
Seitdem das
Gesetz über einen Trianon-Gedenktag verabschiedet wurde, dessen Präambel sich auf "
Gott als den Herrn der Geschichte" beruft, ist in Ungarn eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, ob solche Formulierungen nicht eine Indoktrinierung der Gesetze bedeuten. Krisztian B. Simon
sprach mit der Philosophin
Maria Ludassy und dem Religionsphilosophen
Balazs Mezei und fragte sie, ob Gott heutzutage in den Gesetzestexten oder gar im Grundgesetz säkularer Staaten noch etwas zu suchen hat. Maria Ludassy äußert Bedenken: "Seit
Jefferson kann das Bekenntnis zu einer Religion (wie auch ihre Verneinung) unsere Bürgerrechte weder bereichern noch schädigen. Wenn sich ein 'Ungläubiger' verstellen muss, als würde er den Glauben an einen zum verfassungstechnischen Requisit degradierten Gott akzeptieren, dann wird er eingeschüchtert, gedemütigt und - wie dies
Benjamin Constant in seinem Essay über die Religionsfreiheit so wunderschön beschrieben hat - zur Heuchelei gezwungen. Wenn wir an der Prozession zum 20. August [dem ungarischen Nationalfeiertag] mit denselben Gefühlen teilnehmen, wie einst an den Aufmärschen zum 1. Mai - nämlich aus
Angst vor dem Chef, weil dem, der nicht dabei ist, gekündigt wird -, dann wird damit dem Glauben kaum ein Dienst erwiesen. "
Balazs Mezei sieht das anders. Seiner Ansicht nach sichert gerade die Erwähnung Gottes die Neutralität des Staates: "Der Auftritt des westlichen Menschen stellt eine neue Epoche in der Weltgeschichte dar: Alles, was wir sind, vom Fotoapparat über den Computer bis hin zur Wahrnehmung unserer selbst, dass wir fähig sind, uns als
westlichen Menschen zu interpretieren, ist das Ergebnis
dieser Tradition. Die Erwähnung Gottes ist nicht anderes, als das Bekenntnis zu dieser Tradition. Dies ist keine Rückkehr zu etwas Altem, sondern die Erkenntnis, dass alles, was wir heute sind - die
atheistischen Bestrebungen inbegriffen - das Ergebnis dieser Tradition ist. Wenn wir unsere Geschichte, unsere Tradition, die Rechts- oder Verfassungsgeschichte weiterführen wollen, sollten wir dies tun, indem wir die
Ganzheit dieser Tradition begreifen und an ihr anknüpfen. [...] Wenn wir in einem
neutralen Staat leben wollen, der es jedem seiner Bürger selbst überlässt, ob er an Gott glauben will oder nicht, oder seine sexuelle Identität selbst bestimmen will, dann ist die Bekenntnis zu dieser Tradition unabdingbar."