Magazinrundschau - Archiv

Ideas

6 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - Ideas

"Wer nicht betrügt, hat in der mexikanischen Demokratie keine Chance." Am 1. Juli wird in Mexiko ein neuer Präsident gewählt, und der Schriftsteller und Journalist Juan Villoro lobt die Zapatisten: "Seit mehr als zwanzig Jahren legen sie eine beispiellose Fantasie und Widerstandskraft an den Tag. Hierzulande, wo Politik als Geschäft verstanden wird, wo die Probleme nicht gelöst, sondern verwaltet werden, wo der Narco-Staat alles in eine riesige Nekropole verwandelt hat, wo das Leben einer Frau weniger gilt als das eines Mannes, wo kanadische Bergbauunternehmen die Flüsse verseuchen, wo Edelholz im Tausch für chinesisches Spielzeug exportiert wird, stellt die zapatistische Alternative eine Oase der Würde dar. Vor allem aber handelt es sich um keine Utopie: Erstaunlicherweise existiert tatsächlich eine andere Art des Zusammenlebens hier bei uns, in den von den Zapatisten regierten autonomen Regionen. Hier stellt sich auch niemand selbst als Kandidat auf - die Gemeinschaft fordert jemanden, den sie kennt, auf, sie zu vertreten, und der oder die Betreffende muss anschließend nicht für sich werben, sondern gegebenenfalls erklären, weshalb er die Aufgabe nicht annimmt."

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Ideas

Der Ökonom Eduardo Levy Yeyat stellt, mit Blick auf Argentinien, eine Vielzahl historischer und aktueller Modelle für ein allgemeines Grundeinkommen vor: "Wie man sieht, eine ziemlich verzwickte Angelegenheit. Ich könnte selbst nicht sagen, welches Modell mir am besten scheint - da diese Idee Jahre braucht, um auszureifen, müsste ich versuchen, mir die argentinische Gesellschaft im Jahr 2030 vorzustellen. Was aber nicht heißt, dass wir bis 2030 zu warten brauchen! Stellt ein allgemeines Grundeinkommen die normale Arbeit infrage? Verringert es Armut und Ausgrenzung? Fördert es das Lernen und die soziale Mobilität oder den Verkauf von Fernsehern und Tablets? All diese Fragen könnten wir nach und nach klären, wenn wir einen Modellversuch unternähmen wie etwa in Finnland oder Kanada. Besonders kostspielig wäre solch ein Versuch nicht. Denn auch wenn die vom technolgischen Fortschritt bewirkte Arbeitslosigkeit hierzulande noch nicht die drängendste Bedrohung zu sein scheint, könnte sie es schon bald werden."

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - Ideas

"Wenn das Normale anormal wird." Claudio Jacquelin bilanziert das erste Regierungsjahr des neuen argentinischen Präsidenten Mauricio Macri: "Vor einem Jahr wurde mit Macri in Argentinien zum ersten Mal ein Politiker Präsident, der weder dem Peronismus noch dem Radikalismus entstammte, sondern einer erst im 21. Jahrhundert gegründeten Partei. Außerdem der erste, der nicht Anwalt ist, genauso wenig wie seine Vizepräsidentin, sein Kabinettschef und sein Innenminister. Der erste ohne Wirtschaftsminister. Und der erste, der bei Amtsantritt mehrfacher Millionär war und nicht erst bei seinem Ausscheiden. Aber dieser Präsident, dessen größtes Ziel es war, aus einem Land der ständigen Ausnahmen ein normales Land zu machen, hat es heute mit einer Welt zu tun, die kaum noch an die vor einem Jahr erinnert. Das gilt nicht nur für Europa beziehungsweise England und die USA, sondern auch für Länder wie Brasilien oder Chile - ja selbst im benachbarten Uruguay, dem letzten Shangri-La progressiv-liberaler Argentinier, wird inzwischen eines der Identitätsmerkmale des Landes infrage gestellt, der Laizismus - Bischof Daniel Sturla forderte dort, durchaus erfolgreich, die Leute sollen an ihren Balkons Plakate anbringen, auf denen sie sich zum katholischen Glauben bekennen."
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Magazinrundschau vom 20.12.2016 - Ideas

Der Publizist und Historiker Pablo Stefanoni analysiert die Lage in Lateinamerika nach Abwahl nahezu aller dortigen Linksregierungen. Insbesondere für Argentinien sieht er: "Die so genannte 'neue Rechte' muss sich darüber im Klaren sein, dass die Erinnerung an die katastrophalen Auswirkungen des Neoliberalismus der 80/90er Jahre keineswegs vergessen sind und die sozialen Akteure weiterhin ein hohes Mobilisierungspotential besitzen. Und angesichts des unvorhersehbaren Donald Trump muss sie feststellen - wie der Politologe Andrés Malamud ironisch formuliert: 'Als wir wieder in die Welt zurückkehrten, war die Welt verschwunden.' Allerdings, wie Malamud provokativ fortfährt, könnte das auch eine neue Chance sein: 'Eine abgelegene, aber demokratische Region, die in keine Kriege verwickelt ist, ist heute geradezu ein Luxus. Und vielleicht schon bald eine große Ausnahme.'"

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - Ideas

Pablo Avelluto, der frisch ernannte Kulturminister der neuen argentinischen Regierung, hat den Schriftsteller Alberto Manguel zum neuen Direktor der mythischen argentinischen Nationalbibliothek berufen, die u. a. von 1955 bis 1973 von Jorge Luis Borges geleitet wurde. "Die Liste meiner Vorgänger ist einschüchternd und herausfordernd zugleich", bekennt Manguel, der für seine neue Aufgabe von New York nach Argentinien zurückkehrt, und fügt hinzu: "Ich kann mir keine Zukunft ohne Bücher vorstellen, so wenig wie eine Zukunft ohne Verkehrsmittel oder Kleidung, es sei denn, wir verwandeln uns wieder in eine orale Gesellschaft. Das Buch hat im Lauf der Jahrhunderte viele Formen angenommen, und es wird weitere Wandlungen durchmachen. Selbst das digitale Buch wird uns irgendwann altmodisch vorkommen, aber grundlegend anders wird es meiner Ansicht nach dennoch nicht sein."

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - Ideas

Europa und Lateinamerika drehen sich gegenseitig immer mehr den Rücken zu, konstatiert der Politikwissenschaftler Federico Merke in der neuen Wochenendbeilage Ideas der argentinischen Tageszeitung La Nación: "Zwischen 2010 und 2014 reisten die höchsten Verteter der EU 95 mal auf den Balkan, nach Russland und in die Türkei, 78 mal in den Nahen Osten und 65 mal nach Asien. Dem stehen gerade einmal 15 Reisen nach ganz Lateinamerika gegenüber, halb so viele wie in die USA. Lateinamerika schätzt die Bedeutung Europas seinerseits entsprechend geringer ein. Ein wichtiger Grund ist in beiden Fällen der Druck, der von Asien ausgeht. Europa exportiert mehr nach China als nach ganz Lateinamerika, dessen Handel mit China seinerseits in den letzten 15 Jahren um das Zwanzigfache gewachsen ist. Nicht wenige sind der Ansicht, dass wir uns nicht so sehr auf eine multipolare als auf eine post-okzidentale Welt zubewegen, was für Lateinamerika allerdings nicht eine Welt mit weniger USA bedeutet, sondern mit weniger Europa."
Stichwörter: Balkan, China, Europa, Lateinamerika