Magazinrundschau

Armee untoter Code-Gespenster

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
17.03.2026. Reuters ruft David Jones ein freundliches "Hallo Banksy" zu. Die New York Times beobachtet amüsiert, wie Coder plötzlich kommunizieren müssen. In Meduza erklärt der russische Lehrer Pavel Talankin, warum in einer Diktatur der offene Käfig das größte Gefängnis ist. HVG überlegt, wie man eine Einmischung Russlands in den ungarischen Wahlkampf neutralisiert. Der New Yorker erklärt, warum man ohne Geld einen Krieg verliert, ihn mit Geld aber nicht unbedingt gewinnt.

Reuters (USA), 13.03.2026

Ob die Identität des aus der Anonymität heraus arbeitenden Street Artists Bansky wirklich gelüftet wurde, wird sich zeigen müssen - aber Simon Gardner, James Pearson und Blake Morrison sind sehr überzeugt, dass sie dem Phantom mit einer detaillierten internationalen Recherche auf die Schliche gekommen sind. Wie sie recherchiert haben, liest sich tatsächlich, trotz der demonstrativen No-Nonsense-Attitüde des Textes, über weite Strecken so spannend wie ein Journalismus-Thriller: Alte Polizeiakten aus den Neunzigern wurden ebenso gesichtet wie eine ukrainische Ortschaft besucht, wo Banksy und sein Team zuvor ein Statement gegen den Krieg an einer Wand hinterlassen haben. Und all das wurde wiederum mit Daten der ukrainischen Einwanderungsbehörde abgeglichen. Die Namen zweier Hauptverdächtiger kursieren seit Jahren: Robert del Naja, im Hauptberuf Musiker bei Massive Attack und im Nebenberuf Stencil Artist wie Banksy - und Robin Gunningham. Tatsächlich bestätigten Bewohner des ukrainischen Ortes anhand von Fotos, dass sie Del Naja gesehen haben, aber ein weiterer Mann, der ebenfalls an den Bildern arbeitete, unerkannt geblieben ist. Zugleich tauchte ein Polizeidokument in New York auf, dass die Verhaftung eines Robert Gunningham in den Neunzigern bei einer Aktion belegt, die Bansky zugeschrieben wird. "Später erfuhren wir von Leuten, die mit ukrainischen Einwanderungsprozeduren vertraut sind, dass ... del Naja tatsächlich die Ukraine betreten hatte" und zwar "kurz bevor Banksys Wandmalereien auftauchten. Aber es gab keinen Beweis, dass Gunningham, Guetta oder irgendein anderer, der als Banksy gilt, in dieser Zeit ebenfalls in die Ukraine gereist war. ... Im Jahr 2008 sagte Steve Lazarides, dass er und Bansky 'einvernehmlich' beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen. Eine seiner letzten Amtshandlungen als Banskys Manager bestand eigenen Angaben zufolge darin, für seinen Kunden eine legale Namensänderung in die Wege zu leiten. Robert Gunningham wurde jemand anderes, unter einem Namen, der niemals mit ihm in Verbindung gebracht werden könnte. ... Wir haben sämtliche uns vorliegenden Informationen durchsucht und sie mit öffentlichen Dokumenten cross-referenziert und konnten dadurch den Namen identifizieren, von dem wir glauben, dass Bansky ihn angenommen hat. Es handelt sich um einen der populärsten Namen in Großbritannien, so gewöhnlich, dass er ihm dazu dient, sich unter unser aller Augen zu verbergen. ... Dieser Name ist David Jones", ein Name, der im Zusammenhang mit Banksy auch in anderen Dokumenten zu finden ist. "Am 28. Oktober 2022, der Tag an dem Duley und Del Naja in die Ukraine einreisten, überschritt auch ein 'David Jones' die Grenze und zwar am selben Übergang. ... Die Quellen verrieten uns auch den Geburtstag auf Jones' Pass - er ist identisch mit Gunninghams Geburtstag. ... Bansky, geboren als Robin Gunningham, nahm also später den Namen David Jones an. (Ob er den Namen noch immer nutzt, ist unklar). Und Robert Del Naja, Gunninghams einstiges Graffiti-Idol, sein Freund und ein Mann, von dem es selbst lange hieß, er könne Banksy sein, war zumindest bei einem Anlass sein geheimer Partner-Künstler."
Archiv: Reuters

New York Times (USA), 14.03.2026

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Clive Thompson, Autor des Buchs "Coders: The Making of a New Tribe and the Remaking of the World" hat mit Dutzenden Programmierern im Silicon Valley gesprochen, Leuten von Google, Apple oder Amazon. Sie alle berichten dasselbe: Sie sind Zeugen einer der seltsamsten industriellen Revolutionen, die sich je ereignet hat. Ihre Arbeit hat sich durch KI von Grund auf geändert. Statt mühsam Code-Zeile für Code-Zeile zu schreiben oder nach einigen Automatisierungen der letzten Jahrzehnte Code-Bausteine aneinanderzusetzen und zu verfugen, sprechen sie mit der AI. Und das ist wörtlich gemeint: "Für die meisten Programmierer, die ich kennengelernt habe, bedeutet das Erlernen der Arbeit mit KI, dass sie lernen müssen, mit KI zu kommunizieren, ein überraschendes Paradoxon dieses neuen Zeitalters, denn traditionell war das Programmieren ein Zufluchtsort für Introvertierte, die es vorzogen, bei der Arbeit so wenig wie möglich mit anderen zu sprechen. Doch nun besteht ihre gesamte Arbeit darin, ständig mit dieser fremden Lebensform zu kommunizieren." Ganz so einfach, wie es sich der Laie erträumt, wird es dennoch nicht, so Thompson: "Auch wenn das Beschreiben und Sprechen mittlerweile einen Großteil der Arbeit eines Softwareentwicklers ausmacht, bleibt die Kommunikation ziemlich komplex und hochtechnisch. Ein Laie kann das nicht. Man kann einem Agenten nicht einfach sagen: 'Erstelle mir den Code für ein erfolgreiches Start-up.' Die Agenten funktionieren am besten, wenn man sie bittet, einen Schritt nach dem anderen auszuführen; verlangt man zu viel von ihnen, verlieren sie den Überblick." In hochkomplexen Sofwaregefügen wie etwa bei Google hat sich die Arbeit um zehn Prozent beschleunigt, vermutet Thompson. Dass im Silicanon Valley in den letzten Jahren 700.000 Software-Ingenieure entlassen worden sind, hat noch nichts mit KI zu tun. Aber dennoch: "Wer stellt schon einen Neuling ein, wenn ein erfahrener Ingenieur mit einer ganzen Armee untoter Code-Gespenster viel produktiver sein kann?"
Archiv: New York Times
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

New Lines Magazine (USA), 16.03.2026

Laurent Perpigna Iban besucht Peschmerga-Kämpfer in der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Die blutige Niederschlagung der Proteste in Iran durch die Islamische Republik haben eine neue Flüchtlingswelle von iranischen Kurden hierhergebracht, die besonders starke Repressionen durch das Regime erleiden. In den Zagrosbergen liegt ein geheimer Stützpunkt der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistans (PDKI), wo die Kämpfer trainieren. Die Enttäuschung darüber, dass die Proteste in Iran nicht zum Sturz der Mullahs geführt haben, ist groß, doch gibt es auch Grund zur Hoffnung: "Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die verschiedenen iranisch-kurdischen Gruppierungen eine gemeinsame Basis gefunden und eine Kooperationsplattform geschaffen. Die PDKI, die 'Partei für ein Freies Leben in Kurdistan (PJAK)', die 'Komala-Partei', die 'Kurdische Freiheitspartei (PAK)' und die 'Organisation des iranisch-kurdischen Kampfes', bekannt als Khabat, stehen nun vereint da. Das Projekt ist eher politischer als militärischer Natur und legt den Grundstein für den Schutz der kurdischen Bevölkerung im Iran. Übereinstimmenden Quellen zufolge gibt es Gespräche über eine mögliche Bodenoffensive, auch wenn ein solches Szenario noch nicht formell diskutiert wurde." Die USA beobachten diese Entwicklung ganz genau - eine Unterstützung Trumps lehnen die Kurden aber bisher ab. Die Gefahr, dass die Kurden von ihren Verbündeten wieder fallen gelassen werden, wie in Syrien, ist zu groß, "wie Ehwen Chiako, ein Mitglied des Führungsrats der PJAK, erklärt: 'Wir haben das Recht, internationale Unterstützung zu suchen und die Schwächung der Islamischen Republik zu nutzen, um unser Ziel zu erreichen - die Errichtung eines demokratischen und dezentralisierten Irans. Wir müssen jedoch wachsam und besonnen handeln. Wir wollen nicht zu Kanonenfutter werden."

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.03.2026

Bald sind in Ungarn Parlamentswahlen. Doch wo steht das Land heute und wo will es hin? Offenbar nicht zu den Progressiven, das hätte auch keine Tradition, bedauert der Historiker Iván T. Berend: "Meine Güte, warum muss sich ein ungarischer Staatsbürger immer wieder schämen, weil die Führer seines Landes auf der falschen Seite standen? Als Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie hat Ungarn den Ersten Weltkrieg verloren, verhält sich aber seitdem so, als ob diese Allianz und diese Niederlage nicht der Grund für den Vertrag von Trianon gewesen wären. Ungarn stand im Zweiten Weltkrieg auf der falschen Seite und tut so, als ob dies nicht zumindest einer der Gründe für die Einordnung in die sowjetische Zone gewesen wäre. Nun scheint Viktor Orbán wieder auf der falschen Seite zu stehen, und es ist vorerst noch unklar, welche Folgen dies neben dem weiteren wirtschaftlichen Rückstand haben wird. Ferner sieht es so aus, als würde ein bedeutender Teil des Landes diesen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ebenfalls nicht zur Kenntnis nehmen. Aus der Geschichte lernen wir, wie Hegel sagte, dass wir nichts aus der Geschichte lernen."
Stichwörter: Ungarn, Berend, Ivan T.

Meduza (Lettland), 13.03.2026

Pavel Talankin war Lehrer an einer russischen Schule. Er filmte, wie sich dort nach dem Beginn des Ukrainekriegs mehr und mehr die Propaganda durchsetzte und floh aus dem Land. Aus dem Material hat er einen Dokumentarfilm (hier bei Arte zu sehen) erstellt, der den Oscar für die beste Dokumentation gewonnen hat. Im Interview mit Meduza spricht Talankin über die Propaganda an russischen Schulen. "Ich würde nicht sagen, dass neunzig Prozent nicht an die Propaganda glauben. Aber eigentlich spielt es keine Rolle, ob sie daran glauben oder nicht. Ich zitiere jemanden - einen Lehrer, der in Moskau gearbeitet hat. Er hat den Film gesehen und die richtigen Worte gefunden: 'Zuerst wird es zur Routine [für Lehrer und Kinder], dann wird es zur Kultur, und dann wird es zu einem Käfig.' Aber ich würde dem noch etwas hinzufügen - ich weiß nicht, ob ich das Recht dazu habe oder nicht -: Der Käfig ist eigentlich offen. Man kann ihn jederzeit verlassen. Wenn man will, geht man. Aber wenn man hinausgeht, merkt man, dass man allein ist. Alle anderen sind noch in ihren Käfigen. Und das ist auch die Aufgabe der Propaganda: nicht nur, alle in einen Käfig zu stecken, sondern einen davon zu überzeugen, dass Andersdenken nicht unterstützt wird - dass man, wenn etwas passiert, allein dasteht." Der Film wurde oft dafür kritisiert, dass die darin gezeigten Personen kein Einverständnis dafür gegeben hätten. Talankin erklärt, dass es sich hier um einen Bericht handelt, weshalb er das unproblematisch findet. 'Es wird die Zeit kommen, in der wir fragen werden: 'Wie kam es dazu, dass eine ganze Generation wütend und aggressiv wurde?' Und ich werde sagen: 'Hier - der Bericht existiert. Er wurde schon vor langer Zeit veröffentlicht. So ist es geschehen.'"
Archiv: Meduza

London Review of Books (UK), 17.03.2026

Sheila Fitzpatrick unternimmt im Rahmen der Besprechung eines Buches von Joseph Kellner über kulturelle und religiöse Strömungen während der Perestroikazeit - "The Spirit of Socialism. Culture and Belief at the Soviet Collapse" - einen Streifzug durch esoterische und parapsychologische Praktiken in der Sowjetunion. Besonders interessieren sich Autor und Rezensentin für die Gruppe der "Suchenden": "Die 'Suchenden' waren typischerweise Mitglieder der sowjetischen Intelligenzija, insbesondere Wissenschaftler und Mathematiker. Sie waren keine Dissidenten; organisierte Politik interessierte sie noch weniger als die philosophisch und juristisch orientierten Moskauer Dissidenten der 1970er Jahre. Im Gegensatz zu den Dissidenten, die auf der Suche nach Anschluss und ein Publikum in den Westen blickten, wandten sich die Suchenden eher nach Osten und insbesondere den 'orientalischen' Religionen zu. Sie waren erfolgreicher als die Dissidenten darin, sowjetische Räume und Institutionen für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, besonders die populärwissenschaftliche Zeitschrift Znanie (Wissen) mit ihrem angeschlossenen Netzwerk von Erwachsenenbildungsclubs sowie die offiziell atheistische Zeitschrift Nauka i religiya (Wissenschaft und Religion), deren Redakteure allmählich aufhörten, die beiden titelgebenden Konzepte als Gegensätze zu behandeln. Dem Bericht Kellners zufolge ließ der sowjetische Sozialismus Raum für solche 'Suchenden', während er gleichzeitig unbeabsichtigt ein Bedürfnis nach Suche erzeugte, indem er keinen angemessenen Ersatz für religiösen Glauben oder ein Ventil für spirituelle Bedürfnisse bot. Die Begeisterung für das Zeitalter der Raumfahrt richtete den Blick der Menschen zunächst nach oben zum Himmel; selbst nachdem diese Begeisterung nachließ, blieb der Blick weiterhin nach oben gerichtet, auf der Suche nach Antworten in den Sternen."
Stichwörter: Esoterik, Sowjetunion

Eurozine (Österreich), 16.03.2026

"Die Unsicherheit in der deutschen Verteidigungsdebatte sitzt tief", schlussfolgert Isabelle de Pommereau, nachdem sie die verschiedenen Dimensionen des deutschen Diskurses über Wehrpflicht und Aufrüstung resümiert hat. Pazifistische Bewegungen sind in Deutschland besonders stark, die Notwendigkeit der Verteidigung ist im gesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht angekommen, anders als in den baltischen Staaten, stellt sie fest: "In Finnland, Schweden und den baltischen Staaten wird Verteidigung als gesellschaftliches Projekt betrachtet. Zivile Vorsorge, Krisenkommunikation und die Abwehr von Desinformation sind Kernelemente der nationalen Sicherheit. Die Erfahrung der russischen Besatzung - oder deren unmittelbare Nähe - hat die Verteidigung zu einer existenziellen Notwendigkeit gemacht. Bürgerinnen und Bürger werden darin geschult, auf Notfälle zu reagieren, die Infrastruktur zu schützen und den Staat in Krisen zu unterstützen, wodurch die überlasteten Streitkräfte entlastet werden. Deutschland hingegen hat nach dem Kalten Krieg einen Großteil seiner Zivilschutzinfrastruktur abgebaut, in der Annahme, der Frieden sei von Dauer. 'In der Ukraine ist Resilienz keine Sache, die der Staat einfach so vermittelt', erklärte Oksana Huss, eine ukrainische Politikwissenschaftlerin, die heute an der Universität Duisburg lehrt, dem Publikum an diesem Abend. 'Sie entsteht horizontal.' Nach der Revolution der Würde 2014, so erläuterte sie, habe die lokale Selbstorganisation den Gesellschaftsvertrag neu gestaltet - Netzwerke, die später während der umfassenden russischen Invasion das Funktionieren der Städte sicherten. 'In Deutschland', fügte sie hinzu, 'erwarten viele immer noch, dass der Staat alles regelt. In einer echten Krise funktioniert das nicht.'"
Archiv: Eurozine

Seznam Zpravy (Tschechien), 11.03.2026

Der tschechische Kulturminister der aktuellen Populisten-Regierung, Oto Klempíř von der Motoristen-Partei, erfährt zunehmend Kritik. Nachdem vor drei Wochen einige tschechische Schriftsteller wegen angekündigter Budgetkürzungen im Bereich Literatur schon zu einem Boykott der Frankfurter Buchmesse aufgerufen hatten - wo Tschechien in diesem Herbst Gastland sein wird -, haben nun auch an die zweitausend Studenten der Kunst-, Theater- und Filmhochschulen zusammen mit anderen Bürgern gegen starke Kürzungen im Bereich Kultur protestiert. 'Lasst uns statt Verbrennungsmotoren lieber die Kultur in unserem Land unterstützen', fordern etwa die Studenten. Und die Theaterkritikerin Marie Reslová berichtet, so große finanzielle Einschnitte im Kulturbereich habe es seit der Samtenen Revolution nicht gegeben. Der Minister wolle lediglich die einträglicheren Spitzeninstitutionen fördern. "So schaden die Streichungen auf fatale Weise den Fragilsten: den kleineren, unabhängigen künstlerischen Projekten, Ensembles und Kulturzeitschriften. Die tschechische Kultur verliert damit das Wertvollste: den lebendigen Nährboden, aus dem sich die kulturelle Vielfalt und die vom Minister beschworene Spitzenqualität erst entwickelt", so Marie Reslová.
Archiv: Seznam Zpravy

New Statesman (UK), 19.03.2026

Auch der Politologe Jan-Werner Müller verabschiedet sich von Jürgen Habermas. Und legt Wert darauf, dass das Image des fantasielosen Realisten, das ihm gerade auch im englischsprachigen Ausland anhaftete, in die Irre führte: "Tatsächlich wollte Jürgen Habermas, dass öffentliche Sphären 'wild', ja sogar 'anarchisch' sind. Er hatte zudem ein Gespür für Ästhetik und sogar für Mystik - Aspekte, die von seinen Leserinnen und Lesern im englischsprachigen Raum oft übersehen wurden. Stattdessen wurde die Haltung, die Gilles Deleuze wohl am treffendsten (oder bösartigsten) formulierte, als er Habermas einen 'Bürokraten der reinen Vernunft' nannte, zu einer bequemen Standarddeutung des deutschen Denkers. Wer ihn aus der Nähe erlebte, begegnete jedoch einem Mann, der kompromisslosen Ernst mit tief empfundenen Leidenschaften verband, ja sogar mit einer gewissen Impulsivität. Daher überraschte es nicht völlig, als Habermas einem jüngeren Biografen anvertraute, dass seine Beiträge in Zeitungen fast immer von 'Zorn' inspiriert gewesen seien. Habermas hörte seinen Gesprächspartnern sehr aufmerksam zu - unabhängig von akademischen Hierarchien. Menschen, die ihn bei seinen vielen Besuchen in den USA beobachteten, sahen zwar einen globalen philosophischen Star, aber keinen Guru. Zudem war er außergewöhnlich sensibel gegenüber seelischen Verletzungen."
Archiv: New Statesman

HVG (Ungarn), 12.03.2026

In der vergangenen Woche wurden Berichte veröffentlicht, wonach in den letzten vier Wochen Wahlkampf für die anstehenden Parlamentswahlen mit einer verstärkten Einmischung Russlands zugunsten der Partei Viktor Orbans zu rechnen sei. Seitens der Regierung gab es weder eine Bestätigung noch Dementis. Die aus Siebenbürgen stammende Publizistin Boróka Parászka liefert Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit aus Rumänien und Moldawien, wie man solchen Einmischungsversuchen erfolgreich begegnen kann: "Rumänien und Moldawien haben bereits eine solche Belagerung durchgestanden, die nun auf Ungarn abzielt. Deshalb wissen wir, dass man sich an solche Eingriffe gewöhnen und sie meistern kann. Dazu braucht es genügend Humor und Realitätssinn, und man darf niemals vergessen, dass unverantwortliche Entscheidungen einen hohen Preis haben können." Die Orban-Konkurrenten müssten "begreifen, dass es keine Stimmen gibt, die man verschwenden darf. Die Stimmen der im Ausland lebenden Doppelstaatsbürger, der Landbewohner und der Stadtbewohner zählen alle. (...) Eine zweite Chance gibt es nicht. (…) Mit seiner letzten großen Anstrengung hat Rumänien die Demokratieprüfung bestanden. Es hat sich gezeigt, dass selbst die krasseste Propaganda ausgehebelt werden kann, und dass es sich deshalb lohnt, auch mit jenem politischen Konkurrenten zusammenzuarbeiten, den man sonst nicht im Geringsten ausstehen kann. Das Beispiel Rumäniens und Moldawiens ist eindeutig: Es ist schwer, aber nicht unmöglich, auch gegen den Putinismus und den daran anknüpfenden Orbánismus zu gewinnen. In diesem Spiel gibt es nur einen einzigen Wurf, darauf muss sich Ungarn vorbereiten."
Archiv: HVG

NZZ (Schweiz), 14.03.2026

Jacques und Jessica Moretti, Besitzer Clubs "Lolla Palooza" in Crans-Montana, wo zu Silvester 41 Menschen ums Leben gekommen sind und Dutzende schwere Verbrennungen erlitten, sind die perfekten Schuldigen, schreibt Katharina Bracher in einer langen Reportage für die NZZ. Ihre Lage wird nicht verbessert dadurch, dass die Notausgänge im Club abgesperrt waren. Die Morettis kommen aus dem Rotlichtmilieu, haben Vorstrafen. Der Prozess wird dennoch nicht zu einem Urteil führen, das dem Leid der Opfer und ihrer Angehörigen zu entsprechen scheint, schreibt Bracher, die mit der Strafrechtsprofessorin Marianne Heer gesprochen hat. Verurteilt wird höchstwahrscheinlich wegen Fahrlässigkeitsvergehen: "Heer vermutet, dass das Gerichtsurteil, wenn es einmal gefällt wird, einen Empörungssturm auslösen wird. Denn die Strafe wird wahrscheinlich als zu mild erscheinen. In der Schweiz kann jemand, der durch Unachtsamkeit einen Menschen tötet oder verletzt, höchstens drei Jahre ins Gefängnis kommen." Das wird für viele Angehörige schwer erträglich sein, auch Strafrechtsexperte Felix Bommer vermutet, dass das Urteil im Fall Crans-Montana auf das Unverständnis der Öffentlichkeit stoßen wird. 'Viele Menschen setzen intuitiv die Schwere der Folgen mit dem Verschulden gleich', sagt Bommer. Dabei könne eine Fahrlässigkeit auch mit relativ geringem Verschulden gravierende Folgen haben: Eine brennen gelassene Kerze in der Wohnung, die das Leben von mehreren Nachbarn fordert, eine Kollision nach dem Überfahren eines Rotlichts mit einem vollbesetzten Schulbus. Ausserdem spielt für die Bestrafung bei Fahrlässigkeitsdelikten die Zahl der Opfer keine Rolle ... 'Weit verbreitet, aber falsch ist die Vorstellung, das Strafverfahren finde primär für die Opfer statt', sagt Felix Bommer. Zwar lasse die Schweiz eine weitgehende Beteiligung der Geschädigten zu. Aber das Verfahren ist nicht darauf angelegt, psychische Heilung oder 'Sühne' zu leisten. Dafür gebe es die Opferhilfe oder therapeutische Angebote. Diese Meinung teilt dezidiert auch Marianne Heer."
Archiv: NZZ
Stichwörter: Crans-Montana, Strafrecht

New Yorker (USA), 23.03.2026

Geld regiert die Welt? Adam Gopnik bezweifelt es - auch nach Lektüre von Richard Vagues hoch interessantem Buch "The Banker Who Made America: Thomas Willing and the Rise of the American Financial Aristocracy, 1731-1821", das sich der Frage widmet, wer eigentlich die amerikanische Unabhängigkeit finanziert hat und wie. Der Kaufmann Thomas Willing wusste, wie er das von den Briten aufoktroyierte System ausdribbeln konnte: "Die wirklich politische Frage war, ob maritime Händler wie Willing - erzürnt ob der britischen Unterdrückung aber mit wenig Lust auf eine politische Revolution - sich am Ende auf die Seite der Radikalen und Idealisten schlagen würden. Vague macht klar, dass Willing nicht wollte. Als widerwilliger Delegierter des Kontinentalkongresses 1775 und 1776 stimmte er gegen die Unabhängigkeitserklärung und zog sich dann in sein Privatleben in Philadelphia zurück. Und trotzdem haben er und sein Geschäftspartner Morris in den nächsten Jahren weiterhin eine zentrale Rolle gespielt, als es um die Finanzierung der Rebellen ging, selbst wenn Willing eine zögernde Distanz zum revolutionären Anlass hielt." Was genau taten diese soliden konservativen Geschäftsleute? Sie nutzten ihren guten Ruf, "um eine radikale Sache zu finanzieren. Sie weiteten die etablierte Praxis der Kreditgewährung für Schiffe auf See aus: Sie nahmen Wechsel entgegen, die in den Häfen von Frankreich und Amsterdam zahlbar waren, und verkauften diese oder nahmen gegen sie Kredite in den Kolonien auf, um Uniformen, Waffen und Pferde zu bezahlen. Im Grunde genommen nutzten sie den Kredit, den sie im Ausland hatten - Amsterdam war damals so etwas wie das Hongkong jener Zeit -, und setzten ihn vor Ort ein, um Washingtons Armee zu unterstützen. ... Es ist erstaunlich zu sehen, dass die Finanzgewohnheiten, die wir als neu und dekadent ansehen - all das Papiergeld, all das Risikokapital, all das unversicherte Risiko -, bereits bei der Gründung vorhanden waren. Es liegt sogar ein Hauch von Kryptowährung in der Leichtigkeit, mit der Willing und Morris Papiergeld in Umlauf brachten, das durch nichts anderes als ihre eigene Bürgschaft gedeckt war. Doch am Ende neigt man mehr denn je dazu, die Ideen zu respektieren, die die Zinssätze antrieben, mehr als die Zinssätze, die die Ideen antrieben. ... die Finanzen waren vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie halfen, Uniformen zu nähen und Waffen zu beschaffen, nicht weil sie die Männer zum Kämpfen brachten. Ein Grund, warum wir nicht immer dem Geld folgen, ist, dass es nicht immer entscheidend ist. Washingtons Armee blieb eine provisorische Streitmacht, unterstützt durch Material, aber getragen von der Moral."
Archiv: New Yorker