Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

290 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 29

Magazinrundschau vom 22.03.2011 - Magyar Narancs

"Die gute Absicht ist irgendwie danebengegangen, da stimme ich zu, aber es gibt keinen Grund, die Aufrichtigkeit der Absicht in Frage zu stellen", sagt Zoltan Kocsis, Leiter der ungarischen Philharmoniker, im Hinblick auf sein Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 15. Februar. Darin hatte er die Kritik an der ungarischen Regierung als zum Teil überzogen kritisiert und sein Unverständnis gegenüber manchem Regierungskritiker geäußert - und damit eine heftige Debatte in Ungarn ausgelöst (mehr dazu hier). Im Interview mit György Vari von der liberalen Wochenzeitung Magyar Narancs bezieht Kocsis nun Stellung zu seinen Äußerungen und erklärt die Missverständnisse mit möglicherweise unglücklichen Formulierungen (das Interview wurde in englischer Sprache geführt): "Ich hielt es für wichtig, auf überzogene Äußerungen und Interviews zu reagieren, ich wollte nicht noch einen oben drauf legen. Diese Interviews stellen Ungarn als ein Land dar, in dem das einzige große Problem im Ausmaß von Rassismus, Homophobie und Irredentismus besteht. Im Interview versuchte ich im Namen der nüchternen ungarischen Bürger zu sprechen und sagte, dass es Antisemitismus und Rassismus im Land durchaus gebe, aber in einem ähnlichen Ausmaß, wie auch in anderen Ländern. Dass jedoch im Ausland ein einseitiges, vereinfachendes Bild von Ungarn gezeichnet wird, dass man über die hiesige Situation falsche Informationen ausgibt, kann ich auf keinen Fall akzeptieren. Daher habe ich, wie ich finde, das Land zu verteidigen versucht. Es gibt durchaus Probleme, aber nicht allein jener Art, wie sie - um nur bei meinen Kollegen zu bleiben - zumeist von Adam Fischer und Andras Schiff angeprangert werden. Ungarn hatte in den vergangenen zwanzig Jahren die Chance, einen Gebrauch von der Demokratie zu machen, aber es hat sie missbraucht, besser gesagt, sie wurde von der Politik missbraucht. Die Parteien zerrten an beiden Enden des Karrens und zeigten jeweils mit dem Finger auf die anderen, diese würden den Karren rückwärts, sie selbst aber vorwärts ziehen. Das ist es, was bereits seit zwanzig Jahren stattfindet und meiner Meinung nach ist es das, was die Wähler satt hatten. Die große Mehrheit votierte dafür, dass der Karren sich endlich in irgendeine Richtung in Bewegung setzt. Möglicherweise erlebt die Linke dies als ein Scheitern, aber das Volk hat sich auf diese Weise gegen Uneinigkeit und Stagnation zu Wort gemeldet."

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - Magyar Narancs

Der Dirigent Ivan Fischer hatte sich in der FAZ sehr kritisch zur ungarischen Politik geäußert. Nun sind seinem Budapester Festivalorchester wie vielen anderen Kulturinstitutionen die Subventionen drastisch gekürzt worden. Ferenc Laszlo sprach mit Ivan Fischer anlässlich seiner Berufung zum Leiter des Berliner Konzerthauses ab 2012/13 und fragte ihn, was die Kürzungen für die ungarische Kulturszene bedeuten: "Die Kultur Ungarns und insbesondere Budapests ist ein kostbarer Schatz und ein herausragendes gesamteuropäisches Gut... Ich sehe es als meine persönliche Aufgabe an, in Berlin möglichst vielen zu erklären, dass die ungarische Kultur internationale Unterstützung verdient, denn ihre Erhaltung ist für das gesamte Europa wichtig. Ich bin nämlich davon überzeugt und halte diese Idee bei weitem nicht für abwegig, dass der ungarischen Kultur mit einer Art Marshall-Plan unter die Arme gegriffen werden müsste. Darüber werde ich mich auch in Deutschland zu Wort melden."

Magazinrundschau vom 08.03.2011 - Magyar Narancs

Für Verstimmungen sorgt ein weiteres Interview eines Ungarn in der deutschen Presse: Am 15. Februar hatte in der SZ der Leiter der ungarischen Philharmoniker, Zoltan Kocsis, die kultur- und demokratiefeindlichen Maßnahmen der ungarischen Regierung relativiert und sein Unverständnis gegenüber manchen Regierungskritikern - wie Andras Schiff oder Ivan Fischer - bekundet (Kocsis führte das in einem weiteren Interview mit HVG - auf Deutsch - aus). Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Zoltan Andras Ban runzelt die Stirn: "Wenn man durch und durch ein Künstler ist, interessiert man sich einzig und allein dafür, die für die eigene Kunst notwendigen Mittel für sich und seine Kollegen aufzutreiben. Und weil diese in unserem Fall vom Staat bereitgestellt werden, existiert für Kocsis kein rechtes oder linkes Staatsgebilde - wichtig ist nur, dass die jeweilige Formation das notwendige Geld zur Verfügung stellt. [...] Spürt er etwa nicht, dass er mit diesem Interview, in dem er die Regierung in Schutz nimmt, jenen tristen Staatsbeamten, die bei weitem nicht so erhaben denken wie er, schlagkräftige Argumente in die Hand gibt? Hat er denn keine Angst davor, dass sie für ihre Taten nunmehr seinen Namen und seinen internationalen Ruf ausnutzen können? Nicht nur in seinem Interesse, sondern womöglich auch gegen das Interesse anderer?"

Esther Kinskys Roman "Sommerfrische" ist kürzlich auch in ungarischer Sprache erschienen. Die Schriftstellerin Noemi Kiss lobt ihn für seine Sprachkraft, nur diese Fixierung deutscher Schriftsteller auf die "ungarische Puszta" stößt ihr ein wenig auf: "Die aussagekräftigen Beschreibungen der unbeweglichen Landschaft nehmen fast kein Ende, die Umschreibungen sind gut, die konzentrierten Bilder der gedrückten Stimmung machen ganze Absätze aus - womit die Handlung dann kaum noch Schritt halten kann. Dies wäre die Poesie der Puszta. Bei Kinsky ist das ein ausgetrockneter Fluss, der sich in einem Sommer ohne Regen nicht mit Wasser füllt. Auch Thomas Mann hatte das bei seinen Besuchen vor einem Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Das Nichts der ungarischen Tiefebene, die Aufregung, der Duft und der Gestank der trostlosen Langeweile hat den deutschen Geist stets in Erregung versetzt. Mehrfach erwähnt Kinsky, dass sie über eine Landschaft schreibt, in der es nichts gibt, man sieht beispielsweise keine Schatten, weil etwas fehlt, was über Konturen verfügt. [...] Kinskys Roman ist für den ungarischen Leser eine wahre Delikatesse. Schade nur, dass immer noch die Puszta unser Wahrzeichen zu sein scheint."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Magyar Narancs

Mitte Januar ist in der Bild-Zeitung ein Interview mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban erschienen. "In unseren Medien war und ist die Verletzung der Menschenwürde tägliche Realität", sagt er darin und verunglimpft nach Meinung der liberalen Wochenzeitschrift Magyar Narancs die ganze ungarische Presse: "Das würde doch heißen, dass es in Ungarn keinen verantwortungsbewussten Journalismus gibt, dass eine fachlich fundierte Kritik an Orbans Wirken undenkbar ist, dass die Presse nicht mit Experten, sondern mit Beleidigungen arbeitet, dass Journalisten allesamt ein schreckliches Pack sind, die gedrillt werden müssen. Das ist aber nicht wahr."
Stichwörter: Orban, Viktor, Menschenwürde

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Magyar Narancs

Ungarns Regierungschef Viktor Orban will dem Land bis Ostermontag eine neue Verfassung geben. Die liberale Wochenzeitschrift Magyar Narancs erklärt, warum die Oppositionsparteien (Sozialisten und Grüne) die Verfassungsgebung im Parlament boykottieren sollten: "Weil sie auf einer Lüge basiert. Auf jener komplexen Lüge, wonach der Grund für die wirtschaftliche und moralische Krise der ungarischen Gesellschaft und Politik letztendlich die Verfassung von 1989 sei, und dass die Wähler im April diese alte Ordnung, das Chaos der Freiheit abgeschafft hätten. Jeder Zusammenhang, in dem diese Behauptung auftaucht, ist verlogen und eine Manipulation; wie auch die neue Verfassung keine andere Aufgabe hat, als den Orban-Staat zu legitimieren und die Legitimität, den überwältigenden Volkswillen hinzuzudichten. Wenn sich die beiden demokratischen Parteien daran beteiligen, dann werden sie der neuen Ordnung die noch fehlende Legitimität verleihen. Dabei sind sie deshalb im Parlament, damit sie für solch eine Sache ihren Namen nicht hergeben. Und auch den ihrer Wähler nicht."

Magazinrundschau vom 11.01.2011 - Magyar Narancs

Im vergangenen halben Jahr hat sich Ungarn dermaßen verändert, dass man es kaum wiedererkennt, findet die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs: Die Demokratie ist vorerst gescheitert. Doch dieser Zustand wird sich nur dann festigen können, wenn die Freunde der Freiheit zerstritten bleiben: "Dazu müssen sie vor allem sich selbst ändern, vielleicht auch klüger werden und erkennen, dass sie nicht einander, sondern die Diktatur hassen müssen; ihre bisherigen Ansichten überprüfen und Irrtümer eingestehen, wenigstens sich selbst. [...] Wir glaubten, es bedürfe keiner besonderen geistigen und emotionalen Anstrengung, um die Freiheit zu schützen; dass unter ihren Fittichen jeder frei seine Triebe ausleben könne. Dass jeder den anderen frei niedertrampeln und hassen darf. Die jetzige Situation könnte einen Anlass bieten, unsere schlechten Gewohnheiten zu überdenken und in Ruhe zu besprechen, was die Grundwerte der Wende von 1989/90 sind. Wenn das passiert, erweist Viktor Orban dem Land gerade jetzt einen riesigen Dienst; auch wenn er sich den ein wenig anders vorstellt."
Stichwörter: Orban, Viktor

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - Magyar Narancs

Aus Protest gegen die Änderung des Mediengesetzes erschien die vorletzte Ausgabe mit leerer Titelseite (ebenso wie Elet es Irodalom, wir berichteten letzte Woche). Das umstrittene Gesetz der rechtskonservativen Regierung von Premier Viktor Orban soll am 20. Dezember im ungarischen Parlament verabschiedet werden und bereits am 1. Januar in Kraft treten. Magyar Narancs befürchtet, dass es mehr als die Pressefreiheit gefährden wird: "Dieses Gesetz würde nicht nur die Medien ihrer Freiheit berauben, sondern alle, die in diesem Land leben - auch wenn dies jetzt viele noch nicht begreifen können oder wollen. Und diese Freiheit wird ihnen nicht versehentlich, dilettantisch oder aus einem Missverständnis heraus genommen, sondern vorsätzlich und bösartig. Und ganz offen. Alle, die durch dieses Gesetz zermürbt und abgeknallt werden können - und noch einmal: nicht nur Redaktionen, Journalisten, Blogger, ausländische und ungarische Medienbesitzer, sondern jede autonome Zelle der ungarischen Gesellschaft - sie können noch bis zum 20. Dezember ihre Empörung und ihren Protest zum Ausdruck bringen. Und ihre Solidarität - auch dann, wenn all diese Zellen einander ansonsten nicht ausstehen können. Schlimmstenfalls, um sich für den Freiheitskampf aufzuwärmen."

Magazinrundschau vom 26.10.2010 - Magyar Narancs

In der aktuellen Islamdebatte meldet sich der ungarische Islamwissenschaftler Robert Manyasz zu Wort. Er fragt sich, ob die demografischen Statistiken eher in die Richtung eines europäischen Islam weisen oder ob sich das Zukunftsbild eines islamischen Europas bewahrheiten wird. "Der Grund für die Ratlosigkeit angesichts der Herausforderung des Islams ist, dass wir die Antwort fast immer in Europa suchen. In Wahrheit handelt es sich aber um ein viel größeres, um ein globales Problem: um die allgemeine Krise des Islam. Darum, dass der Islam mit der Modernisierung seit zweihundert Jahren nichts anfangen kann und im Hinblick auf die Herausforderungen der Globalisierung vollkommen ratlos ist. [...] Das Ausbleiben der Modernisierung kann gesellschaftliche Kataklysmen im Nahen Osten auslösen, in deren Folge es zu einer weiteren Migrationswelle noch nie gesehenen Ausmaßes kommen könnte. Dann könnte die Prophezeiung der Pessimisten noch früher eintreten: Die Islamisierung Europas. Daher ist es das akute und langfristige Interesse Europas, dass die Modernisierung der muslimischen Gesellschaften vor Ort realisiert wird, doch kann dies kaum durch den unkritischen Export der europäischen liberalen Demokratie geschehen."

Magazinrundschau vom 19.10.2010 - Magyar Narancs

Nach der Giftschlamm-Katastrophe haben Manager des betroffenen Aluminiumherstellers MAL versucht, die Größe der Schäden herunterzuspielen und Mutter Natur für das Geschehene verantwortlich zu machen - ein Skandal, findet die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs: "Bevor man ob dieser höllischen Frechheit über die grundsätzlich missratene Natur des ungarischen Kapitalismus zu dozieren beginnt, müsste man bedenken, welch irrsinnige Summen allein die zerstörten Immobilien und Existenzen sowie die gerade mal ausreichende Rehabilitation der schwer verschmutzten Umwelt verschlingen werden. Dies wird irgendjemand irgendwann bezahlen müssen. Allerdings müssen wir uns, sofern wir den haarsträubenden, wenngleich aus Sicht eines Rechtsanwalts durchaus als logisch erscheinenden Text [der MAL-Pressemitteilung] richtig verstehen, auf einen langen Prozess einstellen - und bis dahin müssen, wie immer bei einer Havarie, die Steuerzahler in die Tasche greifen."
Stichwörter: Mutter

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Magyar Narancs

Für die Wahlkampagne der am 3. Oktober stattgefundenen Kommunalwahlen in Ungarn hat die rechtsradikale Partei Jobbik ein Video veröffentlicht, in dem Roma als Parasiten dargestellt werden. Im Film erkennt die Journalistin Zsofia Ivanyi zahlreiche Parallelen zum Nazi-Propagandafilm "Der Ewige Jude": "Dieses Kampagnen-Video ist grundsätzlich inakzeptabel. Es ist gar nicht nur für jene verletzend, von denen es handelt (da diese Menschen zumeist nur in der Fantasie und in der Wortwahl der Rechtsradikalen existieren), sondern vor allem für die, die es ansprechen will, die es erreicht. Wenn wir uns abwenden und sagen, keine Sorge, nicht wir stehen im Fadenkreuz, alles nur Gerede, und die Ratten [aus dem 'Ewigen Juden'] sind hier zu weit harmloseren Stechmücken geworden - dann haben wir uns selbst auf eine Zeitreise begeben: siebzig Jahre zurück."

Die öffentlichrechtlichen Fernseh- und Radiosender MTV und MR haben sich geweigert, das Parasiten-Wahlkampf-Video der rechtsradikalen Jobbik zu senden, weil es Hass gegen eine Minderheit schüre. Daraus folgte ein Rechtsstreit, den schließlich das Oberste Gericht entscheiden musste. Die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs sichert MR und MTV auch im Falle einer Niederlage ihre volle Unterstützung zu: "In dem Fall werden wir, die wir Freunde der Rechtstaatlichkeit sind, den Ungehorsam der beiden öffentlich-rechtlichen Medienanstalten unterstützen. Sendet es nicht! Das Video der Jobbik schürt nämlich nicht nur existenzielle Ängste, sondern ruft mit seiner Romafeindlichkeit offen zum Hass auf. Und es schürt den Hass auch in verschleierter Form, denn die Propaganda gegen Banker und multinationale Unternehmen ist in den Subkultur der Jobbik nichts anderes als simple Judenfeindlichkeit. Und der 'Politiker-Kriminelle', auf den im Werbefilm Bezug genommen wird, steht - sowohl im engeren (Video) als auch weiteren Kontext (in der Rhetorik der Jobbik) - nicht einfach für den korrupten Politiker, sondern bezeichnet allgemein die Politiker des demokratischen Systems; somit wird im Video die demokratische Einrichtung an sich als den Körper der Nation überfallender Blutsauger betrachtet." (Nachtrag: Das Oberste Gericht hat dann noch vor der Wahl entschieden, dass die Sender den Spot ausstrahlen müssen, was sie auch taten.)