Magazinrundschau

Es ist einfacher, den Kopf wegzudrehen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.09.2024. Newlines schildert, wie die orthodoxe Kirche in Georgien Stalin zum Heiligen mit Superkräften stilisiert. In HVG erzählt die in Siebenbürgen geborene Ärztin Juli Havas, wie die Angst auch Jahrzehnte nach der Ceausescu-Diktatur noch ihr Leben bestimmt. Das New York Magazine kann die schmutzigen Deals, die die ganze Trump-Familie mit despotischen Regimen macht, kaum noch zählen. Der New Yorker lernt von der Historikerin Rebecca L. Davis, wie Sklavinnen für die Entwicklung der modernen Gynäkologie ausgenutzt wurden. Und der Guardian staunt, was Pablo Escobar den Kolumbianern hinterlassen hat: Eine ausgemachte Flusspferdplage.

New Lines Magazine (USA), 02.09.2024

Seit sich die georgische Politik mehr und mehr Richtung Russland wendet, nimmt ein äußerst bizarres Phänomen an Fahrt auf, berichtet Will Neal: Seit Jahrzehnten kursieren im Herkunftsland Josef Stalins wilde Mythen über dessen angebliche "Superkräfte" erzählt Neal. Es heißt, er habe in seinem Leben zehntausende von Büchern gelesen oder auch, er habe die Zeit anhalten können. Diese latente Verehrung wird nun mehr und mehr zu einer gezielten Desinformationskampagne, an deren Ursprung die georgische Kirche steht, so Neil. Als Höhepunkt dieser Entwicklung lässt sich das Auftauchen eines Heiligenbilds Stalins in der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit in Tblisi sehen - der sowjetische Diktator neben der Heiligen Maria. Eigentlich nicht so verwunderlich, denn einer der 'glühendsten Verfechter' Stalins ist Georgiens oberstes religiöses Oberhaupt, Patriarch Ilia II.: "Was genau den georgischen Patriarchen zu seiner Verehrung des verstorbenen sowjetischen Führers treibt, bleibt Gegenstand vieler Spekulationen. Eine der wilderen Theorien geht davon aus, dass Ilia, ein in Russland geborener ethnischer Georgier, in Wirklichkeit selbst ein ehemaliger KGB-Agent und damit das Hauptinstrument einer jahrzehntelangen Kreml-Verschwörung zur Aufrechterhaltung des politischen Einflusses in Georgien ist. (Das Büro des Patriarchen antwortete nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.) Vertreter dieser Ansicht verweisen auf die Tatsache, dass Ilja in den späten 1950er Jahren an der Moskauer Theologischen Akademie studierte, als die Institution nachweislich unter der Kontrolle des sowjetischen Geheimdienstes stand, sowie auf verschiedene Kommentare, die der Patriarch im Laufe der Jahre in Interviews mit der Presse machte. 'Als [Stalin] starb, war ich nur ein Student am Seminar, und wir standen alle in der Aula und weinten, als sie ihn beerdigten', sagte der Patriarch 2013 gegenüber Reportern... Der Einfluss der Kirche in einem Land, in dem sich fast 90 % der Bevölkerung als Christen bezeichnen und Ilia durchweg als die vertrauenswürdigste und respektierteste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens des Landes gilt, kann kaum überschätzt werden."

Dass die Spuren der Apartheid in Südafrika bis heute nachwirken, zeigt ein Skandal um das südafrikanische Model Chidimma Adetshina, wie uns Kwangu Liwewe vor Augen führt. Adetshina, Tochter eines nigerianischen Vaters und einer mosambikanischen Mutter, wurde unter die elf Favoritinnen der Wettbewerbs zur "Miss South-Africa" gewählt, doch ihre Kandidatur löste in den Sozialen Medien einen Tsunami an Hass und Rassismus aus: "Chidimma wurde für eine illegale Einwanderin gehalten und für nicht südafrikanisch genug, um Miss Südafrika zu werden, weil sie schwarz und afrikanischer Abstammung ist", zitiert Liwewe einen Fernsehmoderator des südafrikanischen Senders eNCA. Schließlich zog sich Chidimma aus Angst vom Wettbewerb zurück, so Liwewe. Die Affäre zeige die kulturellen Spannungen und die Fremdenfeindlichkeit, die unter der Oberfläche der sogenannten "Regenbogennation" schwele, die "tiefen Narben, die Kolonialismus und Apartheid hinterlassen haben, haben die Konstruktion nationaler Identitäten und die Wahrnehmung afrikanischer Ausländer, selbst jener, die eingebürgert und Staatsbürger geworden sind, beeinflusst." Hier zeigen sich klar, stellt Liwewe fest, die Auswirkungen der rassistischen "Hackordnung" des Apartheidsregimes, in dem schwarze Südafrikaner auf der untersten Stufe standen: "'Die Regenbogen-Rhetorik ist gefährlich', sagt Nombulelo Shange, Soziologiedozent an der University of the Free State in Bloemfontein. 'Sie beschönigt die Ungerechtigkeiten, die wir durchgemacht haben. Sie besagt im Grunde, dass das, was wir in den letzten 300 Jahren durchgemacht haben, vergessen werden muss, weil wir eins sind. Sie ist gefährlich, weil sie uns die Möglichkeit nimmt, uns mit diesen Problemen auseinanderzusetzen und in uns zu gehen.'" Nach ihrem erzwungenen Rücktritt stellte sich Adetshina im Heimatland ihres Vaters Nigeria als Kandidatin im nationalen Schönheitswettbewerb zur Wahl und wurde gestern zu "Miss Universe Nigeria" gekrönt.

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HVG (Ungarn), 29.08.2024

Die aus Siebenbürgen stammende Ärztin Juli Havas gab im Jahr 2022 ihr Romandebüt. Jetzt erscheint ihr zweites Werk mit dem Titel "Papierpuppen" über die Entwicklung der Freundschaft drei junger Frauen in der Ceausescu-Ära in Rumänien. Im Interview erzählt sie von der Diktaturenerfahrung als permanente Begleitung einer Generation: "Die große Mehrheit in diesem System war von dem Schrecken nicht direkt betroffen. Jeder nahm sich auf die eine oder andere Weise Zeit und wartete auf das Ende des Regimes. Diejenigen gerieten in Schwierigkeiten, die offen Widerstand leisteten, zum Beispiel jene, die Samisdat schrieben, sie hatten jedoch eine Strategie zum Überleben. Wer sich auf etwas einließ, was das Regime nicht gern gesehen hat, der ging daraus mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erhobenen Hauptes hervor (...) Jetzt habe ich wirklich das Gefühl, dass es kein Entrinnen aus dieser Erfahrung gibt. Die Angst bleibt immer bei einem, genauso wie das ständige Heimweh nicht verschwindet, wenn es einmal ein Teil von einem geworden ist. (...) Es bleibt alles als Hintergrundgeräusch, mit dem man lebt. Jeder strebt danach, zu überleben und zu vergessen, und lange Zeit schien dies auch möglich zu sein. Wir lassen die historischen Traumata hinter uns - das haben wir uns erhofft (...) Ich glaube, wir werden nie befreit sein. Wer in einem System von Verboten sozialisiert wurde, wird es mit sich herumtragen, es wird Teil seiner Persönlichkeit. (...) Diejenigen, die rekrutiert wurden, schweigen immer noch über das, was sie getan haben. (…) Die Menschen schweigen oft, weil sie mit der Tatsache konfrontiert sind, dass sich andere nicht für ihre unbequemen oder grausamen Geschichten interessieren. Es ist einfacher, mit dem Schweigen zu leben, es ist einfacher, den Kopf wegzudrehen. Es entsteht eine Art gefühltes taktvolles Schweigen, das auch mit einem permanenten Gefühl der Heimatlosigkeit verbunden ist."
Archiv: HVG

New York Magazine (USA), 02.09.2024

Die ganze Trump-Familie ist involviert in fragwürdige, kaum noch zählbare Deals mit despotischen Regimen, weiß Casey Michel im New York Magazine. Jetzt, wo es möglicherweise auf eine zweite Amtszeit zugeht, nimmt Trumps Schwiegersohn Jared Kushner eine besonders wichtige Rolle dabei ein: "All diese Arrangements mit den Saudis als großen finanziellen Zustrom für die Trump-Sippe zu bezeichnen, wäre untertrieben. Bei einem der schmutzigsten - oder sumpfigsten - Arrangements seitdem Trump das Weiße Haus verlassen hat, hat sein unterqualifizierter, mangelerfahrener Schwiegersohn Jared Kushner es geschafft, einen Zwei-Milliarden-Dollar-Deal mit den Saudis für seine neue Investmentfirma zu landen. Selbst saudische Beamte waren zunächst erschrocken von dem Deal und wollten sich von Kushners Vorschlägen zurückziehen. Aber wie Intercept berichtet hat, ist der saudische Premier Mohammed bin Salman selbst eingeschritten, um den Deal zu bestätigen, darauf bedacht, Saudi-Arabiens finanzielle Klauen noch tiefer in Trumps Familie zu versenken. Wenn überhaupt ist es Kushner, der die Führung übernommen hat, wenn es darum geht, Verbindungen zwischen Trumps Welt und den neuen starken Staatsmännern zu knüpfen. Zusätzlich zu den saudischen Geldern hat sich Kushner auf dem Balkan herumgetrieben, wo er Anfang des Jahres einen Vertrag mit dem autoritären serbischen Regime unterzeichnet hat, um Luxushotels zu pachten." Dieser Vertrag ist das Ergebnis jahrelanger enger Verhältnisse zwischen Trump und dem serbischen Autokraten Vucic, fügt Michel noch an.

New Statesman (UK), 26.08.2024

Sohrab Ahmari erkennt im Wahlkampf von Donald Trump eine Identitätskrise. Die populistischen, teilweise dem neoliberalen Mainstream der Republikaner radikal entgegengesetzten Forderungen, die lange einen Grundstein seiner Popularität bildeten, spielen in seinen öffentlichen Äußerungen kaum noch eine Rolle: "Ist der Trumpismus noch ein Aufstand gegen Eliten und den amerikanischen Status quo in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts? Oder fügt sich die Bewegung in vertraute konservative Muster, die 'kommunistische' Phantome bekämpft, sich mit mächtigen Segmenten des amerikanischen Kapitals verbündet und einen post-neoliberalen Trend aufgibt, der erstmals von Trump selbst im Jahr 2016 angekündigt wurde? Die Beweise häufen sich zugunsten der zweiten Annahme: Der Trumpismus 2.0 ist eher konservativ als radikal oder populistisch. Das deutlichste Zeichen dafür ist die Entscheidung, Kamala Harris als 'Kommunistin' darzustellen, weil sie versprochen hat, gegen die Preistreiberei der Unternehmen in der Lebensmittelindustrie vorzugehen. Unabhängig von den Vorzügen ihres Vorschlags steht die Tatsache, dass selbst einige der konservativsten Bundesstaaten Gesetze gegen Preistreiberei eingeführt haben. Richard Nixon, Trumps spiritueller Vorgänger bei den Republikanern, führte umfangreiche Preiskontrollen ein. Solche Maßnahmen als 'kommunistisch' zu charakterisieren, erinnert an die dümmste, langweiligste Version der Post-Reagan-Rechten - an eine Nikki-Haley-Kampagne. Und es fühlt sich an wie eine Abkehr von allem, was Trump für die Wähler der Arbeiter- und unteren Mittelschicht bei seinem Wahlsieg attraktiv machte. Was ist mit dem Trump passiert, der Unternehmenschefs kritisierte und vorschlug, dass der Staat sich um die einfachen Menschen kümmern sollte, selbst wenn das bedeutete, die heiligen Marktorthodoxien der Republikaner zu verletzen?" Warum aber hat Trump seine Strategie gewechselt? Schuld trägt laut Ahmari die finanzielle Abhängigkeit seiner Kampagne von Tech-Größen wie Elon Musk.
Archiv: New Statesman

Guardian (UK), 02.09.2024

Joshua Hammer beschäftigt sich mit einem ungewöhnlichen Erbe des 1993 von der kolumbianischen Polizei getöteten Drogenbarons Pablo Escobar: einer Flusspferdplage. Escobar hatte einen Teil seines gigantischen Vermögens in einen Privatzoo investiert. Auch nach dem Tod verblieben die Tiere zunächst auf seinem Anwesen. Aber: "Im Jahr 1998 beschlagnahmte die Regierung (Escobars) Anwesen und brachte die meisten Tiere in heimischen Zoos unter. Doch mehrere Flusspferde - die meisten Quellen sprechen von drei Weibchen und einem Männchen - wurden als zu gefährlich für einen Transport angesehen. So begann das heutige Problem in Kolumbien. Die Flusspferde vermehrten sich. (Sobald es die Geschlechtsreife erreicht, kann ein weibliches Flusspferd alle 18 Monate ein Kalb zur Welt bringen und in einer Lebensspanne von 40 bis 50 Jahren bis zu 25-mal gebären.) Männchen, die vom dominanten Männchen aus der Herde vertrieben wurden, wanderten anderswohin, gründeten eigene Herden und übernahmen neue Territorien. Heute weiß niemand genau, wie viele Flusspferde die Flüsse und Seen des Magdalena-Beckens bewohnen, das etwa 260.000 Quadratkilometer umfasst und zwei Dritteln der kolumbianischen Bevölkerung Heimat bietet. Ende 2023 zählte die offizielle Regierung 169 Tiere. David Echeverri López, Leiter des Büros für Biodiversitätsmanagement von Cornare, einer regionalen Umweltbehörde, sagt, es könnten 200 sein. Kolumbianische Biologen sagten kürzlich voraus, dass die Population bis 2040, wenn nichts unternommen wird, um ihre Vermehrung zu kontrollieren, auf bis zu 1.400 anwachsen könnte."
Archiv: Guardian

New Yorker (USA), 26.08.2024

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Rebecca L. Davis ist Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Universität Delaware und hat mit "Fierce Desires: A New History of Sex and Sexuality in America" ein Buch über die Geschichte von Sexualität und vor allem ihren Besonderheiten und Abweichungen in den USA geschrieben, von dem Rebecca Mead im New Yorker viel Neues lernt. So zum Beispiel die Bedeutung, die Sklavinnen für die Entwicklung der modernen Gynäkologie hatten: "Davis schreibt auch über die sexuelle Ausbeutung, die endemisch in der Sklaverei ist. Schwarze Frauen waren nicht nur sexuellem Missbrauch durch jene ausgesetzt, die sie versklavt haben, sondern wurden auch nach ihrer Fruchtbarkeit beurteilt, sodass die Sklavenhalter die Zahl der Arbeiter auf ihren Feldern erhöhen konnten. James Marion Sims, der frühere Präsident der American Medical Association und der sogenannte Vater der modernen Gynäkologie, entwickelte eine Technik, um Fisteln zu behandeln - eine Entbindungskomplikation, die in einem Loch im Gewebe zwischen Blase und Vagina besteht - indem er, ohne Betäubung, an versklavten Frauen experimentiert hat. (Eine Statue von Sims, die einst im Central Park stand, wurde verunstaltet und 2018 nach Anti-Rassismus-Protesten entfernt). Angesichts der grauenvollen Ausnutzung der Reproduktionsorgane der versklavten Frauen war die Nutzung von volksmedizinischen Abtreibungsmitteln wie Salbeitee und Baumwollwurzel eine Form von kollektivem Widerstand. 'Widerstand gegen und Subversion der Brutalität der Sklaverei hat sich nicht nur in Sklavenrebellionen ereignet, sondern auch in diesen intimen Akten', hat Davis scharfsinnig festgestellt."
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 30.08.2024

Der Komponist Marcell Dargay veröffentlichte vor kurzem ein umfassendes musikhistorisches Werk über die Aktivitäten und Werke der Gruppe 180, einer zeitgenössisch-klassischen Formation der späten 1970er und 80er Jahre in Ungarn. Im Interview kritisiert er die aktuelle Entwicklung der zeitgenössisch-klassischen Musik: "Heute gilt ein Talentshow-Teilnehmer, der bis dahin nur unter der Dusche sang, am nächsten Tag als ein Profi. In diesem Zusammenhang ist es lehrreich, sich daran zu erinnern, dass Musiker, die jahrzehntelang als Instrumentalisten an der Schola und den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet worden waren, einst als Dilettanten abgestempelt wurden. Diese Grenzen sind sicherlich aufgeweicht worden, aber das ist eher das Ergebnis einer Verwischung der kulturellen Grenzen, die vielleicht durch die viel gepriesene Postmoderne gefördert wird. Sie hat auch das, was einst als Liebhaber-Kenner-Dichotomie bekannt war, neu geordnet, wobei jetzt jeder ein 'Profi' sein kann, der Software oder KI verwendet. Das kulturelle Milieu des posthumanen Zeitalters scheint auf den ersten Blick viel offener zu sein, während die Hochkultur jedoch immer mehr zu einer Subkultur schrumpft. Die innovativsten Musiktrends kommen heute oft aus der Peripherie der offiziellen Musikszene oder von außerhalb, und die Welt der klassischen Musik versucht ebenso wie die Popkultur, ihre Produkte noch marktfähiger zu machen, indem sie Instrumentalmusiker und Dirigenten quasi zu Influencern macht. Auffallend ist leider, dass weder die zeitgenössische klassische Musik noch die eigentliche klassische Musik zum Kulturkonsum der jungen Intellektuellen und der Intellektuellen mittleren Alters gehört. Sie verstehen den Gegensatz zwischen konservativ und progressiv vor allem in Bezug auf die Popmusik. Musik hat nachweislich eine viszerale Wirkung, so dass man sich leicht mit ihr identifizieren kann, aber wenn der Hörer auf Musik stößt, die wirklich intellektuell herausfordernd ist, ist die Rezeption schwieriger als bei jeder anderen Kunstform." Wir scheuen uns nicht vor intellektueller Herausforderung und hören hinein in die Musik der Gruppe 180:

The Insider (Russland), 29.08.2024

In Russland kommt es vermehrt zu Wetterextremen, aktuell sind viele Staudämme durch Starkregen gebrochen und überfluten ganze Gebiete, berichtet Tatiana Lanshina. Die russische Regierung, die sich in diesen Regionen nie blicken lässt, setzt aber bekanntlich andere Prioritäten. "Präsident Putin räumt ein, dass sich das Klima der Erde verändert, aber er führt diese Veränderungen sowohl auf menschliche Aktivitäten als auch auf 'globale Prozesse' zurück. Er hat sich skeptisch über die wahren Ursachen des globalen Klimawandels geäußert, und obwohl ihm bewusst ist, dass die Temperaturen in Russland schneller steigen als im weltweiten Durchschnitt, hat er die Frage des anthropogenen Klimawandels nicht ernst genommen. Gelegentlich hat er sogar angedeutet, dass Russland von diesen Veränderungen profitieren könnte, indem er mit einigem Optimismus auf die verbesserten Transportmöglichkeiten hinwies, die der Klimawandel durch die Öffnung der nördlichen Seeroute für die Schifffahrt mit sich gebracht hat. Mehr noch als Putins Rhetorik machen die Handlungen des russischen Staates deutlich, dass die Bewältigung des Klimawandels - und der damit verbundenen Naturkatastrophen - kein wichtiger Bestandteil der Agenda des Kremls ist. Stattdessen haben der Krieg in der Ukraine und die geopolitische Expansion sowie die Aufrechterhaltung der Position Russlands als wichtiger Exporteur von Kohlenwasserstoffen oberste Priorität. Beide Aufgaben werden äußerst unbefriedigend gelöst: Die Offensive der ukrainischen Streitkräfte in der Region Kursk deutet auf einen unzureichenden Schutz der russischen Grenze hin, und die russischen fossilen Brennstoffe wurden nur unter großen Schwierigkeiten von West nach Ost umgeleitet - und zu erheblichen Kosten für Russland selbst, wie die beispiellosen Verluste des staatlichen Gasriesen Gazprom zeigen."
Archiv: The Insider

Mediazona (Russland), 27.08.2024

Vor einem Jahr wurde der 14-jährige Valery Zaitsev vom FSB aus einer Tuberkuloseambulanz, in der er seit einigen Monaten behandelt wurde, geholt und vor Gericht zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, berichtet Alla Konstantinova in Mediazona. Er soll in Telegram-Gruppen das Symbol der Asow-Brigade geteilt haben. "Nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 sprach der 14-jährige Valery 'immer wieder über diese Ukraine', erinnert sich seine Großmutter. 'Er sprach sich gegen den Krieg aus', seufzt sie. Er fragte: 'Warum haben wir unsere Brüder angegriffen?' und solche Sachen. Und was sollte ich sagen? Ich antwortete: 'Das haben wir beide nicht zu sagen!' Woher sollen wir das wissen? Wer sind wir? Und wir hörten auf, über dieses Thema zu diskutieren. Aber ich wusste nicht, dass er im Internet darüber schreiben würde! (...) 'Wir hatten Besuch, und er sagte: 'Oma, weine nicht', schluchzt Irina Zaitseva. 'Er hat immer geglaubt, dass ihn niemand ins Gefängnis bringen würde. Ich sagte: 'Valera, du weißt doch, dass du angeklagt bist, oder? Und er antwortete: 'Aber ich habe nichts falsch gemacht! Als er dort ankam, konnte er es zunächst nicht begreifen und sagte mir: 'Oma, warum bin ich im Gefängnis? Hier gibt es Mörder, Drogensüchtige, Diebe, Schlägereien... Und warum bin ich hier?' Und ich sagte: 'Und du bist hier, weil, wo bist du hingegangen? Gegen wen hast du dich gewehrt, verdammt noch mal?'"

Weitere Artikel: Die russische Propaganda treibt immer groteskere Blüten: Auf dem regierungstreuen, russischen "Comedy"-Channel TNT läuft bald eine Serie an, in der es um einen altersschwachen Joe Biden geht, der zufällig in Moskau landet und dem dort allerhand skurrile Dinge passieren, wie Mediazona berichtet: "In der Projektbeschreibung heißt es: '[Biden] verliert gleich am ersten Tag seine Dokumente, findet aber einen neuen Freund - einen echten russischen Patrioten. Nun ist Biden gezwungen, in einem typischen Wohnhaus aus der Chruschtschow-Ära zu leben. Währenddessen bringen CIA-Agenten einen russischen Rentner namens Ivanych, der Biden sehr ähnlich sieht, in die USA.'"
Archiv: Mediazona

Ceska Televize (Tschechien), 03.09.2024

Im tschechischen Riesengebirge ist die Elbquelle versiegt, berichtet das tschechische Fernsehen: Pramen Labe (Quelle der Elbe) ist ein beliebtes Touristenziel, das die Besucher derzeit nur ausgetrocknet vorfinden. Die eigentliche Quelle der Elbe liegt zwar etwas weiter oben, in den Torfmooren, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, doch trotz der starken Regenfälle mangele es auf den Gebirgskämmen schon längerfristig sowohl an Oberflächen- als auch an Grundwasser. Das Wasser werde als Erstes vom Torf aufgesagt und fließe von dort nicht mehr weiter, wie Václav Jansa, der stellvertretende Direktor der Nationalparkverwaltung Riesengebirge, erklärt. Gleichzeitig bemüht man sich, Torfmoore und Feuchtgebiete wiederherzustellen, die eine große Artevielfalt gewährleisteten. Die Situation habe sich durch den vergangenen Winter verschärft, in dem es im Riesengebirge deutlich weniger Schnee gab als in früheren Jahren, der auch noch einen Monat früher wegschmolz als üblich."
Archiv: Ceska Televize
Stichwörter: Tschechien

Aktualne (Tschechien), 01.09.2024

In Prag starb dieser Tage die tschechische Schriftstellerin und Literaturtheroretikerin Daniela Hodrová, Trägerin des Staatspreises für Literatur, des Magnesia Litera und des Franz-Kafka-Preises, wie Aktuálně berichtet. Zur Zeit der kommunistischen Normalisierung kursierten ihre Texte nur im Samizdat, und es dauerte zwei Jahrzehnte, bis sie den Lesern auf offiziellem Wege zugänglich wurde. "Es war einfach ein Fakt, ich habe es nicht als Unrecht empfunden. Dieses Gefühl ist mir fremd. Das Schreiben war per se wesentlich und lebensnotwendig', soll Hodrová gesagt haben. Die Autorin, die als anspruchsvoll gilt und nie für ein Massenpublikum geschrieben hat, wurde früh als postmodern bezeichnet, da die Struktur vor der Handlung in den Vordergrund trete, außerdem Mythen eine wichtige Rolle bei ihr spielten. Dennoch seien ihre Texte eng mit Prag, genauer gesagt dem Gebiet zwischen Vinohrady und Žižkov verknüpft. "Das Sterben war für sie ein zentrales Thema", schreibt Aktuálně: "In ihren Texten treffen sich die Lebenden mit den Toten ebenso wie das Reale mit dem Möglichen, während die Vergangenheit hartnäckig an den Menschen und Orten der Gegenwart haftet."
Archiv: Aktualne

New York Times (USA), 02.09.2024

Matthew Shaer widmet sich in einem großen mit Studien und Zahlen belegten Essay dem Thema Einsamkeit, die laut der 71-seitigen Warnung des US-Generalchirurgen Vivek Murthy zu einer Epidemie heranwächst, die mehr Amerikaner betrifft als Diabetes oder Fettleibigkeit: "Zusammen mit der gleichzeitigen Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation, Einsamkeit zu einem 'globalen Problem der öffentlichen Gesundheit' zu machen, hat der Bericht des Generalchirurgen dazu beigetragen, die Emotion auf die gleiche kulturelle Position zu bringen, die Depressionen und Angstzustände in der Ära der 'Prozac-Nation' einnahmen. … In Japan und Großbritannien, wo Einsamkeit ebenso ein Thema ist wie in den Vereinigten Staaten, wurden sogar Einsamkeitsminister ernannt - Regierungsbeamte, die die Krise ausloten und verbessern sollen, sei es durch öffentliche Sensibilisierungskampagnen ('Ihre Hobbys und Interessen sind wichtig') oder durch Initiativen wie die in Großbritannien, bei der Postboten gebeten wurden, sich bei den älteren Einwohnern auf ihren Routen zu melden. Murthy schlug seinerseits vor, dass Unterhaltungsunternehmen mehr Inhalte schaffen sollten, die 'die Kernwerte der Verbundenheit verstärken'. Einzelpersonen, so fügt er hinzu, sollten in Erwägung ziehen, 'ein positiver und konstruktiver Teilnehmer am politischen Diskurs und an Versammlungen zu sein (z. B. Rathäuser, Schulausschusssitzungen, Anhörungen der lokalen Regierung)'. Was all diese verschiedenen Bemühungen bis zu einem gewissen Grad gemeinsam haben, ist die Vorstellung, dass die Lösung für die Einsamkeit nur einen Telefonanruf, eine E-Mail, eine SMS oder ein freundliches Klopfen an der Tür entfernt ist - dass der Schlüssel zur Schließung der Lücke zwischen dem wahrgenommenen und dem realisierten Niveau der zwischenmenschlichen Beziehungen auf gesellschaftlicher Ebene letztlich in der Wiederherstellung einer Welt liegt, die uns entglitten ist. ... Im schlimmsten Fall lenkt dies von den wirklichen Problemen ab. Wie Untersuchungen wie die von Weissbourd und Batanova zeigen, sprechen wir, wenn wir über Einsamkeit sprechen, eigentlich über all die Probleme, die sich gefährlich darunter verbergen: Entfremdung und Isolation, Misstrauen und Trennung und vor allem das Gefühl, dass viele der Institutionen und Traditionen, die uns einst zusammenhielten, für uns weniger verfügbar oder nicht mehr von Interesse sind."
Archiv: New York Times
Stichwörter: Einsamkeit, Entfremdung