Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 59

Magazinrundschau vom 11.11.2025 - London Review of Books

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Im Mittelalter gab es natürlich längst nicht so viele Menschen wie heute, aber Menschenmassen spielten im Sozialleben damals durchaus eine Rolle, lernt Pablo Scheffer mit Shane Babryckis Buch "The Crowd in the Early Middle Ages": "Menschenmassen waren im Frühmittelalter eine knappe Ressource, und ihre Versammlung erforderte sorgfältige Planung. Als eine Gruppe von Klerikern im 9. Jahrhundert im östlichen Frankenreich 'wundersame' Menschenmengen benötigte, um die Echtheit ihrer neu erworbenen Reliquien zu beweisen, sorgten sie dafür, dass Leute mit den Reliquien durch die Region zogen, bevor sie diese in der belebten Mühlenstadt Obermühlheim niederlegten - die sie daraufhin in Seligenstadt, also 'gesegnete Stadt', umbenannten. Entscheidend war die Illusion von Spontaneität. Doch neben den wahren Reliquienhütern gab es auch Händler falscher Heiligtümer. Was sollten die Autoritäten tun, wenn sich Menschenmengen um Betrüger versammelten und ihnen so Anschein von Legitimität verliehen? Gregor von Tours tadelte einen 'Meister der Bosheit', der sich in Tierfelle kleidete, sich 'Christus' nannte, Straßenraub beging und die Beute an seine Scharen von Anhängern verteilte. Im 8. Jahrhundert berichtete der heilige Bonifatius von einem Mann namens Aldebert, der behauptete, ein Apostel zu sein, seine Fingernägel als Reliquien verkaufte und 'eine Menge einfältiger Menschen' für sich gewann. Beunruhigend war, wie sehr solche Vorfälle den offiziell gebilligten religiösen Versammlungen ähnelten. Hatte Christus selbst im Matthäusevangelium nicht gesagt: 'Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen'? In einer Welt, in der Menschenmengen als Träger göttlicher Legitimation galten, stellten Zuschauer, die sich um häretische Prediger oder falsche Reliquien versammelten, ein ernstes Problem für die kirchlichen Autoritäten dar. Frühmittelalterliche Schriftsteller verfassten daher Polemiken, in denen sie diese 'schlechten Menschenmassen' als von Angst getrieben darstellten oder die Beteiligung von Frauen betonten."

Magazinrundschau vom 28.10.2025 - London Review of Books

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James Lasdun hat für die London Review "Murderland" gelesen, Caroline Frasers Buch über das "goldene Zeitalter der Serienkiller", beziehungsweise, konkreter, eine Serienmörderschwemme im amerikanischen Nordwesten der 1960er bis 1980er Jahre. Warum tauchen ausgerechnet in dieser Zeit und in dieser Gegend fast zeitgleich Psychokiller wie Ted Bundy, der Green River Killer oder der Werewolf Butcher auf? Fraser glaubt laut Lasdun den Schlüssel zum Geheimnis gefunden zu haben: Die damals gravierende Umweltverschmutzung, vor allem verursacht von der metallverarbeitenden Industrie, habe, im Verbund mit anderen natürlichen Faktoren, viele Männer der Gegend in Monster verwandelt. Beweisen kann die Autorin das zwar nicht, bemerkt wenig überraschend Lasdun; aber das Buch enthüllt seiner Ansicht nach erstaunliche Verbindungen zwischen den oft reichlich bizarren Morden und Umweltverbrechen sowie einer Serie von Brückeneinstürzen, die im Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielen: "Der katastrophale Einsturz der Tacoma-Narrows-Brücke wurde, so eine Studie, durch eine Form der 'Selbsterregung' verursacht, die zu einem tödlichen 'aeroelastischen Flattern' führte - Formulierungen, die eine unerwartete Energie freisetzen, wenn man von den gewaltsam verdrehten erotischen Fantasien der Mörder erfährt (Gary Ridgway etwa träumte gleichzeitig davon, mit seiner Mutter zu schlafen und ihr die Kehle durchzuschneiden). Als der örtliche Umweltbeauftragte das Unternehmen Asarco von der Verantwortung für ein massives Schwefeltrioxid-Leck freisprach, nannte er die Umweltkatastrophe 'einfach etwas, das sie nicht kontrollieren konnten' - eine Aussage, die eine unheimliche Bedeutung erhält, wenn man ihr Echo anderswo hört, diesmal in den Worten Dennis Raders, der sich selbst BTK (Bind, Torture, Kill - Fesseln, Foltern, Töten) nannte und in seinem ausdrucksvoll primitiven Stil schrieb: 'It hard to control myself' ('Es schwer, mich zu kontrollieren')."

Magazinrundschau vom 21.10.2025 - London Review of Books

Jérôme Tubiana berichtet aus dem nach wie vor im Bürgerkrieg befindlichen Sudan. Konkret geht es um die Belagerung von El-Fashir durch die Rapid Support Forces (RSF), einer paramilitärischen Gruppierung, die einst dem inzwischen gestürzten Präsident Umar al-Baschir unterstand. Die Lage in der Stadt ist katastrophal, internationale Hilfe oder auch nur Aufmerksamkeit nicht in Sicht, westliche Helfer ziehen sich zunehmend zurück. Als die Milizen der RSF das Flüchtlingslager Zamzam überfielen, "richteten sie neun Mitarbeiter von Relief International - der letzten noch im Lager verbliebenen NGO - hin. Als die RSF Nadas Familie entdeckte, töteten sie ihren Mann, ihren Onkel und ihren fünfjährigen Sohn. Nada wurde in das Bein und die Hand geschossen. 'Deine Männer', sagten sie zu ihr, 'sind Falangayat' - ein Begriff, der im vorkolonialen Darfur für Sklaven verwendet wurde, die mit niederen Arbeiten betraut waren, und der heute von der RSF verwendet wird, um Nicht-Araber zu verunglimpfen, denen vorgeworfen wird, die Armee zu unterstützen. ... Es ist nun fast eineinhalb Jahre her, seit der UN-Sicherheitsrat die Resolution 2736 verabschiedet hat, die fordert, dass die RSF ihre Belagerung von El-Fashir beendet. Nach Jahrzehnten ineffektiver westlicher Einmischung herrscht nun Einigkeit unter den internationalen Akteuren, dass nur die Sudanesen selbst ihr Land retten können." Tatsächlich gibt es lokale Akteure wie die Emergency Response Rooms (ERR), die Flüchtlingen sehr effektiv helfen - aber sie können es eben nur mit Lebensmitteln, die der Westen liefert. "Die ERRs wurden im vergangenen und in diesem Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert. 'Der Nobelpreis interessiert mich nicht', sagte mir einer der Gründer der ERR in Zamzam. 'Das Wichtigste ist, den Krieg zu stoppen.' Er befindet sich nun in einem Flüchtlingslager im Tschad und ist auf unzuverlässige westliche Hilfslieferungen angewiesen."

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Ein Buch über Holzmalereien als Mumienbeigaben nimmt Elisabeth R. O'Connell zum Anlass, die Rezeptions- und Ausstellungsgeschichte dieser uralten Kunstwerke zu rekonstruieren. Nebenbei lernen wir auch etwas darüber, wie wenig selbsterklärend Bezeichnungen sind, die Gruppen von Menschen vermeintlich einer Herkunftsregion zuordnen: "Die Durchlässigkeit der Kategorien 'Ägypter', 'Grieche' und 'Römer' sowie 'Syrer', 'Libyer' und 'Perser' ist dank der papyrologischen Funde der letzten dreißig Jahre deutlicher geworden - eine Entwicklung, die von Dorothy J. Thompson vorangetrieben wurde. Vor der römischen Zeit konnte der Begriff 'Grieche' für verschiedene Personengruppen verwendet werden, die nicht ägyptischer Herkunft waren. Er bezeichnete in erster Linie einen Steuerstatus und konnte daher auch von einem Mann getragen werden, dessen Bruder als 'Ägypter' eingestuft war. Im römischen Rechtssystem wurde 'Grieche' schließlich zu einer Unterkategorie von 'Ägypter'. Menschen konnten zwei Namen führen - einen griechischen und einen ägyptischen -, die je nach Publikum und Anlass verwendet wurden. Kleine hölzerne Mumienanhänger, auf denen der Name des Verstorbenen auf der einen Seite auf Griechisch und auf der anderen auf Ägyptisch geschrieben ist, gehören zu den besten Belegen für diese Praxis der Doppelnamen. Die griechische Seite nennt in der Regel den Namen des Vaters, während die ägyptische Seite manchmal auch den der Mutter angibt. Wenn Mumien mit bemalten Tafeln beschriftet sind, erscheint der Name meist in seiner griechischen Form und in griechischer Schrift. Es gibt jedoch Ausnahmen: Eine Tafel aus Tebtunis im Fayum zeigt den ägyptischen Namen Thaubarion in griechischer Transkription, und ein Gebet für eine Frau mit dem griechischen Namen Eirene ist in ägyptischer Sprache verfasst."

Magazinrundschau vom 07.10.2025 - London Review of Books

James Meek beschäftigt sich mit den Konzeptionen einiger KI-Vordenker, die nach Möglichkeiten suchen, der künstlichen Intelligenz mit einer intrinsischen Antriebskraft und einem Wertesystem nach menschlichen Maßstäben auszustatten. Im Zuge seiner Argumentation malt er zwei Zukunftsvisionen aus: In der einen optimiert die KI die menschliche Gesellschaft zu ihrem Besten; in der anderen täuscht eine "unmenschliche" KI lediglich Menschlichkeit vor und führt uns alle in den Untergang: "Eine mögliche Auflösung des scheinbaren Paradoxons zwischen den 'KI-Untergangspropheten' und den 'KI-Optimisten' besteht darin, dass diese beiden Vorstellungen von AGI (Artificial General Intelligenz) oder Superintelligenz - die zufällig die Menschheit vernichtende Version, die etwas will, das wir nicht verstehen, und die wohlwollende Version, die will, dass wir glücklich sind - aus der Perspektive bestimmter Risikokapitalgeber oder neugieriger Wissenschaftler ein und dasselbe sein können: Werbeanzeigen für eine ungeheuer fähige und mächtige Maschine. Die Tatsache, dass die eine Version dieser Maschine gezügelt werden muss und die andere sich selbst zügelt, ist für sie ein technisches Detail. Die Warnung vor ihrer Gefährlichkeit ist ein Platzhalter für die Reichtümer oder die Flut an Wissen, die später folgen werden; die Bedrohung ist ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sobald gezeigt wurde, dass KI tatsächlich nützlich und vermarktbar ist - auch wenn ihre Gefahr dadurch nicht geringer wird -, wird 'Superalignment', also die Anpassung der KI an menschlich integre Ziele, zu einem unbequemen Restproblem. Elon Musk begann, KI ernst zu nehmen, als Deep-Mind-Mitgründer Hassabis ihm sagte, dass es durchaus in den Kräften einer abtrünnigen KI liegen würde, die auf die Auslöschung der Menschheit aus ist, ihm bis zu seinem Fantasie-Versteck auf dem Mars zu folgen - und dort das Werk zu vollenden."

Magazinrundschau vom 23.09.2025 - London Review of Books

William Davie beschäftigt sich anlässlich von John Ganz' Buch "When the Clock Broke: Con Men, Conspiracists and the Origins of Trumpism" mit den intellektuellen Wurzeln des Trumpismus und stößt dabei auf eine Denktradition, die vor allem in den frühen 1990er Jahren proliferierte - und zwar, anders als vorherige dominante Paradigmen auf Seiten sowohl der Rechten als auch der Linken, größtenteils außerhalb des akademischen Systems. Eine der Figuren, für die er sich besonders interessiert, ist Murray Rothbard, der sich selbst als einen "Paläolibertären" bezeichnet. Der Unterschied zu älteren konservativen Strömungen ist offenkundig: "Neoliberale wie Friedman waren ausdrücklich in ein Projekt des 'Elite Capture' eingebunden, das darauf abzielte, die Orthodoxie der wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung zu verändern. Der Paradigmenwechsel vom Keynesianismus zum Neoliberalismus gelang über bestehende Kreisläufe akademischer Forschung, politischer Beratung, der Finanzpresse und multilateraler Institutionen. Rothbard hatte die gegenteilige Überzeugung. Seiner Ansicht nach waren es die übergebildeten Eliten, die im Begriff waren, Amerika den Sozialismus aufzuzwingen; das einfache Volk hingegen war ein Verbündeter des Kapitalismus, gemeinsam mit dessen zentralen Werten, Privateigentum und persönlicher Freiheit. Der Paläolibertarismus war ein ausdrücklich populistisches politisches Projekt, das darauf abzielte, dem Volk Freiheit und Selbstverwaltung zurückzugeben. Rothbards Rhetorik enthielt deutliche Hinweise auf die Gewalt, die notwendig wäre, um dies zu erreichen - Gewalt, die (paradoxerweise) manchmal von zentralisierten politischen Mächten gegen die Institutionen der Elitenherrschaft ausgeübt werden müsste. Die Doppelhelix von Libertarismus und Autoritarismus, die sich durch große Teile von Trumps Programm zieht, lässt sich zu Rothbards Werk zurückverfolgen. Ein Problem, mit dem alle Paläos in den frühen 1990er-Jahren konfrontiert waren, bestand darin, wie man eine Massenbewegung koordinieren und ein politisches Programm entwerfen kann, während man gleichzeitig die etablierte Regierung, die Medien und öffentliche Institutionen angreift, die zur Umsetzung eines solchen Programms nötig sind. Das Talkradio lieferte einen Teil der Antwort, indem es die Wut weißer Männer kanalisierte und befeuerte, die zu einer zunehmend prägenden Kraft in der amerikanischen Politik wurde. Zwanzig Jahren später stellten die soziale Medien die Werkzeuge für die Verbreitung eines auf Ressentiment basierenden Populismus bereit."

Magazinrundschau vom 30.09.2025 - London Review of Books

Das Problem an KI-Deepfakes, glaubt Claire Wilmot, ist nicht, dass sie alternative Fakten schaffen, die von den Menschen für bare Münze genommen werden. Vielmehr durchschaut die Zielgruppe in der Mehrzahl die Fälschungen - und verbreitet sie trotzdem enthusiastisch weiter: "Wie Deleuze und Guattari in 'Anti-Ödipus' schrieben, war der Faschismus der 1930er-Jahre nicht in erster Linie ein Problem der Unwissenheit: 'Die Massen waren keine unschuldigen Betrogenen; zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, wollten sie den Faschismus, und es ist diese Perversion des Begehrens der Massen, die erklärt werden muss.' Ein Teil des Missverständnisses in Bezug auf die Bedrohung durch Deepfakes rührt daher, dass man sie als ein Problem faktisch falscher Informationen versteht, anstatt als ein Problem des Begehrens (oder der materiellen Bedingungen, die dieses Begehren formen). Die Deepfakes, die sich in den sozialen Medien der extremen Rechten vervielfältigen - einige davon wurden am 13. September bei einer Right-Wing-Demonstration in London sogar ausgedruckt und auf Bannern gezeigt -, sind faschistische Traummaschinen. Sie bieten klare, illustrative Diagnosen der angeblichen Probleme Großbritanniens (Islam, People of Colour, Migranten), eine Theorie des Wandels (abgeriegelte Grenzen, Masseninhaftierungen, Deportationen) und eine Vision der Zukunft (hegemoniale weiße Männlichkeit, christlicher Revanchismus)." Die Labour-Regierung hat dem wenig entgegen zu setzen, meint Wilmot.

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - London Review of Books

Tom Stevenson besucht El Salvador, ein Land, das seit ein paar Jahren mit harter Hand von Nayib Bukele regiert wird - 2019 gelangte er an die Präsidentschaft, im Jahr 2022 rief er den nationalen Notstand aus und zerschlug die kriminellen Banden (siehe auch hier), die weite Teile des Landes im Griff hatten. El Salvador ist jetzt zwar sicherer, so Stevenson, aber der Preis ist hoch: Bukele setzt sich über alle rechtsstaatlichen Prinzipien hinweg, inzwischen befindet sich ein signifikanter Teil der männlichen Bevölkerung hinter Gittern, nur sehr wenige Gefangene landen tatsächlich vor Gericht. Freilich gibt es, verglichen mit anderen totalitären Regimes, einen Unterschied: "Der wesentliche Unterschied zwischen dem Gefängnisstaat unter Bukele und zum Beispiel dem ägyptischen besteht in seiner Sichtbarkeit. In Ägypten, wie auch im Syrien Assads, spielt sich die Brutalität im Verborgenen ab - schon Nachforschungen darüber sind gefährlich. Die Regierung Bukeles hingegen führt gerne social-media-Influencer durch das Gefängnis CECOT. Die US-Ministerin für Heimatschutz, Kristi Noem, ließ sich vor eingesperrten Häftlingen filmen. Auf YouTube finden sich Videos auf Spanisch, Arabisch und Englisch, die alle im Wesentlichen dieselbe Tour durch dieselben zwei Blöcke mit überfüllten, aber sauberen Zellen zeigen. Dutzende Männer in einer Zelle starren hinter Gittern hervor, ihre Gesichter von Tattoos bedeckt; in der nächsten Zelle tragen die Gefangenen Brillen und haben Bäuche. ... Der Zweck von CECOT besteht - wie der Name schon andeutet - darin, Bandenmitglieder wie Terroristen zu behandeln, auf eine Weise, die offensichtlich vom Gefangenenlager Guantánamo beeinflusst ist. Die sorgfältig inszenierten Führungen verraten wenig darüber, wie Gefängnisgewalt unterdrückt wird oder wie die Bedingungen in den Bereichen aussehen, die Besuchern nicht gezeigt werden."

Magazinrundschau vom 19.08.2025 - London Review of Books

Mit der Lage der Alawiten in Syrien vor und nach Assads Sturz setzt sich Loubna Mrie auseinander. Die Volksgruppe, der der Diktator selbst angehörte, hatte das Assad-Regime zwar lange unterstützt, aber zu den tatsächlichen Profiteuren der das gesamte politische System durchsetzenden Korruption zählten nur wenige. Ausgerechnet dieser innere Zirkel Assads kommt nun, da Islamisten die Regierung führen, ungeschoren davon: "Hochrangige Beamte des Assad-Regimes - Männer, die für unzählige Festnahmen und Todesfälle verantwortlich waren - bleiben unangetastet. Einer von ihnen ist Muhammad Hamsho, in ganz Syrien bekannt als der 'Schuttkönig'. Er hatte sein Vermögen aufgebaut, indem er aus zerbombten Stadtvierteln Schrott barg. In Qaboun, einst eine Hochburg der Opposition, sammelten seine Trupps Stahlstangen aus zerstörten Häusern. Der Stahl speiste seine Fabriken. Hamsho finanzierte zudem einige der brutalsten Milizen des Regimes. Dennoch bleibt er geschützt - offenbar aufgrund von Verbindungen nach Katar durch die Ehe seiner Schwester. Vielen anderen geht es wie ihm. Fadi Saqr, der Milizenkommandeur, dem vorgeworfen wird, das Massaker von Tadamon 2013 beaufsichtigt zu haben - bei dem 41 Menschen in einer Grube im Osten von Damaskus exekutiert wurden -, wurde bei Treffen mit der neuen Regierung gesehen. Während die Architekten der Gewalt abgeschirmt werden, richtet sich die Wut gegen diejenigen, die greifbar sind: Nachbarn, die im Verdacht standen, Informanten des Assad-Regimes gewesen zu sein. In einem Video wird ein angeblicher Informant an die Motorhaube eines Autos gefesselt. Ein Hammer wird ihm in den Schädel geschlagen."

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Ferdinand Mount ordnet Donald Trumps Vorliebe für Zölle in die Wirtschaftsgeschichte der USA ein. Es zeigt sich: Trumps Protektionismus hat durchaus jede Menge historische Vorläufer - ausgerechnet die Boomphase der amerikanischen Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt aber mit einer konsequenten Freihhandelspolitik zusammen. Dennoch wirbt der amerikanische Anwalt Robert Lighthizer, der die US-Zollpolitik während der ersten Amtszeit Trumps maßgeblich mitprägte, in seinem 2023 erschienenen Buch "No Trade is Free" weiterhin für eine protektionistische Wende in der Handelspolitik. Aber "Lighthizer bleibt die Antwort darauf schuldig, warum er Zölle für das einzig wirksame Mittel hält, um die Schwachstellen der amerikanischen Wirtschaft zu schützen. Ebenso wenig kann er belegen, dass Trumps erste Zollrunde irgendeinen Nutzen brachte - oder erklären, welche zusätzlichen Belastungen sie für Konsumenten und für Hersteller verursachte, die sich plötzlich mit steigenden Preisen für Stahl, Seltene Erden und andere Rohstoffe konfrontiert sahen. Die 2018 verhängten Trump-Zölle führten jedenfalls nicht zu mehr Arbeitsplätzen in der heimischen Stahlindustrie. Im Gegenteil: Nach Berechnungen der unabhängigen Tax Foundation drückten ihre Folgewirkungen das langfristige Wirtschaftswachstum, die Löhne und die Beschäftigung - umgerechnet um rund 166.000 Vollzeitstellen. Schon die Stahlzölle unter Carter, Reagan und George W. Bush hatten sich als ebenso wirkungslos wie teuer erwiesen. Auch Trumps jüngstes Hin und Her zwischen Drohungen und vagen Ankündigungen von Deals dürfte kaum jemandem nützen - außer dem US-Finanzministerium. Dort sprudeln die Einnahmen kräftig: Laut einem Bericht für BBC Verify vom Juli nimmt es inzwischen 28 Milliarden Dollar monatlich an Einfuhrzöllen ein, dreimal so viel wie im Vorjahr. Den Amerikanern dämmert inzwischen, dass sie am Ende dieser zähen Zollgefechte wohl rund 15 Prozent mehr für ihre Importe zahlen werden."

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - London Review of Books

Barbara Newman beschäftigt sich anlässlich zweier neuer Buchveröffentlichungen mit Boccaccio, zeichnet dessen Lebensweg nach und präpariert die diversen Bedeutungsschichten einiger Erzählungen des "Decamerone" heraus. Erstaunlich ist nicht zuletzt die Reflexivität seines Werks, findet sie: "In der Einleitung zu Buch 4 bietet Boccaccio ein frühes Beispiel für Rezeptionskritik. Obwohl das Werk noch lange nicht abgeschlossen war, hatten sich seine Erzählungen bereits verbreitet, und nicht jeder fand Gefallen an ihnen. Es scheint, dass prüde Kritiker sich über Boccaccios Wunsch beschwerten, den Damen zu gefallen, und seine literarischen Bemühungen als amouröse Eskapaden interpretierten. Boccaccio antwortet charmant, indem er ihre Kritik akzeptiert. Warum sollte er schließlich nicht Frauen lieben und Freude daran haben, ihnen zu gefallen? Die Musen sind schließlich auch Damen, und 'es ist eine Tatsache, dass Damen bereits Grund dafür waren, dass ich Tausende von Versen verfasste, lange bevor die Musen ins Spiel kamen.' Es ist nichts Schändliches, für Frauen zu schreiben; Dante tat es schließlich auch. Wo wäre die Commedia ohne Beatrice? Indem er den 'Decamerone' mit seiner eigenen Stimme beschließt, unternimmt Boccaccio einen revolutionären Schritt, indem er die moralische Verantwortung für die Literatur vom Autor ganz auf den Leser überträgt. 'Für die Reinen ist alles rein', wie es der heilige Paulus sagt, während ein korruptes Gemüt überall nur Verderbnis sieht. Sogar anstößige Erzählungen haben ihren Wert für diejenigen, die wissen, wie man sie richtig interpretiert. Wer sich jedoch an Kleinigkeiten stört, kann einfach die anstößigen Geschichten überspringen und sich auf die erbaulichen konzentrieren. Kurz gesagt: 'Die Dame, die ständig ihre Gebete spricht oder ... Kuchen für ihren Beichtvater backt, sollte sich von meinen Erzählungen fernhalten.' Dies ist Boccaccios größte Errungenschaft für die Literaturtheorie: Volkstümlichkeit, Unterhaltung, die Verantwortung des Lesers und die Autonomie der Fiktion sind miteinander verwoben und bekommen eine weibliche Färbung. Zum Guten oder Schlechten sollte diese Kette bestehen bleiben - besonders als immer mehr Frauen zu schreiben begannen. Es ist mehr als nur das Geschlecht, das die eleganten Erzählerinnen des 'Decamerone' mit der 'verfluchten Menge schreibender Frauen' verbindet, die Nathaniel Hawthorne in den 1850er Jahren verurteilte."

Magazinrundschau vom 05.08.2025 - London Review of Books

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Jonathan Parry vertieft sich in eine Geschichte der britischen Politik im Sudan 1882-98, geschrieben von Peter Hart. Eine zentrale Figur war General Charles George Gordon, der während des Mahdi-Aufstandes in Khartum getötet wurde, bevor eine britische Armee ihn und seine Männer erreichen konnte. Die Brutalität in diesem Krieg war sprichwörtlich, aber auch die Überheblichkeit des Generals: "In den Jahren nach seinem Tod war Gordon zu einem christlichen Märtyrer erhoben worden, der in den Sudan gegangen war, um sich gegen den Fanatismus und die Gewalt in Afrika, nicht zuletzt gegen den Sklavenhandel, zu stellen. Mit seiner Rache würde Großbritannien einen Schritt zur Beendigung dieser Übel tun. In Wirklichkeit war die Gordon-Affäre komplexer. Gordon lehnte den Sklavenhandel ab, aber sein Hauptfeind war die arrogante Misswirtschaft gieriger britischer und ägyptischer Beamter. Er unterschätzte den Mahdi und glaubte, ihn gegen andere Häuptlinge ausspielen zu können. Er ging davon aus, dass die Stammesführer des Sudan positiv reagieren würden, sobald korrupte Gouverneure durch Männer wie ihn ersetzt würden, die asketisch lebten und der arabischen Kultur wohlgesonnen waren. Aber er hatte ihnen nur sehr wenig zu bieten und verfügte ohne die Unterstützung des britischen Militärs über keine Autorität. Er verschmähte die Flucht und glaubte weiterhin, dass Unterstützung kommen würde, aber wenn dies nicht der Fall sein sollte, war die Vorstellung eines Märtyrertods angesichts seines starken Glaubens und seines Schicksalsbewusstseins nicht unattraktiv."