
Für Verstimmungen sorgt ein weiteres Interview eines Ungarn in der deutschen Presse: Am 15. Februar hatte in der
SZ der Leiter der ungarischen Philharmoniker,
Zoltan Kocsis, die kultur- und demokratiefeindlichen Maßnahmen der ungarischen Regierung relativiert und sein Unverständnis gegenüber manchen Regierungskritikern - wie
Andras Schiff oder
Ivan Fischer - bekundet (Kocsis führte das in einem weiteren Interview mit
HVG -
auf Deutsch - aus). Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
Zoltan Andras Ban runzelt die Stirn: "Wenn man durch und durch ein Künstler ist, interessiert man sich einzig und allein dafür, die für die eigene Kunst notwendigen Mittel für sich und seine Kollegen aufzutreiben. Und weil diese in unserem Fall vom Staat bereitgestellt werden, existiert für Kocsis kein rechtes oder linkes Staatsgebilde - wichtig ist nur, dass die jeweilige Formation das notwendige Geld zur Verfügung stellt. [...] Spürt er etwa nicht, dass er mit diesem Interview, in dem er die Regierung in Schutz nimmt, jenen tristen Staatsbeamten, die bei weitem
nicht so erhaben denken wie er, schlagkräftige Argumente in die Hand gibt? Hat er denn keine Angst davor, dass sie für ihre Taten nunmehr seinen Namen und seinen internationalen Ruf ausnutzen können? Nicht nur in seinem Interesse, sondern womöglich auch
gegen das Interesse anderer?"
Esther Kinskys Roman
"Sommerfrische" ist kürzlich auch in ungarischer Sprache erschienen. Die Schriftstellerin
Noemi Kiss lobt ihn für seine Sprachkraft, nur diese Fixierung deutscher Schriftsteller auf die "
ungarische Puszta" stößt ihr ein wenig auf: "Die aussagekräftigen Beschreibungen der unbeweglichen Landschaft nehmen fast kein Ende, die Umschreibungen sind gut, die konzentrierten Bilder der gedrückten Stimmung machen ganze Absätze aus - womit die Handlung dann kaum noch Schritt halten kann. Dies wäre die Poesie der Puszta. Bei Kinsky ist das ein
ausgetrockneter Fluss, der sich in einem Sommer ohne Regen nicht mit Wasser füllt. Auch
Thomas Mann hatte das bei seinen Besuchen vor einem Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Das Nichts der ungarischen Tiefebene, die Aufregung, der Duft und der Gestank der trostlosen Langeweile hat den
deutschen Geist stets in Erregung versetzt. Mehrfach erwähnt Kinsky, dass sie über eine Landschaft schreibt, in der es nichts gibt, man sieht beispielsweise keine Schatten, weil etwas fehlt, was über Konturen verfügt. [...] Kinskys Roman ist für den ungarischen Leser eine wahre Delikatesse. Schade nur, dass immer noch die Puszta
unser Wahrzeichen zu sein scheint."