024

Malcolm und Simone Collins sind Pronatalisten - sie haben sich angesichts sinkender Geburtenraten zum Ziel gesetzt, so viele Kinder wie möglich zu bekommen, um die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren, erzählt Jenny Kleeman, die die Familie für den Guardian besucht hat. Kritiker werfen ihnen Rassimus vor, nicht zuletzt, weil sie immer wieder ultrarechten Nationalisten eine Bühne bieten, die die Theorie vom 'Großen Austausch' propagieren, Malcolm wiegelt ab und betont, nur höhere Geburtenraten könnten auf lange Sicht Diversität sicherstellen. Die eigenen Kinder sollen dann aber trotzdem ganz besonderen Standards genügen: "Sie haben die Genome ihrer eingefrorenen Embryonen testen lassen und wählen anhand von darauf basierenden Vorhersagen zu Intelligenz und zukünftiger Gesundheit aus, welche sie implantieren lassen. Sie wollen nicht nur eine große Familie, sie wollen eine optimale. Präimplantationsdiagnostik ist in den USA unreguliert. (…) 'Natürlich haben wir nach dem IQ geschaut', so Malcolm. Sie haben die Embryonen aussortiert, die hohe Risikofaktoren für Krebs hatten und für das, was Simone 'Mental-Health-Zeugs' nennt, 'für das es keine guten Behandlungsmöglichkeiten gibt', inklusive Schizophrenie, Alzheimer, Depressionen, Angststörungen. Sie haben nicht nach Autismus screenen lassen, das ist für sie Teil der Identität einer Person. Sie haben noch 34 Embryos übrig, die, die sie nicht selbst brauchen, geben sie weiter, ein lesbisches Paar in Kalifornien hat bereits drei bekommen. 'Menschen selektieren bei ihrer Partnerwahl ständig, wenn sie bestimmte Merkmale bevorzugen', sagt Simone unbekümmert. Aber das hier geht weit über die normale Wahl eines Partners oder auch von Samen- und Eizellenspendern hinaus: Sie führen ein genetisches Screening an ihren Nachkommen durch und versuchen sicherzustellen, dass diese über die nächsten Generation entscheidenden Einfluss über die menschliche Evolution haben werden. Was unterscheidet das von Eugenik? 'Es ist etwas ganz anderes', meint Malcolm, der sich über die Frage freut. Eugenik sei staatliche geförderte selektive Fortpflanzung, um die Dominanz bestimmter Gene sicherzustellen, argumentiert er. Was seine Frau und er tun, sei Polygenik, die Nutzung von Technologien, um Eltern die Wahl darüber zu ermöglichen, welche Eigenschaften ihnen wichtig sind."
Archiv: Guardian

New Statesman (UK), 27.05.2024

Shruti Kapila blickt auf Indien, die größte Demokratie der Welt, die unter Narendra Modi freilich mehr und mehr zu einem Ein-Parteien-Staat zu werden droht. Tatsächlich ist laut Kapila weniger Modi selbst als seine Partei, die Bharatiya Janata Party (BJP), die alles bestimmende Kraft im Land: "Als eine Kaderpartei, die doppelt so groß ist wie die Kommunistische Partei Chinas, ist die BJP nicht nur die weltweit größte politische Partei mit 180 Millionen Mitgliedern, sondern auch eine der reichsten Parteien der Welt mit fast 6 Milliarden Dollar in ihren Kassen. Mit einer Reihe anderer Verbündeter - insbesondere der 1925 gegründeten paramilitärischen Gruppierung Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), die sich mit ihren über fünf Millionen Freiwilligen der Verwirklichung des politischem Hinduismus verschrieben hat - lenkt Modi eine massive und effiziente politische Maschinerie. Von Spitzeln, die gewaltsam interreligiöse Liebesbeziehungen überwachen, bis hin zu Nachbarschaftsvereinigungen, die hinduistische Ernährungspraktiken durchsetzen, verschwimmt die Grenze zwischen Kultur und Politik, Partei und Staat. Obwohl hinduistisch-muslimische Unruhen im letzten Jahrzehnt zurückgegangen sind, haben sich Massenlynchmorde - insbesondere gegen Indiens Muslime und Dalits (die Kaste der 'Unberührbaren') - als neuer, gewalttätiger Trend herauskristallisiert." Dennoch ist die Lage für die Opposition um Rahul Gandhi laut Kapila nicht so hoffnungslos, wie die Überschrift des Essays - "India's last election?" - nahelegt.

Auch in Südafrika wird demnächst gewählt, und die Dauerregierungspartei ANC könnte diesmal tatsächlich ihre Mehrheit verlieren. Laut Benjamin Vogel ist das freilich kein Zeichen für eine funktionierende Demokratie. Im Gegenteil steht es in Südafrika nicht nur um die demokratischen Institutionen schlecht, Staatlichkeit an sich ist in eine schwere Krise geraten. Vogel bringt dies in Beziehung zu dem Begriff der "Rückentwicklung", also ein Zurückrollen liberaler Modernisierungsprozesse. Ein Phänomen, das nicht nur in Südafrika zu beobachten ist: "Dies ist die Politik der neuen Rechten in Europa - es geht darum, die Reste der sozialen Demokratie durch den Ausschluss anderer zu sichern, wobei die Ausweitung von Rechten für einige als Verlust von Privilegien für andere wahrgenommen wird. In einer Zeit, in der die Politik energie- und ideenlos und außerdem zunehmend zynisch geworden ist, neigen lautstarke Minderheiten dazu, sich um bestimmte Themen herum zu mobilisieren, während die Mehrheit der desillusionierten Wähler ihre Stimme mit einer Haltung der Resignation abgibt, wenn überhaupt. Rückentwicklung erzeugt eine hobbesianische Welt, einen Krieg aller gegen alle um schwindende Chancen und Ressourcen. ... Neue politische Akteure - evangelikale Kirchen, die Wohlstand durch Anbetung versprechen, Betrüger und politische Bewegungen, die eine Rückkehr zu einer imaginierten Vergangenheit versprechen - treten auf, um den Trend zum Zynismus auszunutzen. All dies ist bei den Wahlen in Südafrika zu beobachten."
Archiv: New Statesman

New Lines Magazine (USA), 27.05.2024

Die Beschränkungen, die das Weiße Haus der Ukraine in Bezug auf den Einsatz gelieferter Waffen auferlegt sind "veraltet, unlogisch und widersprüchlich", kritisieren Michael Weiss und James Rushton. Ukrainische Truppen müssen das Recht haben, die Waffen auch gegen Russen auf russischem Gebiet einzusetzen, rufen die beiden, anders sei der Krieg nicht zu gewinnen: "Die Biden-Administration erwartet von der Ukraine, dass sie einen Krieg nach Regeln führt, die die amerikanische Regierung niemals für sich selbst übernehmen würde. Und während viele Kritiken an der jüngsten US-Politik gegenüber der Ukraine - vor allem wegen der Verzögerung bei der Verabschiedung der letzten Tranche der Militärhilfe - zu Recht der Obstruktionspolitik der Republikaner zugeschrieben werden können, ist dies eine Entscheidung, die direkt dem Weißen Haus angelastet werden kann. Ein ehemaliger hochrangiger CIA-Offizier, der sich mit der Ukraine befasst hat, erklärte gegenüber New Lines: 'Die Faktoren, die in unser Kalkül einfließen, werden durch russische Fehlinformationen hinsichtlich ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zur Vergeltung beeinflusst. Wenn wir den Ukrainern erlauben, unsere Munition innerhalb Russlands einzusetzen, verhindern wir einen unnötigen, politisch bedingten Verlust ukrainischer Menschenleben'. Während sich die amerikanischen Leitplanken in diesem Krieg häufig verschieben und das 'Nein' des Präsidenten häufig zum 'Ja' wird, wie es bei ATACMS und F-16 der Fall war, kann es sich die Ukraine nicht leisten zu warten. Während wir diese Zeilen schreiben, stellt das Institute for the Study of War, eine in Washington D.C. ansässige Denkfabrik, fest, dass Russland erneut Truppen an der ukrainischen Grenze aufstellt, dieses Mal in Sudzha, einer Stadt nordöstlich von Charkiw in der Region Kursk. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski bestätigte in einem Interview mit Reuters am 21. Mai, dass die Lage auf dem Schlachtfeld 'eine der schwierigsten' sei, die die Ukraine seit Februar 2022 erlebt habe."

Stéphane Kenech besucht den Flüchtlingshelfer Abdelkebir Taghia in Laayoune, der größten Stadt der Westsahara. Taghia, den dort alle nur "Papa Afrika" nennen, wie Kenech berichtet, hat über die Jahre eine lokale Organisation für Flüchtlingshilfe gegründet - die einzige in der ganzen Region. Die Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln war 2023 erneut die tödlichste Migrationsregion der Welt, erfährt Kenech, Tausende Menschen sterben jedes Jahr auf See. Taghia will mit seiner Organisation vor allem verhindern, dass Menschen überhaupt eines der verhängnisvollen Schlauchboote besteigen: "'Wir stoppen die Migration nicht in letzter Minute. Wenn jemand von Guinea nach Algerien und dann weiter nach Marokko reist, kann man nicht verlangen, dass er auf dem Weg anhält. Wir müssen also ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse befriedigen, indem wir ihnen hier eine berufliche Perspektive bieten', sagt er. Taghia ist sich bewusst, dass die Situation der Migranten in der gesamten Region nach wie vor prekär und unsicher ist. 'Wir würden gerne Zuschüsse von der Europäischen Union erhalten, um humanitäre Projekte wie die, die wir gerade einrichten, zu entwickeln', betont er. Er bleibt hartnäckig, nutzt seine eigenen Kontakte und sucht Unterstützung bei der katholischen Kirche in Laayoune. Er ist regelmäßig in der Stadt unterwegs, um Unternehmen davon zu überzeugen, Migranten einzustellen. 'Wir sind zu einer Art Arbeitsvermittlungsagentur geworden', sagt er mit einem Lächeln."

Diane de Vignemont geht der Geschichte hinter der sogenannten "Pozzi-Zange" nach und ergründet damit auch "135 Jahre Frauenschmerz" und "medizinisches Gaslighting". Die starken Schmerzen, die die Autorin bei der Einführung der Kupferspirale erlitt, veranlassen de Vignemont, sich mit dem verwendeten medizinischen Gerät zu befassen, "einem Metallwerkzeug in Form einer Schere mit einer nach innen gebogenen Spitze", die den Zugang zur Gebärmutter erleichtern soll. Erfunden wurde das Instrument von Dr. Samuel Pozzi gegen Ende des 19. Jahrhunderts - Pozzi war wohl ein ziemlicher Frauenheld, so Vignemont, ein frauenhassender Sadist war er aber wohl nicht, anders als sie beim Beginn ihrer Recherche vermutet. Er war einer der ersten, der die Gynäkologie als eigenen Medizinzweig etablierte, seine Heilungsansätze waren damals äußerst progressiv, erklärt die Autorin. Nur; einiges, was der sogenannte "Liebesdoktor von Paris" damals annahm, wurde mittlerweile widerlegt, erfährt de Vignemont im Gespräch mit einem französischen Gynäkologen. Pozzi ging davon aus, dass dass der Gebärmutterhals "frei von sensorischen Nerven ist. In Wirklichkeit, so haben Fachleute inzwischen herausgefunden, befinden sich im Gebärmutterhals gleich drei verschiedene Nerven: der Beckennerv, der Vagusnerv und der Hypogastrienerv. Er kann sehr wohl Schmerzen empfinden und seiner Besitzerin große Mengen davon zufügen."

Commons (Ukraine), 23.05.2024

Wie Landwirtschaft, Geschichte, Politik, Krieg und nachhaltige Agrarwirtschaft in der Ukraine zusammenhängen, kann man im sozialkritischen ukrainischen Online-Journal Commons nachlesen. Im Gespräch skizziert die Soziologin Natalia Mamonova ebenso kenntnisreich wie unterhaltsam die Reformgeschichte der ukrainischen Landwirtschaft nach dem Zerfall der Sowjetunion, reflektiert die unmittelbaren und langfristigen Entwicklungspfade der ukrainischen Agrarpolitik und thematisiert auch die jüngste Kritik und Proteste gegen ukrainische Exporte in die EU: "Wir sollten meiner Meinung nach nicht versuchen, die großindustrielle Landwirtschaft in der Ukraine in ihrem Kern zu beseitigen. Das wäre zu extrem und unrealistisch. Erstens generiert die Agrarindustrie Haushaltseinnahmen, die für den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg benötigt werden (vor dem Krieg machte der Agrarsektor 45 Prozent der Exporterlöse aus). Sicherlich gibt es genügend Fälle von Steuerhinterziehung im großen Stil durch die Agrarindustrie, aber wir sollten die Rolle des Großkapitals in der ukrainischen Wirtschaft nicht unterschätzen. Zweitens ist die Welt auf das Getreide aus der Ukraine angewiesen, und unser Land hat das Potenzial, das geeignete Klima und die Ressourcen, um die 'Kornkammer der Welt' zu bleiben. Ich denke jedoch, dass es wichtig ist, großen Unternehmen mehr Beschränkungen aufzuerlegen, einschließlich Umweltauflagen, und die Agrarwirtschaft transparenter zu machen. Es ist auch wichtig, dass die ukrainische Regierung die Prioritäten in ihrer Agrarpolitik von einem 'big is beautiful'-Handeln auf die Unterstützung von Familienbetrieben und ländlichen Haushalten verlagert. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, denn die bimodale Agrarstruktur, die Kleinbauern gegenüber sehr ungerecht ist, ist im ukrainischen institutionellen System tief verwurzelt. Dies zeigt sich auch in der neuen Agrarpolitik, die weitgehend darauf abzielt, das Vorkriegsmodell einer globalisierten, exportorientierten Landwirtschaft wiederherzustellen."
Archiv: Commons
Stichwörter: Ukraine

New Eastern Europe (Polen), 27.05.2024

Belarus, das für den Kreml einen wichtigen strategischen Partner darstellt, wird in (wirtschafts-)politischen Untersuchungen trotzdem meist ausgelassen, bedauert der Analyst Kacper Wańczyk von der Universität Warschau in New Eastern Europe. Diese Diskurslücke will er nun mit einer neuen vergleichenden Analyse der belarussischen, russischen und ukrainischen Wirtschaftspolitik schließen: "Das belarussische Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal des Jahres um 4,1 Prozent. Das Wachstum ist hauptsächlich auf die Beibehaltung des hohen Binnenverbrauchs zurückzuführen, der durch die staatliche Konjunkturpolitik des letzten Jahres gefördert wurde. Der Anstieg der Produktion von Erdölprodukten und Kalidüngemitteln unterstützte das Wachstum. Faktoren, die sich aus den engen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ergeben, trugen ebenfalls zu diesem Wachstum bei. Die wachsende Nachfrage auf dem russischen Markt, der nach wie vor der einzige wichtige ausländische Partner für belarussische Unternehmen ist, sorgte dafür, dass ein Teil der Lebensmittelproduktion des Landes Abnehmer fand. Es ist auch möglich, dass ein Teil der belarussischen Maschinenbauproduktion an den russischen Militärsektor verkauft wurde."
Stichwörter: Belarus