Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 59

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - London Review of Books

Sheila Fitzpatrick unternimmt im Rahmen der Besprechung eines Buches von Joseph Kellner über kulturelle und religiöse Strömungen während der Perestroikazeit - "The Spirit of Socialism. Culture and Belief at the Soviet Collapse" - einen Streifzug durch esoterische und parapsychologische Praktiken in der Sowjetunion. Besonders interessieren sich Autor und Rezensentin für die Gruppe der "Suchenden": "Die 'Suchenden' waren typischerweise Mitglieder der sowjetischen Intelligenzija, insbesondere Wissenschaftler und Mathematiker. Sie waren keine Dissidenten; organisierte Politik interessierte sie noch weniger als die philosophisch und juristisch orientierten Moskauer Dissidenten der 1970er Jahre. Im Gegensatz zu den Dissidenten, die auf der Suche nach Anschluss und ein Publikum in den Westen blickten, wandten sich die Suchenden eher nach Osten und insbesondere den 'orientalischen' Religionen zu. Sie waren erfolgreicher als die Dissidenten darin, sowjetische Räume und Institutionen für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, besonders die populärwissenschaftliche Zeitschrift Znanie (Wissen) mit ihrem angeschlossenen Netzwerk von Erwachsenenbildungsclubs sowie die offiziell atheistische Zeitschrift Nauka i religiya (Wissenschaft und Religion), deren Redakteure allmählich aufhörten, die beiden titelgebenden Konzepte als Gegensätze zu behandeln. Dem Bericht Kellners zufolge ließ der sowjetische Sozialismus Raum für solche 'Suchenden', während er gleichzeitig unbeabsichtigt ein Bedürfnis nach Suche erzeugte, indem er keinen angemessenen Ersatz für religiösen Glauben oder ein Ventil für spirituelle Bedürfnisse bot. Die Begeisterung für das Zeitalter der Raumfahrt richtete den Blick der Menschen zunächst nach oben zum Himmel; selbst nachdem diese Begeisterung nachließ, blieb der Blick weiterhin nach oben gerichtet, auf der Suche nach Antworten in den Sternen."
Stichwörter: Esoterik, Sowjetunion

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - London Review of Books

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Paul Taylor beschäftigt sich im Rahmen seiner Besprechung von Suzanne O'Sullivans Buch "The Age of Diagnosis" mit dem Problem der Überdiagnostik - Krankheiten oder Störungen, die sich in einer Population auszubreiten scheinen, aber nicht, weil tatsächlich mehr Menschen objektiv nachweisbare Symptome aufweisen, sondern weil sich die Diagnosekriterien oder auch die Selbstbeobachtungsschemata der Patienten geändert haben. Beispiele, auf die der Text zu sprechen kommt, sind, unter anderem, Lyme-Borreliose, ADHS - und Autismus: "Autismus wurde erstmals 1943 in einer Veröffentlichung das amerikanischen Psychiaters Leo Kanner beschrieben. Darin schilderte er elf Kinder, die er behandelte und die unfähig waren, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Bis 2021 hatten schätzungsweise 61,8 Millionen Menschen weltweit eine Autismusdiagnose. Allerdings ist die Erkrankung heute nicht mehr dieselbe wie die, über die Kanner schrieb. Damals wurde sie als Unterform der kindlichen Schizophrenie verstanden und auf Personen mit schwerer geistiger Behinderung beschränkt. Die ersten Veränderungen kamen in den 1970er-Jahren, als Psychiater Patienten mit Merkmalen identifizierten, die denen in Kanners Stichprobe ähnelten, aber eine viel größere Bandbreite an Sprachfähigkeiten zeigten. Da Autismus als irreversibel galt, ist es überraschend, dass die Störung jahrzehntelang nur bei Kindern diagnostiziert wurde. Als schließlich erkannt wurde, dass Autismus auch bei Erwachsenen vorkommt, wurden die diagnostischen Kriterien erneut erweitert. Das Asperger-Syndrom wurde 1994 im DSM-4 als mildere Form der Störung aufgenommen. Seitdem wurde Autismus als Spektrumstörung neu definiert, und das Asperger-Syndrom wurde wieder als eigene Diagnose gestrichen, als 2013 das DSM-5 veröffentlicht wurde. Die Häufigkeit von Autismusdiagnosen ist von 5 pro 10.000 Menschen in den 1980er-Jahren auf heute etwa 1 pro 100 - oder sogar mehr - gestiegen. Ein Teil dieses Anstiegs ist auf bessere Erfassung und Meldung zurückzuführen. Auffällig ist jedoch, dass die Häufigkeit von schwerem Autismus kaum zugenommen hat."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Erin Maglaque liest das Buch "Street Style" der Historikerin Elizabeth Currie, die vor allem an den Gemälden Caravaggios die Bedeutung von Mode und Kleidung im Barock untersucht: "Currie macht uns auf Details aufmerksam, die wir sonst vielleicht übersehen oder nicht richtig deuten könnten: die wehenden Federn an den Mützen der Bravi; die hauchzarten Schleier römischer Adliger; die voluminösen Umhänge der 'Zigeunerinnen' (die ihnen, laut Zeitgenossen, beim Hühnerdiebstahl halfen). Das Buch vertieft unser Verständnis der Malerei von Straßenszenen und gibt einen Einblick in die Bedeutung der Mode für die einfachen Leute. Rom - wie weite Teile des frühneuzeitlichen Europas - war ein Ort, an dem Kleidung eine große Rolle spielte. Ein römisches Gesetz von 1561 schrieb beispielsweise vor, dass Schuldner eine grüne und jüdische Männer eine gelbe Baskenmütze tragen mussten. Eine Verordnung von 1631 besagte, dass Roma-Frauen 'ihre Roma-Kleidung ablegen oder vielmehr zerstören mussten'. Sexarbeiterinnen wurde das Tragen des modischen Lenzuolo, des langen, durchsichtigen Schleiers, der von römischen Adligen getragen wurde, verboten. Diese wiederum durften die Zimarra, ein Überkleid mit schicken, herabhängenden Ärmeln, oft aus Seide gefertigt oder mit glitzerndem Metallfaden bestickt, nicht tragen, das bei Sexarbeiterinnen beliebt war."

Magazinrundschau vom 17.02.2026 - London Review of Books

James Meek beschäftigt sich mit den Erfolgen von Rechtspopulisten in Rumänien - und vor allem mit Călin Georgescu, der 2025 auf dem Weg war, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen (mehr auch hier), bevor ihn das Verfassungsgericht in Bukarest von der Wahl ausschloss. Diese für die rumänische Demokratie äußerst problematische Episode verweist laut Meel auf einen schweren Vertrauensverlust der liberalen Eliten des Landes. Aber was hat es mit Georgescu auf sich? Laut Meek hat der nicht zuletzt deshalb Erfolg, weil es ihm gelungen ist, sich selbst als eine Art "rechtsextremes Wellness-Produkt" zu vermarken. Die Covid-Pandemie half ihm dabei: "Im Januar 2021, auf dem Höhepunkt der Pandemie, einen Tag bevor Präsident Klaus Iohannis versuchte, die Bevölkerung zu beruhigen, indem er sich selbst impfen ließ, wurde Georgescu dabei gefilmt, wie er in einem eiskalten österreichischen See schwamm. 'Es ist eine Pandemie der Angst und der Dummheit. Und darüber liegt eine Pandemie der Heuchelei und Manipulation', sagte er. 'Ich vertraue meinem Immunsystem, weil ich seinem Schöpfer vertraue und volles Vertrauen in ihn habe. Meine Immunität hängt von der Souveränität meines Seins ab. Meine Immunität wird nur in der Natur erhalten und trainiert … nicht im Labor. Was Georgescu besonders macht, ist, wie weit seine Förderung eines 'natürlichen, traditionellen' Weges zum Wohlbefinden geht - weit über Impfgegner-Verschwörungstheorien und Anti-Establishment-Rhetorik hinaus. Sein gesamtes politisches Programm, sofern man überhaupt von einem solchen sprechen kann, basiert auf der Notwendigkeit, Rumänien zu heilen, indem ein synthetisches Mittelalterland geschaffen - oder, wie er es darstellt, wiederhergestellt - wird: agrarisch, handwerklich, patriarchal, orthodox-christlich, selbstversorgend mit Bio-Lebensmitteln, frei von Chemikalien, frei von Moderne, befreit von allem und jedem, den er ablehnt. Es besteht eine Verbindung zwischen seinen Ideen und denen Robert F. Kennedy Jrs., dem impfkritischen US-Gesundheitsminister und Wellness-Enthusiasten. Georgescu lässt keine Gelegenheit aus, damit zu prahlen, das Vorwort zu einem von Kennedys Büchern geschrieben zu haben - wobei er den entscheidenden Zusatz 'für die rumänische Ausgabe' weglässt."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Entlang von Rachel Miduras "Postal Intelligence: The Tassis Family and Communications Revolution in Early Modern Europe" und Joad Raymond Wrens "The Great Exchange: Making the News in Early Modern Europe", beide vergangenes Jahr erschienen, erzählt John Gallagher die Geschichte der Postsysteme im Frühneuzeitlichen Europa. Zu lesen ist von ersten Postkriegen zwischen den europäischen Mächten, dem Ursprung des Newsletters im 15. Jahrhundert und Propaganda, Nachrichtenkontrollen und -sperren durch Kirche, Königshäuser und Staaten: "Im Jahr 1703 gründete Peter der Große die Vedomosti, die erste gedruckte Zeitung in russischer Sprache, obwohl russische Beamte sechs Jahrzehnte später beklagten, dass die Propagandakraft eines staatlichen Medienorgans nicht ausgeschöpft werde, da Exemplare der Zeitung 'nicht in allen Städten des Russischen Reiches erhältlich sind und daher nicht überall Nachrichten über [unsere] militärischen Erfolge empfangen werden.'" Desinformationskampagnen gab es allerdings schon vorher: "Der russische Staat nutzte seine Diplomaten im Ausland, um die falsche Nachricht von der Niederschlagung der Rebellion von Stenka Razin im Jahr 1671 zu verbreiten. Die London Gazette druckte die Nachricht unter Berufung auf einen 'Gesandten des Zaren von Moskau' in Den Haag, merkte jedoch an, dass die Nachricht noch nicht bestätigt worden sei. Der Berliner Mittwochischer Mercurius äußerte sich offener skeptisch und schrieb: 'Niemand weiß, was in dieser Frage die Wahrheit ist. Wie könnten wir unter solchen Umständen jemals verlässliche Informationen aus Moskau erhalten, das etwa vierhundert Meilen entfernt liegt?' Andere staatliche Akteure logen durch Verschweigen, wobei die sorgfältige redaktionelle Kontrolle der nationalen Gazetten das, was als druckreif angesehen wurde, erheblich einschränkte."

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - London Review of Books

Mehr hilft mehr - nach diesem Prinzip funktioniert der KI-Hype nach wie vor. Donald MacKenzie zeichnet nach, wie Skalierbarkeit zum Zauberwort der IT-Branche wurde. Als besonders vielversprechend gelten Technologien inzwischen dann, wenn sie es ermöglichen, durch bloße Wiederholung beziehungsweise Vervielfältigung bestimmter Operationen bessere Ergebnisse zu erzielen. Besonders ausgeprägt ist der Glaube an Skalierbarkeit bei den ChatGPT-Schöpfern von Open AI: "Sam Altman formulierte es in einem Blogbeitrag im Februar vergangenen Jahres folgendermaßen: 'Die Intelligenz eines KI-Modells entspricht in etwa dem Logarithmus der Ressourcen, die für sein Training und seinen Betrieb eingesetzt werden … Es scheint, dass man beliebig viel Geld ausgeben kann und dabei kontinuierliche und vorhersehbare Fortschritte erzielt; die Skalierungsgesetze, die dies vorhersagen, sind über viele Größenordnungen hinweg erstaunlich präzise.' Diese 'Gesetze' können natürlich kollabieren - es handelt sich um empirische Verallgemeinerungen, nicht um Naturgesetze -, doch sie verdienen es, ernst genommen zu werden, denn tatsächlich wird 'beliebig viel Geld' in die KI-Infrastruktur investiert. Im August schätzten Forscher von Morgan Stanley, dass weltweit zwischen 2025 und 2028 rund 2,9 Billionen Dollar für Rechenzentren ausgegeben werden. Citigroup wiederum beziffert die weltweiten Gesamtinvestitionen in KI zwischen 2025 und 2030 auf 7,8 Billionen Dollar. (Zum Vergleich: Der US-Verteidigungshaushalt liegt derzeit bei etwa 1 Billion Dollar pro Jahr.)" MacKenzie freilich ist skeptisch, ob die Rechnung auf die Dauer aufgeht: "Ein Wort in Altmans Blogbeitrag sollte uns jedoch innehalten lassen: 'Logarithmus'. Eine logarithmische Funktion - zumindest des hier relevanten Typs - ist durch abnehmende Grenzerträge gekennzeichnet. Je mehr Ressourcen man einsetzt, desto besser werden die Ergebnisse, doch das Tempo der Verbesserung nimmt stetig ab."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Barnett Newman (1905-1970) ist heute weitgehend vergessen, behauptet der Kunsthistoriker Hal Foster in einem leider etwas akademischen Text. Er nimmt die vor kurzem erschienene Newman-Biografie "Here" von Amy Newman (nicht mit dem Maler verwandt) zum Anlass, sich Gedanken über den streitbaren amerikanischen Expressionisten zu machen, der nicht davor zurückschreckte, auch Freunde zu verklagen. Dass Barnett, der in seiner Zeit den Kunstdiskurs entscheidend mitbestimmte, heute wenig rezipiert wird, könnte an seiner Rhetorik des Erhabenen liegen, lernt Foster: "Während sich die Kubisten von der afrikanischen Kunst inspirieren ließen und die Surrealisten von der ozeanischen Kunst, wandten sich die späteren Abstrakten Expressionisten den indigenen Völkern Amerikas zu - Pollock den Sandmalereien der Indianer und Newman einer Reihe archaischer und tribaler Kunst, von präkolumbianischen Gesellschaften bis zu den Stämmen des pazifischen Nordwestens... Er suchte in solchen Werken sowohl eine Alternative zu den tief verwurzelten Konventionen der europäischen Malerei als auch ein Modell für eine Malerei, die sich mit dem 'Geheimnis des Raums' oder, düsterer ausgedrückt, mit dem 'Schrecken dieser leeren Fläche' auseinandersetzte. Hier lässt sich bereits eine doppelte Bewegung erkennen, die für die Ideologie des Abstrakten Expressionismus wesentlich ist: Eine existenzialistische Vorstellung von Schrecken wird ontologisch und tatsächlich dargestellt und tatsächlicher historischer Terror - der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Atombombe - wird in abstrakter Form eines neuen Erhabenen sublimiert."

Magazinrundschau vom 20.01.2026 - London Review of Books

Tom Stevenson liest drei Bücher, die sich mit Xi Jinping befassen bzw. dessen Vater Xi Zhongxun. Insgesamt, findet er, kommt Xi zu schlecht weg: Er sei weder ein neuer König, noch einfach ein Nationalist, der den Westen hasse, wie der ehemalige australische Premierminister Kevin Rudd in seinem Buch behaupte. Xis Brutalität nimmt Stevenson zur Kenntnis, doch benimmt sich eine andere Großmacht nicht gerade viel schlechter? "In seinen Reden spricht Xi von einer 'unabhängigen Friedenspolitik' und einem Bekenntnis zur UN-Charta. Chinas Global Governance Initiative soll 'Demokratie in den internationalen Beziehungen', Multilateralismus und Rechtsstaatlichkeit fördern. Für Rudd laufen diese Verpflichtungen jedoch lediglich darauf hinaus, 'die internationale moralische Überlegenheit' anzustreben. Dahinter verbirgt sich ein ehrgeiziges 'Megaprojekt zur Neugestaltung des gesamten internationalen Systems'. Er spekuliert ohne konkrete Beweise, dass China versuchen könnte, die UN-Charta durch eine 'neue, auf China ausgerichtete Struktur' zu ersetzen. Diese Ansicht wird in gewisser Weise durch Chinas territoriale Ansprüche auf Inseln im Südchinesischen Meer, seine Übergriffe auf den taiwanesischen Luftraum und seine Grenzkonflikte mit Indien gestützt. Als Xi im September zusammen mit Putin und Kim Jong-un auf der Balustrade des Tiananmen-Tors posierte, um den achtzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs zu feiern, reagierten die China-Falken in den USA heftig. Aber China ist dem Status quo der internationalen Institutionen stärker verpflichtet als Amerika. Man würde vergeblich nach Berichten suchen, dass China tagelang Somalia bombardiert, Luftangriffe auf unbekannte Boote in der Karibik fliegt oder den Präsidenten eines anderen Landes entführt und nach Peking verschleppt."

Thomas Meaney rekapituliert im Rahmen einer Besprechung eines Buches von Sam Tanenhaus die Karriere William F. Buckleys. Der war einerseits ein passionierter Polemiker der amerikanischen Konservativen, dessen Zeitschrift National Review gegen die Bürgerrechtsbewegung Stellung bezog und jede Menge antikommunistischer Feldzüge führte; und andererseits ein New Yorker Dandy, der den von ihm verachteten Liberalen in vieler Hinsicht näher war, als er selbst zuzugeben bereit war. Sein Einfluss auf die jüngere Geschichte der amerikanischen Rechten ist nicht zu unterschätzen, meint Meaney: "Als Trump erstmals an die Macht kam, war es unter der republikanischen alten Garde - darunter Buckleys Sohn Christopher - üblich, Buckleys Eleganz und Mäßigung mit Trumps Vulgarität und Extremismus zu kontrastieren. Als Beweisstück wurde stets ein Essay Buckleys aus dem Jahr 2000 genannt, in dem er feststellte, dass die Nation anfällig für demagogische Kräfte sei - wenngleich er glaubte, dass Trump zumindest niemals ein hohes Amt bekleiden würde. Aber ist es nicht so, dass kaum jemand mehr Vorarbeit für MAGA geleistet hat als Buckley?"

Mit einem anderen äußerst amerikanischen Lebenslauf beschäftigt sich Chal Ravens: Britney Spears war nach ihrem Durchbruch 1999 ein paar Jahre lang der größte Popstar der Welt, bevor sie mit einem öffentlichen Zusammenbruch ins Bodenlose stürzte. Sie wurde geschieden, verlor das Sorgerecht für ihre Kinder und schließlich, mit 26 Jahren, entmündigt und in der Folge ein Jahrzehnt lang von ihrem Vater und dessen Armee von Anwälten kontrolliert wurde; heute ist sie wieder #freeBritney. Ravens überlegt sich, nach Lektüre einer Spears-Biografie von Jeff Weiss und Spears' Autobiografie "The Woman in Me", ohne viel Sympathie für den Popstar, was das alles zu bedeuten hat: "Als Kind sexualisiert und als Erwachsene infantilisiert, versuchte Britney mit ihrem Status als Sexsymbol klar zu kommen, indem sie in Interviews so tat, als sei sie keines. ... Ironischerweise war Weiblichkeit immer ein Kostüm, das Britney nur unbeholfen trug. Sie war Basketballspielerin, keine Cheerleaderin; ein selbsternannter Wildfang; albern statt anmutig. Ihr Sexappeal war von Janet Jackson und Madonna entliehen, doch sie schrieb ihre Hausaufgaben ab, ohne die Aufgaben zu lösen. Sie wirkte nicht kaltblütig genug für das Showbusiness".

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - London Review of Books

Auch Tony Wood rätselt: Was will Trump in Venezuela? Um Drogen geht es selbstverständlich nicht, um Öl allerdings vermutlich auch nicht wirklich - die Investitionen, die nötig wären, um die Ölvorkommen Venezuelas auszubeuten, rechnen sich derzeit kaum. Wood zufolge steht das Vorgehen vielmehr in einer langen Tradition imperialistischer Machtpolitik der USA in Lateinamerika - und außerdem lässt die Maduro-Festnahme verschiedene Fraktionen innerhalb des Trumpismus näher zusammenrücken: "Die Ziele der US-Politik sind stabil geblieben, aber sie hatten nicht immer dieselbe Gewichtung. Venezuela nimmt für Trump einen viel größeren Stellenwert ein als für seine Vorgänger, weil hier verschiedene Politikstränge zusammenlaufen, die von konkurrierenden Fraktionen innerhalb der Regierung vorangetrieben werden und unterschiedliche Teile der MAGA-Koalition ansprechen. Elliott Abrams, der neokonservative Regime-Change-Verfechter, der während Trumps erster Amtszeit die Venezuela-Politik leitete, sagte kürzlich dem Wall Street Journal, Venezuela sei 'ein perfekter Sturm, es repräsentiert alles, worum sich die Trump-Regierung sorgt'. Unter Trumps zweiter Amtszeit brachte die Venezuela-Frage diejenigen zusammen, die eine militarisierte Anti-Drogen-Strategie verfolgen, jene, die Regimewechsel im karibischen Raum voran treiben, und diejenigen, die aus innenpolitischen Gründen ausländische Regierungen dämonisieren wollen, um Stimmung gegen Migranten zu schüren. Wenn der Kriegsminister Pete Hegseth und der politische Chefstratege im Weißen Haus, Stephen Miller, die erste und dritte Gruppe repräsentieren, sind Rubio und Senator Lindsey Graham die wichtigsten Befürworter von Regimewechseln - und für sie ist das eigentliche Ziel Kuba."

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - London Review of Books

John Lanchester rekonstruiert noch einmal ausführlich die Geschichte der KI-Revolution, entlang der Entwickler zweier Firmen, des Chip-Riesen NVidia und des machine-learning-Unternehmens Open AI. Dass der vor allem von ChatGPT befeuerte KI-Hype den Charakter einer Blase angenommen hat, die irgendwann platzen wird, steht Lanchester zufolge außer Frage. Nur: was dann? Lanchester entwirft vier Szenarien: "Die erste Möglichkeit ist, dass KI ein riesiger Fehlalarm ist. Große Sprachmodelle - derzeit dank OpenAI und seinen Wettbewerbern marktführend - erweisen sich als grundlegend begrenzt. Man hat festgestellt, dass die Modelle nicht aus Eingaben lernen und dazu neigen, zu 'halluzinieren'. (Dieser Begriff ist übrigens ein weiteres Beispiel für verkappte Verkaufsrhetorik. Die Rede von 'Halluzinationen' lenkt davon ab, dass KI-Systeme schlicht ständig Fehler machen. Zugleich wird suggeriert, die Fehler seien ein Nebenprodukt von Bewusstsein - denn nur bewusste Wesen können halluzinieren.) (…) Szenario Nummer zwei: Jemand erschafft eine außer Kontrolle geratene Superintelligenz, die die Menschheit auslöscht. Dies war - man vergisst das leicht - eines der Motive für die Gründung von OpenAI. Das apokalyptische Szenario halte ich jedoch aus Gründen, die mit der Frage der Bewusstseinsfähigkeit zusammenhängen, für wenig plausibel. KIs können Absicht nachahmen, sie aber nicht besitzen. Warum sollten sie sich also die Mühe machen, uns zu töten? Noch einmal: Ein Kühlschrank kann dich töten, aber er kann es nicht mit Absicht tun. Das dritte Szenario: KI führt zur 'Singularität', dem Punkt, an dem Computer intelligenter werden als Menschen; lernt, sich selbst zu programmieren und zu verbessern; dies schnell und in großem Maßstab; und die Menschheit in ein neues Zeitalter führen - um den neuesten Modebegriff zu verwenden - der Fülle. Künstliche allgemeine Intelligenz oder gar künstliche Superintelligenz schafft eine neue Ära billiger Energie, der Medikamentenentwicklung, der Entsalzung, ein Ende des Hungers - was immer man nennen will. (…) Viertes Szenario: KI entpuppt sich als das, was Arvind Narayanan und Sayash Kapoor eine 'normale Technologie' nennen. Sie ist eine wichtige Erfindung, so wie Elektrizität oder das Internet wichtig sind, aber sie stellt keinen radikalen Bruch in der Geschichte der Menschheit dar. Das liegt zum Teil daran, dass Computerintelligenz grundsätzlich begrenzt ist, und zum Teil an 'Engpässen' - menschlichen Hindernissen bei der Einführung neuer Technologien. Manche Dinge bleiben gleich, andere verändern sich grundlegend. Einige Jobs, insbesondere Einstiegsstellen im White-Collar-Bereich, werden automatisiert verschwinden. Hintergrundprozesse in Logistik und Ähnlichem werden effizienter. Manche Formen von Arbeit gewinnen an Wert, andere verlieren. In einigen Bereichen, etwa der Medikamentenforschung, kommt es zu Durchbrüchen. Andere Felder bleiben weitgehend unberührt, und in vielen Bereichen ist KI eine merkwürdige Mischung aus überraschend nützlich und zutiefst unzuverlässig."

Magazinrundschau vom 25.11.2025 - London Review of Books

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Adam Smyth bespricht ein Buch des Bibliothekwissenschaftlers Eric Marshall White, das sich mit der Überlieferung der Druckerzeugnisse Johannes Gutenbergs beschäftigt. Ein Schluss, den Smyth aus der Lektüre zieht: Es ist wenig sinnvoll, sich nur auf die großen Prachtbände aus der Frühzeit des Buchdrucks - wie etwa die berühmten "Gutenberg-Bibeln" - zu konzentrieren. Vielmehr brachte die neue Technologie von Anfang an eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Artefakte hervor: "Viele von Gutenbergs frühesten Texten haben nicht als vollständige Bücher überlebt, sondern als Fragmente, die zerrissen und für die Einbände anderer Bücher wiederverwendet wurden. Teile dessen, was Bibliographen das 'Mainzer Sibyllenbuch' nennen - eine prophetische Nacherzählung von Bibelgeschichten und dem Jüngsten Gericht in deutschen Paarreimen, etwas unbeholfen in kräftiger gotischer Type gedruckt und dafür gedacht, verängstigten Zuhörern vorgelesen zu werden - wurden 1892 in Mainz in eben diesem Zustand gefunden. Auch mehrere Fragmente aus Gutenbergs Ausgaben von Donatus' 'Ars minor' haben sich in den Buchrücken und -deckeln anderer Bände erhalten. Die 'Ars minor' war ein äußerst beliebtes Lehrbuch der lateinischen Grammatik, basierend auf den Lehren des Aelius Donatus aus dem 4. Jahrhundert, und wurde von den Schülern des 15. Jahrhunderts buchstäblich 'zu Tode gelesen' - ein Beispiel für das Paradox der Popularität: Bücher, die von vielen gelesen werden, überleben selten, während unberührte Exemplare fortbestehen. (Es ist ein grundlegender Wesenszug von Büchern und ihrer Geschichte, dass Lesen und Beschädigung oft Hand in Hand gehen.) Ein Fragment überdauerte im Einband einer 1479 in Basel gedruckten Ausgabe von Augustinus' 'De civitate dei', die in Seitenstetten, Österreich, gebunden wurde. Diese Beispiele für Wiederverwertung und Bewahrung machen deutlich, welche Rolle der Zufall für das Überleben von Büchern spielt. Fragmente älterer Bücher, die in neueren Büchern fortbestehen, zeigen auch die starken Schwankungen im Wert an, der Büchern zu unterschiedlichen Zeiten beigemessen wurde. Es erscheint erstaunlich, dass das Interesse an Gutenbergs Bibel so weit nachließ, dass mindestens fünfzehn Exemplare in Streifen geschnitten wurden, um damit 'attraktivere' Titel zu verstärken - etwa ein Handbuch zur sächsischen Prozessordnung aus dem Jahr 1666, die 'Erneuerte und verbesserte Landes und Procesz-Ordnung', gedruckt in Köthen mit einem Einband aus einem wiederverwendeten Pergamentblatt aus Gutenbergs Bibel, mit Text aus 1 Chronik 4-5, einschließlich eines elegant rubrizierten Anfangskapitals 'F'. Wie White anmerkt, waren leeres Pergament oder Papier teuer. Es war besser und wirtschaftlicher, Gutenbergs Bibel in Stücke zu schneiden."

Außerdem: J. Hoberman verneigt sich vor Leben und Werk des Comic-Schmierfinken Robert Crumb.

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - London Review of Books

Donald MacKenzie erzählt die Geschichten zweier Unternehmen: Google und OpenAI. Wo Google seine außergewöhnliche Marktmacht im Suchmaschinenbereich durch innovatives web crawling und dafür verwendete dezentrale Datencenter erreichte, setzt OpenAI auf large language models (LLMs), deren außergewöhnliche Skalierbarkeit durch ein ursprünglich von Google-Mitarbeitern entwickeltes Tool ermöglicht wurde. Jetzt gefährden die LLMs mehr als eine Reihe von Wettbewerbsklagen, die Google am Hals hat, das Geschäftsmodell des Onlinegiganten. Eine Entwicklung, die MacKenzie nicht behagt: "Suchmaschinen können eine rassistische und sexistische Kultur widerspiegeln und verstärken," konzediert er zunächst. Aber dennoch "führte dich eine 'klassische' Suchmaschine wie Google in den 2000er- und 2010er-Jahren aus sich selbst heraus und regte dich vielleicht implizit dazu an, das, was du dort fandest, kritisch zu bewerten. Wer einen Chatbot benutzt, der von einem LLM betrieben wird, bleibt hingegen immer im selben Zirkel. Man kann ihn zwar in der Regel dazu bringen, etwas über seine Quellen zu sagen, aber das ist ein bisschen wie die 'weiterführende Lektüre' am Ende eines Lehrbuchkapitels: Man weiß, dass man das alles theoretisch lesen sollte, aber wahrscheinlich tut man es nicht. Es ist verführerisch einfach, einen Chatbot wie ein Orakel zu behandeln. Das ist sowohl wirtschaftlich als auch kognitiv gefährlich. Klassische Suche schafft wirtschaftliche Anreize dafür, neue Inhalte im Web bereitzustellen und bestehende Inhalte aktuell zu halten, weil sich Geld damit verdienen lässt, den Besuchern Werbung zu zeigen, die über eine Suchmaschine auf die Websites gelangen. Natürlich kann dieser Prozess auch Clickbait fördern, aber wenn die Suche verkümmert - was wird dann aus dem Web? Wie der Kommentator Eric Seufert treffend formuliert: Google war der 'unvollkommene Wohltäter' des offenen Webs."
Stichwörter: Google, OpenAI, LLMs

Magazinrundschau vom 04.11.2025 - London Review of Books

Alexander Clapp berichtet über die Cybercrime-Industrie, die vor allem in Südostasien blüht. Das Geschäftsmodell der dortigen Scam-Camps: digitale Nomaden, die mit falschen Versprechungen angelockt wurden und jetzt wie Sklaven gehalten werden, nehmen mit wohlhabenden Chinesen und Westlern Kontakt auf und geben sich als potentielle romantische Partner aus. Der Gewinn wird über Krypto-Investments abgeschöpft, in die die gescammten "Schweine" von den scammenden "Schlachtern" hinein manipuliert werden. "Scam Camps werden strikt hierarchisch geführt. Ein Abteilungsleiter beaufsichtigt etwa ein Dutzend leitende Manager, die dafür verantwortlich sind, Betrugsmethoden zu lehren und neue Opfer zu finden. Teamleiter sorgen für Disziplin. Auf der untersten Stufe stehen die Betrüger selbst, die in jedem dieser Lager meist in großer Zahl - oft Hunderte - arbeiten. Sie werden nach Nationalität getrennt und in Gruppen von etwa sieben Personen eingeteilt, um sie leichter kontrollieren zu können. Die meisten Schlachter lernen ihre Vorgehensweisen aus Handbüchern. 'Du musst dafür sorgen, dass die Kunden glücklich sind und sich wohl fühlen', heißt es in einem dieser Manuals. Das Ziel sei es, 'Abhängigkeit zu schaffen', 'Fürsorge zu zeigen' und 'ihn sich in dich verlieben zu lassen'. Die Betrüger werden angewiesen, nicht zu viele Emojis zu verwenden - sie würden keine Antwort provozieren - und stattdessen die Probleme ihres Gegenübers zu erkennen und 'Unterstützung zu bieten'. Wer die Texte nicht auswendig lernt oder sich nicht an die Vorgaben hält, wird gezwungen, die Inhalte zehn- oder zwanzigmal per Hand abzuschreiben. Wer zu langsam antwortet, muss manchmal stundenlang in der Sonne stehen. Im Februar berichtete einer von über hundert Äthiopiern, die aus einem Lager an der Grenze zwischen Myanmar und Thailand gerettet wurden, gegenüber dem Guardian, dass diejenigen, die ihre täglichen Quoten nicht erfüllten, mit Elektroschockstäben gefoltert werden. In der kambodschanischen Provinz Kampot wurden die Leichen gefolterter Betrüger in Müllcontainern gefunden, in Decken eingewickelt."

Tony Wood beschäftigt sich entlang dreier Bücher zum Thema mit der Frage, wie der Erfolg der radikalen Rechten in vielen lateinamerikanischen Ländern in den letzten Jahren zu erklären ist. Tatsächlich erscheint der Siegeszug von Javier Milei, Nayib Bukele und anderen wie ein Backlash auf die sogenannte pink wave, die linken Parteien in der Region in den Nuller- und Zehnerjahren dieses Jahrtausends den Weg an die Macht geebnet hatte. Im Anschluss an Thesen des Historikers Ernesto Bohoslavsky schreibt Wood: "Während die wirtschaftlichen Herausforderungen, die die pink tide mit sich brachte, beträchtlich waren, war es laut Bohoslavsky vor allem die politische Herausforderung, die die Reaktion der Rechten prägte. In den 2000er Jahren stellten Regierungen in der gesamten Region das zentrale neoliberale Prinzip infrage, wonach Märkte die Verteilung von Gütern bestimmen sollten. Gleichzeitig führten sie progressive Reformen ein oder planten solche - etwa was die Legalisierung von Abtreibung, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, Bildungsreformen und die Stärkung der Rechte indigener Völker angeht. In manchen Ländern - etwa in Argentinien, Brasilien und Chile - verfolgten linke Regierungen zudem eine Erinnerungspolitik, die Wahrheitskommissionen einsetzte und Untersuchungen zu den Verbrechen der Militärdiktaturen einleitete. Als Reaktion darauf strebt die heutige Rechte nicht nur danach, die Vormachtstellung des Marktes wiederherzustellen, sondern auch patriarchale Normen und 'traditionelle' Geschlechterrollen zu festigen sowie die 'antikommunistischen' Erfolge der Diktaturen zu verteidigen. Sie fordert eine sogenannte 'vollständige Erinnerung', die auch die Perspektive der Militärregime einschließt."